Irgendwo hinter der Autobahnbrücke: Ein Schrei aus dem Kantinenfenster einer Lagerlogistikhalle

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analyse & kritik

17. Februar 2026 | ak 723

Irgendwo hinter der Autobahnbrücke

Ein Schrei aus dem Kantinenfenster einer Lagerlogistikhalle

Von Tim Hoffmann

Der folgende Text ist in Pausenräumen und S-Bahn-Waggons entstanden: Er 
ruckelt und ist ein wenig unsauber. Er ist nicht wissenschaftlich, 
sondern rein subjektiv und fragmentarisch. Er darf gern verbreitet 
werden – vor allem in höhere Gewerkschaftskreise, zu denen der Autor als 
einfacher Arbeiter kaum Zugang hat.

Teil Eins

Irgendwo hinter der Autobahnbrücke gehen Hundert von uns über Kies und 
Feldstoppeln, an Stacheldrahtzäunen und hupenden Trucks vorbei, über die 
Hauptstraße, fluten den Parkplatz und drängen sich durch die 
Sicherheitsschleuse in eine der Lagerlogistikhallen, deren aktuelle Zahl 
laut Google-KI nicht bekannt ist.

Das Tor schließt sich, und sie sind weg: aus den überfüllten S-Bahnen, 
aus dem Stadtbild, aus dem Bewusstsein der Gewerkschaftsführung.

Aber wir sind da, und wir sind viele. Allein in diesem Kasten sind wir 
derzeit 800.  Unter uns sind Mediziner*innen mit Fluchterfahrung und 
Schulabrecher*innen, Anwält*innen ohne Zulassung und ehemalige 
Strafgefangene, AfD-Wähler*innen und nicht Wahlberechtigte …

Wir haben nicht viel gemeinsam. Unser kollektives Moment ist die 
Fragmentierung. Viele haben keinen gesicherten Aufenthaltsstatus. Vielen 
ist anzumerken, dass sie Probleme haben, über die man nicht gern 
spricht. Von den meisten Kolleg*innen kennen wir nicht einmal den Namen. 
  Aber halt: Hier werden keine Kolleg*innen eingestellt; hier wird alle 
paar Monate neues Material abgekippt. Das dünnt in den Folgemonaten nach 
und nach aus: Einige fliegen oder haben die Schnauze voll. Von vielen 
weiß man es nicht genau. Die meisten werden ihr bisschen Freizeit 
genutzt haben, sich einen anderen Scheißjob zu suchen, sind 
weitergezogen zur nächsten Halle, zur nächsten Baustelle, zur nächsten 
Großküche. Es gibt aber auch den Iraker, der im Büro etwas wegen seiner 
Arbeitserlaubnis zu klären hat, und nicht zurückkehrt. Es gibt auch die 
Frau vom Packtisch, die nach der dritten Sonderschicht auf dem Heimweg 
kollabiert und nicht wiederkommt. Vermutlich hat sie während der 
Rekonvaleszenz gekündigt …

Dann wird neues Material abgekippt.

Und aus Gewerkschaftskreisen höre ich: Die interessieren uns, sobald ihr 
ein paar Hundert von denen organisiert habt. Erzählt ihnen was von 
Urlaubsgeld.

Ich werfe mein Glas an die Wand: Nein! Ich kann mit einer Kollegin, die 
vielleicht morgen im Abschiebeflieger sitzt, nicht über Urlaubsgeld 
plaudern!

Sie ist sowieso misstrauisch, auch mir gegenüber, und sie hat Angst vor 
den Vorgesetzten, vor dem Staat. Dass der Grad der Ausbeutung hier so 
hoch ist, weil migrantische und sozial benachteiligte Menschen sich 
allein kaum wehren können, ist ihr, wie allen von uns, bewusst. Ich kann 
mit ihr gut über das Thema Betriebsrat sprechen, weil die Idee dahinter 
klar ist und von ihr positiv bewertet wird. Aber die Gewerkschaft? Es 
muss erst Vertrauen aufgebaut werden. Der beste Weg, Vertrauen 
aufzubauen, das habe ich im Arbeitsalltag gelernt, ist Hilfe und 
Kooperation. Die Kollegin muss wissen: Wann immer ich ein Problem im 
Bereich Aufenthalts-, Arbeits-, Wohn- oder Sozialrecht habe, finde ich 
im Gewerkschaftshaus Unterstützung.

Der öffentliche Auftritt der Gewerkschaften spricht dagegen viele 
Menschen überhaupt nicht an. So gibt es eine, eigentlich sehr gute, 
Broschüre von ver.di, in der aktive Kolleg*innen von ihren Problemen im 
Betrieb und ihren Aktivitäten berichten. Aber die spezifischen 
Schwierigkeiten geduldeter migrantischer Kolleg*innen kommen darin nicht 
vor.

Der Auftritt der Gewerkschaften in den Sozialen Medien muss entstaubt 
werden. Es muss einfacher werden, Kritik und Vorschläge einzubringen, 
ohne dass diese sofort unterm Büroteppich verschwinden. Überdies braucht 
es ein breit angelegtes Programm, um die gewerkschaftlichen Themen und 
ihre Geschichte öffentlich zu präsentieren. Wieso gibt es in Deutschland 
die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall? Gab es die Fünf-Tage-Woche schon 
immer? Wem ist es zu verdanken, wenn bei Momox nicht so dreist 
Sonderschichten angeordnet und Pausen gekürzt werden können wie bei 
Mytheresa? Staatliche Akteure haben kein Interesse daran, das in 
offiziellen Integrationskursen zu thematisieren. Und hier drinnen ist 
selten Zeit für Gespräche in angemessenem Umfang.

Eine weitere Gelegenheit, sich ins Bewusstsein der unteren 
Gesellschaftsschichten zu bringen, die gerade legendär verschlafen – 
oder bewusst ignoriert? – wird (Stand Januar 2026), wäre 
öffentlichkeitswirksamer Protest gegen die zunehmenden Angriffe der 
Ausbeuterklasse auf unsere sozialen und arbeitsrechtlichen Standards.
Teil Zwei

Drinnen versammeln wir uns zu einem Startmeeting, das mitnichten den 
Zweck hat, Probleme vernünftig zu lösen, sondern lediglich dafür da ist, 
einen Moment Gemeinschaftsgefühl zu simulieren, dem aber jede Grundlage 
fehlt.

Wir bilden eine gedrängte Herde, die dennoch von zahlreichen Trennlinien 
durchzogen ist: zwischen deutscher und migrantischer Belegschaft, 
zwischen Langjährigen und Neuen, zwischen Festangestellten und 
Leiharbeiter*innen, zwischen gewerkschaftlich Aktiven und der restlichen 
Belegschaft. An Problemen sind die anderen schuld; die andere Schicht, 
die anderen Teams, die anderen Abteilungen, die mit anderer Herkunft. 
Kolleg*innen, die kaum Deutsch oder Englisch sprechen, treffen auf 
verbitterte Rassist*innen und stehen außerdem in Konkurrenz zu »besser 
integrierten« Migrant*innen. Der Geschäftsführung käme eigentlich eine 
außerordentliche soziale Verantwortung zu – da diese aber nicht in ihrem 
Profit- und Spaltungsinteresse liegt, wird sie nicht wahrgenommen. Und 
so knistern die Trennlinien wie Zündschnüre.

Die uns als Vorgesetzte gegenüberstehen, sind an wichtigen 
Entscheidungen überhaupt nicht beteiligt. So wirken ernsthafte Einwände 
fast peinlich, verpuffen. Der Prinz des Tages darf einen Witz einwerfen 
und bekommt zum Lohn ein Grinsen seines Vorgesetzten. Ein 28-jähriger 
kinderloser Mann, der seine Tätigkeit, die hauptsächlich darin besteht, 
unsere Leistung zu überwachen, im Sitzen ausführen darf und anschließend 
mit dem Auto nach Hause fährt, wo er sein Essen vorgesetzt bekommt, 
bemängelt unsere gestrige Tagesleistung.

Dann geht es an eine Arbeit, deren Stumpfheit und Monotonie ein 
bedeutender Teil der Erklärung für unsere bis ins Absurde verkümmerte 
Kommunikationsfähigkeit sein dürfte. Manche von uns führen acht Stunden 
lang die gleiche Handbewegung aus. Kisten vom Band heben. Label in die 
Naht schießen. Bücher aus Regalen ziehen. Kleiderstangen behängen. 
Pakete packen. Keine Begabung, kein schöner Wesenszug wird gefördert. 
Sprachschatz wird nicht erweitert, sondern verstümmelt. Es wird nicht 
ausgebildet. Weder müssen eigenverantwortliche Entscheidungen getroffen 
noch zusammenhängende Gedankengebilde entworfen werden. Anordnungen 
erfolgen grundsätzlich ohne Begründung: Wenn zum Feierabend alle einen 
Handstand machen müssten – dann wäre das eben so …

Die Regalreihen flüstern: Schmeiß hin, hau ab! Geh aufs Klo, Bruder, 
nimm dir eine Auszeit! Lass dich krankschreiben, Schwester, mach einen 
Deutschkurs! Aber nicht wenige kompensieren ihre Frustration mit Hass 
auf jene, die vermeintlich zu langsam arbeiten, mithin die 
Gruppenleistung verschlechtern, die »zu oft krank« sind oder die Pause 
überziehen. Die glitschige Kumpanei mit Teamleiter und Supervisor 
ersetzt ihnen den so tief im lebendigen Menschen sitzenden Drang, 
mitzugestalten, zu verändern, eigene Rhythmen zu schlagen.

So zerfrisst diese Arbeit über die Jahre auch den Willen und die 
Fähigkeit, Strategien gegen die Ausbeutung zu entwickeln.

Vielleicht kann für die Kolleg*innen nichts getan werden, außer jenen, 
die raus wollen, einen Weg frei zu sprengen. Es ist absolut notwendig, 
das zu klären! Wenn ja, sind die Sprachkenntnisse von besonderer 
Bedeutung. Viele Kolleg*innen schaffen es zeitlich kaum, Deutsch zu 
lernen. In den Kanon der gewerkschaftlichen Forderungen muss eine 
weitere aufgenommen werden: wöchentlich zweimal zwei Stunden bezahlte 
Freistellung für selbst gewählte Sprachkurse (das muss auch Deutschen 
offenstehen).

Außerdem müssen die Lagerlogistikunternehmen verpflichtet werden, den 
Angestellten reguläre Ausbildungsmöglichkeiten anzubieten. Das 
lächerliche betriebsinterne Aufstiegssystem mag dem einen Kollegen oder 
der anderen Kollegin schmeicheln – draußen bedeutet es nichts. Eine 
Aufgabe für uns hier drinnen wäre dann, den Aufbau von Azubi-Räten zu 
fördern.

Für die andere Möglichkeit – Bleiben und Kämpfen – sind unbefristete 
Verträge die wichtigste Voraussetzung. Unsere Verträge sind größtenteils 
befristet auf ein Jahr, die Verlängerung um ein weiteres Jahr wird dann 
schon als generöse Wohltat empfunden; die Probezeit beträgt sechs 
Monate. Das heißt, alle paar Monate kann vonseiten der Geschäftsführung 
nach Belieben aussortiert werden. Es muss überlegt werden, ob und wie 
ein juristischer oder politischer Angriff auf ungerechtfertigte 
Befristungen geführt werden kann.

Des Weiteren muss ein Angriff auf die Befristung von 
Arbeitsgenehmigungen bei unverändertem Aufenthaltsstatus erfolgen, da 
dies von Arbeitgeberseite genutzt werden kann, um unbequeme Kolleg*innen 
loszuwerden. Hierzu muss eine Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus 
Jurist*innen, Mitarbeitenden aus entsprechenden Beratungsstellen, 
Kenner*innen des Politikbetriebs sowie Betriebsratsmitgliedern, die die 
Situation in den Betrieben aus eigener Erfahrung kennen, gegründet 
werden. Vorher sind die meisten Kolleg*innen kaum mobilisierbar, denn 
ihr bestimmendes Gefühl ist Angst. Schon die direkten Vorgesetzten, die 
eigentlich kleine Fiffis sind, werden als übermächtig, die Chefetagen 
und Personalbüros als Kafka-Schlösser wahrgenommen. Für uns hier drinnen 
geht es aber um die mit der Arbeit verknüpfte Aufenthaltsgenehmigung, um 
die nächsten Wohnungsmieten, um das nötige Geld zur Unterstützung 
finanzschwacher oder kranker Angehöriger – für viele all das in 
Kombination.

Meinem Eindruck nach können die existenziellen Ängste und die erfahrenen 
Erniedrigungen, die sich tief in die Selbstwahrnehmung vieler 
Kolleg*innen gefressen haben, von Gewerkschaftsfunktionär*innen kaum 
nachvollzogen werden, da der eigene Lebensstandard zu weit davon 
entfernt ist. Es erweist sich auch immer wieder als sehr schwierig, 
ihnen ein klares Bild von drinnen zu vermitteln und mit Kritik und 
Vorschlägen durchzudringen. Ein Gewerkschaftsfunktionär interpretiert 
das fehlende Know-how und die Angst der prekär Beschäftigten allen 
Ernstes so, dass sie eben nicht wollen. Ein anderer führt durch eine 
Informationsveranstaltung zu Rechtsverletzungen im Niedriglohnsektor und 
hat offensichtlich keine Ahnung von seinem Thema. Ein weiterer erklärt, 
dass für migrantische Kolleg*innen, die durch ihre gewerkschaftlichen 
Aktivitäten in Teufels Küche kommen, eben die Geflüchtetenhilfe 
zuständig sei – und mir fliegt hier gleich das nächste Glas weg!

Es scheint nicht verstanden worden zu sein, dass die Situation im 
prekären Sektor eine vollkommen andere ist als beispielsweise in der 
Stadtverwaltung. Sie ist nicht das gleiche auf anderem Level, sondern 
muss eigenständig durchdacht und angegangen werden!

Für mich als deutsches Gewerkschaftsmitglied fühlen sich Versuche, 
Kolleg*innen ohne langzeitgesicherten Aufenthaltsstatus für Aktivitäten 
zu gewinnen, so an, als würde ich sie überreden, mit mir den 
Kilimandscharo zu besteigen, wobei ich angemessen ausgerüstet bin und 
sie nicht. Währenddessen soll ich ihnen von Weihnachts- und Urlaubsgeld 
erzählen, und wenn sie abstürzen, ehrenamtliche Geflüchtetenhelfer*innen 
ein Gebet singen lassen?

Gewerkschaftsfunktionär*innen müssen klarer einschätzen können, was 
unter Berücksichtigung der spezifischen Risiken bestimmter Gruppen, 
möglich ist und was nicht. Dazu ist es unerlässlich, dass sich unter 
ihnen Leute befinden, die die Arbeit im prekären Sektor aus eigener 
Erfahrung kennen, zum Beispiel ehemalige Betriebsratsmitglieder, die 
noch aktuelle Kontakte nach drinnen haben.

Lange war ich kein Gewerkschaftsmitglied. Mir passte nicht, wie 
engagierte Kolleg*innen weggedrängt, wie klugen Kolleg*innen das Maul 
verboten wurde – von Funktionär*innen, die nie in einer Fabrik 
geschuftet, nie einen Knüppel zu spüren bekommen hatten. Irgendwann 
dachte ich: Alles verändert sich, vielleicht tut es auch die 
Gewerkschaft. Neue Fragen kamen auf: Gibt es erprobte Taktiken, um 
Union-Busting-Maßnahmen auf die privilegierteren, mithin angstfreieren 
Kolleg*innen zu lenken? Welche Möglichkeiten hat die Arbeitgeberseite, 
um die Verlängerung der Arbeitserlaubnis unliebsamer migrantischer 
Kolleginnen zu sabotieren? Wie sollte ich mich im Fall einer Abschiebung 
im Betrieb verhalten? Das sind gewerkschaftliche Themen! Es ist 
unerlässlich, diese Fragen gedanklich durchzuspielen und zu 
dokumentieren, damit das Know-how da ist, sobald es gebraucht wird. In 
der Gewerkschaft scheint man sich jedoch kaum damit befasst zu haben. 
Menschen aus der Geflüchtetenhilfe und dem sozialen Bereich dagegen 
haben sich mit den gewerkschaftlichen Kernthemen durchaus 
auseinandergesetzt. Gewerkschaftsoffizielle müssen sich von ihnen 
schulen lassen. Wenn Organisationen wie die Landesflüchtlingsräte sich 
nicht mehr finanzieren können, muss ihnen ein Teil der 
Gewerkschaftsstruktur zur Verfügung gestellt werden.

Der Aufbau unabhängiger solidarischer Zusammenhänge in allen Bereichen 
des gesellschaftlichen Lebens muss unterstützt werden – und zwar ohne 
andere Akteure zu bevormunden oder zu behindern.

Die Gewerkschaften stehen vor der Aufgabe, gesellschaftliche 
Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass es in fünf Jahren noch legale 
und handlungsfähige Gewerkschaften gibt!
Teil Drei

Das Tor öffnet sich unerwartet: eine neue Lieferung. Neue Kriege – neue 
Geflüchtete. Neue Menschen mit Angst und ohne Wissen um ihre Rechte. 
Neue von Ämtern und Behörden bis zum Überschnappen gedemütigte Menschen. 
Neue Menschen, deren Selbstvertrauen vom Rhythmus der Fließbänder derart 
zerstört wurde, dass sie sich zu nichts anderem als Fließbandarbeit mehr 
befähigt glauben. Neue Suchtkranke und Depressive, die vom Amt hierher 
gezwungen wurden. Neue, vor Kurzem noch beklatschte Pfleger*innen und 
Verkäufer*innen, die es in ihren Berufen nicht mehr ausgehalten und noch 
keine Ahnung haben, worauf sie sich hier einlassen. Neues Futter für 
Zalando, Mytheresa, Momox oder wie zum Teufel diese Schuppen alle 
heißen.

Unter ihnen ist ein Trupp Schwarzer Menschen. Sie kommen von Baustellen, 
auf denen sie sich über Jahre in harten rassistischen Hackordnungen 
behaupten mussten. Und sie testen hier nicht erst die Stimmung, sondern 
gehen von Anfang an auf Distanz, bilden eine geschlossene Gruppe.

Eine in meinen Augen triviale Auseinandersetzung, die ich mit einem 
Kollegen aus dieser Gruppe habe, wird von diesem mit einem Ernst 
ausgetragen, den ich überhaupt nicht begreife. Erst hinterher erkenne 
ich, dass der Anlass für den Streit geradezu symbolisch für Jahrhunderte 
des Kolonialismus gelesen werden kann. Infolgedessen suche ich nochmals 
Kontakt zu dem Kollegen, aber da ist nichts mehr zu klären. Wir sind 
keine Feinde, aber die Tür bleibt zu.

Eine andere weigert sich zu glauben, dass wir alle die gleichen miesen 
Arbeitsverträge haben. Sie geht mit einer Selbstverständlichkeit davon 
aus, dass Black and People of Colour schlechtere Verträge haben als 
Weiße, die die Erfahrungen ihres ganzen Lebens widerspiegelt.

Das Verhältnis zwischen deutschen und migrantischen Kolleg*innen ist 
also von schwerem Misstrauen geprägt – das sich durchaus zu Offenheit 
wandeln kann: Eine Situation, die alle Beteiligten als höchst bedeutsam 
empfinden, wird von einem dummen, aber nicht feindselig gemeinten Spruch 
einer weißen Kollegin eingeleitet. In der Folge kommt es zu einer 
ernsthaften Unterhaltung zwischen dieser und einigen Schwarzen 
Kolleg*innen, in der diese, anfangs zurückhaltend, von ihren 
Diskriminierungserfahrungen berichten. Dann sprechen sie auch über 
Möglichkeiten, damit umzugehen, sich zu wehren. Es wird über Respekt und 
Solidarität gesprochen, schließlich auch über die Geschichte der 
deutschen Arbeiter*innenbewegung und über die migrantisch geprägten 
Streiks der frühen 1970er Jahre.

Die Tür ist geöffnet, und sie bleibt es, bis der Teamleiter gesprungen 
kommt.

Solche Momente der Verständigung müssen nach draußen in Richtung der 
Gewerkschaften und des solidarischen Teils der Gesellschaft verlängert 
und von diesen aufgenommen werden. Im Arbeitsprozess bietet sich immer 
wieder Gelegenheit, um erste Impulse zu setzen. Aber – erinnern wir uns 
an die knisternden Trennlinien – alles in allem ist die Spaltung 
geradezu unheimlich. Vonseiten der Geschäftsführung, die sich nach außen 
betont weltoffen und bunt (ich muss kotzen von dieser Floskel) 
präsentiert, wird das gebilligt, wenn nicht gefördert, um eine 
gemeinsame Organisierung zu verhindern. Es fehlen Konzepte, wie diese 
Spaltung beseitigt werden kann. Es fehlt auch an Unterstützung für die 
paar Leute hier drinnen, die es dennoch versuchen. Niemand schafft das 
allein. Und Papiertiger-Kampagnen gegen Rassismus, denen weder Kenntnis 
der Situation im Betrieb noch ein umsetzbares Konzept zugrunde liegt, 
sind so nützlich wie ein Regenbogenherzchen auf der Firmenwebsite.

Auch ist es brandgefährlich, den rassistischen Teil der Belegschaft 
auszublenden und gewerkschaftliche Arbeit ausschließlich mit dem 
migrantischen und solidarischen Teil zu initialisieren, da ersterer dann 
einen Gegenblock bildet, der alle gewerkschaftliche Arbeit sabotiert und 
den eigenen Rassismus weiter eskaliert. Draußen sagen viele: Mit 
Rassist*innen wird nicht geredet. Drinnen habe ich die Wahl nicht, denn 
ich muss mit ihnen arbeiten. Zur Erinnerung: Niemand ist freiwillig hier 
und kann einfach so den Job riskieren. Könnte die gemeinsame Erfahrung 
eines Arbeitskampfes das Trennende zwischen deutscher und migrantischer 
Belegschaft entschärfen, auflösen? Ich weiß es nicht. Zur Zeit der 
aufkommenden Pegida-Bewegung habe ich einmal erlebt, wie saisonal 
angestellte Student*innen und Kulturschaffende die gespenstische 
Stimmung im Betrieb deutlich beeinflusst, teilweise sogar gekippt haben. 
Dann waren sie wieder weg.

Sie fehlen. Sie hätten ihre Erfahrungen von drinnen öffentlich 
dokumentieren sollen. Es hätte den studentisch geprägten Bewegungen 
draußen gutgetan, davon zu lernen, statt nur zu belehren.

Die gesamtgesellschaftliche Bedeutung all dessen kann gar nicht 
überschätzt werden. Die Frage ist letztlich: Finden die besitzlosen und 
marginalisierten Gesellschaftsschichten über alles Trennende hinweg zu 
einer (internationalen) solidarischen Bewegung zusammen, oder fallen 
sie, wenn es ans Eingemachte geht, übereinander her? Beides ist möglich, 
nach derzeitigem Stand wird jedoch sehr wahrscheinlich Letzteres 
eintreten.
Teil Vier

Ich fege die Scherben zusammen, gehe nach unten und klettere in den 
Stapler (mein guter »Heini«, Tragkraft 6.000 Kilogramm). Ich habe Glück: 
Von mir wird kein festes Stundenpensum verlangt, ich muss nur 
rechtzeitig Nachschub liefern. Also sitze ich noch ein bisschen, während 
um mich herum die Bänder rattern, und denke an all die Kolleg*innen, die 
längst fort sind. Ähnlich wie bei Knast- und Psychiatrieinsassen gibt es 
bei uns ein klar getrenntes Drinnen und Draußen. Sobald wir zum letzten 
Mal durch das Tor ins Freie treten, lösen sich alle Bindungen. Wir 
respektieren uns noch, wir grüßen, wenn wir uns begegnen, aber es ist 
vorüber wie ein Saisonvertrag vom letzten Jahr. So entwickelt sich auch 
kein Versuch, aus dem Vergangenen zu lernen und uns auf das Kommende 
vorzubereiten.

Vielleicht muss das nicht so sein. Vielleicht ist es von Nutzen, dass 
wir den Lieferservice ebenso kennen wie die Lagerhallen, Gastronomie und 
Bau ebenso wie das Reinigungsgewerbe. Vielleicht ist es von Nutzen, dass 
bei uns die chilenische Philosophin neben einem wie mir Pakete packt.

Vielleicht rauchen wir mal eine mit den polnischen Zulieferern, wenn sie 
wieder um einen Feiertag betrogen wurden, vielleicht sehen wir uns 
irgendwo hinter der Autobahnbrücke, beim betriebs- und 
branchenübergreifenden Streik und – aber gut, ich gerate ins Schwafeln, 
und der Floormanager guckt rüber, schätze, es ist Zeit, den Schlüssel zu 
drehen …

Tim Hoffmann arbeitet in verschiedensten prekären Jobs, zuletzt in der 
Lager-Logistik zwischen Halle/Saale und Leipzig.
https://www.akweb.de/autor-in/tim-hoffmann/

Daniel gewidmet – RIP