BMCR 2008.11.27, Karl Christ, Der andere Stauffenberg

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Karl Christ, Der andere Stauffenberg: der Historiker und Dichter
Alexander von Stauffenberg.  Muenchen:  Beck, 2008.  Pp. 200.  ISBN
9783406569609.  &euro;22.90.

Reviewed by Michael Hesse, Witten ([email protected])
Word count:  490 words
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Mit dem vorliegenden Band, seinem letzten, kurz vor seinem Tode
fertiggestellten Werk wuerdigt Karl Christ, der am 28. Maerz 2008 in
Marburg verstorbene "Nestor der deutschen Althistorie" und "Pionier der
Wissenschafts- und Rezeptionsgeschichte seines Faches"[[1]] mit dem
Historiker und Dichter Alexander Schenk Graf von Stauffenberg Leben und
Werk des fast vergessenen "anderen Stauffenbergs",[[2]] der obwohl er
seit 1948 als Ordinarius fuer Alte Geschichte an der Universitaet
Muenchen lehrte, durch alle ideologischen und disziplinaeren Raster
faellt.[[3]]

Anders als seine Brueder war Alexander von Stauffenberg kein Tatmensch,
sondern ein aristokratischer Intellektueller. Wie seine Brueder
allerdings war er gepraegt von der Figur ihres "Meisters" Stefan George
- doch fuer den Dichter stand Alexander "an letzter Stelle seiner
Stauffenberg-Juenger; er zog ihm Claus und Berthold eindeutig vor.
Diese Erfahrung korrespondierte wohl in schmerzlicher Weise mit der
Selbstwahrnehmung Alexander von Stauffenbergs im Verhaeltnis zu seinen
Bruedern" (S. 29).[[4]] In Anbetracht dessen, dass Alexander von
Stauffenberg lebenslang George verpflichtet blieb ist Christs
Darstellung Alexanders im "Banne Georges" denkbar knapp gefasst. Der
Einfluss Georges und das Interesse an Aischylos bewogen Alexander, der
sich eher als Dichter denn als Wissenschaftler sah, vom Studium der
Rechtswissenschaft zur Altertumswissenschaft zu wechseln.

Ausfuehrlich behandelt Christ das schmale historische Werk Alexander
von Stauffenbergs mit einem Schwerpunkt des Interesses bei Sizilien und
Pindar. Es wird aber nicht recht deutlich, wie genau er sich vor 1945
von der "rassischen" Geschichtsinterpretation einiger Kollegen
unterschied. Auch sein Hauptwerk, "Trinakaria" von 1963, ist "Sizilien
und Grossgriechenland in archaischer und fruehklassischer Zeit"
gewidmet.

Bei der offenbar aus persoenlicher Anschauung Christs schoepfenden
Darstellung der Muenchner Jahre, in denen Alexander von Stauffenberg
von 1948 bis zu seinem Tod 1964 den althistorischen Lehrstuhl der
Universitaet Muenchen innehatte, haette man gern mehr ueber das
konfliktbehaftete Verhaeltnis zu Helmut Berve erfahren. Auch wenn
Christ feststellt: " Er lebte nun einmal in den spezifischen Formen des
Georgekreises, die einer rationalen, nuechternen Gegenwart fremd waren.
Doch Stauffenberg war darin zu keinen Kompromissen bereit und blieb bei
seinen oft genug geradezu provozierenden Formulierungen", begegnet uns
Alexander von Stauffenberg als durchaus in Grenzen vernetzt. So waren
die klassischen Philologen Friedrich Klingner, Rudolf Pfeiffer, der
Historiker Siegfried Lauffer und der Anglist Wolfgang Clemen
regelmaessig Gast im Hause Stauffenberg. Der Graezist Uvo Hoelscher war
ihm ein wirklicher Freund.

Ein im Anhang abgedrucktes persoenliches Gespraech des Beck-Lektors
Stefan von der Lahr mit Stauffenbergs Tochter Gudula Knerr-Stauffenberg
vermittelt wichtige, die biographische Skizze Christs ergaenzende
Einsichten. So wird die bisher vorherrschende Meinung, Alexander sei in
die Staatsstreichplanung nicht eingeweiht gewesen, durchaus
relativiert.

Insgesamt hat Christ mit seiner einfuehlsam gestalteten Studie diesem
"anderen Stauffenberg" ein literarisches Denkmal gesetzt; da aber viele
Aspekte dieser "hochkomplexen Persoenlichkeit" nur angedeutet, nicht
jedoch ausgefuehrt oder gar endgueltig geklaert werden, bleibt eine
umfangreichere wissenschaftsgeschichtliche Studie ein Desiderat.[[5]]

Die Bibliographie, ein Personenindex, das Stellenregister und zwei
Tafeln beschliessen den Band, der nochmals vor Augen fuehrt, wie Karl
Christ die fachliche Kompetenz des Althistorikers mit der
Einfuehlsamkeit des Biographen[[6]] verband und den Verlust des grossen
Gelehrten um so schmerzlicher empfinden laesst.

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Notes:


1.   Philipps-Universitaet Marburg: Lebensleistung von Karl Christ
(1923-2008) gewuerdigt
(http://www.uni-marburg.de/aktuelles/news/2008a/0404d) .

2.   Sein Zwillingsbruder war Berthold Schenk Graf von Stauffenberg,
sein juengerer Bruder Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 20.
Juli 1944 das Attentat auf Hitler veruebte.

3.   So war er in seinem Fach wegen seiner Treue zur Terminologie des
George-Kreises ebenso ein Aussenseiter wie in einer westdeutschen
Gesellschaft, in der seine Brueder zudem vielerorts noch als Verraeter
galten mit seiner fuer einen Mann in seiner Position unueblichen Kritik
Adenauers, der westdeutschen Notstandsgesetzgebung und insbesondere der
Wiederbewaffnung.

4.   Elite galt im Georgekreis uneingeschraenkt als positiv. Auch von
daher vermitteln die Stauffenbergs Einsicht in ein Deutschland, das
wohl unwiederbringlich verloren scheint.

5.   Es wird beispielweise zwar deutlich, welch herausragende Rolle
Alexanders Frau Melitta in der Familie hatte; ihr Bild bleibt aber
merkwuerdig farblos. Sicherlich stand auch Melitta in einem ungeheuren
Gewissenskonflikt, lehnte, wie an ihrem langjaehrigen Einsatz als
Testpilotin der Luftwaffe deutlich wird, Landesverrat ab und tat in der
Erprobungsstelle der Luftwaffe in Rechlin am Mueritzsee alles, um die
kaempfenden Verbaende zu unterstuetzen. Um die Verbesserungen der
Sturzflugvisiere der Sturzkampfbomber zu kontrollieren, nahm sie mehr
als 2500 Sturzfluege von etwa 4000 Meter auf 1000 Meter Flughoehe vor.
An manchen Tagen absolvierte sie mehr als 15 dieser physisch sehr
belastenden Sturzfluege und wertete sie aus. Noch am 1. Mai 1944 wurde
Melitta Graefin Schenk von Stauffenberg in den Vorstand der
neugegruendeten "Versuchsstelle fuer Flugsondergeraete" in Berlin-Gatow
berufen und mit der technisch-wissenschaftlichen Leitung betraut. Damit
die Luftwaffe auch nachts einmotorige Tagjaeger gegen alliierte
Luftwaffen einsetzen konnte, vollendete sie das von ihr entwickelte
Nachtlandeverfahren fuer die einmotorige Nachtjagd in hoechster
Perfektion. Nach dem Attentat aus der Sippenhaft entlassen, setzte sie
ihre kriegswichtige Taetigkeit nahtlos fort. Waehrend der Verlegung
ihrer Dienststelle vom gefaehrdeten Berlin-Gatow nach Sueddeutschland
wurde sie am 8. April 1945 beim Ueberfuehrungsflug einer unbewaffneten
Buecker Bue 181 von einem amerikanischen Jagdflugzeug bei Strasskirchen
abgeschossen. Christ erweckt den Eindruck, Melitta habe ihren Mann mit
diesem Flug aus der Lagerhaft befreien wollen; dies erscheint durchaus
zweifelhaft.

6.   Beruehrend und gut ausgewaehlt ist das Alexanders erster Ehefrau
Melitta gewidmete Gedicht, das mit seiner Passage "Dann kam der tag
undeutbar dunklen fluchs / Des bruders aufruhr wider alles niedre"
(S.61) zum auf Anregung durch Ernst Kantorowicz entstandenen
dichterischen Zeugnis der Ereignisse des 20. Juli 1944 gehoert.
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