BMCR 2009.01.37, Jacob Bernays, Geschichte der Klassischen Philologie

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Jacob Bernays, Geschichte der Klassischen Philologie.
Vorlesungsnachschrift von Robert Muenzel. Spudasmata Bd. 120.
Hildesheim/New York:  Olms, 2008.  Pp. 198.  ISBN 9783487136974.  EUR 
29.80 (pb).

Reviewed by Jochen Lueckoff, Bad Liebenwerda ([email protected])
Word count:  1469 words
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Hans Kurig hat in der wissenschaftlichen Reihe Spudasmata [Band 120]
ein Buch mit dem Titel Geschichte der Klassischen Philologie vorgelegt.
Dabei handelt es sich um eine Vorlesungsnachschrift des Klassischen
Philologen und Leiters der damaligen Hamburger Stadtbibliothek, der
Vorgaengerin der heutigen Staats- und Universitaetsbibliothek, Robert
Muenzel (1859-1917). Muenzel hatte sich als 19 jaehriger Student
waehrend seines Studiums der Klassischen Philologie in Bonn der Muehe
unterzogen, im Wintersemester 1878/79 in stenographischer Mitschrift
die Vorlesung seines juedischen Professors Jacob Bernays (1824-1881) zu
dokumentieren. Dieser heute weitgehend unbekannte Gelehrte genoss in
der 2. Haelfte des 19. Jahrhunderts hohe Anerkennung in der
Gelehrtenwelt und das nicht nur als profunder Kenner der Kirchenvaeter,
Bibelwissenschaften und der klassischen Sprachen, sondern auch durch
seine umfassenden Kenntnisse der damals bekannten Weltliteratur.

Dass wir  ueber Bernays' Geschichte der Klassischen Philologie durch
die Vorlesungsmitschrift Muenzels heute noch verfuegen, ist einem
Zufall zu verdanken, da der gesamte Nachlass des Professors bei einem
Luftangriff der Alliierten auf Bonn im September 1944 vernichtet worden
ist.

Nach seiner Berufung als Professor an die Universitaet Bonn im Jahre
1866 legte Bernays neben den herkoemmlichen Vorlesungen und Seminaren
der Klassischen Philologie den Schwerpunkt auf sein Steckenpferd, die
Philologiegeschichte. Hier setzte er chronologisch nicht bei den
hellenistischen Alexandrinern an, die er der griechischen
Literaturgeschichte zuordnete, sondern bei der im Jahre 370 n. Chr.
erfolgten Gruendung staatlicher Bildungsanstalten. In diesem Kontext
beabsichtigte er, die Interdependenzen und Wechselwirkungen zwischen
Bibelphilologie und Klassischer Philologie herauszuarbeiten. Ebenso wie
die Bibel ordnete er dabei  auch die Jurisprudenz und die
Historiographie der Philologie zu. Bernays' primaeres Anliegen war es,
geistesgeschichtlich eine enge Verzahnung der Bibel mit der
griechisch-roemischen Bildung  aufzuzeigen, da diese wegen ihrer
gewaltigen Rezeptionsgeschichte in Mittelalter und Neuzeit ein
notwendiges Ingredienz klassischer Bildung sei. Dies war ungewoehnlich,
um nicht zu sagen, geradezu revolutionaer, hatten doch gerade die
Protagonisten und spiritus rectores des Neuhumanismus, Johann Joachim
Winckelmann (1716-1768) und Wilhelm von Humboldt (1767-1835), den
Einfluss der Religion auf den Humanismus des Hellenentums negiert und
kategorisch abgelehnt. In diesem Bewusstsein sprach Bernays daher auch
nicht von Neuhumanismus, sondern von Neohellenismus. Diese Erkenntnis
-- verbunden  mit Hinweisen zur Philologiegeschichte des klassischen
Philologen Rudolf Pfeiffer (1889-1979) von den Urspruengen bis hin zum
Historismus des Althistorikers Theodor Mommsen (1817-1903) und zu dem
definitiven Schwinden antiker Bildung als praegender Kraft fuer die
Bildung seit Mitte des 19. Jh.s -- skizziert Kurig komprimiert und
anschaulich in der Einleitung (S. 9-29) seines Buches.

Bevor Bernays die gewaltige Stoffmenge der historia philologiae
classicae durch uebersichtlich in Perioden gliedert, klaert er den
Hoerer auf, was er unter den Begriffen Philologe bzw. Geschichte
konkret versteht. Diese kennzeichnet er als das universale Gedaechtnis
der Menschheit, jenen als einen Menschen, der Freude an geistigen
Dingen hat.

Das Gros des Buches (S. 32-176) ist der Periodisierung der Geschichte
der Klassischen Philologie in 6 Phasen gewidmet. Die Chronologisierung
wird entsprechend der Epochen  durch geographische Kriterien intern
praezisiert, wobei Bernays konkret in Form von Ueberschriften die
wichtigsten Repraesentanten  ihrer Zeit voranschickt. Zudem sind
jeweils biographische Merkmale der Autoren und Angaben und Empfehlungen
der von ihnen verfassten literarischen Werke in die Zeitintervalle
eingearbeitet.

Eine Geschichte der Klassischen Philologie ist im Verstaendnis des 19.
Jh. primaer Personengeschichte, wobei Bernays zeitgeschichtliche,
politische, geographische, wissenschaftshistorische und
gesellschaftliche Hintergruende und Bedingungen fuer das Denken und
Handeln seiner Protagonisten nicht unerwaehnt laesst. Aus der Vielzahl
der von Bernays in seiner Vorlesung namentlich genannten Gelehrten und
Wissenschaftler koennen fuer die verschiedenen Perioden im Folgenden
nur solche genannt werden, die repraesentativ ihrer Epoche ein
exemplarisches und unverwechselbares Profil verliehen haben.

Die erste Periode der Philologiegeschichte der klassischen Sprachen
laesst Bernays mit der Gruendung staatlicher Bildungsanstalten im Jahre
370 in der Spaetantike beginnen und mit dem Tode Karls des Grossen
(814) enden. Charakteristisch fuer diese Epoche ist, dass das Dokument
und Fundament aller Bildung, das Griechische und das klassische Latein,
durch das Bildungsinstrument der latinisierten Bibel  substituiert
wird.

Die zweite Periode erstreckt sich von 814 bis zum Tode Dantes im Jahre
1321. Dies ist die Phase der groesstmoeglichen Vernachlaessigung jeder
kritischen und philologischen Forschung vor dem Hintergrund der
pseudo-isidorischen Dekretalen. Erst gegen Ende dieser Periode entsteht
durch den literarischen Austausch zwischen Okzident und Orient ein
wissenschaftliches Klima. Dies wird augenfaellig durch die Scholastik
eines Thomas von Aquin sowie durch die Wiederentdeckung des corpus
iuris. Auch die lateinischen Dichter erlangen im 14. Jh. erstmals seit
dem Untergang der Antike wieder zunehmende Wertschaetzung. Die
Dunkelheit mittelalterlicher Barbarei wird langsam abgestreift, ein
Wirken, das sichtbaren Ausdruck durch Dante, den begabtesten aller
mittelalterlichen Dichter, erhaelt.

Die dritte Periode ist die grosse Aera der italienischen Philologen und
waehrt vom Ableben Dantes (1321) bis zum Einfall der Franzosen in
Italien (1495), wodurch fuer sehr lange Zeit das wissenschaftliche
Leben in Italien getilgt ist. Als herausragender Repraesentant der
italienischen Philologie ist zweifelsohne Francesco Petrarca
(1304-1374) auszumachen, der im eigentlichen Sinne als Begruender der
Philologie anzusehen ist. Zu dieser Zeit kommt es auch zur Trennung von
Theologie und Philologie, ein Prozess, der unter Dante noch undenkbar
gewesen waere.

Die vierte Periode kann als die franzoesisch-deutsche Epoche bezeichnet
werden. Sie ist im Intervall der Regierungszeiten der franzoesischen
Koenige Franz I. (1494-1547) und Henri IV. (1515-1610) zu
determinieren. In diesem Zeitraum durchdringt die Philologie nahezu
alle Wissenschaften. Der kritische Geist der Philologie bringt
zunehmend die bisher immer noch tonangebende Wissenschaft der Theologie
ins Wanken, ein Phaenomen, das  Bernays mit den Worten zum Ausdruck
bringt, "dass jene ganze Zeit von dem Geist des Unglaubens und der
Verachtung der Religion angekraenkelt war" (S. 76). Diese Periode ist
reich an ueberragenden Philologen, und es koennen  hier wegen der
immensen Zahl nur die auch heute  einem groesseren Publikum noch
namentlich bekannten Groessen wie der Hollaender Erasmus von Rotterdam
(1465-1536), der Deutsche Philipp Melanchthon (1497-1560) oder der
Franzose Joseph Scaliger (1540-1609) stellvertretend fuer die vielen
hier Ungenannten aufgefuehrt werden.

Die fuenfte Periode, deren Anfaenge der Beginn des 30jaehrigen Krieges
markiert und die Bernays auf den Zeitraum von 1610 bis 1766
(Hemsterhuis' Tod) festlegt, ist die hollaendisch-englische Epoche. Es
kommt  auch infolge des zermuerbenden und Mitteleuropa verheerenden
Religionskrieges um die richtige Konfession zur definitiven Trennung
zwischen Theologie und Philologie. Die Philologie emanzipiert sich von
ihrer bis dahin uebermaechtigen Schwester, der Theologie, ein
gesellschaftspolitischer Wandel, den der tiefglaeubige Jude Bernays
zutiefst bedauert. Auf englischer Seite muessen hier die beiden grossen
Philologen Richard Bentley (1662-1742) und Eduard Gibbon (1737-1794)
Erwaehnung finden, auf hollaendischer Seite David Ruhnken (1723-1798),
der zwar als Pommeraner Deutscher ist, seinen Lebensberuf als Philologe
zur damaligen Zeit allerdings nur in Brabant und Holland ausueben kann,
sowie Tiberius Hemsterhuis (1685-1766).

Die letzte von Bernays erwaehnte Periode ist das Zeitalter der
deutschen Philologie, wobei er augenscheinlich keine konkrete zeitliche
Terminierung vorgibt. Mit Fug und Recht kann aber in Ansaetzen das 18.
Jh. und in Gaenze das 19. Jh. als die grosse Zeit der deutschen
Philologie, die eine Vielzahl von exzellenten Philologen der
unterschiedlichsten geisteswissenschaftlichen Disziplinen
hervorgebracht hat,  bezeichnet werden. Geographische Schwerpunkte
setzt Bernays zum einen mit Leipzig, zum anderen mit der 1737
gegruendeten Universitaet Goettingen. An letzterer wirken unmittelbar
nach ihrer Gruendung die Philologiekoryphaeen Johann Matthias Gesner
(1691-1761) und der ihm auf dem Lehrstuhl folgende Christian Gottlob
Heyne (1729-1812), der Mentor Wilhelm von Humboldts, des beruehmten
preussischen Bildungsreformers, des ideellen und administrativen
Schoepfers des Humanistischen Gymnasiums und Gruendungsvaters der
heutigen Berliner Humboldt-Universitaet. Es ist ebenso die Zeit des
Odyssee-Uebersetzers Johann Heinrich Voss (1751-1821), des grossen
Hallenser Philologen Friedrich August Wolff (1759-1829), des
hochbegabten preussischen Althistorikers und Wissenschaftsorganisators
Barthold Georg Niebuhr (1776-1831), des preussischen Philosophen und
Theologen Friedrich Schleiermacher (1768-1834), des deutschen
Literaturhistorikers, Indologen und Philosophen August Wilhelm Schlegel
(1767-1845) und nicht zuletzt des Klassischen Philologen und
Altertumsforschers August Boeckh (1785-1867), des Initiators und
Wegbereiters des Corpus Inscriptionum Graecarum. Diese imponierende
Ahnengalerie verschafft Deutschland die Voraussetzung fuer die
unumschraenkte Hegemonie in Europa im 19. Jh. auf dem Gebiet der
Altertumswissenschaften.

Dass Bernays nicht nur zur Philologiegeschichte publiziert und
Vorlesungen gehalten hat, belegt  das gut geschriebene Buch mit seinem
abschliessenden Anhang, in dem  exemplarisch Textauszuege des
thematisch sehr vielfaeltigen literarischen Werks des Bonner Professors
dokumentiert sind. Darueber hinaus ist es das  Zeugnis eines
kosmopolitisch und polyglott gepraegten Philologen und brillanten
Stilisten, insbesondere zu einer Zeit des in Europa sich verstetigenden
Nationalismus.

Dem Einwand, dass die Publikation der Vorlesungsmitschrift von Bernays'
Philologiegeschichte, fuer den der Konnex zwischen biblischen- und
klassisch-philologischen Studien immer ein Herzensanliegen gewesen ist,
nur einen kleinen Gelehrtenkreis der an Wissenschaftshistorie
Interessierten beruehre, ist dadurch zu begegnen, dass der Leser dieses
Buches im Zuge der immer mehr an Bedeutung gewinnenden
Wissenschaftsgeschichte im Bereich der Altertumswissenschaften einen
profunden Einblick erhaelt in Weltanschauung, Werte und Mentalitaet
eines in der zweiten Haelfte des 19. Jh. dozierenden deutschen
Professors juedischen Glaubens. Dies ist umso bedeutsamer gerade auch
vor dem Hintergrund eines noch bis 1866 geltenden Vorlesungsverbots
fuer einen juedischen Professor an einer preussischen Universitaet.

Eine bibliographische Uebersicht sowie ein Personenindex beschliessen
ein wissenschaftsgeschichtlich hochinteressantes Opus, das zudem viele
laengst in Vergessenheit geratene bibliophile Raritaeten beruehmter
klasssicher Philologen zurueckliegender Jahrhunderte in Titel und
Edition fuer den interessierten Leser bereithaelt.
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