BMCR 2009.03.27, Nikolaus Himmelmann, Grundlagen der griechischen Pflanzendarstellung
Bryn Mawr Reviews <[email protected]> Sun, 15 Mar 2009 10:03:20 -0400 (EDT)
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Nikolaus Himmelmann, Grundlagen der griechischen Pflanzendarstellung. Paderborn: Schoeningh, 2005. Pp. 108, ills. ISBN 9783506728975. EUR 28.90 (pb). Reviewed by Madeleine Mertens-Horn, Rome ([email protected]) Word count: 1616 words ------------------------------- To read a print-formatted version of this review, see http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/2009/2009-03-27.html To comment on this review, see http://www.bmcreview.org/2009/03/20090327.html ------------------------------- Mit dem Hinweis auf die poetische Schilderung der natuerlichen Umgebung der Grotte der Nymphe Kalypso der Odyssee (5,63ff.), die aeusserst praezise und anschauliche Angaben ueber Pflanzen enthaelt, wirft der Autor erneut die Frage auf, ob und warum den Griechen fuer die darstellende Kunst nach moderner Meinung das Auge fuer die Natur und besonders die Pflanzenwelt fehlte. Kann es sein, dass sich das starke aesthetische und praktische Interesse der auf das 5. und 4. Jahrhundert zurueckgehenden Lehren der "wissenschaftlichen Botanik" gar nicht in den Werken der bildenden Kunst niedergeschlagen hat? Wie sind manche "Ungereimtheiten" zu erklaeren, die viele Pflanzendarstellungen raetselhaft, ja befremdlich erscheinen lassen? Beispiel: die ganz "abwegige" zuengelnde Bewegung der Getreidehalme in der Hand des Triptolemos auf schwarzfigurigen Vasenbildern, die das Hauptmerkmal des Vorbildes, naemlich "gerade, starr und knotig" zu sein, verleugnen. Oder die scheinbare Verzerrung der natuerlichen Form der Fichte des Raeubers Sinis auf einer rotfigurigen Schale, mit geknicktem Stamm und langen schlaengelnd bewegten Zweigen, die an Schlingpflanzen erinnern. Es geht dem Autor darum zu zeigen, dass sich hier alles andere als Naturfremdheit zu erkennen gibt, vielmehr ein fuer uns fremder Umgang mit dem Vorbild in der bildlichen Darstellung des Natuerlichen, wobei "realistische Wiedergabe nur einen Teilaspekt eines Ganzen ausmacht, das als idealer Archetypus wirksam bleibt". Diese fruehgriechische Sehweise zeichnet sich in ihrer Grundlage bereits in der geometrischen Epoche ab. Der Autor hat sie bereits 1968 in einer ersten theoretischen Arbeit auf der Suche nach dem Realitaetscharakter des geometrischen Ornaments erforscht.[[1]] Dabei zeigte sich das merkwuerdige Phaenomen, dass Ornamente volle Gegenstaendlichkeit erlangen koennen, indem sie Gegenstaendliches charakterisieren. Im Figurenbild koennen Muster, die sonst scheinbar rein ornamental und ungegenstaendlich verwendet werden, ganz konkret Stoffliches charakterisieren, so kann z.B. das Schachbrettmuster das Leichentuch in einer Aufbahrungsszene bedeuten, das Winkelmuster die Bespannung eines Wagens oder einer Kline, und die Winkelreihe immer wieder belaubte Zweige und Girlanden. Es gibt sich eine Kunst zu erkennen, die nicht deskriptiv nachahmt, sondern "aus charakterisierenden ornamentalen Formen aufbaut". Im Fall der geometrischen Terrakottastatuette aus Samos ist das Flechtband nicht nur ein charakterisierendes Epitheton des Guertels, das dessen umspannende Kapazitaet und Dehnbarkeit bezeichnet, sondern (auch) der Guertel selbst. Im Hinblick auf Homers Charakterisieren mit feststehenden Beiwoertern laesst sich von einer Parallele zur Poesie auf dem Gebiete der bildenden Kunst sprechen. Bei selbstaendiger Funktion als Dekor ganzer Gefaesse laesst sich in analoger Weise plausibel machen, dass die scheinbar so abstrakten Muster als Darstellungen vegetabiler Formen zu deuten sind. Bezeichnenderweise haben fast alle geometrischen Ornamente mykenische Vorlaeufer, die zweifelsfrei als Pflanzen gekennzeichnet sind, und meistens auch archaische Nachfolger dieser Art. Die Kenntnis dieser fruehen Arbeit des Autors, das Nachvollziehen jedes einzelnen seiner theoretischen Schritte ist Voraussetzung fuer das Verstaendnis der neu vorgelegten Untersuchung. Unsere ganz auf gefuehlsmaessigem Erleben basierenden, festgefahrenen Sehgewohnheiten verbieten es ja zunaechst geradezu, z.B. den Maeander als ein pflanzliches Motiv zu verstehen. Dabei ist er tatsaechlich durchaus "untektonisch". Er weist keine axialsymmetrischen Beziehungen auf, es lassen sich keine Einzelglieder isolieren und er kann, da er weder Anfang noch Ende besitzt, nur mitten im Fluss abgeschnitten werden. Seine Richtungsdynamik kann in beiden Richtungen gelesen werden und seine einfache Form bleibt sich bei Umkehrung gleich. Gerade dieser unter konstruktivem Aspekt undurchsichtige Charakter des Hakenmaeanders spricht dafuer, dass er "Gegenstaendliches darstellt und daraus seine Eigenschaften bezieht". Die fuer uns so auffaellige Eckigkeit steht dieser Deutung nicht im Wege, sie ist nur deren ornamentale Form. Diese Deutung wird dadurch unterstuetzt, dass an frueharchaischen Vasen die Stellen, die sonst vom Maeander eingenommen wurden, nun fortlaufende Wellenranken oder andere vegetabile Motive wie Flechtbaender zeigen. Es sei hier auch an den "Maeanderbaum" erinnert, der auf spaetgeometrischen rhodischen Kannen erscheint, und in Unteritalien von nichtgriechischen Malern getreu uebernommen wird, wobei seine mehrmals einwaerts geknickten Aeste wiederum zu rankenaehnlichen Spiralen werden koennen.[[2]] An menschlichen Figuren koennen da, wo deskriptive Darstellung kleinlich wirken wuerde, pflanzliche Ornamente wie Volute und Spirale als ornamentale Floskeln an die Stelle des Ohrs oder Stirnhaare treten, wobei sie "bluehende Lebenskraft" veranschaulichen. An bemalten samischen Terrakotten, an denen das das Gewand darstellende geometrische Rankengeschlinge sukzessive von wirklichkeitsnaeheren Schraegmantelfalten ersetzt wird, zeigt sich, wie sehr die deskriptive Darstellung gegenueber der ornamentalen einbuesst, was sie an Stofflichkeit hinzugewinnt. Auf diesen nochmals kurz und konzentriert wiedergegeben Ergebnissen dieser Arbeit ueber die geometrische Zeit fussen die Erkenntnisse der neue Untersuchung zum Wesen der griechischen Pflanzendarstellung, die nun weit ueber die archaische fruehe Epoche hinuntergehen, um letztlich in der Betrachtung des Rankenfrieses der Ara Pacis zu enden. In diesem sehr weit gespannten zeitlichen Bogen der Betrachtung koennen nicht alle ausgewaehlten Bildthemen in gleichem Masse zur Illustration der Hauptthesen beitragen. Als besonders einleuchtendes Beispiel fuer die ornamental poetische Form im Vergleich zur deskriptiv naturalistischen wird zunaechst das Bluetengebilde in der Hand der Frauen genannt, das waehrend der ganzen archaischen und klassischen Zeit meist in ornamentaler Form, zunaechst als gestielte Palmette, dann in Form einer Volutenranke erscheint. Im Fall der mit Zwickelpalmetten bereicherten Spiralranke in der Hand der Artemis auf einer Vase des Andokidesmalers wird vegetabiles Leben auf die kuerzeste Formel gebracht, "neben der auch die glaenzendste deskriptive Schilderung eines Bluetenzweiges duerr und schwunglos wirken muesste". Tatsaechlich kann man mit dem Autor sagen, dass das Ornament hier Gegenstaendliches nicht nur vertritt, sondern darueber hinaus in seiner Lebendigkeit steigert. Hier laesst sich der Grund dafuer fassen, dass die griechische Kunst das Landschaftliche und die Pflanzenwelt groesstenteils in ornamental-poetischer Verdichtung dargestellt hat. Spaetestens an dieser Stelle (S. 25) wird klar, dass es dem Autor nicht nur um die Erfassung einzelner Phaenomene geht, sondern um eine grundsaetzliche Aussage ueber das "was die Klassizisten mit einem neuzeitlichen Begriff als die Idealitaet der griechischen Kunst bezeichneten". Der anhand der Beispiele geschilderte Entwicklungsgang der ornamental-poetischen Darstellung zeigt, dass die Idealitaet nicht durch Verschoenerung und Verklaerung und erst recht nicht durch Abstraktion entsteht, sondern durch Charakterisierung und Potenzierung des Natuerlichen. Die Rose der fuer ihre Schoenheit beruehmten rhodischen Muenzen bildet den Ausgangspunkt fuer die Analyse dieses Blumenbildes. Da deren faecherfoermig sich oeffnenden konkaven Bluetenblaetter von allen natuerlichen Varietaeten abweichen, ist eine realistische Wiedergabe einer bestimmten Art offenbar nicht vorauszusetzen. Trotzdem steht sie in einer festen Typentradition, die sich bis in spaetarchaische Zeit hinaufverfolgen laesst. Ganz der archaischen 'Ansicht' des Gegenstandes verpflichtet, bei der ihre einzelnen Bestandteile uebersichtlich in der Flaeche ausgebreitet sind, laesst sie ihre Konturen sprechen, womit vor allem ihre vegetabile Lebendigkeit anschaulich wird. Anhand des Vergleichs der Bluete in der Hand einiger Figuren des Andokidesmalers mit aelteren Bluetenketten gelingt es, zu zeigen, dass diese eigentlich eine Abwandlung eines ornamentalen, idealen Bluetentypus der Lotosbluete ist, die durch Merkmale der Rose veraendert wurde. Die Annahme eines archetypischen Grundmusters von Bluete in der Tradition des aegyptischen Lotos schliesst denn auch tatsaechlich die nachahmende Schilderung einer bestimmten Varietaet aus, daher der Eindruck der Idealitaet. Wer stellt sich je die Frage, warum Palmen auf attisch schwarzfigurigen Vasen ueblicherweise dem Stamm entlang angeordnete symmetrische Wedel haben, wo diese in der Natur doch einen dichten Schopf an der Spitze bilden? Dennoch ist gerade diese Frage besonders wichtig und weiterfuehrend, denn durch das Hinaufverfolgen des Phaenomens zeigt sich, dass hier wiederum alte Archetypen wirkten. Am Anfang der griechischen Bildtradition stehen zwei Typen, die beide auf orientalische bzw. aegyptische Vorbilder zurueckgehen muessen und von denen einer schon in der mykenischen Vasenmalerei des zweiten Jahrtausends vertreten ist. Der Typus mit Schirmwedeln und Scheiteltrieb hat Vorbilder auf phoenizischen Elfenbeinreliefs. Der zweite Typus besteht aus einem strichfoermigen Stamm, an dem entlang mehrere Schirmwedel paarweise verteilt sind. Diese "Stockwerkpalme" weicht im Erscheinungsbild ganz erheblich vom Palmbaum ab. Gerade das, was schon Odysseus an der Palme so bewunderte, wenn er Nausikaa mit ihr verglich, ihr schlanker und biegsamer Wuchs, kommt dabei nicht zur Geltung. Trotzdem, und obwohl vorauszusetzen ist, dass die griechischen Maler die Palme in der Natur kannten, beherrscht diese Grundform als eine Art Urpalme die anschliessende griechische Ueberlieferung bis in spaetklassische Zeit. Sie nimmt mit der Zeit im Detail, z.B. in der Form der Wedel oder des Stamms, naturnahe Zuege an. Die durch den Archetypus vorgegebenen Merkmale schlagen aber auch in den scheinbar realistischen Wiedergaben immer noch durch. Es sind ebendiese Merkmale, die den griechischen Darstellungen ihren "sogenannten idealen Charakter" verleihen. Auch bei der schon erwaehnten naturwidrigen Wiedergabe der Getreidehalme als zuengelnd bewegte Staengel laesst sich zeigen, dass diese nicht etwa der Willkuer der Maler entspringt. Der Begruender dieser Darstellungskonvention wollte nicht das aeussere Erscheinungsbild eines Halmes wiedergeben, sondern unabhaengig davon das vegetabile Leben veranschaulichen, das in der Pflanze wirksam ist. Die formale Anregung empfing er aus dem Bereich des Ornaments, das in der Spiralranke und in der Palmetten-Wellenranke analoge Dynamik entwickelt. Auch hier also die Tendenz hin zu einer idealen Wiedergabe des vegetabilen natuerlichen Lebens. Aehnliche Kennzeichen von Idealitaet sind fassbar, wenn an Obstbaeumen die Fruechte (melon) nicht wirklich zu unterscheiden sind, oder gleichzeitig mit Blueten an den Aesten erscheinen, und wenn die Rebe sich auf den unzaehligen, meist stark vereinfachenden Darstellungen mit Blaettern und Trauben weit und flaechendeckend ausdehnt, wobei sie wohl wieder archetypischen assyrischen und aegyptischen Vorbildern mit ausgebreitetem Spalier folgt. Immer wieder stellt man fest, dass die Kuenstler dem Grundmuster der Archetypen ihre eigentuemliche Lebendigkeit zu verleihen versuchen, wobei sie gelegentlich auf realistische Beobachtung zurueckgreifen, aber "stets im Dienste des 'Ideals'" bleiben. Die Suche nach den Gruenden der "Idealitaet" der griechischen, der klassischen Kunst, gehoert wohl nicht zu den Themen, die gegenwaertig die archaeologische Forschung befeuern. John Boardman schrieb 1970 bei der Besprechung der erwaehnten ersten Arbeit des Autors:[[3]] "Not a subject which, say, an English scholar would have chosen; nor one which, say, a French scholar could have treated so succinctly, but a real subject and one, which in Himmelmann-Wildschutz's hand contributes a great deal to our understanding of Geometric art." Wann auch immer man sich wieder um das Verstaendnis der griechischen Kunst bemuehen wird, um die Einheit von Inhalt und Form, wird die vorliegende Untersuchung wegweisend sein. ------------------ Notes: 1. N. Himmelmann, Ueber einige gegenstaendliche Bedeutungsmoeglichkeiten des fruehgriechischen Ornaments, Abh. Akad. Mainz, 1968, Nr. 7, 261-346. 2. P. Orlandini, "Il motivo rodio del Maeanderbaum su un vaso indigeno dell'Incoronata", in: Scritti in ricordo di Graziella Massari Gaballo e di Umberto Tocchetti Pollini, Milano 1986, 55-58, Abb. 1-4. 3. ClassRev, NS 20, 1970, p. 109.