Fwd: BMCR 2009.04.26: Kleu on Tanaseanu-Döbler, Konversion zur Philosophie in der Spätantike. Kaiser Julian und Synesios von Kyrene. Potsdamer altertumswissenschaftliche Beiträge Bd. 23

Bryn Mawr Classical Review <[email protected]> Fri, 10 Apr 2009 14:40:56 -0400 (EDT)
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Ilinca Tanaseanu-Doebler, Konversion zur Philosophie in der
Spaetantike. Kaiser Julian und Synesios von Kyrene. Potsdamer
altertumswissenschaftliche Beitraege Bd. 23.  Stuttgart:  Steiner,
2005.  Pp. 309.  ISBN 9783515090926.  [euro  ]58.00 (pb).

Reviewed by Michael Kleu, RWTH Aachen, Germany ([email protected])
Word count:  2014 words
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Bei dem Werk Konversion zur Philosophie in der Spaetantike. Kaiser
Julian und Synesios von Kyrene handelt es sich um die leicht
ueberarbeitete Version der Dissertation der Religionswissenschaftlerin
Ilinca Tanaseanu-Doebler (von nun an T.-D.). Da die Autorin in der
Forschung eine Untersuchung ueber das Verhaeltnis zwischen Religion und
Philosophie fuer das Altertum vermisst, wirft sie mit ihrem gelungenen
Buch die Frage auf, inwiefern das Diskursuniversum der spaetantiken
Philosophie ueber normative Texte hinaus fuer die Religiositaet und die
Biographie konkreter Personen von Bedeutung sein kann. Diesbezueglich
biete die Konversion einen interessanten Ansatzpunkt, da man mit ihrer
Hilfe die Identitaetsentwicklung einzelner Menschen rekonstruieren und
dadurch Erkenntnisse ueber das Verhaeltnis zwischen Philosophie und
religioesen Traditionen in der Spaetantike gewinnen koenne. Als
konkrete Beispiele waehlt sie fuer ihre Untersuchung der Konversion zum
Neoplatonismus als Moeglichkeit religioeser Bekehrung im 4. Jahrhundert
mit dem roemischen Kaiser Julian Apostata und dem Philosophen Synesios
von Kyrene zwei herausragende Persoenlichkeiten aus, deren schriftliche
Selbstzeugnisse ergiebiges Quellenmaterial bieten. Im Folgenden sollen
die zentralen Gedanken und Thesen der Arbeit wiedergegeben werden.

Zunaechst stellt T.-D. in der Einleitung (S.11-25) die
Forschungsansaetze ueber die Konversion zur Philosophie vor und fuehrt
den Leser in die Problematik der Komplexitaet der antiken Philosophie
ein. Das folgende Kapitel (S.27-56) stellt als Grundlage fuer die
spaeteren Untersuchungen zunaechst das durchaus facettenreiche
Verhaeltnis zwischen Philosophie und Ritual im Neoplatonismus vor,
wobei ein Schwerpunkt auf die Theurgie gelegt wird.

Im dritten Kapitel (S.57-154) wird nun eine moegliche Konversion
Julians zur Philosophie untersucht. Zunaechst gibt T.-D. eine kurze
Biographie des Kaisers wieder, bevor sie den Forschungsstand zur
Konversion Julians vorstellt. Diesbezueglich stellt sie fest, dass sich
alle Darstellungen auf religioese und rituelle Aspekte des
Neoplatonismus konzentrieren, die ethische Dimension und Julians
Identitaetsentwicklung jedoch eher ausblenden. Bezueglich seiner
Konversion stellen Julians Briefe und Schriften die primaeren Quellen
dar, wobei die Autorin jedoch daran erinnert, dass der Kaiser erst
ungefaehr zehn Jahre nach seiner Bekehrung auf die zu behandelnde
Thematik zu sprechen kommt und womoeglich einiges anders darzustellen
versucht, als es tatsaechlich geschehen sein mag. Als sekundaere
Quellen nutzt sie den Sophisten Libanios sowie die verlorene Biographie
des Iatrosophisten Oreibasios, auf die Eunapius von Sardes in seinen
Vitae sophistarum in Bezug auf Julians Studium der Philosophie
zurueckgreift. Wichtig ist der Autorin bei der Quellenwahl besonders
die persoenliche Naehe des jeweiligen Verfassers zum Kaiser. Daher
nutzt sie Ammianus Marcellinus und Gregor von Nazianz nur ergaenzend
und misst den weiteren Quellen bezueglich der zu behandelnden
Fragestellung eine zu vernachlaessigende Bedeutung zu.

Anhand des vorgestellten Materials will T.-D. untersuchen, ob der
Neoplatonismus Konsequenzen fuer Julians Welt- und Gottesbild gehabt
hat und welche Rolle Theurgie und Philosophie fuer seine Lebens- und
Regierungsfuehrung spielten. Hierzu analysiert sie zunaechst Julians
geistigen Hintergrund vor dem Philosphiestudium und kommt zu der
Ansicht, dass Julian aufgrund seiner Erziehung kein blosser
Namenschrist gewesen waere, sondern sich selbst als Christ betrachtet
habe. Als zentrale Quelle stuft sie ep. 111,434d ein. Hier gibt Julian
an, er sei 20 Jahre lang Christ gewesen und nun seit elf Jahren Heide.
Da der Brief aus dem Jahre 362 stammt, scheint Julian den Beginn seines
Philosophiestudiums in Kleinasien im Jahr 351 als den entscheidenden
Moment der Hinwendung zum Heidentum empfunden zu haben. Eine
Untersuchung der Quellen deutet darauf hin, dass Julians Begegnung mit
der Philosophie durchaus eine religioese Komponente beinhaltete und
"der philosophische Unterricht des Maximus ... fuer Julian neben der
Aufnahme einer neuen Lebensweise auch eine religioese Umorientierung"
(S.106) implizierte. Auch wenn die genauen Umstaende der Konversion
nicht zu rekonstruieren seien, steht fuer die Verfasserin fest, dass
Julian ein Christ gewesen ist, der durch seinen Kontakt mit der
griechischen Kultur und besonders durch den Neoplatonismus vom
Christentum weg in Richtung Heidentum driftete. Im Rahmen dieser
Feststellung wirft T.-D. die Frage auf, ob die Philosophie lediglich
einen Schritt in Richtung Heidentum bedeutete oder ob sie die Basis
einer neuen Identitaet Julians bildete. Lag lediglich eine Konversion
zum Heidentum oder auch eine Konversion zur Philosophie vor? In den
Schriften, die Julian verfasste, waehrend er als Caesar in Gallien war,
findet die Autorin mehrere Belege dafuer, dass sich Julian auch als
Caesar noch der philosophischen Gemeinschaft seiner Lehrer und
Kommilitonen zurechnete. Als Augustus ging er einer asketischen
Lebensweise nach, liess sich mit langen Haaren und Bart darstellen,
verfasste weiterhin philosophische Schriften und bezog Philosophen
aktiv als Berater in seine Regierungsgeschaefte ein. Daraus
schlussfolgert T.-D., dass die Philosophie sowohl fuer das Leben
Julians wie auch fuer seine Regierung von groesster Bedeutung war. Dies
sieht sie darin bestaetigt, dass Julian dem Philosophen Plato in seinem
theologischen Verstaendnis die Bedeutung zumisst, die Moses in der
juedischen Religion zukommt. Im Hinblick auf die von Ammian und
Libanios stammenden Darstellungen der Todesszene Julians wirft die
Autorin die nicht zu beantwortende Frage auf, inwiefern es zutreffen
mag, dass sich der Kaiser auf dem Sterbebett wie Sokrates kurz vor
seinem Tod verhalten habe.

In einem Zwischenfazit haelt T.-D. fest, dass Julian sich bis zu seinem
Tode nicht nur selbst als Philosophen betrachtete, sondern auch einem
philosophischen Netzwerk angehoert hatte, aus dem er sich bediente, um
diverse Positionen zu besetzen. Insofern sieht sie bestaetigt, dass
Julian bei seinen Studien in Pergamon eine Konversion zur
neoplatonischen Philosophie durchlebte, die zeitlebens von zentraler
Bedeutung fuer ihn blieb und ihm auch den Weg zum Heidentum wies.

Das vierte Kapitel (S.155-286) widmet sich nun Synesios von Kyrene,
dessen Biographie zunaechst kurz wiedergegeben wird, bevor T.-D. den
Forschungsstand zur Konversion des Synesios behandelt. Dieser erfreute
sich in der Forschung aufgrund von ep. 105 eines grossen Interesses. In
dem betreffenden Brief reagiert der dem Kaiserhof in Byzanz
nahestehende Philosoph auf seine Wahl zum Bischof von Ptolemais und
verkuendet seine Bedenken hinsichtlich der Annahme des Amtes, da er in
vielerlei Hinsicht eher auf die neoplatonische Philosophie als auf das
Christentum vertraue, wenn es um die Wahrheitsfindung gehe. Einigkeit
herrscht in der Forschung darueber, dass die Studienjahre bei Hypatia
in Alexandrien von enormer Bedeutung fuer die geistige Entwicklung des
Synesios waren. T.-D. will nun eroertern, wie das Verhaeltnis zwischen
Neoplatonismus und Christentum in Hinblick auf sein Selbstverstaendnis
und seine Religiositaet einzustufen ist. Anders als bei Julian ist man
bei Synesios allein auf dessen eigene Schriften angewiesen, da er bei
seinen Zeitgenossen keine Erwaehnung findet. Den Quellenwert der
spaeteren Ueberlieferungen betrachtet die Autorin fuer die Untersuchung
als aeusserst duerftig. Da der Erkenntnisgewinn davon abhaengig sei,
auf welche Quellen man sich beziehe, erlaeutert T.-D. nun, welchen
Schriften des Synesios sie fuer die vorliegende Fragestellung welche
Bedeutung beimisst. Zunaechst unterscheidet sie zwischen Prosaschriften
und Briefen auf der einen und den Hymnen auf der anderen Seite. Denn
lediglich die siebte Hymne ist genau datierbar, sodass die anderen
keine Rueckschluesse auf die Identitaetsentwicklung des Synesios
zuliessen. Hinzu kommt, dass es sich bei den Hymnen um poetische Werke
handle, die unterschiedliche Interpretationen ermoeglichen. Die Briefe
und Prosaschriften des Synesios erscheinen der Autorin daher wesentlich
vertrauenswuerdiger. Die Prosaschriften koennen bis auf das Lob der
Kahlheit relativ genau datiert werden und werden von der Autorin in
politische und in philosophische Schriften unterteilt. So stehen fuer
ihre Untersuchungen neben den Briefen der Dion und das Traumbuch im
Vordergrund, waehrend De regno und De providentia lediglich in
speziellen Faellen zu Rate gezogen werden und die Hymnen als Ergaenzung
dienen.

Anders als bei Julian Apostata ist es bei Synesios von Kyrene sehr
schwierig zu sagen, welchem Milieu er urspruenglich entstammte und
welche religioese Praegung selbiges aufwies. Nach einer Untersuchung
verschiedener Quellen zieht T.-D. den Schluss, dass Synesios aller
Wahrscheinlichkeit nach einem christlichen Umfeld entsprang, welches
jedoch nicht sonderlich dogmatisch ausgepraegt und fuer das die
hellenische Kultur noch von grosser Bedeutung gewesen sei (S.180). Die
entscheidende Wende bedeutete fuer Synesios das Studium bei Hypatia von
Alexandrien, die einen Neoplatonismus vertrat, bei dem die exakten
Naturwissenschaften eine grosse Rolle gespielt haben und die sich nach
Ansicht von T.-D. im Hinblick auf religioese Fragen indifferent
verhielt. Synesios' Briefe an seinen Studienfreund Herkulianos
vermitteln den Eindruck eines typischen neoplatonischen Kreises um
Hypatia, dessen Zusammenhalt auf den persoenlichen Bindungen
untereinander beruht. Auffaellig sei hingegen das vollstaendige Fehlen
christlicher Elemente in Synesios' Schriften aus der Zeit unmittelbar
nach seinem Studium. Fuer diesen Zeitraum geht T.-D. von einer
Konversion des Synesios zum Neoplatonismus aus.

Die folgenden Untersuchungen analysieren, ob diese Konversion nur einer
anfaenglichen jugendlichen Begeisterung entsprang, oder ob die
Philosophie auch in den spaeteren Werken von entscheidender Bedeutung
fuer Synesios blieb. Dies bejaht T.-D. in der Folge unter Bezug auf den
Dion und ep. 154, bevor sie sehr ausfuehrlich Synesios' Weltbild
wiedergibt (S.229-252). Hieraus  gehe hervor, dass Synesios die
Ueberlieferung der Evangelien als Mythos betrachtet, den er jedoch
nicht ablehne, sondern vielmehr in sein neoplatonisches Weltbild
integriere. Bezueglich der Theurgie relativiert T.-D. die
Forschungsmeinung, dass Synesios die jamblicheische Theurgie
grundsaetzlich ablehne. Die Ablehnung beziehe sich lediglich auf
einzelne mantische Riten. Auch kann sie Schmitts[[1]] These nicht
zustimmen, die von einer Konversion des Synesios von der Politik zur
Philosophie im reiferen Alter ausgeht. Laut ihrer Sicht habe sich
Synesios zwar von der Reichspolitik abgewandt, dafuer aber verstaerkt
der Provinzialpolitik gewidmet, sodass diesbezueglich von keiner
Konversion, sondern vielmehr von einer Verlagerung der Interessen die
Rede sein muesse. Prinzipiell stimmt sie der Forschungsmeinung zu,
Synesios habe als Ideal der gesellschaftlich und politisch engagierte
Philosoph vorschwebt, wobei der Philosoph sich jedoch nur politisch
betaetigen soll, wenn es die Umstaende erforderlich machen. Daher geht
sie von einem "Weg der aurea mediocritas" (S.273) aus und betrachtet in
Bezug auf Synesios "theoria und praxis als zwei Aspekte der
Philosophie" (S.274). Dazu passe auch die Annahme des Bischofsamtes.
Allerdings belege ep. 105, dass keine Konversion von der Philosophie
zum Christentum vorgelegen habe. Synesios habe sich vermutlich immer
als Christ betrachtet, nur sei das Christentum fuer ihn spaetestens
durch sein Studium sekundaer geworden. Auch als Bischof sei seine
Identitaet als Philosoph bestehen geblieben und er habe sich weiterhin
als Mitglied des Kreises um Hypatia verstanden.

In einem weiteren Zwischenfazit stellt T.-D. fest, dass die Konversion
zur neoplatonischen Philosophie fuer Synesios anders als im Falle
Julians nicht mit einer Hinwendung zum Heidentum verbunden war. Die
Bedeutung des Christentums fuer Synesios sei zwar gesunken, doch habe
er es immer noch in sein neoplatonisches Weltbild integrieren koennen.

In der Schlussbetrachtung (S.287-294) haelt T.-D. fest, dass der
Neoplatonismus jeweils eine bleibende Konstante in den Leben der beiden
untersuchten Personen darstellte und die Konversion zu ihm in beiden
Faellen zu einem Bruch mit der Vergangenheit gefuehrt habe, der sich in
Synesios' Fall allerdings nicht zwingend nach aussen hin bemerkbar
gemacht habe. Sowohl Julian als auch Synesios haetten waehrend ihrer
Jugend zur Philosophie gefunden, als Abschluss ihres konventionellen
Bildungsweges. Beide seien stark von herausragenden charismatischen
Lehrerpersoenlichkeiten gepraegt worden und seien ihrer jeweiligen
Schulgemeinschaft zeitlebens treu geblieben. Durch ihre Untersuchung
der Konversion zum Neoplatonismus als Moeglichkeit religioeser
Bekehrung im 4. Jahrhundert sieht die Autorin ein tieferes Verstaendnis
der untersuchten Persoenlichkeiten gewonnen. Beide haetten einen hohen
Grad an religioeser Individualitaet und Flexibilitaet aufgewiesen.
"Dies zeigt wiederum, dass individuelle religioese Konstrukte, die mit
den verschiedenen Angeboten religioeser Traditionen souveraen
operieren, keine Erfindung der Neuzeit, sondern eine Konstante der
Religionsgeschichte sind" (S.292). Die Untersuchung endet mit einem
15-seitigen Literaturverzeichnis.

Das Buch ist wohl abgewogen, in einem sehr angenehmen Sprachstil
verfasst und zieht die gesamte relevante Fachliteratur zu Rate.
Hervorzuheben ist, dass es sich durch eine sehr quellennahe
Untersuchung auszeichnet. Ist die Datierung einer Schrift nicht sicher,
zieht T.-D. sie nur ergaenzend hinzu, um die Gefahr einer Verfaelschung
der Ergebnisse zu minimieren. Schliesslich ist die Datierung eines
Zeugnisses von immenser Bedeutung, wenn es darum geht, die
Identitaetsentwicklung einer Person ueber einen laengeren Zeitraum
hinweg zu untersuchen. Generell ist der Umgang der Autorin mit dem
Quellenmaterial als aeusserst gewissenhaft zu bezeichnen. Die von der
Struktur her aehnlich aufgebaute Gegenueberstellung der beiden
Biographien fuehrt zu mancher Parallele, zeigt jedoch auch eklatante
Unterschiede auf. Waehrend Julians Konversion zum Neoplatonismus mit
einer Hinwendung zu den heidnischen Kulten verbunden ist, besteht fuer
Synesios kein zwingender Widerspruch zwischen Philosophie und
Christentum. Auch wenn T.-D. zu Recht auf das grosse Mass an
Individualitaet und Flexibilitaet hinweisst, durch das sich Julian und
Synesios auszeichnen, ist auffaellig, dass die individuelle Ausrichtung
doch in einer gewissen Abhaengigkeit zur jeweiligen Schule gestanden zu
haben scheint.

Durch ihre gelungene Untersuchung gelingt es der Autorin eindrucksvoll,
unsere Kenntnisse ueber Julian Apostata und Synesios von Kyrene um
einige Facetten reicher werden zu lassen.


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Notes:


1.   Schmitt, T.: Die Bekehrung des Synesios von Kyrene, Muenchen 2001.