BMCR 2009.06.19: Hesse on Schallenberg, Freiheit und Determinismus: ein philosophischer Kommentar zu Ciceros Schrift De fato. Quellen und Studien zur Philosophie, Bd. 75
Bryn Mawr Classical Review <[email protected]> Thu, 18 Jun 2009 10:11:19 -0400 (EDT)
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Magnus Schallenberg, Freiheit und Determinismus: ein philosophischer Kommentar zu Ciceros Schrift De fato. Quellen und Studien zur Philosophie, Bd. 75. Berlin/New York: Walter de Gruyter, 2008. Pp. xiii, 369. ISBN 9783110189407. $141.00. Reviewed by Michael Hesse, Witten ([email protected]) Word count: 465 words ------------------------------- To read a print-formatted version of this review, see http://bmcr.brynmawr.edu/2009/2009-06-19.html To comment on this review, see http://www.bmcreview.org/2009/06/20090619.html ------------------------------- Der vorliegende Band stellt die ueberarbeitete Fassung der im Juli 2004 von der Philosophischen Fakultaet der Westfaelischen Wilhelms-Universitaet Muenster zur Promotion angenommenen Dissertation des Verfassers dar.[[1]] Nach einer Klaerung der Problemstellung und der Bedeutung des Wortes fatum skizziert Schallenberg die Positionen der an der hellenistischen Fatumsdiskussion beteiligten Schulen. Sodann macht Schallenberg substantielle Vorbemerkungen zur historischen Einordnung, dem Gespraechspartner Hirtius,[[2]] der Datierung des Werks, zur Ueberlieferung,[[3]] den Fragmenten sowie den Quellen und macht auf dieser Basis einen Gliederungsvorschlag. Schallenberg moechte deutlich machen, dass sich die Fatumsdiskussion auf Physik, Ethik und Logik gleichermassen bezieht, versucht daher in seinem Gliederungsvorschlag die Zuordnung zu den drei Teilgebieten zu erreichen und postuliert, dass die Physik im fehlenden Teil der Einleitung erwaehnt worden sei. Im Hauptteil wird der Text von De fato in Form eines fortlaufenden Kommentars sukzessive besprochen. Wenn Schallenberg zu textkritischen Problemen Stellung nimmt, sind seine Ausfuehrungen immer sachgerecht und zielfuehrend. Hervorzuheben ist seine -- in der heutigen Zeit leider nicht mehr selbstverstaendliche -- Faehigkeit, vom lateinischen Originaltext aus zu argumentieren. Es gelingt Schallenberg jederzeit, Ciceros z.T. nicht unkomplizierte Argumentation in Auseinandersetzung mit der Forschungverstaendlich nachzuzeichnen.[[4]] Schallenberg zeigt schluessig, dass die Herausarbeitung und Etablierung der schwachen Wahrheitsauffassung ein zentrales Anliegen Ciceros in der Auseinandersetzung mit dem Determinismus war. Fuer Cicero ist daher eine wahre zukunftsbezogene Aussage nicht wahr, weil Ursachen in der Gegenwart notwendigerweise das Eintreten bedingen, sondern trivialer Weise, weil das in der Aussage beschriebene Ereignis im sich tatsaechlich realisierenden Weltverlauf eintreten wird. Damit kann Cicero das Bivalenzprinzip akzeptieren, ohne Fatumsnotwendigkeit anzunehmen. War fuer die Stoiker vor dem Hintergrund der starken Wahrheitsauffassung eine temporalisierte Modaltheorie notwendig und dennoch nur der Gedanke des unerzwungenen Handelns, nicht aber die tatsaechliche Wahl zwischen verschiedenen Handlungsmoeglichkeiten erreichbar, so ist fuer Cicero in Verfolgung der neuakademischen Strategie "echte" Willensfreiheit zu erreichen, da die Ursache fuer einen Willensakt in der selbstverursachenden Natur des Willens gesehen wird. Dieses Wirken des Willens, das Schallenberg als "Agenskausalitaet" versteht, wird als von der Naturkausalitaet in der physisch-empirischen Welt unbeeinflusst gedacht. Die sich dann aber ergebende Problematik, wie umgekehrt eine Einflussnahme des Willens in der physisch-empirischen Welt moeglich sein soll, zu loesen , konnte Cicero allerdings nicht gelingen. Wertvoll ist auch die abschliessende Zusammenfassung, die die Ergebnisse der Arbeit nochmals problematisiert und evaluiert. Fuer Cicero war keine ueberzeugende Loesung des Problems der menschlichen Freiheit erreichbar, sondern eine Behandlung der Frage, wie der Freiheitsgedanke innerhalb der philosophischen Systeme der verschiedenen Schulen seinen Platz finden konnte. Diese Darstellung ist Cicero auf der Basis seiner persoenlichen Ueberzeugung gelungen, und zur vertieften Auseinandersetzung mit dieser hoechst aktuellen[[5]] Problematik legt Schallenbergs Buch die Basis, das zukuenftig fuer jeden, der Zugang zu De fato sucht, die erste Wahl sein wird. Den auch in Detailbeobachtungen[[6]] trefflichen Band beschliessen ein umfassendes Literaturverzeichnis (der Editionen, der Fragmentsammlungen und der Sekundaerliteratur) und mehrere gruendliche Indizes (Locorum, Fragmentorum, Nominum und Rerum). ------------------ Notes: 1. Teilw. zugl.: Muenster (Westfalen), Univ., Diss., 2004 u.d.T.: Schallenberg, Magnus: Ciceros Auseinandersetzung mit dem Fatalismus in seiner Schrift De fato. 2. Mit guten Gruenden sieht Schallenberg in der Wahl des "unphilosophischen" Hirtius als Gespraechspartner (um ihn so fuer die republikanischen Restaurationsbestrebungen zu gewinnen) den Grund fuer Cicero, von der urspruenglich wie in de nat. deor. und de div. geplanten Darstellungsweise als Dialog in zwei Buechern mit Untersuchung beider Standpunkte (in utramque partem disserere) abzugehen und sich fuer die Darstellung mit Aufstellung einer These (Hirtius), die Cicero dann in einem zusammenhaengendem Vortrag widerlegen kann (contra propositum disputare), in einem Buch zu entscheiden. Nicht unplausibel ist auch die Vermutung, Cicero habe mit der Wahl der literarischen Form die Darlegung der stoischen These von stoischer Seite aus verhindern wollen, um so eine staerkere Ablehnung des Fatumsbegriffs und eine groessere Betonung der antifatalistischen Sache zu erreichen. 3. Die Ueberlegungen, ob in Lacuna A oder B Ciceros Definition des Fatums in philosophischer Hinsicht zu finden war, ob Hirtius ueberhaupt eine komplexe These zuzutrauen war und ob diese ggf. zeitbedingt gefaerbt war, bleiben letztlich im Bereich der Spekulation. Von Schallenberg diskutierte moegliche Rueckbezuege aus dem erhaltenen Text auf die lacunae erscheinen jedoch durchaus plausibel. 4. Durch seine breite und profunde Kenntnis der Sekundaerliteratur liefert Schallenberg einen jederzeit zuverlaessigen Ueberblick ueber die Forschung, diskutiert und wertet die unterschiedlichen Forschungspositionen und macht dabei auch entlegenere Werke wieder zugaenglich. Sehr komplizierte Gedankengaenge veranschaulicht Schallenberg durch Tabellen. 5. gerade auch im Licht der neueren Forschungsergebnisse der Hirnforschung oder der Physik im Bereich Quantentheorie. 6. Sehr lesenswert sind auch exkursartige Passagen, wie z.B. die Diskussion der Forschungslinien zu Epikurs Theorie der Bahnabweichung.