BMCR 2009.07.11: Schuetze on Burrer, Kriegskosten und Kriegsfinanzierung in der Antike

Bryn Mawr Classical Review <[email protected]> Mon, 6 Jul 2009 10:24:46 -0400 (EDT)
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Friedrich Burrer, Holger Mueller (ed.), Kriegskosten und
Kriegsfinanzierung in der Antike.  Darmstadt:  WBG, Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, 2008.  Pp. 336.  ISBN 9783534209209.  EUR 79.90.


Reviewed by Andrea Schuetze, Ludwig-Maximilians Universitaet, Muenchen
([email protected])
Word count:  2566 words
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Der Anfang dieses Jahrtausends hat im Zusammenhang mit den
militaerischen Operationen im Irak gezeigt, dass Krieg--im Unterschied
zu frueheren Epochen--einen weit ueber die eigene unmittelbare
Betroffenheit hinausreichenden Sachverhalt bildet und geeignet ist,
intensiv gefuehrte Diskussionen und globale Demonstrationen zu
entfachen. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Krisen erlangen ausser den
juristischen und ethischen Fragen jene nach den Kriegskosten und der
Finanzierung militaerischer Unternehmungen (im wahrsten Sinne des
Wortes) entscheidende Bedeutung. Schon seit alters her und nicht nur in
Zeiten klammer Staatskassen war diese Frage eine zentrale, wenn nicht
sogar die Frage vor, waehrend und nach dem Kriegsgeschehen. Geld
regiert nicht nur die Welt, sondern bestimmt ganz wesentlich auch den
Ausgang militaerischer Konflikte. Dabei besitzt Krieg nicht nur eine
vernichtende Komponente, sondern vermag teils auch zum Erhalt, zur
Bewahrung und Foerderung ziviler Systeme beizutragen,[[1]] was
angesichts der Kriegsgrausamkeit zu akzeptieren oft schwer faellt.
Dementsprechend ist Krieg und seine Finanzierung auch eine Frage, die
fuer den Zivilisten von zwiefachem Interesse sein darf. Ein
entsprechendes Interesse, das sicherlich ueber die Grenzen des fachlich
Spezialisierten hinausgeht, darf auch fuer das von Friedrich Burrer und
Holger Mueller herausgegebene Werk "Kriegskosten und Kriegsfinanzierung
in der Antike" erwartet werden.

Der vorliegende Band verdankt seine Entstehung dem DFG-Projekt "Antike
Kriegskosten"[[2]] und der 2007 in Mannheim veranstalteten Tagung
"Kriegskosten und Kriegsfinanzierung von der Antike bis zur Neuzeit"
(16.-18. Februar 2007), die sich in 16 Beitraegen widerspiegelt und
Impulse fuer weitere Forschungsarbeiten lieferte.

Die Herausgeber Friedrich Burrer und Holger Mueller sehen das Projekt
noch "in der Auswertungsphase" (S. 11), so dass die vorgelegte
Publikation eher als eine Zwischenstandsaufnahme zu sehen ist, weisen
sie doch zusaetzlich darauf hin, vorliegender Band vermoege unmoeglich
einen Forschungsueberblick,  sondern vielmehr eine Momentaufnahme der
aktuellen Forschungslage zu bieten. Entsprechend richtet sich hier
vorgetragene Kritik nicht gegen das Projekt und die Qualitaet der
Beitraege als solche, denn ganz zu Recht betonen die Herausgeber ein
dringendes Forschungsdesiderat fuer die Antike, "als im antiken . . .
Leben der Krieg eine ueberragende Rolle gespielt hat" (S. 10).

Kritik verdient die Praesentation dieses interessanten Themas und der
lesenswerten Beitraege. Die Herausgeber gehen scheinbar vom
projektinvolvierten Leser bzw. dem Teilnehmer der Tagung aus. Dafuer
spricht ein unstrukturiertes Inhaltsverzeichnis, das dem Leser den
Umgang erschwert,  und in der Einleitung angefuehrte, aber schliesslich
dann doch fehlende Beitraege (A. Chaniotis und Ph. de Souza) oder
umgekehrt in der Einleitung unerwaehnte Beitraege (J. Nowosadtko).
Gleiches gilt fuer den Beitrag von W. Szaivert, der dem zweiten
Abschnitt angehoert, allerdings bei den Beitraegen des dritten
Abschnitts steht,  fuer die umgekehrte Chronologie im dritten Abschnitt
zwischen den Beitraegen von H. van Wees und K. Brodersen,  und
schliesslich fuer eine uneinheitliche und teils leseunfreundliche
Formatierung der Literaturverzeichnisse. Das Werk anhand dieser
formalen Schoenheitsfehler zu bewerten waere unfair, da es wesentlich
auf den Inhalt ankommt, der ein deutlich besseres Urteil verdient hat,
aber diese Kritik darf und muss den Herausgebern auf die Schwelle
gelegt werden. Ein klares und konsequent verfolgtes Raster haette eher
ein Ganzes als die Summe seiner Teile zu schaffen vermocht.

Es werden vier Themenkreise behandelt: (1) Kosten einzelner Kriege, (2)
einzelne Kostenarten, (3) Kriegsfinanzierung in verschiedenen Epochen,
(4) einzelne Finanzierungsarten. Der in den Fokus genommene Zeitrahmen
erstreckt sich von 478/477 bis 27 v. Chr. Als etwas ungluecklich
erscheint es dann allerdings, dass von den Autoren gerade die
ausgesparte roemische Kaiserzeit als Argument fuer die Bedeutung von
Kriegskosten innerhalb des Staatshaushalts angefuehrt wird (S. 9).
Abgesehen von diesen Kritikpunkten darf die Einfuehrung zu dieser
Thematik als durchaus gelungen betrachtet werden. Hervorzuheben ist
besonders die gute Quellenkritik in Text und Bild. Sie vermittelt einen
Eindruck von der im Projekt geleisteten umfangreichen und
differenzierten Aufarbeitung antiker Quellenbelege ueber antike
Kriegskosten. Diese koennen ueber eine Datenbank auf der Homepage des
Projekts weiter erschlossen werden. Neben einem umfangreichen
Literaturverzeichnis, das jedem Beitrag angefuegt ist, gestaltet sich
der Hinweis auf eine weitere, gleichfalls auf der Homepage einsehbare,
umfangreiche Literaturliste als sehr positiv. Ein Sach- und Namensindex
erleichtern zudem eine konkrete Suche.

Entgegen der Betitelung des ersten Abschnitts als "Kosten einzelner
Kriege" widmet sich dieser konkret eigentlich nur einem, dem
Peloponnesischen Krieg, der in zwei Beitraegen besprochen wird. Dies
erscheint etwas bedauerlich, denn beide Beitraege ueberlagern sich
nicht nur ein wenig, sondern vermitteln mit ihrem Schwerpunkt auf der
Seekriegsfuehrung ein einseitiges Bild, das die ueberwiegende Masse der
an Land gefuehrten Kriegsoperationen nicht fuer ein Vergleichsmomentum
erschliesst. Klaus Meisters Beitrag (Die finanzielle Ausgangssituation
Athens zu Beginn des Peloponnesischen Krieges, S. 19-27) korrigiert das
von Thukydides (Rede des Archidamos) vermittelte Bild vom
uebermaechtigen Athen hin zu einem Athen, das bereits in der
Anfangsphase des Krieges enorm belastet gewesen sein muss. Nach Juergen
Malitz (Der Preis des Krieges. Thukydides und die Finanzen Athens, S.
28-45) sind Kriegskosten bei Thukydides (anders als bei Herodot) "ein
wichtiges Element seiner Darstellung" (S. 28) und somit fuer Malitz
Indiz auf den in seiner Bedeutung gestiegenen Kostenfaktor, bedingt
durch eine intensive waffentechnische Modernisierung der
Seekriegsfuehrung (Trieren). Demzufolge habe auch die Finanzmacht des
Perserkoenigs diesen zum entscheidenden Faktor im gesamten
Kriegsgeschehen werden lassen. Fuer Malitz erfaehrt Krieg durch die
hoehere Bewertung des Kosten- bzw. Geldfaktors eine
Qualitaetsveraenderung dahingehend, dass hier nicht mehr ein
"patriotisch" (S. 37) gefuehrter Krieg, sondern ein im Wesentlichen
durch die dahinterstehende Finanzpotenz der beteiligten Parteien
bestimmte Materialschlacht stattfand. Ob die gewandelte Kriegsqualitaet
allein aus dem Kostenfaktor und nicht auch aus einer veraenderten
Gegnerkonstellation begruendet gewesen sein koennte, darf gefragt
werden.

Der zweite Abschnitt thematisiert "Einzelne Kostenarten", vorgetragen
in vier Beitraegen. Der wohl rahmengebende Beitrag von Philipp de
Souza, der einen Ueberblick zur Seekriegsfinanzierung von der Archaik
bis zur roemischen Kaiserzeit haette bieten sollen, fehlt aus von den
Herausgebern nicht zu vertretenden Gruenden. Vincent Gabrielsen (Die
Kosten der athenischen Flotte in klassischer Zeit, S. 46--73) kehrt in
seinem Beitrag die Kostenintensivierung der Kriegsfuehrung in
klassischer Zeit hervor, die -- bedingt durch gestiegene Ansprueche im
Bereich der Seekriegsfuehrung -- nicht nur zu einem proportionalen,
sondern aequivalenten Bedeutungs-Verhaeltnis zwischen Kriegswaffen und
Finanzen fuehrte,  weil "der Zusammenhang zwischen Geld und
Seekriegfuehrung so stark geworden war, dass Geld oder Reichtum allein
schon als Waffe betrachtet wurde" (S.61). Friedrich Burrer (Sold und
Verpflegungsgeld in klassischer und hellenistischer Zeit, S. 74-90)
behandelt die Entwicklung und Modalitaeten der Entlohnung von Soldaten.
Holger Mueller (Gesandtschaftsgeschenke im Kontakt kriegerischer
Auseinandersetzungen im Altertum, S. 91-105) erweitert das
Betrachtungsspektrum von den unmittelbaren hin zu den mittelbaren
Kriegskosten und  beschaeftigt sich mit der diplomatisch-politischen
Seite des Krieges. Livius, dem Mueller hohen Quellenwert beimisst,
berichtet hinsichtlich des Umgangs mit Gesandtschaften von der
Herausbildung eines Einheits- und zugleich fein abgestuften Rangsystems
hinsichtlich des betriebenen Aufwandes. Wolfgang Szaivert
(Kriegskosten--eine Spurensuche in der antiken Numismatik, S. 161-174)
geht der Frage nach, anhand welcher Kriterien sich numismatische
Reaktionen auf die Kriegskostendeckung ausmachen lassen. Dabei kommt er
am herangezogenen Beispiel der Denareinfuehrung  211 v. Chr. zu dem
Schluss, die Einfuehrung habe etwa durch eine veraenderte Rom-Typologie
des Muenzbildes und einen vereinheitlichend wirkenden Waehrungsumlauf
einem politischen Abfallprozess entgegnet und eine Orientierung hin auf
Rom bewirkt. Der Beitrag von Szaivert erweckt auch aus dem Grund
Interesse, als er sich von den vorangegangenen Beitraegen in seiner
Akzentsetzung deutlich absetzt: Geld erscheint hier nicht allein als
Verkoerperung einer ihm innewohnenden Potenz, militaerische Macht zu
schaffen, sondern zeigt, wie intensiv die Kriegsfinanzierung mittels
Muenze auch als kommunikatives Medium Verwendung fand.

Der dritte Abschnitt "Kriegsfinanzierung in verschiedenen Epochen"
beleuchtet als interdisziplinaerer Entwicklungsueberblick eine
proportionale Verbindung zwischen Effizienzsteigerung des Finanzsystems
und militaerischer Potenz. Kai Brodersen (Nuetzliche Forschung:
Ps.-Aristoteles? Oikonomika II und die Haushalte griechischer Poleis,
S. 106-127) untersucht anhand der Oikonomika des Pseudo-Aristoteles die
Finanzierungssituation griechischer Poleis im 4. Jahrhundert.
Pseudo-Aristoteles stellt ein speziell auf diese Fragestellung
ausgerichtetes kompilatorisches Werk vor, das als eine Art "Konz der
Antike" gerade auf die Spitzenwerte in den Bilanzen der Poleis hinweist
(einschliesslich der Forderung eines zwischen Ausgaben- und
Einnahmenbereich streng kalkulierenden Bilanzwesens). Hans van Wees
("Diejenigen, die segeln, sollen Sold erhalten". Seekriegfuehrung und
-finanzierung im archaischen Eretria, S. 128-150) sucht durch eine
Neuinterpretation des Gesetzes von Eretria zu belegen, dass die im
Wesentlichen auf den Angaben bei Thukydides basierende Datierung der
Verwendung von Trieren zur Kriegsfuehrung in Athen nicht erst auf 483
v. Chr.  anzusetzen, sondern parallel zu Eretria auch fuer Athen um 20
bis 40 Jahre ins spaete 6. Jahrhundert vorzuverlegen sei. Die Trieren
des 6. Jahrhunderts seien jenen des 5. Jahrhunderts an Zahl unterlegen,
aber "in vielerlei Hinsicht historisch bedeutender als die beruehmten
Flotten der Perserkriege [gewesen], da ihre Schaffung die Mechanismen
und Prinzipien von Staatskontrolle und staatlicher Finanzierung
begruendete, ohne welche die spektakulaere Flottenexpansion der 480er
Jahre nicht moeglich gewesen waere" (S. 142). Le/opold Migeotte
(Kriegs-  und Verteidigungsfinanzierung in den hellenistischen
Staedten, S. 151-160) fragt, in welchem Masse Poleis von der Klassik
zum Hellenismus militaerischen Verpflichtungen ausgesetzt waren und
ihre Staatsausgeben geordneten Bahnen folgten. Olivier Picard
(Thasische Tetradrachmen und die Balkankriege im ersten Jahrhundert v.
Chr., S. 175-192) versucht anhand einer umfangreichen numismatischen
und topographischen Beweisfuehrung, Licht in die Finanzierung und die
Rolle thasischer Finanziers zur Zeit der in den Schriftquellen schlecht
ueberlieferten Balkankriege zu bringen. Uwe Tresp (Kostenbewusstsein im
Krieg? Zur Verwaltung und Finanzierung der Kriegfuehrung deutscher
Fuersten im 15. Jahrhundert, S. 193-209) widmet sich dem
Spaetmittelalter. Im Unterschied zur bereits hervorgehobenen
Belastungswirkung durch Kriegskosten hebt Tresp das zur Bewaeltigung
und fuer das politische Ueberleben erforderliche evolutionaere Element
der Kriegskosten hervor, das unter anderem zur Effizienzsteigerung des
"staatlichen" Finanzwesens und zur Ausbildung des staendischen
Dualismus (Fuerst--Staende) fuehrte und damit wesentliche Grundlagen
fuer die Herausbildung neuzeitlicher Staatsstrukturen beisteuerte.
Niklot Kluessendorf ("Kleine" Mechanismen der Kriegsfinanzierung in der
fruehen Neuzeit, besonders im 18. Jahrhundert, S. 210-227) gibt anhand
neuzeitlicher Numismatik einen Einblick in die Finanztricks der
Kriegsparteien (bis hin zum Falschgeld als Waffe gegen den Feind).
Weiter berichtet er von versuchten Gegenmassnahmen zur Bewaeltigung der
enormen Kostenlast im Einzugsbereich der Kriege, die nicht nur einen
Krieg zu Felde, sondern auch in den Muenzen widerspiegeln.

Der vierte Abschnitt steht mit drei von vier Beitraegen klar im Zeichen
der Roemer. Die Herausgeber haben ihn unter das Stichwort der
"Finanzierungsarten" gestellt und weiter in Beute (Reinhard Wolters)
und Reparation/Kontribution (Burkhard Meissner / Peter Kehne)
untergliedert. Der Beitrag von Jutta Nowosadtko wurde von den
Herausgebern zwar nicht explizit zugeordnet, duerfte aber wohl im
zweiten Bereich anzusetzen sein. Reinhard Wolters (Triumph und Beute in
der roemischen Republik, S. 228-245) beleuchtet den Kostenfaktor Krieg
von der Ergebnisseite her -- dem Triumph. Beute diente im nobilitaeren
Wettbewerb als Leistungsmassstab, so dass etwa den bei Livius
tradierten Beutezahlen hohe Glaubwuerdigkeit beizumessen sei. Durch die
Trennung von Kriegskosten und Kriegsertraegen praesentierte sich Beute
waehrend der Triumphzuege gewissermassen als "Bruttoertrag" des
Krieges. Die militaerisch begruendete Expansion roemischer Herrschaft
brachte zwar nach dem Ende des Zweiten Karthagischen Krieges einen
Kostenaufwand mit sich, steigerte jedoch die roemische Finanzkraft
deutlich, etwa durch Zugang zu hochwertigeren Metallen fuer die
Muenzpraegung, geleistete Kriegskostenentschaedigung der Besiegten und
dauerhafte Steuerzahlungen aus den Provinzen. Mitte des 2. Jahrhunderts
begann sich eine Wende abzuzeichnen, die Beute gegenueber
Kriegskostenentschaedigungen in den Hintergrund treten liess, was sich
beispielsweise in der Gestaltung der Triumphzuege anhand einer
zunehmenden Abstrahierungstendenz ablesen laesst. Beute als
Prestigefaktor begann an Bedeutung zu verlieren, und Soldat zu sein
entwickelte sich fuer die Kriegsspezialisten (Soldaten) zu einem
"existenzsichernden Beruf" (S. 240). Im Unterschied zu frueheren Zeiten
wurde der hierfuer erforderliche Unterhalt nicht mehr von aussen durch
Besiegte, sondern von innen durch Steuerleistungen der Buerger
gewonnen. Burkard Meissner (Reparationen in der klassischen
griechischen Welt und in hellenistischer Zeit, S. 246-259)
geht--eingebettet in einen Rahmen moderner Kriegsgeschichte des 20.
Jahrhunderts--der Frage nach, wie Reparation und
Kriegskostenkompensation im Rahmen antiker Friedensabkommen geregelt
wurden. Waehrend im griechischen Raum das Bild bis in hellenistische
Zeit "vielgestaltig und diffus" wirkt (S. 250) und mehr
situationsbedingt und einzelfallbezogen erscheint, lassen sich hingegen
fuer die roemische Welt schon im Zeitalter des Aufstieg des Imperiums
klare strukturelle Regelungen erkennen, die Krieg und Frieden "im
Kontext einer Rechtsvorstellung" verorten (S. 251). Kriegsschaeden und
Kriegskosten waren daher viel staerker in Beziehung zueinander und zu
strafrechtlichen Vorstellungen gesetzt. Dabei stellt Meissner die
Ambivalenz des Krieges heraus, der neben einer formal-rechtlichen auch
eine religioese Komponente besass. Innerhalb dieses strengen Rahmens
war "Krieg . . . zwar Zwang, aber nicht . . . Mittel zu schlechthin
jedem beliebigen politischen Zweck", sondern diente der
"Rechtswiederherstellung" (S. 254). Strafe und Kompensation standen
daher in einer "Proportionalitaet" zu Reparationen. Mit seiner
logischen Argumentation ueberzeugt Meissner vollkommen, allerdings
erscheint mir seine Beurteilung des Friedensschlusses nach Ende des
Zweiten Punischen Krieges 202 v. Chr., der dazu gedacht war, Karthago
"nicht finanziell zu knebeln und zu ueberfordern, sondern politisch an
die Kette zu legen" (S. 248) und es "ueber die ganze geplante Zeit
symbolisch . . . wie abgaben- oder tributpflichtige Unterworfene" zu
binden (S. 248),[[3]] dennoch zu rechtstheoretisch. Dass Roms Auftreten
hier nicht (nur) symbolische Akte setzte, kann auch nicht der von
Meissner angefuehrte Umstand der schnellen Rekreation Karthagos
veraendern, die fuer die Roemer zumZeitpunkt des Vertragsschlusses
sicherlich nicht vorhersehbar war.[[4]] Wollte Rom seinen
Fuehrungsanspruch behaupten--und das Auftreten der Roemer bei diesem
Friedensschluss laesst sehr darauf schliessen [[5]]--dann musste
Karthago dauerhaft ausgeschaltet werden [[6]], was eine symbolische und
zeitlich begrenzte politische Fessel wohl nicht zu erreichen vermocht
haette, es sei denn, der Gegner waere finanziell am Boden gehalten
worden [[7]] (auf die "Waffentauglichkeit" des Geldes haben
voranstehende Beitraege bereits mehrfach hingewiesen). In Korrespondenz
dazu steht der Beitrag von Peter Kehne (In republikanischen Staats- und
Kriegsvertraegen festgesetzte Kontributionen und Sachleistungen an den
roemischen Staat: Kriegsaufwandskosten, Logistikbeitraege,
Kriegsentschaedigungen, Tribute oder Strafen?, S. 260-280), der sich
unter Auflistung umfangreicher Daten und historischer Beispiele der
Frage widmet, welche Bedeutung die Kontributionsleistungen in der
roemischen Kriegsfuehrung einnahmen. Im Titel seines Beitrags werden
bereits die in der Literatur diskutierten Moeglichkeiten aufgefuehrt,
die er in Folge analysiert. Kehne sieht den poenalen Charakter dieser
Zahlungen zwar grundsaetzlich als gegeben an, zeigt andererseits aber
auf, dass die eingeforderten Leistungen in keiner proportionalen
Relation zu den wohl tatsaechlichen Kriegsaufwandskosten und
Schadensersatzleistungen gesehen werden koennen. Fuer Kehne besitzen
sie zwar unbestreitbar politischen Charakter, dennoch lehnt er eine
Ausdeutung als staendig erinnernden und gaengelnden Tribut ab.
Allerdings sieht er darin durchaus Potential als Kompensat fuer die
weiterlaufenden Militaerkosten waehrend Friedensverhandlungen oder als
Beuteersatz zur Aufrechterhaltung der Truppenmoral. In Uebereinstimmung
mit dem Beitrag von Wolters--und dem roemischen Rationalitaetssinn
durchaus gerecht--deutet er sie als eine zusaetzliche, langfristige
Einnahmequelle fuer den roemischen Staat. Die Kontributionsleistungen
muessten--so richtig Kehne--multikausal erklaert werden, auch duerfe
"der mit der beinahe schon sprichwoertlichen roemischen Geldgier
gepaarte Rache- und Bestrafungsaspekt [nicht] negiert werden" (S. 271).
Jutta Nowosadtko (Realeinquartierung als buergerliche Last. Unterhalt
und Verwaltung von Militaerbesatzungen im 17. Und 18. Jahrhundert,
S.281-287) erlaeutert nach einem zur Laenge des Beitrags fast schon zu
umfangreichen Forschungsueberblick die "zivilen" Konsequenzen, die die
Einquartierung von Soldaten mit sich brachten und zur Verschuldung
Einzelner oder ganzer Gemeinschaften fuehrten, die jene selbst im 18.
Jahrhundert noch die finanziellen Folgen des Dreissigjaehrigen Krieges
spueren liess.

Waehrend Kriege heute selbstverstaendlich viel Geld kosten, handelt es
sich bei den antiken Kriegen um ein bislang vernachlaessigtes Gebiet.
Obwohl die Rezensentin Parallelisierungen zwischen Moderne und Antike
sehr zurueckhaltend bis ablehnend gegenuebersteht, zeigt sich in der
Welt der unveraenderlich nuechternen Zahlen jedoch, dass -- damals wie
heute -- Geld entscheidend fuer den Kriegsausgang war, man mit Bilanz-
und sonstigen Finanztricks versucht hat, finanzielle Probleme
umzuschichten, dass Krieg nicht nur zerstoerte, toetete und Opfer
produzierte, sondern es offenbar immer Menschen gab, die der Krieg
ernaehrte, die von ihm lebten, an ihm verdienten, mit ihm spekulierten.
Gerade zur Vergegenwaertigung dieses Umstandes traegt der
interdisziplinaer uebergreifende Ansatz auch bei. Obwohl in den
Beitraegen teils sehr viele Zahlen, Daten und sonstige Fakten
praesentiert wurden, teils in Tabellen und Grafiken aufgearbeitet,
tragen sie nicht zur Ernuechterung des Rezipienten bei, sondern
vermoegen beim zunehmenden Einblick in diese Materie durchaus Interesse
zu wecken.


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Notes:


1.   Vgl. Wolfram Martini, Raum und Ritual im roemischen Triumph. Die
Wegstrecke des Triumphzuges, in: Triplici invectus triumpho. Der
roemische Triumph in augusteischer Zeit, hrsg. v. Helmut Krasser,
Dennis Pausch, Ivana Petrovic, Stuttgart 2008 (=PAwB 25), S. 91.

2.   Das Projekt ist heute an der Universitaet Erfurt beheimatet Antike
Kriegskosten (http://www2.uni-erfurt.de/kriegskosten/)  (Stand:  31.
Mai 2009).

3.   Vgl. Adrian Goldsworthy, The Fall of Carthage. The Punic Wars
265-146 BC, London 2004, S. 308.

4.   Vgl. Klaus Zimmermann, Rom und Karthago, Darmstadt 2005, S. 87.

5.   Vgl. Zimmermann 2005 (z.n. Anm. 4), S. 82.

6.   So auch Pedro Barcelo/, Hannibal. Stratege und Staatsmann,
Stuttgart 2004, S. 203., Vgl. Goldsworthy 2004 (z.n. Anm. 3), S. 331.
Jakob Seibert, Hannibal, Darmstadt 1993, S. 477, 479 fuehrt an, die
Vernichtung Karthagos sei wahrscheinlich intendiert gewesen,
letztendlich aber an den Kriegskosten gescheitert.

7.   Vgl. Zimmermann 2005 (z.n. Anm. 4), S. 82.