BMCR 2009.08.30: Draeger on Schrott, Homer. Ilias; Homers Heimat: der Kampf um Troia und seine realen Hintergruende

Bryn Mawr Classical Review <[email protected]> Wed, 12 Aug 2009 12:05:29 -0400 (EDT)
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Raoul Schrott, Homer. Ilias.  Muenchen:  Carl Hanser Verlag, 2008.  Pp.
xl, 630.  ISBN 9783446230460.  EUR 34.90.

Raoul Schrott, Homers Heimat: der Kampf um Troia und seine realen
Hintergruende.  Muenchen:  Carl Hanser Verlag, 2008.  Pp. 426.  ISBN
9783446230231.  EUR 24.90.

Reviewed by Paul Draeger, Trier ([email protected])
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[Der vorliegende Text ist eine Kurzfassung. Die vollstaendige Fassung
(68 S.) kann abgerufen werden unter Rezension-Schrott-Homer
(http://www.uni-tuebingen.de/troia/deu/Rezension-Schrott-Homer.pdf).]

"Die Uebersetzung eines griechischen Gedichtes kann nur ein Philologe
machen. Wohlmeinende Dilettanten versuchen es immer wieder, aber bei
unzureichender Sprachkenntnis kann nur Unzureichendes herauskommen"
(Wilamowitz).[[1]]

Schrotts Ilias-"Uebertragung" zerfaellt in drei Hauptteile: Teil I:
"Zur Ilias/Zu dieser Fassung" (p. V-XL) -- Teil II: "Uebertragung" der
Ilias, gerahmt von Inhaltsangaben der Kypria und der Aithiopis: p.
1-523 -- Teil III: "Anhang" (p. 525-621) und "Inhalt" (p. 623-631). --
Wir betrachten zunaechst kurz Teil I und Teil III, um uns danach auf
das Kernstueck, die sogenannte "Uebertragung", zu konzentrieren.
Bewusst nicht vermieden sind Bezugnahmen auf Schrotts vorangegangene
Monographie Homers Heimat, in der eine im deutschsprachigen Raum
waehrend des ganzen Jahres 2008 zu z.T. sensationell aufgemachten
Feuilleton-Ehren gelangte, auch in der vorliegenden "Uebertragung"
zugrunde gelegte [p. V-XXIX] absurde Entstehungshypothese der Ilias,
die sogenannte 'Kilikien-These', aufgestellt wird. Deren Kernpunkt ist
die 'Entdeckung', das 'wahre' Troia der uns vorliegenden Ilias sei
nicht das an den Dardanellen im Nordwesten der heutigen Tuerkei von
Calvert/Schliemann ausgegrabene und dann seit 1988 unter der Leitung
von M.Korfmann, seit 2006 unter derjenigen von E.Pernicka (beide
Universitaet Tuebingen) in grossem Rahmen international und
interdisziplinaer weiter erforschte Areal (heute: Hisarlik), sondern
das 800 km Luftlinie entfernte, im Sueden der Tuerkei im Binnenland
gelegene Ka/ratepe ('Schwarzberg', spaet-hethitisch Azatiwada) und das
100 km Luftlinie davon entfernt im Suedwesten zum Meer hin um das
spaet-hetithische Adanija (heute die Millionenstadt Adana) gelegene
Areal im spaeter 'Kilikien' (hethitisch: Kizzuwatna; assyrisch:
Hillaku) genannten Gebiet; Homer, der seine kilikische Heimat mit ihrer
Zeitgeschichte in die alte Troia-Sage hinein"projiziert" (so auch Ilias
p. XI), also gewissermassen Azatiwada (Ka/ratepe) ins Dardanellen-Troia
hineingeschmuggelt habe, sei ein griechischer Schreiber und Eunuch in
einer auf dem heutigen Ka/ratepe gelegenen assyrischen Residenz-Kanzlei
gewesen, der -- mit Ortskenntnissen der Troas ausgestattet -- seine
Epen unter Verwertung des alten Troia-Sagenstoffes vornehmlich aus
orientalischen Quellen, wie dem Gilgamesch-Epos, aus diversen
orientalischen Erzaehlungen und Dokumenten sowie aus
zeitgeschichtlichen assyrischen Ereignisablaeufen kompiliert habe.
Aufgebaut wird diese bewundernswert phantasievolle These auf der
Annahme, die Insel Zypern sei Namensgeberin der 'Zypriotischen
Geschichten' (so versteht Schrott faelschlich Kypria), und mit diesen
sei die ganze Troia-Geschichte in das Zypern gegenueberliegende
Kilikien gelangt ("Homers Heimat" p. 84-93). Diese Spekulation laesst
sich mit einem einzigen Satz erledigen: Nach uralter Vermutung
erhielten die Kyprien ihren Titel (der lediglich 'Kyprisches' bedeutet)
von jemandem, der die Dominanz der auf Zypern geborenen Kypris =
Aphrodite im Kausalgefuege dieses nachhomerischen Epos erkannt
hat;[[2]] Zypern hat also -- ebenso wie Kilikien -- mit dem Troia-Stoff
gar nichts zu tun. Gegen diese ganze Kilikien-Phantasterei ist von
Fachwissenschaftlern in den deutschsprachigen Medien von Skepsis bis
zur Verhoehnung bereits ausgiebig protestiert worden. In der
vorliegenden Besprechung der Ilias-"Uebertragung" wird dieser Protest
u.a. durch eine bislang gaenzlich unbeachtet gebliebene
(naturkundliche) Ebene der Gegenargumentation ergaenzt.

Zu Teil I: Dieser separat paginierte Teil (p. V-XL) des Buches koennte
als 'Einfuehrung' bezeichnet werden. Er ist zweigeteilt: Der erste
Unterabschnitt (1: p. V-XXX) gibt Schrotts Ilias-Konzeption wieder, der
zweite (2: p. XXXI-XL) legt Rechenschaft ueber seine
'Uebertragungs'-Methode ab. -- Zu (1): Die vorgelegte Ilias-Konzeption
ist aus meist unverstandenen Forschungsfragmenten und eigenen
Phantasien zusammengebastelt und dementsprechend voellig abstrus (die
Ilias sei um 660 entstanden und stelle eine 'Einwebung' zwischen den
beiden "bunten Erzaehlteppichen" der "zypriotischen Erzaehlungen" und
der Aithiopis dar, in welcher der "judaeisch-kilikische Aufstand gegen
die Assyrer um 700" thematisiert werde [V]; Homer habe sich "des
troianischen Sagenstoffes bedient, um die Konflikte zwischen Kilikern
und ihren assyrischen Machthabern aufarbeiten zu koennen" [XXV]; der
Name 'Homeros' sei eine "levantinische Bezeichnung fuer eine
Saengergilde -- bene homerim", und die Herkunft dieses Namens lasse
sich dank einer spaetantik ueberlieferten nordsyrischen Stadt namens
[H]Omeros "geographisch fixieren" [VIII]; der kilikische Homer gebe
Helenas Entfuehrer Alexandros den Beinamen Paris, um damit auf den
kilikischen "Herrschersitz Pahri" zu verweisen [XII], usw.). Eine
wissenschaftliche Auseinandersetzung damit ist ebenso unmoeglich wie
ueberfluessig; Laien, die das Buch gutglaeubig erwerben, werden nicht
in die gegenwaertige Homer-Forschung eingefuehrt, sondern in eine
Phantasiewelt entrueckt.

Zu (2): Was Schrott hier auf zehn Seiten zu seiner Fassung sagt,
besteht aus radikalem Homer-Verriss und arroganter Selbstbespiegelung:
"die fuer Homer typische unbeholfene Ausdrucksweise subjektive
Denkprozesse betreffend"; Homers Formulierungen sind "zu umstaendlich,
statt knapp und direkt"; "die Phrasen bleiben schemenhaft und blass":
XXXVI; Homers Uebersetzer von Voss bis Hampe haben nur
Homer-"Travestien" zustandegebracht: XXXIf.; Schrott hingegen "versucht
[...] Homer von seinem Ufer abzuholen, um ihn ins Heute zu bringen":
XXXIII; die vorliegende Fassung "adaptiert die homerische Diktion in
einem modernen Duktus, der vom hohen Ton bis zum lakonisch
Hingeworfenen und Derben eine weitaus groessere Ausdrucksweise
umfasst". Alles in allem: Homer war ein Stuemper, seine Uebersetzer
desgleichen, und es bedurfte eines Schrott, um Homer zum Dichter und
sein Werk mittels vorliegender "Uebertragung" zu Dichtung zu machen.
Die Ursache der Naivitaet, die hinter diesem 'Ins-Heute-Bringen-Wollen'
steht, ist das kardinale Unverstaendnis fuer die Dimension des
Geschichtlichen in Kunst und Kultur ueberhaupt. Schrotts "Uebertragung"
geraet folgerichtig zur Karikatur.

Zu Teil II ("Uebertragung"; p. 1-523): Erwarten wuerde man hier
eigentlich nur die Uebersetzung der Ilias. Schrott laesst dieser aber
eine 'Inhaltsangabe' der Kypria vorausgehen und eine solche der
Aithiopis folgen (beide habe er aus Proklos, Apollodorus[!],
Athenaeus[!], aus "dem"[!] Pindar-Scholiasten und "dem"[!]
Ilias-Scholiasten "kollationiert" [p. 11; 523; gemeint: 'kombiniert']).
Diese Einbettung in die Troia-Gesamtgeschichte ist fuer den
nicht-professionellen Leser durchaus nuetzlich (die Zuweisung einzelner
Erzaehlungsbestandteile an bestimmte Buecher der beiden Epen ist
freilich Phantasie). Dann aber sollte diesem Leser das Verhaeltnis
zwischen Ilias und den Epen des 'Epischen Kyklos' auch erklaert werden.
Stattdessen versorgt Schrott den Leser mit Fehlinformationen: Homer
"schiebt" seine Geschichte nicht "zwischen den Kypria und der Aithiopis
ein" (p. VIII), sondern Kypria und Aithiopis sind nachhomerische
Ergaenzungsprodukte, die durch Versifikation der vorhomerischen
muendlichen Troia-Gesamtgeschichte die vor- bzw. nach-iliadischen
Ereignisse nachtragen. Statt diese Nachtraege aber nun wenigstens
vollstaendig zu praesentieren ([Aithiopis], Kleine Ilias, Iliupersis,
Nostoi, [Odyssee], Telegonia), hoert Schrott mit der Aithiopis auf. Dem
Leser bleibt dadurch vieles unverstaendlich (z.B. p. 6 die nie zuvor
erwaehnten "Eide" [Apollodor 3,132; Epit. 3,6]), oder er wird weiterhin
ungenau informiert: "[...] und vom Troianischen Pferd und dem Fall
Ilios' berichtet erst die Odyssee": p. VII (vom Pferd berichtete
bereits der Stoff der Kleinen Ilias, von Troias Fall derjenige der
Iliupersis; die Odyssee enthaelt nur einen Rueckblick: 8,492-520).

Bevor wir zur Ilias-"Uebertragung" kommen, rasch noch ein paar
Bemerkungen zuTeil III ("Anhang", p. 525-631). Geboten wird hier als
Kernstueck ein fast 90seitiger Kommentar zur "Uebertragung" aus der
Feder des Grazer Althistorikers Peter Mauritsch (p. 527-616), dazu eine
Zusammenstellung der "Figuren der Ilias" (p. 617-621; die Goetter
fehlen[!]) und eine neunseitige Inhaltsangabe der Ilias. -- Die
Haupttendenz des Kommentars liegt erstaunlicherweise darin, dass er
Schrotts "Uebertragung" staendig am griechischen Original 'korrigiert',
sich also kontraproduktiv zu seinem 'Auftraggeber' (Schrott hatte
Mauritsch mit der Erarbeitung des Kommentars beauftragt, s. Impressum
p. 2) verhaelt. Offenbar halten 'Uebertraeger' und Verlag die
Publikation einer "Uebertragung" und deren permanente Widerlegung in
ein und demselben Buch fuer besonders originell. Statt dieses Undings
haette Schrott Mauritschs Richtigstellungen von vornherein uebernehmen
und dem Kommentar lediglich Sacherklaerungen u.dgl. ueberlassen sollen.
Wo Mauritsch solche gibt, sind sie dann allerdings nicht immer
zuverlaessig (z.B. 2,715: Gatte der Alkestis ist Admetos, nicht
Pelias); an manchen Stellen vermisst man sie ueberhaupt (z.B. 7,468 zu
Iason, Euneos, Hypsipyle); zudem fehlen Quellenangaben zu woertlichen
Zitaten (z.B. 7,141; 17,210). Im Uebrigen enthaelt Mauritschs Kommentar
dieselben Untugenden wie die "Uebertragung" seines Landsmannes Schrott:
Er ist durchsetzt mit Austriazismen und Verstoessen gegen die deutsche
Grammatik und Interpunktion sowie uebersaet mit Druckfehlern
[umfangreiche Belegsammlung in der Langfassung].

Damit kommen wir zum Kern des Buches, zur Ilias-"Uebertragung" (p.
13-517). Als erstes (bezeichnendes) Beispiel sei das (erweiterte)
Prooemium, Ilias 1,1-10 vorgefuehrt, zunaechst in der fluessig lesbaren
Uebersetzung Schadewaldts:


"Den Zorn singe, Goettin, des Peleus-Sohns Achilleus,
Den verderblichen, der zehntausend Schmerzen ueber die Achaier brachte
Und viele kraftvolle Seelen dem Hades vorwarf
Von Helden, sie selbst aber zur Beute schuf den Hunden
(5) Und den Voegeln zum Mahl, und es erfuellte sich des Zeus Ratschluss
--
Von da beginnend, wo sich zuerst im Streit entzweiten
Der Atreus-Sohn, der Herr der Maenner, und der goettliche Achilleus.
Wer von den Goettern brachte sie aneinander, im Streit zu kaempfen?
Der Sohn der Leto und des Zeus. Denn der, dem Koenige zuernend,
(10)  Erregte eine Krankheit im Heer, eine schlimme, und es starben die
Voelker [gemeint: Leute]."

Dasselbe in Schrotts 'Uebertragung (Schrotts unuebersichtliche
Vers-Numerierung in 25er-Abstaenden ist durch pentadische Verszaehlung,
die Laengenzeichen durch Akut ersetzt):


me/nin a/eide, thea/, peleia/deo achile/os
oulome/nen, he/ myri/' achaioi/s a/lge' e/theken


von der bitternis sing, goettin -- von achilleu/s, dem sohn des peleu/s
seinem verfluchten groll, der den griechen unsaegliches leid brachte
und die seelen zahlloser krieger hinab in das haus des hades sandte
die blutvollen leben dann nur noch fleisch an dem die hunde frassen
(5)  den voegeln ein festmahl -- und wie zeus' wille sich dadurch
erfuellte ...
sing, muse, und beginn mit dem moment wo der goettliche achilleu/s
sich in einem streit mit seinem kriegsherrn agamemnon entzweite.
doch welcher der goetter hatte sie gegeneinander aufgehetzt?
es war apollon, zeus' sohn mit leto: vor lauter aerger ueber agamemnon
(10)  hatte er im lager eine pest ausbrechen lassen die das heer
dahinraffte;

Als dekuvrierendes Motto fuer Schrotts 'Uebertragungs'-Art sei
programmatisch der erste Satz von "Homers Heimat" vorangestellt (p.
11):

"Die Ilias umfasst 15693 Hexameter; um sie ins Deutsche zu uebertragen,
waelzt man Kommentare, Woerterbuecher und Studien zu den einzelnen
Stellen und vergleicht die vielen Uebersetzungen anderer, um auf den
Sinn der Zeilen zu kommen und stimmige deutsche Saetze fuer sie zu
finden."

Was ist denn nun der von Schrott offenbar vor allem aus den "vielen
Uebersetzungen anderer" erschlossene "Sinn" zumindest der ersten beiden
"Zeilen"? Im griechischen Original ist er klar: Der anonyme Saenger
fordert die Goettin (Muse) auf, den verderbenbringenden Groll des
Peleus-Sohnes Achilleus zu singen.

Bei Schrott dagegen ist der Sinn fuer jeden Normalleser
unverstaendlich:

(1) Zunaechst versteht man: Eine Goettin soll von "der bitternis"
singen. Frage: von was fuer einer Bitternis?

(2) Auf Klaerung hoffend liest man weiter: "von achilleu/s, dem sohn
des peleu/s". Frage: In welchem Zusammenhang steht diese Angabe zu der
"bitternis"?

Antwort: Offensichtlich in gar keinem. Das "von der bitternis" bleibt
ungeklaert in der Luft haengen, und es wird statt einer Klaerung ein
zweiter Sangesgegenstand angekuendigt: "von achilleu/s, dem sohn des
peleu/s". Die Goettin soll also (a) von einer Bitternis singen, (b) von
Achilleus.

(3) Dann aber liest man -- aufgrund fehlender Interpunktion am
Vers-Ende fliessend in "Zeile" 2 hinuebergeleitet --: "seinem
verfluchten groll". Frage: wessen verfluchtem Groll? Stuende hinter
"peleu/s" Komma oder Doppelpunkt, koennte man "seinem verfluchten
groll" als erklaerende Apposition zu 'achilleu/s' bitternis' verstehen.
Das wuerde bedeuten: Die Bitternis (des Achilleus) soll erklaerend
nuanciert werden durch ein zweites Gefuehlswort: 'Groll'.

(4) Es steht aber keine interpunktionelle Lesehilfe hinter V. 1. Also
wird der Leser im Unklaren darueber gelassen, (a) von wessen Groll hier
die Rede ist: von dem des Achilleus oder von dem des Peleus? (b) was
der "groll" mit der "bitternis" zu tun hat.

Es ist anzunehmen, dass Schrott das so nicht gemeint hat. Aber er
verhindert diese Unverstaendlichkeit nicht. Er sieht nicht, wie
verstaendnisbehindernd, ja sinnvernichtend seine fehlende bzw.
unkonventionelle, offenbar als "Poesie"-Signal gedachte Interpunktion
wirkt. Das Ergebnis ist katastrophal: Die "Uebertragung" schon des
monumentalen ersten Ilias-Verses ist gaenzlich missglueckt. Dass sie
Homer sprachlich unsaeglich verschandelt, ist schon schlimm genug. Viel
schlimmer aber noch: Sie laesst den Leser das vom Dichter gemeinte
Thema gar nicht erst erkennen, zumal das Thema-Wort (menin, "Groll"),
das erste Wort der europaeischen Literatur ueberhaupt, verflachend
seiner Wucht beraubt wird durch das semantisch inadaequate "bitternis"
(erst in V. 2 folgt nachklappernd das im Original donnerkeilartig
herniederfahrende Anfangswort "groll"; zu dessen emotionalem
Bedeutungskern s. Basler Kommentar I 2, p. 12f.); der
Eroeffnungs-Paukenschlag des Originals -- 'GROLL singe, Goettin, (den
Groll) des Peleus-Sohnes ACHILLEUS!' -- wird zerhackt ("von der
bitternis sing, goettin -- von achilleu/s, dem sohn des peleu/s /
seinem verfluchten groll") und bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Im
Text steht kein alltags-griechisches ade moi, o thea, peri tes tou
Achilleos menidos, sondern hier ist ein Gestaltungswille am Werk, der
eine bewusste Erhoehung vom Banalen ins Hochpoetische bewirkt.

Schrotts Deutschlernversuche allein (s. unten) erklaeren das nicht.
Anhand des ersten von 15693 Ilias-Versen waere damit das Urteil ueber
diese Art von "Uebertragung" im Grundsatz schon gesprochen. Diese Basis
waere freilich allzu schmal. Wir fahren also fort, konzentrieren uns
jedoch auf Prinzipielles.

(1) Verkennung der Autonomie des Originals

Die "goettin" (V.1) wird bei Schrott zur (im Original nicht
vorhandenen) "muse" (V.6); die "Achaier" zu beliebigen "griechen"
(V.2); der "Atride" (V.7) zu "agamemnon"; "Letos und Zeus' Sohn" (V.9)
zu "es war apollon, zeus' sohn mit leto", und der "Koenig" (V.9) wieder
zu "agamemnon". Diese explizit modernisierende Belehrungs-Intention --
Schrotts erklaertes Arbeitsprinzip[[3]] -- ist Homer natuerlich fremd
und daher fuer etwas, was "Uebertragung" sein will, einfach falsch:
Fuer Belehrung bzw. Erklaerung hat die alexandrinische Philologie
bereits im 3.Jh.v.Chr. ja gerade die Kommentare (Hypomnemata) erfunden;
der Zweck dieser Erfindung ist es, den Wortlaut des Originaltextes in
seiner Authentizitaet belassen zu koennen (implizit ja auch hier so:
Wozu sonst Mauritschs "Kommentar"?). Vermischung von Originaltext und
Kommentar bedeutet Tod des Originals. Da ein Literaturwissenschaftler
diese Elementarfakten eines literaturwissenschaftlichen Grundstudiums
kennen duerfte, bleibt nur die Erklaerung, dass er sie unter dem
Vorwand, "das Original moeglichst fussnotenfrei zugaenglich" machen zu
wollen (p. XXXIV), einfach vom Tisch wischt.

(2) Pointen-Verkennung

(a) Bei Schrott "sandte" der Groll "die seelen zahlloser krieger" zum
Hades, und "die blutvollen leben" sind dann "nur noch fleisch an dem
die hunde frassen" (V.3/4). Die Pointe des Originals ist damit
verkannt: Der Groll "sandte viele Leben [nicht "Seelen"; psyche/
bedeutet bei Homer nie 'Seele'] von Helden [nicht einfach 'Kriegern']
zum Hades", "sie selbst aber [naemlich die (toten) Helden, also die
Leichname, nicht "die blutvollen leben"] machte er zum Frass fuer
Hunde". Der Gegensatz 'Das Lebendige geht zum Hades, zurueck bleibt das
Tote' (ein Glaubensdogma, an das nicht nur Platon anknuepfen wird)
bleibt unerkannt. -- (b) V.7 ("der Atride, der Herr der Maenner, und
der vortreffliche Achilleus") ist im Original planvoll als
monumental-geschlossene Einheit mit 'sprechendem' Chiasmus gestaltet
und macht damit die polare Ent-Zweiung der beiden Protagonisten im
wahrsten Wortsinn 'augenfaellig'. Schrott 'uebertraegt', auf zwei Verse
aufgeteilt und unter Vertauschung der Reihenfolge beider Namen: "wo der
goettliche achilleu/s / sich in einem streit mit seinem kriegsherrn
agamemnon entzweite". Dass der Dichter hier den Graben zwischen diesen
beiden Maennern, also den Grundkonflikt des Werks, mit Worten 'malt' --
diesseits steht der Atride, jenseits Achilleus --: Schrott sieht es
nicht. Poetisches Gespuer sucht man hier vergebens.

Vielleicht klaert uns eine seiner Spielereien auf: In seine
"Uebertragung" streut er ca. 110 Mal zwei (2,484-487 sogar vier) aus
dem Original in lateinische Schrift -- oft fehlerhaft -- transkribierte
Verse ein. Verteilungsprinzip, Zweck und Sinn dieser Arabesken lassen
sich (trotz p. XL: "Das Druckbild der Zitate ist symbolisch zu
verstehen"[?]) nicht erkennen. Soll etwa Kenntnis der griechischen
Buchstaben und damit der griechischen Sprache vorgetaeuscht werden?
Falls dies zutrifft, ist der Versuch gruendlich misslungen: Die
(unkorrigiert gebliebene) Fehlerhaftigkeit zeigt genau das Gegenteil
des Beabsichtigten: dass wirkliche Griechischkenntnis nicht vorliegen
kann. Damit ist die Ursache fuer Schrotts Unverstaendnis der
Homerischen Poesie gefunden: Ohne gruendlichste Kenntnis der
Originalsprache kann eine adaequate Uebersetzung eines Textes aus
irgendeiner Sprache nie zustandekommen.

(3) Verkennung der Epitheta-Funktion

In seiner 'Einleitung' (p. XXXVIIf.) stellt Schrott die von den
Alexandrinern vorbereitete, von der modernen Forschung (Gottfried
Hermann, Milman Parry) als richtig erwiesene Erkenntnis, wonach die
Homerischen Epitheta -- als altes Erbgut aus der improvisatorischen
Muendlichkeitsphase -- zumeist Lueckenfueller sind, wieder auf den
Kopf. Sie seien im Gegenteil "kontextgebunden" und "dynamisch". An der
folgenden Passage (1,565-583, Streit Zeus/Hera) laesst sich zeigen, zu
welchen Verkrampfungen die Umsetzung dieses Fehlverstaendnisses fuehrt.
Darueber hinaus enthuellen sich an diesem Textstueck auch alle weiteren
Untugenden der Schrottschen"Uebertragung". Wir setzen zwecks
Platzersparnis die Schadewaldtsche Uebersetzung voraus und zitieren
gleich Schrott:


(565) "bleib nur still sitzen auf deinem thron und tu, was ich dir sag;
ich warne dich: die andren goetter werden dir keine hilfe sein;
muss ich denn wirklich erst aufstehen und dir ein paar langen?
da weiteten sich heras augen nun, diesmal aber vor angst;
sie biss sich auf die zunge, ihre ellenbogen weiss am sessel --
(570)  und die himmelsgoetter waren wie vor den kopf geschlagen.
einzig der fuer seine geschicktheit bekannte he/phaistos ergriff
das wort und kam seiner mutter hera gedankenschnell zu hilfe:


e de/ loi/gia e/rga tad' e/ssetai, oud<'> et' anekta/
ei de/ spho/ he/neka thneton eridai/neton hode


was fuer ein schwarzer tag! nicht auszuhalten dass ihr euch
wie zwei dohlen streitet, bloss wegen ein paar sterblicher -
(575)  und alles in einen ehekrieg ausartet dass einem beim essen
der appetit vergeht vor dem, was da jetzt in der luft liegt ...
der mutter werde ich gut zureden - sie weiss es ja am besten
dass sie zu unsrem vater nett sein muss, damit er nicht wieder
in seine schimpfereien ausbricht und uns dieses fest verdirbt.
(580)  denn hat ers wirklich drauf angelegt, unser blitzeschleuderer
haut er uns von unseren hockern - der ist ja weit staerker als wir.
nein -- sei lieber nett zu ihm und schmier ihm honig ums maul:
du wirst sehen, bald ist er wieder unser grundguetiger alter zeus!"

Vorweg einige Formalien. Zur Marotte der Kleinschreibung nur dies: sie
erschwert permanent das Verstaendnis und stellt dadurch ein radikales
Abschreckungsmittel dar, besonders in Verbindung mit Schrotts
rudimentaerer Interpunktion (s. oben). Dass Schrott durch weitgehende
Ignorierung ausgerechnet dieser Verstaendnishilfe seine eigene
Intention, Homer "ins Heute zu bringen" (p. XXXIII; s. oben), eklatant
konterkariert, merkt er offensichtlich nicht [weitere Belege s. in der
Langfassung]. -- Ein sehr grosses und geschmackloses Lesehindernis
bilden Elisions-Exzesse, die ueber das seit Homer selbst
rhythmusbedingt Uebliche (hier: "ich ... sag": 565) hinausgehen. In
unserem Textstueck beginnt das mit "ers" (580) und weitet sich an
anderen Stellen der "Uebertragung" aus zu Monstrositaeten wie: "aufn
schultern" (2,259), "ergriff ... wieders wort" (2,433), "ers nest"
(12,222), "bis sies muede sind" (18,281), "nochs werkzeug" (18,409),
"dass einems herz" (19,229), "erst wenns schicksal" (20,336), "ausm"
(21,492), "ihms" (21,551). Moeglicherweise wuerde Schrott das mit
seiner "flexiblen Rhythmik" begruenden, "die jedoch weder ungebunden
noch frei ist" (p. XXXV). Der Rez. vermag allerdings in Schrotts
"Uebertragung" weder von einer 'ungebundenen' noch 'freien flexiblen
Rhythmik' noch von einem 'freien Vers' etwas zu erkennen. Rhythmus ist
aber eine der Grundkonstituenten antiker Dichtung. Seine Ignorierung in
einer "Uebertragung" antiker Dichtungen bedeutet daher letztlich eine
die Original-Intention des Dichters eliminierende Entpoetisierung.

Vor der Behandlung der Epitheta und Formeln noch eine generelle
Bemerkung zum Ton, den Schrott bei der Wiedergabe dieser -- im Original
bei allem Uebermut die Grenzen wahrenden -- Szene anschlaegt: eine
unsaegliche Trivialisierung bzw. Infantilisierung der Diktion, die sich
dann fortsetzen wird und die -- zumal in ihrer Vulgarisierung (s.
unten) -- ueber 24 Buecher hinweg nur schwer auszuhalten ist: "muss ich
denn wirklich ... dir ein paar langen", "alles in einen ehekrieg
ausartet dass einem beim essen der appetit vergeht", "haut er uns von
unseren hockern" und "schmier ihm honig ums maul"; dazu eine -- im
wahrsten Sinne -- hemdsaermelige, stil-unangemessene 'Jovialisierung':
"zu unsrem vater", "unser blitzeschleuderer", "unser grundguetiger
alter zeus". Das ist nicht Homerischer Olymp, sondern Schrottsche
Wohnkueche.

Nun zu den Epitheta bzw. Formeln:

Im Text-Zitat erscheinen zwei typische Standard-Epitheta:[[4]] das
generische (d.h. nicht nur auf eine bestimmte Person bezuegliche), in
der zeitgenoessischen Kunst als 'grossaeugig' gedeutete
Schoenheits-Epitheton Heras, boopis (568; "kuhaeugig" Schadewaldt),
sowie das distinktive, nur auf den Schmiedegott Hephaistos angewandte
klytotechnes (571; "der kunstberuehmte", Schadewaldt). Hier nur zum
ersten: Schrott 'uebertraegt' es 568 mit "da weiteten sich heras augen
nun, diesmal aber vor angst" und kommentiert p. XXXVII: "In der
ueberwiegenden Anzahl der Faelle zeigt sich, dass Homer sie [die
Epitheta] kontextbezogen verwendet. [...] Staucht Zeus seine Gattin
Hera zusammen, indem er sie das erste Mal [1,551] aus der Fassung
bringt, ihr beim zweiten Mal [1,568] aber [...] Angst einjagt, heisst
es jedesmal stereotyp: 'und die kuhaeugige Hera erwiderte ihm' " (Das
ist falsch! Homer sagt in 1,568 ausdruecklich: 'So sprach er. Und in
Furcht geriet die grossaeugige Herrin Hera'; von 'erwidern' ist hier
gerade nicht die Rede; Schrott versteht seinen Selbstwiderspruch
nicht.) "Auf die Situation bezogen erhaelt dieses starre Bild jedoch
jedesmal einen anderen Gesichtsausdruck: zuerst macht sie ihm noch
unglaeubig grosse Augen; dann weiten sich diese vor Angst." -- Und in
20,309 z.B. ist dieselbe boopis Hera bei Schrott "kalten augs". -- In
dieser Manier geht die Aufloesung stehender Epitheta in
Situationsbezogenheit weiter [Belegsammlung in der Langfassung].

Zu welchen willkuerlichen Auswuechsen das fuehrt, zeigen Beispiele wie
die folgenden: 2,230 werden aus den 'pferdebaendigenden Troern' bei
Schrott in Thersites' Munde "diese reichen troianischen rosstaeuscher";
2,278 wird der zur Rede ansetzende 'Staedtezerstoerer Odysseus'
zeugmatisch amplifiziert zu "odysseus, der nicht nur eine stadt /
sondern auch sein publikum einzunehmen wusste"; 3,305 laesst Schrott
Priamos, der "nach Ilios, der winddurchwehten" zurueckkehren will, sich
entschuldigen mit "der wind weht um ilios. ich kehre in mein haus
zurueck". Und seine "Uebertragung" "dickbauchige" fuer das stehende
Schiffs-Epitheton glaphyrai 'gewoelbte' begruendet Schrott unfreiwillig
komisch damit, dass vorher die Zeugung der beiden Admiraele durch Ares
geschildert war, der heimlich ihre Mutter geschwaengert hatte
(2,511-516) ...

Nicht immer reicht allerdings Schrotts Phantasie fuer eine extravagante
Deutung aus: Der 'fussschnelle' Achilleus, der bei ihm je nach
'Kontext' auch "geistesgegenwaertig" (9,196), "gewandt" (9,307),
"geistesschnell" (23,193) oder "schnell von begriff" (24,559) sein kann
(denn das -- so Schrotts 'Entdeckung' -- ist das, was Homer eigentlich
mit seinem unbeholfen-stereotypen 'fussschnell' meint), geht in 1,364
seines Standard-Epithetons sang- und klanglos verlustig: "und
achilleu/s, wie er so auf dem strand hockte, sagte heiser".

Die vorhomerische muendliche Improvisationsdichtung hatte nicht nur die
Wiederholung von Epitheta, sondern auch diejenige von Einzelversen und
sogar ganzen 'typischen Szenen' (wie Ankleiden und Ruesten, Ankunft und
Begruessung etc.) zwecks Improvisationserleichterung erzwungen.
Gleichsam eine Zwischenstellung zwischen Iterat-Versen und typischen
Szenen bilden wiederholte, auch aus Pflanzen- und Tierleben entlehnte
Gleichnisse. Diese machen nun ausdruecklich einen der zwoelf Punkte
aus, auf die Schrott seine abwegige Kilikien-These gruendet, "Homers
Heimat" p. 13: "[1.] Als Heimat Homers laesst sich das griechische
Festland oder die Westkueste Kleinasiens ausscheiden [...] -- [4.]
Aussagekraeftig sind auch die Landschaftsbeschreibungen der homerischen
Gleichnisse. Sie stimmen in ihren agrarischen und geographischen
Spezifika alle mit Kilikien und kaum je mit der Troas ueberein".
Tatsaechlich? Ein zweimal vorkommendes Gleichnis aus dem botanischen
Bereich, in dem der Schlachtentod von Kriegern mit dem Niederstuerzen
eines Baumes parallelisiert wird, Ilias 13,389-393=16,482-486, lautet
(zunaechst in der Uebersetzung des Rez.):


und er stuerzte, wie wenn eine Traubeneiche (drys) stuerzt oder
Zitterpappel (acherois)
oder Schwarzkiefer (pitys), eine emporragende, die in den Bergen
Zimmermaenner
herausschlugen mit Aexten, neugeschliffenen, auf dass sie ein
Schiffsbalken sei:
So lag er vor den Pferden und dem Wagen hingestreckt,
bruellend, in den Staub verkrallt, den blutigen.

13,389-393 in Schrotts "Uebertragung" (Kursivierungen des Rez.):


"asios kippte um wie eine eiche, weisspappel oder hohe kiefer
die die zimmermaenner am berg mit scharfen beilen fuellen [lies:
faellen]


um aus dem stamm dann schiffsbalken herauszuarbeiten -
so roechelte er vor dem wagen und seinen schoenen pferden
sein leben aus, beide haende in den blutigen staub gekrallt."

16,482-486 in Schrotts "Uebertragung":


"und sarpedon krachte um wie eine pappel, eine eiche
oder hohe fichte, die zimmerleute mit scharfen aexten
am berg umhauen um schiffsbohlen draus zu machen:
so fiel sarpedon vor seinem wagen der laenge nach hin
seine finger in den blutroten staub gekrallt -- roechelnd /."

Ueber die Unterschiedlichkeit der "Uebertragung" trotz der im Original
identischen Semantik, Stilistik und Syntax der beiden Stellen sehen wir
jetzt einmal hinweg. Wir konzentrieren uns auf das Sachliche, in diesem
Fall Naturwissenschaftliche (Botanische).[[5]] Die Dreiheit
Traubeneiche (drys, Quercus petraea subsp. iberica) --
Zitterpappel/Espe (acherois, Populus tremula) -- Schwarzkiefer (pitys,
Pinus nigra subsp. pallasiana) wird beim ersten Mal nicht nur ohne
noetige botanische Spezifizierung (denn mit der phegos, Quercus
trojana, Troia-Eiche, kennt Homer eine weitere Eichenart), sondern auch
falsch wiedergegeben ("eiche -- weisspappel -- kiefer"): statt
lebendiger Feldforschung wohl totes Lexikon-Wissen.[[6]] In der zweiten
Passage ("pappel - eiche - fichte") sind nicht nur die beiden
Anfangsglieder ohne Grund vertauscht, sondern an dritter Stelle
erscheint ploetzlich mit "fichte" (Picea) sogar ein Baum, den es nicht
nur in Griechenland gar nicht gibt, wie schon das Fehlen einer
(alt-)griechischen Bezeichnung zeigt (vgl. ngr. ko/kkino e/lato): Auch
in der Troas, erst recht in Kilikien war die Fichte als typisch
nordischer, hoechstens bis Bulgarien (Rhodope-Gebirge) zu findender
Baum gaenzlich unbekannt! Dagegen mutiert die bei Homer in
Westanatolien nur im Idagebirge vorkommende Tanne (elate) bei Schrott
zur "kiefer" (14,287; vgl. 5,559)! [Weiteres in der Langfassung,
besonders im 'Kritischen Anhang'].

(4) Verkennung der Stilhoehe

Oben war schon von der "unsaeglichen Trivialisierung, Infantilisierung
bzw. Vulgarisierung der Diktion" die Rede. Zu begruenden versucht hatte
Schrott diesen Stil in den "Sieben Praemissen einer neuen Uebersetzung
der Ilias" unter dem Stichwort "Dekorum" folgendermassen:[[7]]

"bei all dem (scil. "Jammern und Luegen der Menschen" bzw.
"voyeuristischen Zynismus der Goetter") wahrt das Original jedoch sein
Dekorum [...] Insofern drueckt sich in diesem Dekorum die Zensur und
Selbstzensur jeder hoefischen Standesdichtung aus. Heute unerheblich
geworden, benennt diese Fassung deshalb dort, wo nur umschrieben und
angedeutet wird, das eigentlich Implizierte etwas deutlicher. [...] Sie
(scil. Schrotts Wortwahl) akzentuiert nur genauer <,> als es Dekorum
und Formelsprache zugelassen haetten."

Ausgerechnet der altertumswissenschaftliche Dilettant Schrott will also
"das eigentlich Implizierte", das die professionelle Homer-Philologie
seit den Bemuehungen der antiken Homer-Gelehrten, also seit etwa 2500
Jahren, herauszuarbeiten versucht, im Handstreich definitiv erkannt
haben, um es dann genauer zu akzentuieren"! Eine solche
Ueberheblichkeit ist schon wieder bewundernswert. Fuer Schrotts "etwas
deutlichere Benennung des eigentlich Implizierten" hier ein paar
Beispiele:

Droht Odysseus in 2,262 dem Thersites die Wegnahme von "Mantel und Hemd
und was deine Scham umhuellt" an, legt Schrott dem Herrscher von Ithaka
Gossensprache in den Mund: "den mantel, das hemd und den fetzen ueber
den eiern". -- Sagt Achill ueber Agamemnon in 9,377: "denn den Verstand
hat ihm genommen der ratsinnende Zeus", heisst es bei Schrott "dem hat
doch zeus ins hirn geschissen!" -- Sagt Menelaos in 17,19 zu Euphorbos:
"Zeus, Vater, nicht schoen ist es, sich uebermaessig zu ruehmen", wird
daraus bei Schrott: "bei zeus - was bist du doch ein arrogantes
arschloch!" [weitere Beispiele in der Langfassung].

Diese infantile Anal- bzw. Faekalsprache wird noch gesteigert durch
einen altmaennerhaft-luesternen Sexualslang:

3,447f.: "waehrend sich die beiden (Paris/Helena) liebten, dass die
bettpfosten wackelten" (Homer: "Die beiden nun betteten sich auf dem
gurtdurchzogenen Lager"). -- 9,336f.: "soll er sie doch voegeln / und
mit ihr gluecklich sein" (Homer: "bei der liegend / er sich ergoetzen
soll"). -- 14,313-315, Zeus zu Hera[!]: "geh doch spaeter; / und lieber
mit mir jetzt ins bett - auch wir haben ja schon / ewig nicht ..."
(Homer: "wir beide aber, wohlan, wollen uns, in Liebe gelagert,
ergoetzen"). -- 14,324, Zeus zu Hera[!]: "und nicht einmal bei [...]
alkmene [...] stand er mir so" (Homer: "auch nicht Alkmene (hat solches
Verlangen in mir geweckt"). -- 15,32, Zeus zu Hera[!]: "haben dich etwa
die goetter geschickt, damit du mit mir bumst?" (Homer: "damit du
siehst, ob dir hilft Liebe und Bett, / auf dem du dich mit mir
vereinigt hast, von den Goettern kommend").

Schrotts Rechtfertigung fuer diese Vulgarisierung der Homerischen
Dezenz arbeitet mit Vorstellungen ueber griechische Literatur, die
naive Selbstprojektion, und ueber ihre Rezeption, die -- nach eigenem
Eingestaendnis -- "Spekulation" sind (Replik [wie n.7] p. 474):

"waere der Text wirklich so grillparzerisch getragen<,> wie ihn uns die
Uebersetzungen bisher praesentiert haben, kein Mensch haette sich 24
Stueck solcher Gesaenge angehoert. Das[s] dazu auch Drastik und
Verstoss gegen das Dekorum gehoeren, scheint mir offensichtlich [...]
Sexuelle Motivik und Anlass fuer Obszoenitaet gibt's ja auch noch in
der Textform des Epos, die wir haben, mehr als genug."

Falls es Obszoenitaet bei Homer tatsaechlich gaebe -- es gibt sie aber
nicht --: Glaubt Schrott allen Ernstes, dass dann erst er haette kommen
muessen, um sie bewusst zu machen? Ist Schrotts geradezu begeistert
vorgetragene gossensprachliche Diktion nicht vielmehr eine jeder
Subtilitaet bare Geschmacksverirrung -- und dies bei jemandem, der sich
selbst als Poesie-Experten und "Dichter" bezeichnet?

Mittelbar hierher gehoert auch die Sucht nach Erzielung platter
Pointen: (1) geschmack- und stillose Kalauer (1,122:
"hochherrscherlicher argeier, du habgierigster geier von allen"; auch
gereimt, 11,365: "mach ich dich halt beim naechsten mal kalt"); (2)
Sucht nach zeugmatischer Ausdrucksweise (11,676f.: "seine
hinterwaeldler nahmen / die beine in die hand und wir ihnen die ochsen
ab"); (3) Literatur- und Bibel-Zitate, die es in der ersten
europaeischen Dichtung naturgemaess nicht geben kann (1,285: "agamemnon
der hoerte es wohl - doch es fehlte ihm der glaube"); (4) Anachronismen
(2,380: "das letzte stuendlein hat dann geschlagen" [vor Erfindung der
Uhr!]); (5) die Kulturdifferenz nivellierende Fremdwoerter (10,321-327:
"explorieren, adjudizieren, penetrieren, deliberieren"); (6)
Austriazismen (9,940: "angetrenzt" ['besudelt']; 14,457: "hatschen"
['hinken']; 23,782: "die goettin da hat mich ums haxel gehauen" [Homer:
'mir die Fuesse beschaedigt']). -- Stilhoehe setzt als Grundbedingungen
voraus: souveraene Beherrschung der Muttersprachengrammatik,
Nuancensensibilitaet, Gespuer fuer das treffende Wort. Homer war in
alledem Vorbild fuer die griechische Literalitaet. Schrott bleibt auch
dahinter meilenweit zurueck: mangelnde Grammatizitaet der deutschen
Sprache (Appositionen im falschen Kasus, "brauchen" ohne "zu", falsche
Konjunktive, falsche Rektionen; besonders haesslich die 'absoluten
Partizipien im Nominativ', Muster 1,470: "der hunger gestillt, kamen
die knaben mit den mischkruegen"). -- (Die ungezaehlten Druckfehler
runden das Bild passend ab; seitenweise Belege fuer alles Genannte in
der Langfassung).

Des Raetsels Loesung? In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk;
ausgestrahlt am 13.3.2006; damals sass Schrott an seiner
"Uebertragung") antwortet Schrott auf die Frage "Wie viele Sprachen
sprechen Sie? Wie viele Dialekte beherrschen Sie?":

"Tja, als Tiroler versuche ich ja immer noch das Schriftdeutsche zu
lernen, obwohl es immer heisst, wir wuerden[!] kein Hochdeutsch
koennen. [...] Ich bin also ohne Koketterie immer noch dabei, Deutsch
zu lernen, d.h. das ganze Repertoire der Sprache, ihre ganzen
Stilregister zu beherrschen, um sie einsetzen zu koennen."

Was hier offenbar wird, stimmt fast schon wieder heiter: Wir haben eine
"Uebertragung" aus dem Homerischen Altgriechisch ins Neuhochdeutsche
vor uns, deren Verfasser weder das Homerische Altgriechisch noch das
Neuhochdeutsche wirklich beherrscht -- ein in der neueren Geschichte
der deutschen Homer-Uebersetzung einzigartiges Kuriosum.

Wir fassen zusammen: In Schrotts opus liegt weder eine Uebersetzung
noch eine Uebertragung vor. Die korrekte Bezeichnung haette zu lauten:
'Freie Nachdichtung auf der Grundlage vorliegender professioneller
Uebersetzungen'. Nach eigenem Eingestaendnis ("Griechisch und Latein
hatten wir noch als Freifaecher oder gar als Pflichtfaecher am
Gymnasium": so Schrott in dem oben genannten Interview mit dem
Bayerischen Rundfunk) kann Schrott ja auch tatsaechlich kaum
Altgriechisch und demnach erst recht kein Homerisches Griechisch --
worin aus der hier vertretenen wissenschaftlichen Sicht ja denn auch
der eigentliche Skandal liegt, nicht nur auf Seiten des Autors, sondern
auch auf Seiten des Verlages und dessen williger Abnehmer, von den
Printmedien, Fernseh- und Rundfunksendern, Veranstaltern von Lesungen
usw. bis hin zur 'Wissenschaftlichen Buchgesellschaft'. Nach einem in
Mode gekommenen amerikanischen Verfahren scheinen hier eine oder
mehrere vorliegende Uebersetzungen[[8]] unter dem Mantel der
'Modernisierung/Aktualisierung' sprachlich aufgepeppt und mit eigenen
Zutaten zu einem Flickwerk vereinigt worden zu sein. Insofern ist die
Etikettierung auf dem Titelblatt "Uebertragen von Raoul Schrott" eine
Mogelpackung. Insofern ist aber auch die Taetigkeit des Rezensenten
eigentlich sinnlos, da sie keine ernstzunehmende Grundlage hat: Es kann
im gelaeufigen Sinne nicht etwas "Uebertragung" genannt werden, was
nicht durch einen intimen Kenner der Sprache und des kulturellen
Kontextes des Originals unter Wahrung der historischen Bedingtheit
dieses Originals mit Geschmack und Augenmass von seinem Originalort an
einen anderen 'getragen' wurde ('Translation'). Wer weder ueber ein
Griechisch- noch sonst ein altertumswissenschaftliches Fachstudium
verfuegt, mag allerlei 'zusammentragen' und miteinander 'vergleichen'
(comparare) -- was der Berufsbezeichnung Schrotts als 'Komparatist'
zwar entspricht, ihr aber ploetzlich einen ganz anderen, delikaten Sinn
gibt ... --:Uebersetzer ist er deswegen noch nicht. Mehr noch: Schrott
will offenbar als erster deutschsprachiger wissenschaftlicher
Uebersetzer in der Geschichte des Homer-Uebersetzens gelten: "Eine
kanonische wissenschaftliche Uebersetzung, die den vollstaendigen
semantischen Gehalt von Homers Ilias auf deutsch praesentiert, liegt
bis heute nicht vor; selbst noch die Uebertragung von Schadewaldt
beschneidet wahre Texttreue " (p. XXXI). Mit anderen Worten: ,Die erste
wissenschaftlich wahre Texttreue -- hier liegt sie vor!' Diese masslose
Selbstueberhebung zwingt die Wissenschaft zu einer deutlichen Antwort!


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Notes:


1.   U.v. Wilamowitz-Moellendorff: "Was ist uebersetzen?" (1891), in:
Reden und Vortraege, 4. Aufl., Berlin 1925/ND 1967, (p. 1-36) p. 1f.

2.   J. Perizonius, Cl. Aeliani [...] varia historia, Leiden 1701, zu
VH 9,15, s. J. Latacz: "Kypria", DNP 6, Sp. 983f.

3.   p. XXXIV: "Diese Fassung schreibt deshalb gewissermassen als
Metaversion mit, was wir jetzt[!] ueber den Text und seine
Hintergruende wissen."

4.   Siehe Basler Kommentar, hg. von J. Latacz, Prolegomena (p.
159-171: "Homerische Poetik in Stichwoertern") p. 162 s.v. "Epitheton";
distinktiv wie 'fussschnell' (= Achill), im Gegensatz zu 'generisch'
(s. 'kuh-/grossaeugig') wie im Rufen gut' (= Diomedes, Menelaos etc.).

5.   Siehe Bernhard Herzhoff: "Phegos", Hermes 118, 1990, p. 257-272;
"Der Flusskatalog der Ilias (M 20-23) -- aeltestes literarisches
Beispiel geometrischer Raumerfassung?" In: Antike Naturwissenschaften
und ihre Rezeption 18, 2008, (p. 101-138), p. 108 n.26.

6.   Siehe LSJ s.v. <greek>a)xerwi/s</greek>: "white poplar", daraus
Janko zu 16,482. -- Die in Griechenland/Anatolien in tieferen Lagen
haeufige Weisspappel (Populus alba) heisst leu/ke.

7.   Akzente 3/2006, (p. 193-218), p. 198; ebd. 4/2006, p. 357-383: J.
Latacz: "Homer uebersetzen. Zu Raoul Schrotts neuer Ilias-Fassung";
ebd. 5/2006, p. 466-479: R. Schrott: "Replik auf den Kommentar von
Joachim Latacz in Heft 4.

8.   Auf Stephen Mitchells (*1943) Wikipedia-Seite ist zu lesen:
"Languages that he had not translated from, but rather put together
interpretive versions from existing translations into Western languages
include Chinese [...], Sanskrit [...], Akkadian or ancient Babylonian
(Gilgamesh)."