[ox-de] Menschenrechtler kritisieren katastrophale Produktionsbedingungen und Ausbeutung in der High-Tech-Branche
Helmuth Supik <[email protected]>
| Newsgroups | gmane.politics.oekonux.german |
|---|---|
| Message-ID | <[email protected]> |
Tiefe Schatten auf der digitalen Welt Menschenrechtler kritisieren katastrophale Produktionsbedingungen und Ausbeutung in der High-Tech-Branche Von Markus Balser Bis tief in die Nacht brennt derzeit das Licht in den Messehallen von Hannover. Arbeiter an einer schillernden Markenwelt zimmern Firmenauftritte, ziehen Folien von glÀnzenden Logos und rÃŒcken Flachbildschirme und Handys ins rechte Licht. Computer fÃŒrs Wohnzimmer, winzige Musikanlagen fÃŒr unterwegs: nach enttÀuschenden Jahren beschwört die Industrie zur weltgröÃten IT-Messe Cebit den Aufbruch in eine schöne, digitale Welt. Doch dem sorgsam gepflegten Hochglanzimage drohen tiefe Kratzer. Denn anlÀsslich der Cebit werfen Kritiker ein Schlaglicht auf die miserablen Produktionsbedingungen vieler internationaler Hightech-Unternehmen. "Digital Living" berge das Risiko, Menschenrechtsverletzungen und Umweltprobleme zu fördern, warnt Kristina RÃŒter von der unabhÀngigen Ratingagentur Oekom Research aus MÃŒnchen. Angesichts eines wachsenden Preisdrucks und immer schnellerer Zyklen in der Produktentwicklung von Computern und Unterhaltungselektronik werde nur ein Teil der Hersteller seiner Verantwortung gegenÃŒber der Gesellschaft gerecht, stellt Oekom nach einer Untersuchung von 59 IT-Konzernen fest. Viele westliche Marken hÀtten ihre Produktion an Lieferanten in NiedriglohnlÀndern wie China und den Philippinen ausgelagert, in denen die Rechtslage fÃŒr Arbeiter miserabel sei. Nur wenige, Hewlett-Packard und Dell etwa, hÀtten Zulieferer wirksam auf Mindestlöhne, maximale Arbeitszeiten und Umweltvorgaben verpflichtet, klagt RÃŒter. Zwar hÀtten weit mehr Unternehmen Probleme bei ihren GeschÀften ausgemacht und soziale Mindeststandards formuliert. "Meist aber existieren die nur auf dem Papier", so Oekom. Beim Einkauf spielten sie selten eine Rolle, Zulieferer wÃŒrden nicht auf die Einhaltung der Regeln ÃŒberprÃŒft. Hungerlöhne, Vergiftungen, 13-Stunden-Schichten - katastrophale ZustÀnde deckte die niederlÀndische Menschenrechtsorganisation Stichting Onderzoeg Multinationale Ondernemingen (Somo) in einer vom niederlÀndischen AuÃenministerium geförderten Studie auf. Mobiltelefon-Hersteller wie Nokia und Motorola kaufen laut Somo in groÃem Stil bei Firmen in Asien ein, deren Angestellte unter menschenunwÃŒrdigen Bedingungen arbeiten mÃŒssen. Mitarbeiter in der Produktion des Motorola-Zulieferers Hivac Startec in der chinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen bei Schanghai seien ohne Schutzkleidung hochgiftigen Stoffen ausgesetzt gewesen, klagt Somo. Erst nach drei Monaten und Anzeigen bei den Behörden seien die am schwersten vergifteten Mitarbeiter ins Krankenhaus gebracht worden. Schutzlos sollen auch Mitarbeiter des thailÀndischen Nokia-Zulieferers Namiki mit giftigen Substanzen hantiert haben. Statt Atemschutz zum SchweiÃen und Löten verteilte die GeschÀftsfÃŒhrung an ihre Belegschaft Somo zufolge jeden Tag eine Ration Milch, die den Körper reinigen sollte. Motorola hat nach ersten Hinweisen der NiederlÀnder seinen Zulieferer ÃŒberprÃŒfen lassen. "Wir sind auf gravierende Probleme gestoÃen", rÀumt ein Sprecher ein. Der Konzern habe deshalb weltweit verbindliche Vorgaben fÃŒr Zulieferer erlassen. RechtsverstöÃe bei der Produktion von DVD-Recordern, Fernsehern, Handys oder Laptops seien global agierenden Konzernen selten nachzuweisen, sagt Oekom-Analystin RÃŒter. Lange Lieferketten von bis zu zwölf Zulieferern erschwerten die Kontrollen. Vor allem bei VerstöÃen gegen Arbeitszeiten und Mindestlöhnen sei man auf Hinweise der oft eingeschÃŒchterten Belegschaft angewiesen. Besonders in China reiche die Bezahlung der Mitarbeiter oft nicht fÃŒr das Nötigste. Die Firma Giant Wireless soll Arbeitnehmern in chinesischen Fabriken 2003 einen Stundenlohn von zwölf Cent in Dollar - umgerechnet neun Cent in Euro - stellte Somo fest. Damit lag die Bezahlung noch unter chinesischen Mindestlöhnen. Erst nach Protesten habe die Firma ihre Gehaltszahlungen angehoben, erklÀrt Somo weiter. Harte Kritik ÃŒbt auch das Freiburger Ãko-Institut an der zögerlichen Haltung der IT-Hersteller. In den groÃen AbsatzmÀrkten registriert das Institut zwar ein steigendes Bewusstsein bei Verbrauchern fÃŒr soziale Themen. Das Angebot, zum Beispiel bei Notebooks, gebe allerdings noch keinerlei Entscheidungshilfe fÃŒr sozial nachhaltigen Konsum. Die Industrie sei noch einige Jahre vom fairen Computer entfernt, sagt Andreas Manhart vom Ãko-Institut. Auch Oekom-Analystin RÃŒter ist sich sicher: "Bis Verbraucher das digitale Leben mit gutem Gewissen genieÃen könnten, bleibt einiges zu tun." Quelle: SÃŒddeutsche Zeitung Nr.60, Dienstag, den 13. MÀrz 2007 , Seite 2 ________________________________ Web-Site: http://www.oekonux.de/ Organisation: http://www.oekonux.de/projekt/ Kontakt: [email protected]