Re: [ox-de] Request for Comments: Die Peer-Ökonomie

Hans-Gert Gräbe <hgg-/a/s/[email protected]>
Newsgroups gmane.politics.oekonux.german
Message-ID <[email protected]>
Hallo Christian,

Christian Siefkes schrieb:
>> Insbesondere kommen mir Fragen der Verantwortungsübernahme, der
>> Umgang mit "gebrochenen Versprechen" usw. - kurz, die ganze
>> Thematik von Buch 2 des BGB - zu kurz. Will ich hier aber erst mal
>> nicht weiter ausführen.
> 
> das Bürgerliche Gesetzbuch scheint es dir ja angetan zu haben ;-) Aber
> natürlich ist das bürgerliche Recht aus den Notwendigkeiten des Kapitalismus
> entstanden, und wird mit diesem zusammen auch wieder verschwinden...

Nun, ganz so mechanisch sehe ich das nicht. Aber um's ins Konkrete zu 
wenden: Deine Reputation - als zentrale Kategorie in deinem Text - ist 
(m.E.) vor deine allem akkumulierte Fähigkeit, Versprechen auch zu 
halten, besonders vielleicht dann, wenn du eine Task ersteigert hast. 
Wenn du die dann in den Sand setzt ... Auch ist mir nicht klar, wie das 
bei deiner Auktion funktioniert, ob da jede(r) für alles mitbieten darf 
oder offensichtlicher Fake irgendwie aussortiert wird. Wobei das Problem 
ja oft ist, dass alle wissen, der schafft das nicht, allein der 
Betroffene selbst ... Kurz, Verantwortungsfähigkeit und deren 
Reproduktion ist schon ein Topic, der mir bei dir zu kurz kommt. BGB 
Teil 1 halt. Muss man ja nicht so lösen wie dort, aber lösen muss man's 
schon.

Und es gibt viele gute und schlechte Gründe, ein Versprechen nicht 
einzuhalten oder einhalten zu können. Man muss sich ja nicht von 
vornherein überhoben haben, sondern die Umstände gestalten sich halt 
anders als gedacht, erwartet, das Unerwartete tritt ein. Zukunft ist 
halt in vielen Dimensionen offen. Kann ja mal passieren, und wenn es bei 
einer konkreten Person nicht zu oft passiert, ist es ja auch nicht 
schlimm. Blöd halt nur, wenn du (Person A) jemand (Person B) was 
versprochen hast, wobei du dich drauf verlassen hast, dass ein anderer 
(Person C) sein Versprechen dir gegenüber einhält. Und wenn das Kind im 
Brunnen liegt, dann will es keiner gewesen sein und den letzten in der 
Kette beißen die Hunde. Diese Art von Schuldverhältnissen, also das 
Abwickeln von "Exceptions", muss auch irgendwie behandelt werden. BGB 
Teil 2 halt. Ich nehme mal an (du hast dazu nix geschrieben), dass B 
dann was dagegen hat, dass A die "weighted hours" in voller Höhe 
gutgeschieben bekommt und A einen Teil des Defizits C "in Rechnung 
stellen" will. Dass sich Schuldverhältnisse also irgendwie auf die 
Rechnungslegung auswirken.

BGB Teil 3 braucht dann Eigentum, um diese Schuldverhältnisse zu 
besichern, dass nicht eine(r) dauernd "weighted hours" abgezogen bekommt 
bis er (oder sie) tief in den roten Zahlen ist. Streng genommen ist in 
dieser Gesellschaft nur jemand mit positivem Wert-Saldo (in einem hier 
nicht näher explizierten Sinn) überhaupt schuldfähig. Wie das bei dir 
funktioniert, welche Bremse da eingebaut ist, ob es so was wie Insolvenz 
gibt, wie sich das auf die Gesamtrechnung auswirkt, all das habe ich 
nicht wirklich begriffen.

> Der Umgang mit "gebrochenen Versprechen" wird in einer Gesellschaft wie ich
> sie beschreibe wohl eher so aussehen wie heute schon im privaten Bereich, wo
> man ein Versprechen kaum vor Gericht einklagen würde. Wo aber
> Vertrauensverstöße oder schwere Unzuverlässigkeit natürlich Konsequenzen
> haben. Insbesondere werden Menschen, die sich so verhalten, wahrscheinlich
> zunehmend Schwierigkeiten haben, andere Menschen zu finden, die bereit sind
> mit ihnen zusammenzuarbeiten. Was in einer Gesellschaft, die auf Kooperation
> basiert, natürlich durchaus unangenehm sein kann...

Das sind die peanuts, die leichten Fälle. Es geht nicht primär um 
"Vertrauensverstöße oder schwere Unzuverlässigkeit", sondern um den 
Umgang mit der *prinzipiell* nicht zu vermeidenden Multioptionalität von 
Zukunft. Das Hauptproblem der heutigen Versprechen ist ja, dass sie erst 
morgen eingelöst werden.

>> Ich fände es deshalb spannend, einmal die impliziten Voraussetzungen
>> deines Ansatzes zu explizieren. Dabei muss man ja nicht gleich so weit
>> gehen wie Robert Kurz in seinem Aufsatz "Der Unwert des Unwissens", in
>> dem er sich bekanntlich (u.a.) mit dem Oekonux-Theoriekontext
>> auseinandersetzt.
> 
> Auch wenn ich mir mit Ernst Lohoff und Stefan Meretz inhaltlich keineswegs
> einig bin: "Auseinandersetzung" trifft es wohl nicht ganz. Dafür müsste Kurz
> schließlich inhaltliche Argumente bringen, das tut er aber höchstens in 5%
> seines Textes. Über den peinlichen Rest wollen wir lieber den Mantel des
> Schweigens hüllen...

Nun, ob der so peinlich ist oder nicht schlicht meine These (3) [meine 
mail vom 25.9., leicht kommentierte Übersetzung ins Deutsche siehe
http://www.dorfwiki.org/wiki.cgi?HansGertGraebe/CSSW07] expliziert, sei 
dahingestellt. Zumal es ja auch Jacken gibt, deren Zuschnitt man 
studieren kann (und sollte), ohne dass man sie sich gleich anziehen muss.

> Explizieren ist immer gut, aber ich denke dass ich das schon weitgehend
> gemacht habe. V.a. zeichnet sich mein Text auch gerade dadurch aus, dass er
> auf Annahmen, etwa über die Natur des Menschen (die sich meist als
> problematisch und oft genug als unhaltbar erweisen), gerade _verzichten_
> kann und dass das vorgeschlagene Modell auch ohne solche Annahmen
> funktioniert.

Ja, das stimmt. Ob es allerdings ein Modell oder doch eher eine Utopie 
ist? Der Text enthält mir sehr viele normative Stellen (man muss, man 
macht usw.), an denen ich nicht sehe, wie sich das praktisch einstellen 
soll.

>> Und es wäre interessant, peer economy im praktischen Kontext von
>> Regionalentwicklung zu studieren. Der Fokus wird ja von Franz Nahrada
>> hier immer wieder reingetragen, ist aber selbst für ein
>> Krisis-Zusammenbruchsszenario relevant, denn [Klix/Lanius] machen auf
>> historischem Hintergrund deutlich, dass ein solcher Zusammenbruch mit
>> dem Rückgang der Komplexität gesellschaftlicher Interaktion - also der
>> wachsenden Bedeutung regionaler Kontexte - verbunden sein wird.
> 
> Ich glaube nicht, dass sich die Gesellschaft, die ich beschreibe, durch eine
> geringere Komplexität als die heutige auszeichnen wird. Sicherlich wird die
> materielle Produktion lokalisierter werden, wenn die Borniertheiten des
> kapitalistischen Systems entfallen (Produktion in Asien, weil dort die Löhne
> niedriger sind). Aber warum die globale Kooperation, wie sie etwa für die
> Freie-Software-Szene oder auch für die Wissenschaft typisch ist, künftig
> wieder zurückgehen sollte, sehe ich nicht.

Genau das wäre präziser auseinanderzunehmen, denn die Tendenz zu 
stärkerer Lokalität und damit globaler Entflechtung *produktiver* 
Grundprozesse ist m.E. weltweit mit Händen zu greifen. Nicht Produkte 
sharen, sondern die Ideen, wie man sie lokal herstellen kann. Stefan 
Matteikat hat übrigens am 26.9. hier in Leipzig schön ausgeführt, dass 
und wie das die alten Inkas auch schon gemacht haben.

> Und über den Zusammenbruch oder das Eintreffen menschenfressender Aliens
> mache ich mir Sorgen, wenn es passiert, nicht vorher ;-)

Hmm, ich weiß nicht, wie du dir die zeitliche Dimension eines solchen 
Zusammenbruchs vorstellst. Bei [Klix/Lanius] findest du eine Reihe 
vergleichender Studien gesellschaftlicher Zusammenbrüche unter 
Klimastress, die historisch lokal ja schon mehrfach passiert sind. Da 
kann ich nur sagen, wir sind bereits mitten drin. Deutlichster Ausdruck 
ist der starke Bedeutungszuwachs von Regionalgeld (als Spitze eines 
Eisbergs regionaler peer economy). Deshalb mein nachdrücklicher Hinweis 
auf die Veranstaltung am 19.10. mit Rolf Walther.

> Es reicht mir erstmal, die _Verwertung_ aufzuheben. :-) Ob man auch ohne die
> Möglichkeit und Notwendigkeit der Wertverwertung trotzdem noch
> sinnvollerweise von "Wert" sprechen kann, will ich mal offen lassen. Der
> Wert als unbewusste Basis für den _Tausch_ bzw. Verkauf im Kapitalismus und
> der (gewichtete) Produktionsaufwand als bewusste Basis für die _Kooperation_
> in meinem Modell sind zwar zweifellos verwandt -- aber das es für das
> Verständnis hilfreich ist, sie einfach in einen Kopf zu werfen, glaube ich
> nicht.

Ich weiß nicht, ob du hier nicht einer zentralen Meretz'schen Dichotomie 
  aufsitzt, die es so nicht gibt. *Das* nimmt Kurz ja nun wirklich sehr 
präzise auseinander. Im Übrigen findest du ja auch die "weighted hours" 
in meinem Aufsatz zur "Arbeitswerttheorie nach Marx" als 
Arbeitswertfaktoren wieder - fast genau in derselben mathematischen 
Konstellation wie bei dir, allein in Matrixform, um Input-Output-Analyse 
zu betreiben. Dort habe ich auseinandergenommen, warum du dich damit im 
Herz der Wertvergesellschaftung befindest und dass Marx zwei krude 
Probleme ganz am Anfang in seine Theorie einbaut: (1) sein Zeitmaß und 
(2) dass er mit der Reduktion aller Arbeit auf einfache Arbeit diese 
Arbeitswertfaktoren rauswirft, um sich "die Mühe der Reduktion" (MEW 23, 
S. 59) zu ersparen. (1) hat er in den Grundrissen ja wenigstens noch 
thematisiert. Auch du bleibst mit deinem Auktionsmodell mit "weighted 
hours" bei einem Zeitmaß, obwohl das vollkommen unnötig ist. Denn das 
Ergebnis kannst du in VBE (= Vollbeschäftigteneinheiten), VZÄ (= 
Vollzeitäquivalenten) oder UHU's messen, weil es stets nicht auf die 
absolute Größe der "weighted hours", sondern nur auf deren Quotienten 
untereinander ankommt (siehe etwa deine Formeln (A.7) und (A.10)). Dann 
muss aber der Skalierungsfaktor auch kein Skalar sein, sondern kann 
schlicht die Dimension VE/h (VE = Verrechnungseinheit) haben. Oder noch 
deutlicher: "weighted hours" ist nix anderes als die Abrechnung der 
Arbeitsleistung in Geldform. Mit der Dynamik *dieses* Abrechnungsmodells 
hast du die ganze Wertvergesellschaftung also wieder durch die 
Hintertüre am Hals.

Im Gegensatz zu Meretz sage ich allerdings - überhaupt nicht schlimm, 
weil du im gleichen Atemzug über unternehmerisches Handeln (eben der 
Auktionäre, die ja nix anderes als Kleinunternehmer ihrer selbst sind) 
schreibst. Und der Warenfetisch ist sehr eng mit dem Lohnarbeiter, aber 
deutlich weniger eng mit dem Kleinunternehmer verbunden. Letzterer hat 
mit dem cash flow den Produktionsprozess (eben T-S-T') wenigstens bei 
seiner produktiven Konsumtion immer im Hinterkopf und versteht intuitiv, 
dass sich hinter der Geldform der Dinge Produktionsprozesse verbergen.

So, ist nun doch etwas ausführlicher geworden. Ich hoffe, ich konnte 
mich verständlicher machen als am 8.9. in der Hellen Panke.

Viele Grüße, hgg

-- 

   Dr. Hans-Gert Graebe, apl. Prof., Inst. Informatik, Univ. Leipzig
   Johannisgasse 26, D-04109 Leipzig, Raum 5-18 (Interim)	
   tel. : +49 341 97 32248
   email: graebe-jNDFPZUTrfTw9Zu3TmXbXSJk02hg1TJes0AfqQuZ5sE@public.gmane.org
   Home Page: http://www.informatik.uni-leipzig.de/~graebe


________________________________
Web-Site: http://www.oekonux.de/
Organisation: http://www.oekonux.de/projekt/
Kontakt: [email protected]
lmpx.com only provides a reader for public news (NNTP) servers. It is not affiliated with the servers or forums shown here and is not responsible for the content of articles, which is written by their respective authors.