Re: [ox-de] Vorstellung - neu im Club

Stefan Merten <[email protected]> Mon, 26 Apr 2010 09:27:27 +0200
Newsgroups gmane.politics.oekonux.german
Message-ID <[email protected]>
Hi Ludger und alle!

Ein herzliches Willkommen auch erstmal von dir. Und auch vielen Dank
für deine Ausführungen. Ich freue mich immer, wenn Leute auch ohne
Oekonux-Hintergrund zu den Erkenntnissen kommen, die wir hier seit
geraumer Zeit entwickeln. Das zeigt mir immer mal wieder, dass wir
hier nicht so ganz falsch liegen können :-) .

Ein paar Anmerkungen.

2 days ago Ludger Eversmann@t-online de wrote:
> Eine besondere Brisanz erhielt
> dieses an sich rein wissenschaftstheoretische Thema durch den Umstand,
> dass einer der Gründerväter der Wirtschaftsinformatik in Deutschland,
> Prof. Peter Mertens (inzwischen emeritiert) 1995 hierzu den Vorschlag
> gemacht hatte, das Wissenschaftsziel der Wirtschaftsinformatik solle
> "die Vollautomation des Betriebes" sein, er plädierte also für die
> Zielvision einer Maximierung bzw. Komplettierung der erreichbaren
> Automationsgrade in der betrieblichen Fertigung in ganzen
> Volkswirtschaften.

Mein moralischer Anspruch an dieser Stelle ist: Eine Arbeit, die von
einer Maschine ausgeführt werden kann, ist menschenunwürdig.

> zeigt sich bei genauerer
> Betrachtung, dass die unterliegende,  generalisierbare Tendenz der
> nicht nur die fortschreitende Automation, also Maschinisierung von
> menschlicher Arbeit ist, sondern simultan und ebenso sehr die
> Flexibilisierung der automatisierten Produktionsprozesse,

Ja. Ich würde es so formulieren: Der Informationsanteil auch in der
materiellen Produktion wird größer. Individualisierung in der
industriellen Produktion ist ja nur durch weitere Informatisierung zu
erreichen.

> d. h. als
> denkbares "Perfectissimum" einer solchen Entwicklung der Automation
> von Arbeit erscheint dann als vorstellbarer Kulminationspunkt
> nicht ein vollautomatisierter Betrieb, der ein bestimmtes, gegebenes
> Produktsortiment dann vollautomatisiert herstellen und am Markt
> absetzen kann, sondern ein universaler Produktionsautomat,

Dazu bin ich wahrscheinlich zu wenig Maschinenbauer, aber ich würde
denken, dass die Sachlogik materieller, industrieller Produktion
solche Universalität - diesseits von Star Trek - nur für bestimmte
Produkte sinnvoll macht. Aber das ist kein Widerspruch. Ob der Fabber
jetzt unter meinen Schreibtisch passt oder eine Fabrikhalle füllt ist
aus theoretischer Sicht egal.

> der aber
> dann volkswirtschaftlich sinnvoll und nutzbringend nur als im Besitz
> des Konsumenten selber befindlich gedacht werden kann, der damit dann
> eben zum Prosumenten würde: die Rollen von Produzent und Konsument
> würden in diesem Augenblick, mit dem Verfügbarhaben eines solchen
> universalen Produktionsautomaten eben ineinander verschmilzen.

Na ja, in gewisser Weise sind wir ja alle immer schon Prosumenten: Wir
produzieren und konsumieren - halt nicht das gleiche Produkt. Und die
Arbeitsteilung, die wir heute haben, ist ja auch nicht wegzudenken -
warum auch. Also wird es immer Leute geben, die das produzieren was
ich konsumiere.

Und das ist ja auch erstmal kein Problem. In der Freien Software und
bei Wikipedia kann ich mich auch darauf verlassen, dass andere
nützliche Dinge produzieren, die ich dann nutzen kann.

> Volkswirtschaftlich weittragend ist dann auch die Einsicht, dass in
> dem Augenblick ja auch der volkswirtschaftliche Akt des Tauschens sich
> erübrigen würde: es entfallen dann Spezialisierung und deren
> wertschöpfende Effekte, denn voraussetzungsgemäss sind universale
> Produktionsautomaten zu jeder vorstellbaren Spezialisierung fähig, der
> eine wie der andere... 

Ich denke nicht, dass die Spezialisierung entfällt - eher im
Gegenteil. Auf der verfügbaren produktiven Basis ist ja aufzubauen und
die Komplexität eben dieser Basis erfordert ja heute schon
SpezialistInnen. Das wird eher mehr werden.

Auch der Aspekt der Selbstentfaltung, den wir bei Oekonux für sehr
wichtig halten, spielt hier eine wichtige Rolle. Warum machen diese
Leute denn das? Da sie nicht (strukturell) gezwungen werden, müssen
sie je eigene Gründe haben, die wir Selbstentfaltung nennen. Platt
gesagt: Spaß an der Arbeit. Spezialisierung kann hier einen wichtigen
Beitrag leisten. Einigen Menschen machen ja Sachen Spaß, die sie schon
gut können, die aber gleichzeitig noch eine Herausforderung bieten.
Das ist der Weg in eine tiefere Spezialisierung.

> möglicherweise so weit, dass das Geld selber aus Tausch-
> und Wertaufbewahrungsmittel eines Tages überflüssig wird. 

Sogar ganz bestimmt. Mal mit Marx'schem Hintergrund gesprochen: Wenn
die abstrakte Arbeit verschwindet, dann gibt es auch keinen Grund mehr
diese in Geld zu kodieren. Praktisch zu sehen im Kern von Peer
Production.

> Nun ist es natürlich so, dass eine vollkommene universale
> Replikationsmaschine, die sich auch noch selbst replizieren und
> traumhafte Kapazitäten und Fertigungseigenschaften besitzt, nicht mal
> eben vom Himmel fällt, hier befindet sich die Gesellschaft mit allen
> ihren materiellen und geistigen Ressourcen in einem langsamen und
> mühevollen Prozess des Wandels, und dieser Prozess wird sicher auch
> anhalten, wenn die dominierenden Organisationsprinzipien des
> Wirtschaftens schon nicht mehr Märkte, Geld und Waren sind. 

Eine post-kapitalistische Gesellschaft - genauer: eine
Post-Tauschgesellschaft - wird die vorgefundene Basis nach und nach
umbauen müssen. Sie wird quasi den in die Produktionsmittel
eingewobenen Kapitalismus ersetzen müssen. Platt: Produktionsmittel
müssen Spaßmaschinen werden.

Ansonsten könnte natürlich als Denkmodell nach der großen Revolution
( ;-) ) erstmal alles so weiter gehen wie bisher. Und dann könnte
iterativ umgebaut werden. So ist das eigentlich immer (erfolgreich)
gelaufen und wir sehen ja heute schon die Frühformen davon.

> Und zur Beschreibung dessen, wie künftig einmal wertschöpfende
> Prozesse organisiert sein sollen, wie Menschen miteinander in
> Beziehung treten, um kulturell wertvolle, nutzenstiftende Leistungen
> zu erbringen, da finde ich die hier entstandene Debatte um Ökonux-
> Prinzipien (nenne ich sie jetzt mal...) sehr spannend und interessant,
> und würde mich daher sehr gerne an dieser Debatte beteiligen. 

Na ja, mit der (abstrakten) Wertschöpfung haben wir es hier nicht so.
Aber der Gebrauchswert ist natürlich wichtig.

Ansonsten findet eine ruhige aber stetige Debatte auch und vor allem
auf der englischen Mailing-Liste des Projekts statt:

    http://www.oekonux.org/list-en/

> Ganz hilfreich finde ich in diesem Zusammenhang die Einsicht, dass die
> Probleme der aktuellen Weltwirtschaft (aktuell noch immer etwa
> Finanzkrise, die nächste Krise (US-Hypothekenmarkt) scheint sich schon
> anzubahnen...) im Kern Probleme einer reifen, und durchaus eben auch
> erfolgreichen Entwicklung der Industrialisierung der entwickelten
> Industriestaaten sind (rein wirtschaftlich gesehen: was die
> Ausstattung der Gesellschaften mit Gütern und Dienstleistungen
> angeht). Es ist im Kern ein Sättigungsproblem, das Problem sehr vieler
> weltweit gesättigter Märkte, daher fehlender produktiver
> Investitionsmöglichkeiten, und daher diese immer unseliger und
> verhängnisvoller werdende Tendenz zu unproduktiven, rein spekulativen,
> teilweise ja schon regelrecht betrügerischen Investitionen und
> Initiativen (siehe das Engagement von Goldman Sachs in Griechenland z
> B...). 

Mit einem Wort: Der Kapitalismus ist zu reich geworden.

> Ich bin also sehr dezidiert der Meinung, dass aktuell dringend ein
> Entwurf einer post-kapitalistischen Wirtschaft und Gesellschaft
> geschaffen werden muss, um eine gangbare, tragfähige und belastbare
> Architektur zukünftiger Gesellschafts- und
> Wertschöpfungsgemeinschaften zu besitzen, sowie ferner auch (bzw.
> mindestens ebenso wichtig) dass auch technisch die Entwicklung in
> Richtung Schaffung von öffentlich nutzbaren Produktionskapazitäten
> voran getrieben wird,

Die Frage des Besitzes großer Produktionsmittel finde ich auch sehr
interessant. Hochgerechnet von heutiger Peer Production müssten auch
große Produktionsmittel im Besitz der jeweiligen Produktivgruppe sein.
Aber ob das gut ist?

Viele interessante Fragen zu diesem Themenkomplex sind übrigens auch
auf

	http://en.wiki.oekonux.org/Oekonux/DrawingBoard

gesammelt.

> denn die soziale Absicherung auf dem bisher
> verfolgten Weg der Schaffung von Wachstum und damit sekundär von
> Arbeitsplätzen und damit von gesichertem Einkommen, wird offenbar
> zunehmend absurd und fragil. 

Definitiv. An dieser Stelle ist hervorzuheben, dass die Peer
Production schon heute die Rechnung senkt.

> Die demnächst sich ankündigende Gründung eines weiteren FabLab in der
> Welt (FabLab St. Pauli, Hamburg) finde ich da sehr viel versprechend! 

Wenn du dazu was berichten kannst, würden wir uns alle freuen. Es ist
wichtig für Oekonux die Realität weiter zu beobachten. Nur so lässt
sich überprüfen, ob die theoretischen Überlegungen passen.


						Grüße

						Stefan
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