Re: [ox-de] Re: [ox-de] Re: [ox-de] keimform.de: Selbstorganisierte Fülle (3):

"Franz Nahrada" <[email protected]> Fri, 18 Jun 2010 14:35:06 +0200
Newsgroups gmane.politics.oekonux.german
Message-ID <[email protected]>
[email protected] schreibt:
>[Converted from text/html]
>
>Hallo alle zusammen,

Hallo Ludger!
>
>
>da ist ja einiges zusammengekommen, ich will auch noch mal versuchen
>da was beizutragen.
>
>Mir scheint, dass das Verständnis dafür, was peer-production nun genau
>ist, was die wesentlichen Merkmale oder auch Funktionsbedingungen
>sind, im ganzen vielleicht eher intuitiv oder teilweise intuitiv und
>mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Grundverständnissen hier
>diskutiert wird. 
>
>Mir scheint wichtig, bei allem folgendes zu verstehen und zu sehen: 
>
>1) wir befinden uns in einer besonderen historischen Situation: es ist
>zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit so, dass die Deckung
>des privaten Konsums nicht mehr zur gesellschaftlichen
>Vollzeitbeschäftigung gemacht werden kann. Die private Nachfrage wird
>nie mehr so angestachelt und ausgeweitet werden können, dass
>alle angebotenen Produktionsmöglichkeiten bei Vollbeschäftigung auch
>genutzt und ausgelastet werden können. D. h.: diese kürzlich durch die
>Presse geisternden 115 Bilionen Dollar Kapital auf der Welt können
>sich nur noch dadurch verzinsen, dass irgendwo anders in der
>Gesellschaft Werte vermindert werden, also Menschen etwas weggenommen
>wird, sie also relativ verarmen, und nicht mehr durch eine Ausweitung
>der gesamten Wirtschaftstätigkeit, wodurch Wohlstandserweiterung für
>alle möglich wäre, und bis in die 1970er Jahre ja auch möglich war.
>Also: Wohlstandserweiterung oder zumindest -erhalt der einen nur noch
>auf Kosten der anderen. 

Das ist aber kein Naturgesetz, sondern hat was mit den Methoden der 
Reichtumsproduktion zu tun: Lohnsenkung und Arbeitseinsparung auf der
vollen Linie

>Das sieht man auch daran, dass inzwischen
>eigentlich alle Industriestaaten Exportüberschüsse erzielen wollen
>bzw. müssen: offensichtlich kann das nicht lange funktionieren. Und
>Wohlstandserweiterung der einen auf Kosten der anderen kann auch nicht
>lange funktionieren: irgendwann ist da dann eben nix mehr zu holen.
>Lange hat man versucht, durch diese geradezu verzweifelte Ausweitung
>der Verschuldung (Subprime-Krise) die Konsumnachfrage auf einem hohen
>Niveau zu halten: wie das geendet hat ist ja bekannt inzwischen. Also:
>wie so schön beschrieben bei Konicz, ist der Kapitalismus in diesem
>Sinne an einem Ende, das ZWINGEND nach einem Nachfolger, also nach
>einer wirtschaftlichen Organisation oder nach Prinzipien der
>Wirtschaftsorganisation verlangt, die diese Eigenschaft aufweisen, die
>z B Karl-Georg Zinn Stagnationsstabilität genannt hat: wir brauchen
>eine System, das (unter anderem) auch diese Fähigkeit aufweist, auch
>bei einer stagnierenden, also konstanten oder sogar schrumpfenden
>Nachfrage nach Konsumgütern stabil zu bleiben und eine stabile
>Versorgung ALLER Menschen zu gewährleisten. 

Das mit der zwingenden Logik ist halt so ne Sache: es gibt immer wieder
die Phantasien von Massenkaufkraft und Grundeinkommen, die sich diesen
Einsichten
wiudersetzen....
>
>
>Es gibt also von der wirtschaftlichen Seite ein ENFORCEMENT von
>Änderung.  
>
>2) dem entspricht ein ebenfalls historisch einmaliges, weil noch nie
>dagewesenes ENABLING von seiten der Technik: es gibt diese neuen
>technischen Möglichkeiten, die eine Art der Organisation von
>Produktion ermöglichen, die es in der Geschichte der Menschheit noch
>nie gegeben hat, nämlich eben diese hier beschriebenen Ökonux-
>Prinzipien, also Kooperation von sonst vollkommen ungebundenen, von
>anonymen und sich gänzlich unbekannten, frei sich
>zusammenschliessenden Menschen, um eine bestimmte Leistung zu
>erstellen. 

wobei ich mit ungebunden, anonym und unbekannt so meine Probleme habe.

>DIes ist ohne a) das Internet und die damit verbundenen
>Kommunikationsmöglichkeiten, sowie b) Programmiersprachen und die
>damit gegebene Möglichkeit, erzeugtes Wissen und know-how vollkommen
>verlustfrei irgendwo abzulegen und verwendbar zu machen, nicht
>denkbar. Ein einmal erzeugter fehlerfreier Code kann 1. verlustfrei
>kopiert, und 2. jederzeit verlustfrei genutzt, also zum Laufen
>gebracht werden. Die Fehlerfreiheit des erzeugten Codes kann zu einem
>gewissen Grad maschinell geprüft werden, jedenfalls ist die Prüfung
>(im Sinne von Qualitätssicherung) so möglich, dass anonyme Produzenten
>und Prüfer erfolgreich zusammenarbeiten können (in gewissen Graden, in
>manchen Gebieten jedenfalls hinreichend). Bespiele sind die immer
>wieder genannten Softwareprodukte. 
>
>Damit eine Gesellschaft sich auf diese Weise mit Gütern versorgen kann
>(und in dem Sinne dann autark ist, also nicht auf Hilfslieferung von
>anderen Wirtschaftsgemeinschaften angewiesen ist), muss es möglich
>sein, auf die gleiche Weise Konsumgüter zu erzeugen. Auch das ist in
>Ansätzen technisch möglich geworden. Dazu ist m. E. das generative
>Fertigungsverfahren nicht unbedingt der einzige Schlüssel, Schlüssel
>ist m. E. die vollkommene Digitalisierbarkeit der Produktion, die zwar
>mit additiven Verfahren ganz offensichtlich gegeben ist, aber auch mit
>anderen maschinellen Fertigungsverfahren theoretisch (auch praktisch)
>erreicht werden, ich erinnere da an ein theoretisches Modell einer
>individualisierbaren vollautomatischen Automobilfabrik von
>Jungclaussen, das dieser einfach nur als ein weiteres Modell eines
>vollkommen church-turing-berechenbaren Prozesses aufgefasst hat. 

Es gilt nicht nur den Produktionsprozess zu betrachten, sondern den
gesamten 
Stoff- und Energiekreislauf.
>
>
>Der Os-Car wäre m. E. dann möglich und produzierbar, wenn es irgendwo
>ein Produktionsmittel gäbe, das das fertig entwickelte Modell
>tatsächlich komplett bis zum ersten Anlassen des Motors maschinell
>herstellen würde. Es müssten dann keine Bauteile von irgendwem gekauft
>und gelagert werden, es müssten nicht irgendwo Menschen sich für
>bestimmte Tätigkeiten bereithalten und dafür Zeit aufwenden und
>einplanen, etc etc. 

und die Logistik, Wartung etc. - Wie kann man nur so abstrakt denken!
>
>
>Jedenfalls: das den wirtschaftlichen Prozess dominierende
>Handlungsmodell ist dann nicht mehr der Tausch von fertig produzierten
>Waren gegen ein Tauschmittel, sondern das Beitragen von Leistung
>(Programmieren, Codieren, Codifizieren von Wissen auf maschinenlesbare
>und maschinenexekutierbare Weise) in einen Thesaurus, aus dem dann
>individualisierte Konsumgüter oder Leistungen abgerufen werden werden.

Es werden zunächst nicht Güter abgerufen, sondern Modelle die
algorithmisch 
umsetzbar sind.
>
>Dies ist eben der grosse Unterschied zu einer warenproduzierenden
>Tauschgesellschaft: natürlich ist da jede Arbeit, jeder Input, jde
>Arbeitsstunde auch ein Beitrag, aber nicht in diesem definierten,
>systemspezifischen Sinn. In diesem Sinne - also Beitragen von z B
>konstruktiven Ideen im Sinne von Produktkonstruktion,
>Materialverbesserung, etc etc - wird dann auch nicht die eine
>konstruktive Idee gegen die andere getauscht: im Wikipedia ist es
>nicht so, das der Artikel des einen gegen einen Artikel des anderen
>getauscht wird. Jeder der einen Artikel schreibt, trägt sein Wissen
>bei, und alle Nutzer können dieses Wissen dann abrufen. Problematisch
>bzw. zu klären wird m. E. sein, in welchem Verhältnis dieses Beitragen
>und dieses Nutzen von Beiträgen stehen wird oder soll oder muss eines
>Tages, Christian hat das ja problematisiert und einen Lösungsvorschlag
>unterbreitet. 

Beiträge müssen koordiniert werden und das ist auch ein Beitrag.
Was im Kapitalismus amalgamiert ist, Herrschaft und Koordination, muss
mühsam wieder auseinandergenommen werden.
>
>
>Was mir hier wichtig ist an dieser Stelle: ich denke in groben
>Zügen besteht hier schon Einigkeit, dass die wesentlichen konstrukiven
>Merkmale einer zukünftigen Wirtschaftsorganisation hiermit genannt
>sind. Damit ist aber eine viel grössere Steuerbarkeit von Wirtschaft
>(also von allem was in dieser Wirtschaft passiert, wie viel produziert
>wird, aus welchen Materialien, wie Stoffumsatz inkl.
>*Abfallverwertung* organisiert wird, wie Energie erzeugt wird etc.)
>gegeben als in einer ausschliesslich preis- und
>kapitalgesteuerten Wirtschaft: ich erinnere an all die Versuche von
>Luhmann seit den 1970er Jahren nachzuweisen, dass es ein vollkommen
>hoffnungsloses Unterfangen ist Wirtschaftsprozesse oder DIE Wirtschaft
>steuern zu wollen, damals gegen die aufkommende ökologische Bewegung,
>die sich ja darum bemühte. 

Ich habe da auch meine Zweifel, ob sich der IST Zustand der stofflichen
Verflechtung
steuern lässt bzw. ob da nicht gewaltige Entflechtungen notwendig sind!

>Für eine preisgesteuerte Wirtschaft sind
>solche Erwägungen wie Ökologie oder auch soziale Motive
>(Arbeitsplatzsicherung, oder auch Chancengleichheit etc) immer extern
>und kaum bis überhaupt nicht zu internalisierende Informationen, und
>infolge der mit der Globalisierung geschwundenen politischen
>Machtmöglichkeiten erst recht. Habermas hat damals das sich
>verselbstständigende Wuchern der Systeme (Geld, Markt) kritisiert und
>dagegen sprachlich, also vernunftgesteuerte Medien der Organisation
>von Wirtschaft gefordert. 

Als ob Vernunft im Mittel residieren würde und nicht im Zweck !

>Das alles ist m. E. prinzipiell mit diesen
>Voraussetzungen gegeben, wenn also die beteiligten Akteure sich
>darüber verständigen können, welche Rohstoffe sie verwenden wollen, ob
>z B so ein Kreislauf von Rohstoffen (wie ja auch von Gershenfeld immer
>wieder diskutiert) geschaffen werden kann, dass nicht mehr verwendete
>Güter und Dinge volkommen in ihre molekularen Bestandteile zerlegt und
>damit verlustfrei wieder zu Rohstoffen werden können. 

Siehe früher im Thread über Braungart zu diesem absurden Wort "vollkommen"
 
"Molekulares Recycling" ist Steinzeit-Recycling !!!

>An der Stelle
>bin ich persönlich relativ ahnungslos, klar ist aber dass die
>Verantwortung für den gesamten Prozess an in einer Gemeinschaft von
>Nutzern liegt, die sich eben über alles verständigen können, und damit
>die Zugänglchkeit zu Vernunftargumenten prinzipiell höher als in einer
>(fast) ausschliesslich kapitalgesteuerten Wirtschaft.  
>
>Zu Theorie: mir persönlich geht es so, dass ich, wenn ich über diese
>Dinge nachdenke, ganz schnell immer so eine systematische Ordnung von
>all diesen Gedanken im Kopf habe, von der ich denke das sollte man
>doch mal so irgendwo festhalten und dran feilen und sehen dass das
>eine solide theoretische Konzeption ergibt, kaum fange ich aber damit
>an fängt diese ganze Klarheit wieder an zu verschwimmen, weil die
>Materiel doch einfach ganz übel komplex ist. Aber wichtig wäre es m E
>auf jeden Fall, so etwas einmal zu haben bzw. geschafft zu haben, in
>gewisser Weise ist das ja auch wie ein Programm, wie Code! wenns
>einmal geschrieben ist und fehlerfrei und kompiliert, kann mans
>einfach immer kopieren und laufen lassen. Das macht einfach nur
>Ordnung im Denken, oder soll es jedenfalls.               

Demnächst kommt OYA 3 zumThema Wirtschaft heraus, das sollte hilfreich
sein.

Grüße

Franz
>


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