Re: [ox-de] Generative Ökonomie und Wirtsch aftsinformatik

Hans-Gert Gräbe <hgg-/a/s/[email protected]> Thu, 23 Sep 2010 21:47:46 +0200
Newsgroups gmane.politics.oekonux.german
Message-ID <[email protected]>
Hallo Ludger,

Am 18.09.2010 12:24, schrieb [email protected]:
> nochmal kurz ein paar Gedanken im Zusammenhang mit dem Mailwechsel
> zwischen Hans-Gert und mir zur Wirtschaftsinformatik: Wie ich gesehen
> habe, hat Frithjof Bergmann den Begriff der "generativen Ökonomie" nun
> in seinem Instrumentarium, ob von ihm entwickelt oder nicht weiss ich
> nicht, jedenfalls in diesem spezifischen Sinne mit Bedeutung besetzt
> und verwendet ihn nun, um unter unter diesem Label die Entwicklungen
> in Ökonomie und Technik zusammenzufassen. ....

Nun, "generative Techniken" sind ja - im Zusammenhang mit Model Driven 
Development - auch eines der Hypethemen der Informatik. Hier werden mE 
die unterschiedlichen Sichtweisen in zwei Kondratjew-Wellen auf dieselbe 
Sache deutlich. Das, was Mertens als "sinnvolle Vollautomation" aus der 
Perspektive einer programmierzentrierten Technologie bezeichnet, wie er 
sie wohl ein Leben lang betrieben hat, wird mit den "generativen 
Techniken" unter einem anderen Blickwinkel gesehen. Während bei Mertens 
das Ergebnis, der Automat, im Fokus steht, ist es in der neuen Sicht die 
Genese des Automaten. Die Abstraktionsebene der Betrachtung verschiebt 
sich eine Schale weiter nach draußen. Das so Generierte soll dann 
produzieren im alten Sinne. Die Schraube der Abstraktion, die 
(wenigstens) seit Beginn der Industrialisierung mit jeder 
Kondratjew-Welle eine Windung weiter gedreht wurde, wird ein weiteres 
Mal nachgezogen.

Das bedeutet aber ein Koevolutionsszenario von wenigstens drei 
Komponenten: Neben der Fokusverschiebung auf Beschreibungen müssen auch 
die Technologien für Ablaufumgebungen solcher Beschreibungen und 
schließlich der Entwicklungsprozess für Beschreibungen und 
Ablaufumgebungen selbst entwickelt werden. Es geht damit um die 
"planmäßige" Entwicklung ("planmäßig" hier nicht nur im Kathedralen-, 
sondern auch im Sinne der Basar-Methode, die ja trotz ihres scheinbaren 
Chaoscharakters durchaus auch Kohärenzphänomene kennt) ganzer 
Industriesektoren. Ich hatte dazu in einem Aufsatz vor 5 Jahren zwei 
Vorteilsmodelle gegenübergestellt, siehe 
http://www.hg-graebe.de/EigeneTexte/mawi.pdf, und habe gerade auch noch 
was zum traditionsmarxistischen Mantra der "tendenziell fallenden 
Profitrate" geschrieben, siehe http://www.hg-graebe.de/EigeneTexte/z-10.pdf

Ich denke, die Entwicklungen von Spring oder OSGi sind gute Beispiele, 
an denen sich praktisch auftretende Aspekte der Wechselwirkung der drei 
Komponenten genauer studieren lassen. Sie sind auch deshalb interessant, 
weil dabei die Ressourcenkomponente "generativer Ökonomie" im 
materiellen Bereich, die zusätzliche Probleme mit sich bringt, noch 
weitgehend außen vor bleibt. Allerdings ist mir nicht klar, wie weit die 
WI solche Fragen überhaupt studiert. Ich sehe nur bei meinen Leipziger 
Kollegen, dass das Interesse an *dieser* Problematik (generative 
Techniken in der vollen Breite des Ansatzes) mit der Nähe zur guten 
alten Softwaretechnik zunimmt (Eisenecker etwa). Überhaupt nicht sehe 
ich, dass sich in der etablierten Szene jemand für die relevanten 
Erfahrungen in der Entwicklung Freier Software, also die Dynamiken des 
"Basarmodells", interessiert.

Viele Grüße,
Hans-Gert
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