Re: [ox-de] Re: Schlaraffenland?
Stefan Merten <[email protected]> Fri, 12 Nov 2010 17:11:35 +0100
| Newsgroups | gmane.politics.oekonux.german |
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| Message-ID | <[email protected]> |
--=-=-= Content-Type: text/plain; charset=iso-8859-1 Content-Transfer-Encoding: quoted-printable Hi Hans-Gert und Liste! 4 months (132 days) ago Hans-Gert Gr=E4be wrote: > leider konnte ich mich nicht zeitnah an der Debatte beteiligen. Ich auch nicht ;-) . > Hier > dennoch ein paar Bemerkungen. Dito ;-) . > Am 05/27/10 09:31, schrieb Stefan Merten: >> Ich jedenfalls denke nicht, dass es keine Konflikte mehr geben wird. >=20 > Ich gehe da sogar noch viel weiter - Konflikte sind nach meinem > Verst=E4ndnis das zentrale Strukturierungselement der Welt, alle > sichtbaren Strukturen sind "Waffenstillstandslinien" in dem einen oder > anderen Sinn. Interessanter Gedanke. Ich w=FCrde allerdings nicht so weit gehen, dass *alle* sichtbaren Strukturen Ergebnis solcher Waffenstillst=E4nde sind - aber vielleicht habe ich mich noch nicht genug an den Gedanken gew=F6hnt. > Die wirklich wichtigen (und interessanten) Konflikte > lassen sich auch nicht "l=F6sen", sondern sind dauernde Gratwanderungen. K=F6nnte sein. Wichtiges Ziel w=E4re m.E. aber, dass vermeidbare Konflikte auch vermieden werden. Was vermeidbar ist, ist nat=FCrlich im Detail eine gute Frage, aber in vielen F=E4llen auch einfach. > Viele dieser Konflikte treten auf als Zielkonflikte zwischen k=FCrzer- > und l=E4ngerfristigen Perspektiven und damit zwischen verschiedenen > Zeitebenen. Auch das hat was. > Sowohl die Metapher "Schlaraffenland" als auch "Selbstentfaltung" > blenden diese Konfliktebene aus bzw. betrachten sie als sekund=E4r. F=FCr Selbstentfaltung bestreite ich das entschieden. > Selbstentfaltung m=FCsste dazu wenigstens im Plural, und zwar jenseits > eines "je ich", entwickelt werden. Das ist eigentlich StefanMz' / Holzkamps Dom=E4ne, aber nach meinem Verst=E4ndnis ist das "je ich" schon ein Plural wenn wir "ich" als Singlular setzen. Und Wenn wir Selbstentfaltung auf "je ich" beziehen, dann ist das schon im Plural. Am Beispiel: Wenn ich in einem Freie-Software-Projekt oder in Wikipedia handele, dann habe ich doch z.B. kurz- und langfristige Perspektive ebenfalls. Im Idealfall liegt der Konflikt dann sogar in mir und im Idealfall handele ich dann so, dass die *Maxime* meiner Handlung als Grundlage f=FCr eine allgemeine Regel gelten k=F6nnte. So gesehen w=FCrde sich die Qualit=E4t einer MaintainerIn genau daran messen, ob sie dazu in der Lage ist, ein Handeln nach solchen Maximen zu mehren. > Bist du mit anarchistischen > Ans=E4tzen nicht zufrieden, weil sie =FCber die "je ich" Ebene nicht > hinauskommen? Nun, der Anarchismus ist eine breite Str=F6mung und es gibt Schulen, die =FCber die "ich"-Ebene nicht hinauskommen und solche, bei der die "ich"-Ebene kaum vorkommt. >> Ich denke aber sehr wohl, dass die Konflikte >>=20 >> * andere Gr=FCnde haben werden, >>=20 >> Ganz platt deswegen, weil die Profitinteressen weg sind. Das >> erm=F6glicht, dass endlich sachlogische Gr=FCnde im Vordergrund stehe= n. >=20 > Hinter den Profitinteressen steckt /auch/ der Spagat zwischen > kurzfristigen operativen Interessen und langfristigen > investiv-reproduktiven. Da kommen dann, wenigstens im produktiven > Anlagekapital, auch die sachlogische Gr=FCnde zum Tragen. Hier m=FCssen wir m.E. begrifflich sauber trennen - auch wenn das in den konkreten Handlungen sich meist mischt. Das Profitinteresse ist nicht an den Wirkungen der Investitionen interessiert *au=DFer* der G -> G'. Das Finanzkapital arbeitet in seinen abgehobeneren Sph=E4ren auf genau dieser Ebene und ist damit frei von Sachlogik. Das die KapitalistIn nat=FCrlich ihren Betrieb am Laufen halten muss und daf=FCr sorgen muss, dass ihre Produkte verk=E4uflich bleiben, ist nat=FCrlich auch richtig. Hier spielt nat=FCrlich jede Menge Sachlogik mit rein. Wie so oft pl=E4diere ich daf=FCr, diese Ebenen auseinanderzuhalten. Die erste Ebene verschwindet in der Peer Production, die zweite nat=FCrlich nicht, auch wenn sie sich dort nicht an der Verk=E4uflichkeit sondern am Nutzen orientiert. > Das mit den > "anderen Gr=FCnden" verstehe ich deshalb nicht, wenn man nicht auf die > Formen, sondern auf die Inhalte der Konflikte abstellt. Ich hoffe, meine Anmerkungen sind hier hilfreich. > In der Peer-=D6konomie (P=D6) wird dieser Konflikt zwischen operativen und > strategischen Interessen durch unmittelbare Kommunikation aufgel=F6st. Zur Peer-=D6konomie kann ich nicht viel sagen. In einer auf Peer Production basierenden =D6konomie glaube ich in der Tat nicht, dass es nur mit unmittelbarer Kommunikation geht. Da k=F6nnten z.B. Download-Zahlen auch ein Kriterium sein - und damit eher Formen, die wir aus anonymen M=E4rkten kennen. > Das geht aber nur bis zu einer gewissen Gr=F6=DFe - einer (nicht nur) > meiner zentralen Einw=FCrfe bei der Frage, in welchen Dimensionen P=D6 > =FCberhaupt funktionieren kann. In der P=D6-Theorie nicht beantwortet, so > weit ich sehe. Vielleicht bin ich da ein bisschen weniger an der kuscheligen Gruppe orientiert. >> * andere Verlaufsformen haben werden, >>=20 >> Weil der gesellschaftliche Rahmen, in dem diese Konflikte ablaufen >> werden, anders sein wird. >=20 > Das ist, denke ich, so wie es da steht eine Tautologie. Allerdings ist > bei einem solchen Herangehen - Verlaufsformen _innerhalb_ von Rahmen -=20 > die Frage, was ist Rahmen (also wohl, innerhalb des betrachteten > Ansatzes, eher statisch) und was ist Verlaufsform. Na ja, Rahmen w=E4ren z.B. die M=F6glichkeiten, die es gesellschaftlich gibt. Z.B. die F=E4higkeiten der Menschen und die von den Akteuren einge=FCbte Kultur. > Auch hier schl=E4gt > die Granularit=E4t und Fraktalit=E4t von Welt zu. Der (selbstredend > gesellschaftliche) sachlogische Rahmen des o.g. Konflikts zwischen > operativen und strategischen Dimensionen =E4ndert sich mitnichten. In der Tat. Dieser ist Element des =FCberhistorischen Rahmens der Notwendigkeit des Stoffwechsels mit der Natur. > Nach meinem Verst=E4ndnis verschiebt sich "schlicht" die Bedeutungslinie > zwischen (operativ) produktiven und (strategisch) reproduktiven > Aspekten. Wenn du meinst, dass wir heute nur noch auf kurzfristige Profitmaximierung aus sind, dann gebe ich dir recht. > Die klassische (kapitalistische) Tauschwirtschaft verbannt > die reproduktiven Aspekte in die Privatsph=E4re der Unternehmer (bzw. -=20 > Wertabspaltung - in die Privatsph=E4re famili=E4rer Zusammenh=E4nge). Das > =E4ndert sich - die Reproduktion der Produktionsbedingungen in > kooperativen bzw. kollaborativen Strukturen gewinnt an Bedeutung und > damit auch Formfragen derselben. Warum glaubst du, dass sich hier was =E4ndert? Ich bin da nicht so sicher. > Damit verlassen wir vielleicht die "Tauschgesellschaft" im engeren > Sinne, dass damit auch der Kapitalismus automatisch am Ende ist, kann > ich nicht erkennen. Hier sind wir letzlich in Definitionsfragen, aber wenn du jeden Stoffwechsel mit der Natur als Kapitalismus bezeichnen willst, dann gibt es denselben nat=FCrlich seit der ersten Zelle und wird es bis zum Ende des Lebens weiter geben. F=FCr was ein derart =FCberdehnter Begriff dann noch n=FCtzlich ist, wei=DF ich allerdings nicht. >>> HGG: Was ist "der Kapitalismus" und "Alternativen" angesichts der >>> Marxschen Aussage, dass sich diese Gesellschaft mit all ihren >>> Institutionen dauernd transformiert? >=20 >> SMn: Die Frage stellst du nicht ernsthaft - oder? Der Kapitalismus >> ist durch abstrakte Arbeit und durch eine Vergesellschaftung =FCber >> den =C4quivalententausch gekennzeichnet. Und das hat bisher keine >> Transformation auch nur entfernt angetastet. >=20 > Doch, das meine ich sehr ernst. Die kapitalistische Gesellschaft hat > sich etwa alle 50 Jahre sehr grundlegend transformiert und > offensichtlich sind wir Zeuge eines weiteren solchen > Transformationsprozesses. Ich w=FCrde stets betonen, dass der Kapitalismus die bisher dynamischste menschliche Gesellschaftsform ist - zweifellos. Aber in den letzten 50 oder 100 Jahren hat es keinen einzigen Transformationsprozess gegeben, der die abstrakte Arbeit oder die Vergesellschaftung =FCber den =C4quivalententausch auch nur angetastet h=E4tte - inklusive der realsozialistischen im =DCbrigen, wiewohl die an ein paar Stellschrauben immerhin gedreht haben. Wenn du das anders siehst, dann w=E4re ich f=FCr ein Beispiel dankbar. Gr=FC=DFe Stefan --=-=-= Content-Type: application/pgp-signature -----BEGIN PGP SIGNATURE----- Version: GnuPG v1.4.6 (GNU/Linux) iQCVAwUBTN1nNwnTZgC3zSk5AQKLeQQAqMRtjaNZehsH+u3PgfPe8Dt3ftUiRHse 1kcGyBAB8FX8WvVq83bGvXL7ArBCWUMrZXvJnL136cHmYNjUcJdKIdpRh1P1cZST 20AmsO+mhofe+CQTOoLf5lRI+vi6wvXiyfCWS5P2Kf4itkpK2S98UwovjVqR5OpL eTiPGa3ePb8= =9Sv8 -----END PGP SIGNATURE----- --=-=-=-- ________________________________ Web-Site: http://www.oekonux.de/ Organisation: http://www.oekonux.de/projekt/ Kontakt: [email protected]