[ox-de] keimform.de: Wie es den Kapitalismus zum Commonismus treibt

Christian Siefkes <[email protected]> Sat, 05 Mar 2011 16:35:32 +0100
Newsgroups gmane.politics.oekonux.german
Message-ID <[email protected]>
This is an OpenPGP/MIME signed message (RFC 2440 and 3156)
--------------enig5531D0BF0867AC120BE3B71F
Content-Type: text/plain; charset=windows-1252
Content-Transfer-Encoding: quoted-printable

URL: http://www.keimform.de/2011/wie-es-den-kapitalismus-zum-commonismus-=
treibt/

[Dieser Artikel ist in der heutigen Ausgabe des Neuen Deutschlands
<http://www.neues-deutschland.de/> unter dem (vom der Redaktion ver=E4nde=
rten)
Titel =84Vorw=E4rts zum Commonismus=93 erschienen.]

Stellen wir uns eine Welt vor, in der Produktion und Reproduktion
bed=FCrfnisorientiert zum Wohle aller stattfinden, organisiert von Mensch=
en,
die sich niemandem unterordnen m=FCssen und sich freiwillig in die
erforderlichen T=E4tigkeiten teilen. Ich nenne eine solche Gesellschaft
*Commonismus,* weil ich glaube, dass darin die *Commons,* die Gemeing=FCt=
er,
eine wichtige Rolle spielen werden.

Man mag einwenden, dass eine solche Gesellschaft unm=F6glich ist, weil es=
 sie
noch nicht gab und weil sie der Natur des Menschen widerspricht. Doch
daraus, dass es etwas noch nicht gab, kann man nicht schlie=DFen, dass es=

unm=F6glich ist; und Argumente zur =84Natur des Menschen=93 =FCbersehen, =
dass die
Menschen nicht nur die Gesellschaft machen, sondern umgekehrt auch durch =
die
Gesellschaft beeinflusst und gepr=E4gt werden. =C4ndern sich die Struktur=
en,
=E4ndert sich auch das Verhalten der Menschen.

Der Commonismus bliebe allerdings eine abstrakte Idee, wenn er nicht das
Zeug h=E4tte, aus der heutigen Gesellschaft, dem Kapitalismus, heraus zu
entstehen. Karl Marx sagte dazu, dass =84die materiellen Existenzbedingun=
gen=93
neuer Produktionsverh=E4ltnisse =84im Scho=DF der alten Gesellschaft selb=
st
ausgebr=FCtet=93 werden m=FCssen.

Eine commonistische Gesellschaft hat meiner Ansicht nach zwei wesentliche=

Voraussetzungen, deren Entwicklung durch die kapitalistische Logik zum Te=
il
beg=FCnstigt wird, w=E4hrend ihre vollst=E4ndige Umsetzung im Widerspruch=
 zum
Kapitalismus steht: (1) Menschliche Arbeit verschwindet aus dem
Produktionsprozess, sie wird durch Automatisierung und Selbstentfaltung
ersetzt. (2) Der Zugang zu Ressourcen und Produktionsmitteln steht allen
gleicherma=DFen offen.

Wie diese Voraussetzungen die Produktionsprozesse ver=E4ndern, wird bisla=
ng im
Bereich der digitalen Produktion von Software und anderen Informationsg=FC=
tern
am deutlichsten sichtbar. Die *Freie-Software-* und *Freie-Kultur-Bewegun=
g*
hat diesen Kernbereich der modernen Produktion so grunds=E4tzlich umgewan=
delt,
dass bestimmte M=E4rkte deutlich geschrumpft oder gar komplett verschwund=
en
sind. Dies betrifft etwa Internetsoftware, Software f=FCr Programmierer/i=
nnen
und Enzyklop=E4dien. In diesen Bereichen haben sich frei verwendbare Prog=
ramme
wie Apache, Firefox, WordPress, frei nutzbare Programmiersprachen wie
Python, Entwicklungsumgebungen wie Eclipse sowie die freie
Internet-Enzyklop=E4die Wikipedia durchgesetzt. Konkurrenzangebote, die g=
em=E4=DF
der =FCblichen kapitalistischen Logik nur k=E4uflich erwerbbar sind, habe=
n
nahezu keine Chance mehr. Indem sie M=E4rkte zum Verschwinden bringt, wei=
st
diese Bewegung =FCber den Kapitalismus hinaus. Zugleich basiert sie aber =
auf
Voraussetzungen, die im Kapitalismus entstehen und der kapitalistischen
Logik zufolge entstehen *m=FCssen.*

Ein Paradox des Kapitalismus ist, dass die menschliche Arbeit einerseits
seine Grundlage ist, andererseits aber ein Kostenfaktor, den jedes
Unternehmen m=F6glichst stark reduziert. Arbeit ist Quelle des Mehrwerts =
und
damit des Profits, doch zugleich kann jedes Unternehmen seinen Profit
zumindest tempor=E4r dadurch erh=F6hen, dass es Arbeit einspart und so ge=
gen=FCber
seinen Konkurrenten einen Kostenvorteil erzielt. Arbeit in Billiglohnl=E4=
nder
auszulagern, ist eine M=F6glichkeit zur Kostensenkung, doch noch besser i=
st es
aus unternehmerischer Sicht, sie durch Maschineneinsatz oder durch von de=
n
Kund/innen freiwillig und unentgeltlich =FCbernommene T=E4tigkeiten zu er=
setzen.

Bis vor einigen Jahrzehnten ging der Einsatz von Maschinen und menschlich=
er
Arbeit meist Hand in Hand, etwa bei der Flie=DFbandarbeit. Doch mit
zunehmender Automatisierung wird die menschliche Arbeit bei
Routinet=E4tigkeiten immer entbehrlicher. =DCbrig bleiben Arbeiten, die s=
ich
kaum automatisieren lassen, weil sie Kreativit=E4t, Intuition oder
Einf=FChlungsverm=F6gen erfordern. Deshalb ist in Bezug auf den modernen
Kapitalismus oft von =84Dienstleistungs-=93 oder =84Informationsgesellsch=
aft=93 die
Rede, weil die meisten nicht automatisierbaren T=E4tigkeiten in diese Ber=
eiche
fallen.

Zudem werden Aufgaben an die Kund/innen selbst delegiert, was weitere
Arbeitskr=E4fte einspart. Dank Selbstbedienung brauchen Superm=E4rkte wen=
iger
Verk=E4ufer/innen; beim Online-Shopping und Online-Banking werden die
Verk=E4ufer bzw. Schalterangestellten ganz =FCberfl=FCssig; Ikea =FCberl=E4=
sst den
Kund/innen das Zusammenbauen ihrer M=F6bel und spart so Personal und
Transportkosten.

Doch diese Entwicklungen ver=E4ndern zugleich den Charakter des Tuns. Als=

Angestellter arbeite ich, um Geld zu verdienen. Wenn ich jedoch meine
eigenen M=F6bel zusammenbaue oder im Internet nach f=FCr mich geeigneten
Produkten suche, dann interessiert mich das *Ergebnis* meines Tuns. Und
durch die zunehmende Automatisierung werden langweilige Routinet=E4tigkei=
ten,
die man nur gegen (Schmerzens-)Geld erledigt, zunehmend durch kreativere =
und
daher auch inhaltlich interessantere T=E4tigkeiten ersetzt.

F=FCr letztere ist eine Bezahlung zwar (sofern man noch Geld braucht) ein=

netter Pluspunkt, aber =96 wie sich in den letzten Jahrzehnten zur
=DCberraschung vieler =D6konom/innen gezeigt hat =96 keineswegs eine notw=
endige
Bedingung. Seit das Internet es immer mehr Menschen erm=F6glicht, andere =
mit
=E4hnlichen Interessen auch =FCber gr=F6=DFere Entfernungen hinweg zu fin=
den, sind
viele Projekte entstanden, in denen Menschen gemeinsam an Dingen arbeiten=
,
die ihnen wichtig sind. Dazu geh=F6ren Freie Software, Freie Inhalte wie =
die
Wikipedia und Open-Hardware-Projekte, in denen die Beteiligten gemeinsam
materielle Dinge entwerfen und die Baupl=E4ne mit der ganzen Welt teilen.=
 Beim
Freifunk-Projekt, das freie Funknetzwerke aufbaut, und bei
Gemeinschaftsg=E4rten, wo Menschen gemeinsam st=E4dtische Freifl=E4chen i=
n offene
G=E4rten umgestalten, steht dagegen die Zusammenarbeit vor Ort im Mittelp=
unkt.
All diese Projekte haben zwei Grundlagen: zum einen die freiwillige,
bed=FCrfnisorientierte Zusammenarbeit der Beteiligten; zum anderen die
Gemeing=FCter =96 Software, Wissen, Netzwerke oder Orte =96, die sie nutz=
en,
pflegen oder hervorbringen.

Manchen der Beteiligten geht es dabei ums Geldverdienen oder die
Verbesserung ihrer Berufschancen, aber viele engagieren sich aus anderen
Gr=FCnden: weil sie selbst an dem entstehenden Werk Interesse haben; weil=
 sie
dabei Aufgaben =FCbernehmen k=F6nnen, die ihnen Spa=DF machen; oder weil =
sie den
anderen etwas zur=FCckgeben m=F6chten (ohne dazu verpflichtet zu sein). A=
rbeit
zum Zweck des Geldverdienens wird so ersetzt durch T=E4tigkeiten, die man=

gerne um ihrer selbst willen, aufgrund ihres Ergebnisses oder den anderen=

Beteiligten zuliebe =FCbernimmt: Selbstentfaltung.

M=F6glich ist das nur, weil die Beteiligten Zugang zu den ben=F6tigten
Produktionsmitteln =96 wie Computern und Internetzugang =96 haben. Das ma=
g als
Begrenzung dieser freien, commonistischen Produktionsweise erscheinen, da=

die Konzentration der meisten Produktionsmittel in den H=E4nden weniger f=
=FCr
den Kapitalismus charakteristisch ist. Gemeinschaftlich produzieren kann =
man
Software und Wissen, wo nur kleine, schon weit verbreitete Produktionsmit=
tel
n=F6tig sind, aber wie steht es um Dinge, die riesige Fabriken erfordern?=


Gl=FCcklicherweise treibt auch hier die Produktivkraftentwicklung den
Kapitalismus in eine Richtung, die seine eigene =DCberwindung erleichtert=
=2E
=C4hnlich wie die heutigen Personalcomputer Nachfolger der Millionen kost=
enden
und R=E4ume f=FCllenden Gro=DFrechner des letzten Jahrhunderts sind, werd=
en auch
andere Produktionstechniken immer g=FCnstiger und f=FCr Einzelne oder kle=
ine
Gruppen erschwinglicher. Kosteng=FCnstige, aber flexible computergesteuer=
te
(CNC) Maschinen ersetzen in der industriellen Produktion zunehmend
schwerf=E4llige Gro=DFanlagen. Gleichzeitig hat sich rund um diese Maschi=
nen
eine Bewegung von Hobbyisten gebildet =96 die sogenannte =84Maker=93-Szen=
e =96, die
sie nicht zum Geldverdienen benutzen, sondern um bed=FCrfnisorientiert zu=

produzieren, zu experimentieren und Spa=DF zu haben.

In diesem Kontext sind auch erste Open-Hardware-Projekte entstanden, die
selbst solche Produktionsmaschinen entwerfen und ihr Wissen als Gemeingut=

teilen. Damit werden die Grundlagen f=FCr eine bed=FCrfnisorientierte, au=
f
Gemeing=FCtern basierende Produktionsweise gelegt. Die R=FCckeroberung de=
r
Produktionsmittel hat begonnen.


Herzliche Gr=FC=DFe
	Christian

--=20
|------- Dr. Christian Siefkes ------- [email protected] -------
| Homepage: http://www.siefkes.net/ | Blog: http://www.keimform.de/
|    Peer Production Everywhere:       http://peerconomy.org/wiki/
|---------------------------------- OpenPGP Key ID: 0x346452D8 --
Der Mensch verschwindet aus der Arbeitswelt, wie das Pferd aus der
Landwirtschaft verschwunden ist.
        -- Wassily Leontief, Nobelpreis f=FCr =D6konomie 1973


--------------enig5531D0BF0867AC120BE3B71F
Content-Type: application/pgp-signature; name="signature.asc"
Content-Description: OpenPGP digital signature
Content-Disposition: attachment; filename="signature.asc"

-----BEGIN PGP SIGNATURE-----
Version: GnuPG v1.4.10 (GNU/Linux)
Comment: Using GnuPG with Mozilla - http://enigmail.mozdev.org/

iEYEARECAAYFAk1yWEkACgkQ301HxjRkUtgA+wCfZjs1CSNJrzDW2Mr7sEvC/S0j
bCYAoJltrpB4fsDgYM6ELQRxSBGrTDzT
=yu9W
-----END PGP SIGNATURE-----

--------------enig5531D0BF0867AC120BE3B71F--
________________________________
Web-Site: http://www.oekonux.de/
Organisation: http://www.oekonux.de/projekt/
Kontakt: [email protected]