Re: [ox-de] Text zu Keimformen bzw. der Entwicklung sozialer Vermittlungsmechanismen

Stefan Nagy <public-Rkx4Xfb3x/[email protected]> Sat, 24 Sep 2011 16:25:41 +0200
Newsgroups gmane.politics.oekonux.german
Message-ID <1316874341.1703.5.camel@rosa>
Hi Stefan,

danke für deinen Kommentar & sorry dass es mit der Antwort so lange
gedauert hat. Danke auch für die Links; ich kannte die beiden Texte
schon und kann sehr viel damit anfangen. Im Folgenden will ich anhand
nur eines Zitates aus deinem Text auf die aus meiner Sicht zentralen
Unterschiede zwischen unseren Sichtweisen eingehen.

> Das von uns gemachte tritt uns als Fremdes entgegen, als etwas, von
> dem wir beherrscht werden

Um diesem Satz als reine Aussage – nicht als Kritik, dazu weiter unten –
zustimmen zu können, muss ich hier von zwei unterschiedlichen
Wir-Begriffen ausgehen: Wenn uns etwas als fremd gegenüber tritt, dann
heißt das, mir, dir, ihr, ihm und ihnen tritt etwas als fremd gegenüber;
"wir" meint hier nicht mehr als eine Summe von Individuen. Dieselbe
Bedeutung findet sich in der Aussage, dass wir von etwas beherrscht
werden.

Davon zu unterscheiden wäre das Wir in der Feststellung, dass dieses
Etwas von uns gemacht ist/wurde: Ich widerspräche der Annahme, dass
"wir" als Summe von Individuen dieses Etwas geschaffen haben; dass diese
Individuen hier als Subjekte betrachtet werden können. "Wir" muss hier
als soziale Entität begriffen werden, als mehr als die Summe der
Individuen. Das Subjekt (wenn man überhaupt von einem sprechen will) ist
hier das Kollektiv als solches.

Allgemein betrachtet ist ja sehr fraglich inwieweit es überhaupt
sinnvoll ist, nach dem Subjekt von Selbstorganisation oder Emergenz zu
fragen. Ich würde es jedenfalls strikt ablehnen, diesen Status ganz
grundsätzlich den Teilen von sich selbstorganisierenden Gesamtheiten
zuzusprechen – es klingt vielleicht etwas metaphysisch, aber ich würde
in Bezug auf den Prozess am ehesten diesen selbst als Subjekt fassen…
Das ist auch der Grund, warum ich oben gemeint habe "wenn man überhaupt
von einem Subjekt sprechen will" – denn hier löst sich der
Subjektbegriff ja eigentlich auf.

Zurück zum Ausgangszitat. Auf Grundlage dieser Bemerkungen könnte man
sagen: Na selbstverständlich tritt uns Individuen das von uns (als
Gesamtheit) gemachte als Fremd, als etwas von dem wir beherrscht werden,
gegenüber – schließlich sind und waren wir ja nie Subjekte, sondern
lediglich Teile dieser Gesamtheit. So verstanden kann und muss ich der
Aussage also zustimmen. Nun aber zu ihrer eigentlich kritischen
Stoßrichtung: du strebst eine Gesellschaft an, "die wir dann tatsächlich
als ganze und von uns geschaffene erfahren, die uns nicht mehr als
fremde, sondern als eigene entgegentritt".

Eine Gesellschaft, die wir als von uns Individuen geschaffene erfahren,
wäre meines Erachtens keine Gesellschaft im eigentlichen Sinn, sondern
lediglich eine Summe von Individuen. Eine Kritik an gesellschaftlichen
Vermittlungsmechanismen über die wir nicht Herr sind, geht also meines
Erachtens in Leere, weil Gesellschaft als eigene Entität, als emergentes
Phänomen eben solche Mechanismen bedingt.

Gehen wir mal in die Praxis: Mir ist vorhin etwas ganz Alltägliches
passiert. Ich wollte den Begriff Paradoxon verwenden, habe schnell die
Wikipedia aufgeschlagen und war relativ bald kurz davor Kopfschmerzen zu
bekommen – ich habe die Seite also schnell geschlossen und entschieden,
den Begriff einfach nicht zu verwenden. Das Lesen der Wikipedia gibt mir
immer wieder ein ähnliches Gefühl, wie wenn ich in eine Kirche gehe: das
Gefühl von Ohnmacht, ich fühle mich winzig klein und unbedeutend.

Die Wikipedia aufzuschlagen heißt, einer mächtigen Gesamtheit ins Auge
zu blicken. Selbst wenn ich mitschreiben kann, ist die Gesamtheit nicht
meine; sie tritt mir als fremd gegenüber. Noch viel, viel
offensichtlicher ist das bei Freier Software: So sehr ich mich bemühe
die Dinge zu verstehen und obwohl ich durchaus als technikaffin
bezeichnet werden könnte – der Linux Kernel bzw. GNU Hurd oder einfach
Elemente wie der XServer sind nach wie vor Bücher mit Sieben Siegeln für
mich. Und da spreche ich noch gar nicht von jenen zig Teilen meines
Betriebssystems, die zwar für den alltäglichen Betrieb keineswegs
weniger notwendig sind, die ich aber nicht einmal benennen kann.

Ich verbringe wirklich relativ viel Zeit in der Auseinandersetzung mit
Freier Software – nicht dass ich programmieren könnte, ich setze mich
halt gezielt mit den Bugs die ich habe auseinander & versuche ihre
Ursachen festzumachen. Die Handlungen die ich da setze sind immer auch
als Aneignungsprozesse zu begreifen; und jene Elemente meines Systems,
mit denen ich bisher die meisten Probleme hatte, mit denen ich mich
daher auch am meisten auseinandergesetzt habe, erlebe ich am ehesten als
"meine" – am *ehesten*. Es wäre trotzdem völlig absurd zu behaupten, ich
würde etwas vom radeon-Treiber verstehen. Dieses kleine Drecksstück
Software tritt mir trotz unzähliger Tage und Nächte der
Auseinandersetzung in den letzten 7 Jahren als völlig fremd gegenüber…

Und ich bin ja noch ein fortgeschrittener User – ich habe aber etliche
FreundInnen die man getrost als "normale UserInnen" bezeichnen kann, die
sich im Laufe der letzten Jahre entschlossen haben Ubuntu oder Debian
Stable zu verwenden. Zu behaupten, sie würden diese Welt, die sich auf
ihrem täglichen Desktop abspielt nicht als fremd wahrnehmen (ganz
besonders wenn etwas nicht so funktioniert wie erwartet), wäre eine
zumindest sehr gewagte These.

Um das alles nochmal auf den Punkt zu bringen: Meine hier vorgebrachte
Kritik richtet sich kurz gesagt gegen die Vorstellung eines
Subjektstatus von menschlichen Individuen in Bezug auf den
gesellschaftlichen Prozess – und damit gegen die Macht der Ideen.
Zugleich negiere ich die Möglichkeit einer "Nicht-Gesellschaft"; also
einer solchen, die keine Gesamtheit ist & die den Individuen daher als
nicht fremd, oder besser gesagt gar nicht entgegentritt (weil wir ja
hier nur eine Summe von Individuen imaginieren). Anders gesagt: Der
gesellschaftliche Prozess ist in meinen Augen nicht nur als eigene
Entität anzuerkennen, sondern darüber hinaus als Subjekt seiner selbst
zu fassen.

Nochmal zu den nicht gerade optimal gewählten und ausgeführten
Beispielen aus der Praxis: Jimmy Wales ist nicht Subjekt in Bezug auf
die Entstehung der Wikipedia – er ist, wie Ludwik Fleck sagen würde –
lediglich deren Fahnenträger. Dasselbe gilt für Linus Torvalds und die
ganzen anderen, in meinen Augen etwas nervigen "HeldInnen". Subjekte
hier wie überall wären die beteiligten Kollektive *als solche*, also
eben nicht als Ansammlung von Individuen.

Bevor ich mich immer weiter wiederhole mach ich hier mal Schluss. Sorry,
wenn ich etwas langatmig bin, ich tu mir wirklich schwer dabei mich
kürzer zu fassen…

Liebe Grüße,
Stefan.



Am Mittwoch, den 07.09.2011, 01:10 +0200 schrieb Stefan Meretz:
> Hi Stefan!
> 
> On 2011-09-05 20:12, Stefan Nagy wrote:
> > Ich hab den Text auf unserem Weblog [2] unter dem Titel
> > "Gesellschaftstheoretische Gehversuche 01" veröffentlicht, es gibt
> > dort auch eine PDF-Version; würd mich sehr über
> > Kritik/Anmerkungen/etc. freuen.
> 
> Ich hab' das als Kommentar geschrieben:
> 
> Exzellente Reflexion über die Problematik gesellschaftlicher 
> Transformation, auf der Höhe der Zeit, würde ich sagen!
> 
> In Details hätte ich ein paar Einwände, aber die stelle ich hinten an. 
> Wichtiger scheint mir, die aus meine Sicht richtige und zentrale Frage 
> von dir noch etwas zuzuspitzen -- in dem Sinne, dass ich hoffe, dass die 
> Frage richtig zu stellen, schon etwas von der möglichen Antwort 
> hervorbringt. Du bestimmst den Wert -- »als Realabstraktion von Arbeit 
> schlechthin« -- als »Mittel der Vergesellschaftung«, als »spezifisches 
> Mittel der gesellschaftlichen Vermittlung«, als »gesellschaftlicher 
> Selbstorganisationsmechanismus«.
> 
> Klammer auf: Bei Selbstorganisation ist immer die Frage, was das 
> »Selbst« darin ist, dass »sich« dort organisiert, und die Antwort ist: 
> das Kapital als automatisches Subjekt. Es stellt den 
> Vermittlungszusammenhang her, aber genau besehen sind »wir« das, denn 
> das Kapital ist die selbstreflexive Existenzform von Arbeit und Wert. Das 
> heißt: Das von uns gemachte tritt uns als Fremdes entgegen, als etwas, 
> von dem wir beherrscht werden. Es ist genau diese Quasi-
> Naturgesetzlichkeit, die Marx sein Leben lang zu analysieren bestrebt 
> war. Du sprichst das im ersten Teil an. Und übrigens ist »Dialektik« 
> nicht, Widersprüche »in Wohlgefallen« aufzulösen, sondern im Gegenteil 
> zur Geltung zu bringen, auf den Begriff zu bringen. Klammer zu.
> 
> Wenn also der Wert die gesellschaftliche Vermittlungsinstanz ist, die es 
> aufzuheben gilt, dann ist die logisch zwingende Frage, was die 
> gesellschaftliche Vermittlung denn dann in der Lage ist zu leisten -- 
> ohne von personalen Herrschern und unpersonalen Strukturzwängen nach 
> fremden Imperativen einer Zwangsvermittlung unterworfen zu werden. Ich 
> würde da nicht vom »gesellschaftlichen Kitt« sprechen, weil eine solche 
> Redeweise ein Außenverhältnis impliziert: Da muss etwas dazu kommen, der 
> Kitt eben, was die Verbindung, Vermittlung und Verallgemeinerung 
> leistet. Damit ist klar, erstes Kriterium, es muss sich um eine 
> immanente Vermittlung handeln, also ein Prozess, der sich selbst aus 
> sich selbst erzeugt. Wenn dies kein fremder sein soll, zweites 
> Kriterium, ist es nur denkbar, dass es die Menschen selbst sind, die 
> diese Vermittlung hervorbringen. Es handelt sich also um einen bewussten 
> Akt, dies jedoch nicht in dem Zentralplanungssinne, dass einige für alle 
> anderen die Dinge vermitteln, was zu Einschluss-Ausschluss-Verhältnissen 
> führt, sondern, drittes Kriterium, es müssen alle in diesen 
> Vermittlunsgprozess eingeschlossen sein, so dass alle auf der Welt mit 
> allen auf der Welt verbunden sind. Wie ist also der soziale Prozess auf 
> der »Mikroeebene« beschaffen, dass eine Verallgemeinerung (besserer 
> Begriff als »Summe«) jene Gesellschaft ergibt, die wir dann tatsächlich 
> als ganze und von uns geschaffene erfahren, die uns nicht mehr als 
> fremde, sondern als eigene entgegentritt.
> 
> Damit stoppe ich mal. Habe ich jetzt spekuliert? Vielleicht im 
> Hegelschen Sinne. Ich habe einfach nur versucht, deine Denkrichtung 
> weiterzutreiben. Ich hoffe, du kannst was damit anfangen. Es ginge noch 
> weiter...
> 
> Das kennst du?:
> http://www.keimform.de/2011/fuenfschritt-methodische-quelle-des-keimform-ansatzes/
> http://www.keimform.de/2011/faq-zum-fuenfschritt-und-zum-keimform-ansatz/
> 
> Ich habe für Keimform noch einen Text in Arbeit, nämlich zur Frage der
> gesellschaftlichen Vermittlung. Der wird aber noch etwas brauchen.
> 
> Ciao,
> Stefan
> 


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