Re: OT: Kreditkarten-Zahlung im Internet / Zwei-Faktor-Authentifizierung mit Hardware von Seal One

Konrad Rosenbaum <[email protected]>
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Hi,

On 20/05/2022 09:39, Thomas Schmidt wrote:
> Konrad sprach die Bestätigung durch den Kunden bereits an als "Haken". 
> Der Haken der App ist allerdings recht groß, nämlich eine 
> Haftungsumkehr. Nicht nur der Händler lässt sich um Vorfeld die 
> Zahlung von dir bestätigen, sondern auch die Bank.

Soweit korrekt.

Genau genommen: der Händler leitet Dich auf die Webseite der 
Kreditkartenfirma weiter und die tut was auch immer vereinbart ist um 
die Bestätigung einzuholen (kann eine Passwort- oder Code-abfrage sein 
oder die Seite zeigt solange Sanduhren an bis Deine Handy-App ein Ja 
oder Nein bekommen hat). Danach hat die Kreditkartenfirma das okay und 
sagt dem Händler dass das Geld jetzt sicher ist. Deine Bank (von der Du 
die Karte erhalten hast) hat mit der Kreditkartenfirma einen Vertrag der 
besagt, dass bestätigte Transaktionen nicht rückabgewickelt werden 
können (es sei denn es gibt ein Gerichtsurteil gegen Bank oder Händler).

(Vorsicht: IANAL, ich nix Rechtsverdreher, ich nix legal Ahnung. Ich 
hatte nur ein bisschen Grundlagen des Vertragsrechts im Informatik-Studium.)


> Das heißt, jeder Betrüger, der die App simuliert, bekommt das Geld, 
> und du zahlst.

Zwei Denkfehler:

a) die App muss die Anforderungen von PCIDSS erfüllen und kann damit 
nicht mal eben "simuliert" werden - man braucht schon einiges an 
Schlüsselmaterial und Energie um die Verbindung zur App zu fälschen, am 
einfachsten wäre Dein Handy zu klauen, aber man muss dann auch den 
Pin-Code wissen und schneller agieren als Du die Karte sperren kannst; 
alternativ muss man in Dein Handy hacken und die verschlüsselten 
Kreditkartendaten abgreifen, knacken und misbrauchen - wir sind nicht 
bei StarTrek wo Mr. Data das in ein paar Sekunden macht

b) Der Betrüger braucht die App nicht um das Geld zu bekommen und den 
meisten Betrügern geht es auch nicht darum Dir zu schaden, sondern darum 
selbst reich zu werden. Der einfachste Weg ist es den Transfer irgendwo 
durchzuführen wo die App gar nicht involviert wird. Zum Beispiel auf dem 
Idumota Market in Lagos oder so.


Meistens läuft ein Betrug so:

1) Betrüger A erbeutet eine ganze Datenbank voll Kreditkartennummern, 
nebst 3-stelliger "Security Codes" von irgendeinem großen 
online-Händler, der die Sicherheitslücke des Jahres verschlafen hat und 
demnächst Ärger mit der Finanzaufsicht seines Landes bekommt

2) Betrüger A verkauft diese Datenbank in tausender-Tranchen im Darknet

3) Betrüger B kauft eine handvoll Tranchen für relativ wenig Geld

4) Betrüger B gibt jeweils eine Handvoll Nummern oder "Karten-Clone" an 
eine Schar von "Mules", die damit Luxusgüter online oder offline kaufen 
sollen

5) Die Luxusgüter werden an weitere "Mules" weitergegeben, die sie dann 
auf eBay oder dem lokalen Bazar verscherbeln (mit Verlust, aber der 
Verlust wird ja von jemand anderes bezahlt)

6) Vom Erlös bekommen die Mules einen Teil ab und der Großteil wird (per 
Post oder Western Union) an den Betrüger B geschickt

7) Betrüger B kauft sich einen Porsche und ein paar von den Mules werden 
erwischt und gehen in den Knast, Betrüger A kauft sich einen besseren 
Laptop und hackt weiter

8) falls bei 4 die App aufgepopt ist und Du den Haken setzt bist Du 
selber schuld, wenn sie nicht aufpopt und Du auch nicht der Abrechnung 
widersprichst auch selber schuld, ansonsten trägt der Händler oder seine 
Bank die Kosten

8b) eigentlich tragen wir alle die Kosten, weil wir ja Gebühren und/oder 
Zinsen für Kreditkarten bezahlen - das ist schon eingerechnet

8c) wenn das ein paar mal mit vielen Karten passiert wird bei der 
Polizei eine Akte angelegt und man versucht herauszufinden was das 
Muster ist, manchmal hat man Glück und kann ein paar Mules verhaften 
oder herausfinden welcher Server-Einbruch dazu geführt hat und kann die 
Karten sperren, B ärgert sich nur ein bisschen weil er neue Tranchen 
kaufen muss

8d) wenn es ein paar Mal mit Deiner Karte passiert wird Dir Deine Bank 
ganz schnell eine neue Kartennummer geben wenn Du nicht schon selber auf 
diese Idee gekommen bist


Ein richtig dummer B ist sein eigener Mule und wird ein paar Monate 
später erwischt. Manchmal sind A und B Teil der selben professionellen 
Bande und sie haben genug Cops gekauft um das jahrelang ungestraft zu 
machen.


Den "klassischen" Betrug gibt es nur noch selten wo ein Händler nach 
Deiner Transaktion mit Deinen Kartendaten nochmal irgendwo einkauft. 
Selten, weil man es leicht entdecken kann und diese Händler dann recht 
schnell in den Knast wandern. Diese Art von Betrüger müsste dann auch 
Dein Handy oder Token klauen, damit Du auf den Kosten sitzen bleibst. 
Lohnt sich nicht.


> Kreditkartenfirmen steckten viel Aufwand in die Verfolgung von 
> Betrugsfällen, den sie mit der App nun an dich abgeben.

Korrekt, das war die Idee hinter der App oder dem Token oder whatever. 
Aber eigentlich soll die App das Problem abfangen bevor es zum Betrug 
kommt. Es machen dummerweise nur nicht genug Händler und Banken mit.

Bisher habe ich die App durchschnittlich 1 bis 2 Mal im Jahr gebraucht. 
Wahrscheinlich müsste ich mehr Briefmarken bestellen, damit ich mir 
endlich mal die Pin merke...

Als meine Bank mir das aufgezwungen hatte, hatte ich das Schlimmste 
befürchtet, aber was ich bisher gesehen habe war ein erstaunlich 
robustes Design. Leider ist das Marketingmaterial für nicht-Informatiker 
geschrieben die man mit Worten wie "X.509" oder "Enrollment" nur 
verschrecken würde.


> Viel Spaß als Privatmensch in Nigeria deine Rechte durchzusetzen.

Brauchst Du nicht. Du hast keinen Vertrag mit irgendwem in Nigeria. Du 
hast einen Vertrag mit Deiner Bank und der Kreditkartenfirma. Das sind 
diejenigen mit denen Du Dich im Zweifelsfall vor Gericht triffst. Es 
muss schon richtig viel schiefgehen damit die App Deine Bank vor der 
Haftung rettet ohne dass Du selber Mist gebaut hast - und selbst dann 
greifen noch Limits und andere Mechanismen (siehe unten) bevor es zur 
Katastrophe kommt.


> Ich habe mich entschieden keiner Kreditkartenfirma Vollzugriff auf 
> mein Geld zu geben und daher keine App.

Das ist natürlich Deine freie Entscheidung.

Nur aus Spass, schauen wir mal was am "Vollzugriff" dran ist:

Also die Firma hinter meiner Kreditkarte hat sehr begrenzten Zugriff auf 
mein Konto: sie dürfen jeden Monat automatisch meine 
Kreditkartenschulden per Lastschrift abbuchen. Ich könnte auch selber 
überweisen, aber dann kostet es potentiell Zinsen wenn ich zu langsam 
bin. Meine Bank begrenzt das auf einen (monatlichen) Betrag den ich mit 
der Bank abgesprochen habe (die Bank agiert als Agent für die 
Kreditkartenfirma) und den ich jederzeit anpassen kann. Wenn meine Karte 
höher belastet wird schlägt die Kreditkartenfirma automatisch Alarm und 
Heerscharen von Bänkern rufen mich erstmal an um zu erfahren ob meine 
Karte geklaut wurde (ist noch nicht passiert, aber so habe ich meinen 
Berater verstanden). Ich habe die Karte auf einem Limit stehen mit dem 
ich bequem einkaufen kann, aber das nicht so hoch ist dass ich gleich 
pleite bin.

Die Kreditkartenfirma hat keinen Zugriff auf mein Sparbuch, meine 
Anlagen, etc. Es gibt also genug Geld neben dem Girokonto von dem ich 
weiter existieren kann, selbst wenn es zur finanziellen 
Kreditkartenapokalypse kommen sollte. Kreditkartenfirma ist nicht gleich 
Bank, die können nicht einfach zugreifen.

Die Firma hat auch ein Interesse daran keine Transaktionen zuzulassen 
die nicht von mir stammen und dazu hat sie recht gute Vorhersagemodelle. 
Sollte mal etwas passieren was vollkommen ausserhalb meiner Gewohnheiten 
liegt (z.B. Einkauf eines Luxusparfüms in Lagos), dann werden sie (laut 
meinem Berater) anrufen. Bisher scheine ich recht gut vorhersagbar zu 
sein (ich habe meine Bank aber auch immer wissen lassen wenn ich in 
ungewöhnlich weit entfernte Gegenden fahre).

Bei Datendiebstahl im Internet kann ich innerhalb der Fristen (ein paar 
Wochen) den Abbuchungen widersprechen. Die Bank erinnert mich recht 
penetrant daran meine Abrechnung runterzuladen. In dem Fall würde ich 
dann auch die Karte sperren. Ab Sperre kann wirklich nix mehr passieren.

Sollte meine App mal unvermittelt aufpoppen ohne dass ich gerade auf die 
Kaufbestätigung von einem Händler warte, dann werde ich natürlich nicht 
meine Pin eingeben, sondern die Bank anrufen und fragen was los ist.

Wenn meine Karten weg sind oder mein Handy geklaut wird werde ich mir 
das nächste Telefon suchen und bei der Hotline anrufen um eine ganze 
Reihe von Sachen zu sperren - nicht nur die Kreditkarte.

Das Risiko dass die App geknackt wird ist relativ gering und Betrüger 
würden eher auf eine der anderen tausend geklauten Kartennummern 
ausweichen und hoffen dass keine App gebraucht wird. Selbst wenn das 
passieren sollte ist mein Schaden auf das monatliche Limit begrenzt (die 
App kann wirklich nur fragen "X will Y Euros, ja/nein?", sie kann keine 
anderen Zugriffe machen). Da ich dann garantiert nicht der Einzige bin 
kann ich gemeinsam mit der Verbraucherzentrale und vielen anderen vor 
Gericht ziehen und feststellen lassen dass die App wertlos ist (kein 
großer Trost, aber man hat es der Bank mal gezeigt...).

Sollte ich im Dschungel gekidnappt werden und die Kidnapper erpressen 
meine Kreditkartendaten, dann hatte ich schon viel größere Probleme als 
ich Trottel in den Dschungel wollte... ;-)


Vergleichen wir das mal mit anderen Methoden oder Plattformen:

EC-Karte: eine Transaktion, die passiert ist kann nicht mehr rückgängig 
gemacht werden. Egal ob per App bestätigt oder nicht. Eine geklaute 
EC-Karte ist unsicher bis sie gesperrt ist. Wenn Du einen 
Überziehungskredit hast (den hast Du wenn Du nicht explizit 
widersprichst) dann hast Du bei Diebstahl recht schnell Probleme, die 
über Deinen Kontostand hinausgehen.

Lastschrift: Rückabwicklung ist innerhalb von Europa möglich, macht 
Aufwand und kostet Geld. Ausserhalb ist es meistens schwer bis unmöglich 
das überhaupt zu machen, Rückabwicklung kannst Du vergessen. Da Du dem 
Händler Zugriff auf Dein Konto gibst solltest Du genau überlegen wem Du 
das gibst.

"Sofortüberweisung": Du gibst einer Dienstleistungsfirma, die weniger 
gut reguliert ist als Deine Bank, die Vollmacht Dich bei Deiner Bank zu 
vertreten. Hmm, was ist an diesem Bild falsch?

Paypal: schlecht regulierter Finanzdienstleister mit 
Lastschrifterlaubnis. Kann funktionieren, tut es meistens auch, kann 
aber auch schiefgehen. Rückabwicklung liegt im Ermessen von Paypal. 
Rückabwicklung der Lastschrift kannst Du als Backup verwenden, aber dann 
brauchst einen guten Anwalt.

Überweisung: macht Aufwand, aber ist relativ sicher. Solange Du Dich 
nicht vertippst. Wenn Du Dich vertippst, dann ist das Geld weg. Ohne 
Rückabwicklung. Auch wenn Du erst überweist und der Händler dann nix 
schickt ist das Geld weg.

Barzahlung: funktioniert nur in physischen Geschäften. Das Risiko wird 
minimiert indem man nicht gleich tausende Euros rumschleppt. 
Rückabwicklung ist ein lächerlicher Gedanke. Weg ist weg.

eBay & Amazon & Amazon Pay: siehe Paypal.

Alibaba Pay: wie Paypal, aber China hat die Aufsicht


Bleibt bei Kreditkarte natürlich noch der Aufwand die Abrechnung zu 
prüfen. Das kann man minimieren indem man die Karte nur dort einsetzt wo 
es wirklich nötig ist. Mit dieser Strategie fahre ich jetzt seit mehr 
als 10 Jahren recht gut. Ich will Dir nichts einreden, aber das Risiko 
ist nicht so hoch wie man am Anfang glaubt.

"nötig": Einkäufe im nicht-EU Ausland (z.B. USA ohne Kreditkarte 
bereisen ist blödsinnig; online in USA oder den meisten anderen Ländern 
bestellen geht auch nur mit Kreditkarte); Plattformen und Händler wo ich 
der Meinung bin dass ich die Widerspruchsmöglichkeit brauche, weil ich 
der Plattform nicht über den Weg traue und definitiv meine Kontodaten 
nicht rausrücken will (z.B. Alibaba) - Kreditkarte sperren ist auch 
weniger schmerzhaft als eine neue Kontonummer und sie hat ein Limit was 
noch enger ist als das vom Konto an dem sie hängt

Du wirst mich nicht dabei erwischen wie ich eine Tüte Äpfel im Aldi mit 
Kreditkarte bezahle. Die Pudelmütze vom Weihnachtsmarkt werde ich bar 
bezahlen.

Ergebnis: meine monatliche Abrechnung ist ca. 5 Einträge lang und ich 
kann sie bequem prüfen während ich mit dem anderen Auge Star Trek gucke. 
Falls ich im Ausland bin ist die Abrechnung natürlich etwas länger, aber 
da sammel ich halt meine Belege.

Disclaimer: mit dieser Strategie hatte ich auch noch nie irgendwelche 
seltsamen Transaktionen, die ich nicht selbst veranlasst hatte. Kann 
sein dass ich mehr als 10 Jahre Glück hatte. Ich habe von einigen 
Bekannten gehört, die ständig Kreditkarte für alles einsetzen, dass die 
Rückabwicklung recht problemlos funktioniert - das sind allerdings 
amerikanische Bekannte/Karten, ich kenne keine Europäer die Äpfel mit 
Kreditkarte bezahlen würden (höchstens Äpfel mit Alugehäuse).


FAQ:

Brauchst Du eine Kreditkarte? Wenn Du nur in Deutschland oder der EU 
einkaufst dann nicht. Die meisten großen Händler in Deutschland sind 
vertrauenswürdig genug für EC/Lastschrift, die meisten kleineren bieten 
Dir an zu überweisen oder über Proxies wie Paypal oder Amazon Pay zu 
gehen (falls Du dort sowieso einen Account hast, bei Paypal geht auch 
spontan ohne Account). Wenn Du außerhalb der EU online oder offline 
unterwegs bist, dann kann es sein dass Du ohne Kreditkarte nicht weiter 
kommst.

Wenn Du eine Kreditkarte hast - brauchst Du dann ein Token/Code/App? Ja, 
Deine Bank wird Dich dazu zwingen. Warum weiß nur ein Beamter in 
Brüssel, der die Regulierung geschrieben hat.

Ist es so schlimm wie es klingt? Nein. Ich hatte auch mit schlimmerem 
gerechnet, aber man braucht es erstaunlich selten und es ist erstaunlich 
sicher designt wenn man es mal braucht.

Aber Kreditkarte ist doch die schlechteste Bezahlmethod von allen!? 
Nein, es gibt reichlich dümmere Ideen. Aber natürlich auch ein paar bessere.

Ich will nur Bargeld!? Ich bewundere Deine Unterstützung für lokale 
Ladengeschäfte, Deine Bereitwilligkeit höhere Preise zu bezahlen und auf 
bestimmte Produkte komplett zu verzichten. ;-)


Welche Bezahlmethoden Du benutzt musst Du selbst entscheiden. Im 
Wesentlichen ist es davon abhängig welche Kompromisse Du bereit bist 
einzugehen und welche Einkaufsmöglichkeiten Du benutzen willst. Keine 
Methode ist perfekt, kein Händler ist unersetzlich, kein Preis ist 
universell gültig, keine Transaktion ist komplett ohne Risiko. Es ist 
immer eine Balance zwischen Komfort, Sicherheit und Kosten - Du musst 
entscheiden wo Dein Kompromiss liegt.


     Konrad
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