BMCR 2008.10.20, Adalberto Giovannini, Les relations entre E/tats la Gre\ce antique
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Adalberto Giovannini, Les relations entre E/tats dans la Gre\ce antique. Du temps d'Home\re a\ l'intervention romaine (ca. 700-200 av. J.-C.). Historia Einzelschriften, 193. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2007. Pp. 445. ISBN 978-3-515-08953-1. EUR 74.00 (pb). Reviewed by Sven Guenther, Institut fuer Alte Geschichte, Johannes Gutenberg-Universitaet Mainz ([email protected]) Word count: 629 words ------------------------------- To read a print-formatted version of this review, see http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/2008/2008-10-20.html To comment on this review, see http://www.bmcreview.org/2008/10/20081020.html ------------------------------- Wer gedacht hatte, die internationale Diplomatie sei im 21. Jahrhundert zu einer Art "Kuschel-Diplomatie" verkommen, der wurde spaetestens im aktuellen kriegerischen Konflikt zwischen Georgien und Russland sowie den nachfolgenden "Friedensverhandlungen" eines Besseren belehrt. Nicht nur die unterschiedlichen Interpretationsweisen des vom EU-Ratspraesidenten Nicolas Sarkozy ausgehandelten Waffenstillstandsabkommens, sondern auch die verschiedenen historisch-politischen, ethnischen, kulturellen und wirtschaftlichen Hintergruende sowie deren (mehr oder weniger bewusster und geschickter) Einsatz in den zahllosen Verhandlungen stellen ein Paradebeispiel fuer die komplexen Strukturen und Netzwerke heutiger Diplomatie dar, das aufzuarbeiten ein lohnenswertes Unterfangen sein duerfte. Um so interessanter und fruchtbringender gestaltet sich der Ansatz G(iovanninis), den Beziehungen der griechischen Staaten von der Fruehzeit bis zum Eingreifen der Grossmacht Rom unter kategorisierenden Gesichtspunkten nachzugehen und die Gegenwartstauglichkeit der Strukturmuster aufzuzeigen. Wenn man naemlich gemeinhin zumeist Begriffe wie "Stasis" oder "Krieg" zur Kennzeichnung griechischer Gemeinwesen und ihres Verhaeltnisses zueinander verwendet, so stellt das nur einen (wenn auch grossen) Ausschnitt aus der breiten Palette griechischer Organisations- und Beziehungsformen dar, die G. in seiner fuenfteiligen Untersuchung entfaltet.[[1]] Im ersten Hauptabschnitt (19-82) arbeitet G. die "einenden" sozialen Voraussetzungen heraus, die als Grundlage der griechischen Welt gelten duerfen. Es ist dies, unabhaengig von der realen Kategorie "Rasse", das gemeinsame Bewusstsein, Grieche zu sein, das sich in vielen Bereichen, etwa im Goetterkult oder in bestimmten (moralischen) Handlungsprinzipien, zwischen einzelnen Personen bzw. Personenverbaenden manifestiert. Der zweite Teil (83-136) ist dann dem "Staat" als Kategorie in seinen verschiedensten Auspraegungen gewidmet. Wie unzulaenglich die allzu starren modernen staatsrechtlichen Definitionen von "Staat" im Hinblick auf die komplexen Gefuege griechischer Gemeinwesen sind, stellt G. hier ebenso heraus wie die unterschiedlichen Auspraegungsmoeglichkeiten von "Staat" bei den Griechen, der eben nicht unter dem Begriff "Polis" subsumiert werden darf, sondern sich auch in anderen Organisationsformen, etwa der "Ethne\" oder dem Koenigreich, konkretisieren kann. Nach dieser sozialen und politischen Grundlagenanalyse des griechischen Siedlungsbereiches untersucht G. in den folgenden Abschnitten unter systematisierendem Aspekt drei wesentliche Momente griechischer Staatsbeziehungen: den Konfliktfall (137-218) sowie bi- und multilaterale Uebereinkommen, wobei er hier zwischen "accords entre e/tats" (219-343) und "systeme\s d'e/tats" (345-409) differenziert. Hier liegt denn auch der eigentliche Gewinn, aber auch die eine oder andere Schwaeche der vorliegenden Studie. So sehr G. naemlich hier einerseits als wohltuendes Korrektiv etwa zur Frage nach der Bedeutung des agonalen Prinzips bei Auseinandersetzungen (146-148) eingreift, so wenig erschliessen sich dem kundigen Leser die Kategorisierungskriterien in den letzten beiden Abschnitten. Selbst wenn man die Einteilung der bi- und multilateralen Uebereinkommen in "conventions", "traite/s" und "syste\mes d'e/tats" nach dem Grade des Eingriffs in Souveraenitaetsrechte bzw. nach der Anzahl miteinander in Beziehung stehender Abkommen ("syste\mes") theoretisch nachvollziehen mag, so unpraktikabel erscheint jedoch die Anwendung auf die komplexen Verbindungen griechischer Staaten untereinander. Solche Zuteilungsentscheidungen verkennen und verkuerzen naemlich mitunter historische Entwicklungsprozesse, deren Nachzeichnung vorderste Aufgabe der Althistorie ist und durch das mangelnde Quellenmaterial ohnehin schon erschwert wird. Insofern deutet sich in G.'s Ansatz die Schwaeche jeglicher Kategorisierungsmassnahme an, die stets auf dem schmalen Grat zwischen verfaelschender Verkuerzung sowie immer ziselierterer und damit nach und nach unuebersichtlicher Ausdifferenzierung der Kategorisierungsbausteine wandelt. Trotz dieser systemimmanten Strukturfehler gewinnt die Studie jedoch insbesondere durch die stupende Quellenkenntnis des Autors, die das ganze Werk durchzieht und zum Weiterarbeiten anregt. Fuer den franzoesischkundigen Leser duerften dabei die vielen Quellenuebersetzungen, vor allem von oft nicht uebersetzten Inschriften, als Ergaenzung zu der Auflistung der Originaltexte und Kommentierung in den "Staatsvertraegen des Altertums" zum Vorteil gereichen, wenn auch die Faehigkeit, fremdsprachige Uebertragungen originalsprachlicher Quellen zu verstehen, im gleichen Masse wie die Kenntnis der Ausgangssprache abzunehmen erscheint. Mag man sich zwar an der einen oder anderen Stelle in Ergaenzung der jeweils zu Anfang eines Abschnitts genannten Basisliteratur noch den einen oder anderen Spezialaufsatz oder die Auffaltung der Forschungsdiskussion zu dieser oder jener Thematik wuenschen,[[2]] so gebuehrt jedoch der Kompaktheit des Werkes das Verdienst, Ausgangspunkt jedweder weiteren Beschaeftigung mit der Materie "griechische Staatsbeziehungen" sein zu duerfen. ------------------ Notes: 1. Vgl. dazu auch die Arbeit von Polly Low, Interstate Relations in Classical Greece. Morality and Power. Cambridge 2007; dazu die Rezension in BMCR von Sian Lewis, nachzulesen unter: BMCR 2008.03.47; ebenso die Rezension von Ernst Baltrusch in H-Soz-u-Kult: H-Soz-u-Kult, 13.08.2007 (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-114) . 2. Vgl. dazu die nicht nur in dieser Hinsicht kritische Rezension von Christian Wendt in H-Soz-u-Kult: H-Soz-u-Kult, 22.10.2007 (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-063) . Ausgewogener, da auch mit dem eigenen Ansatz vergleichbar die Rezension von Polly Low im elektronischen Rezensionsjournal Sehepunkte: sehepunkte 7 (2007), Nr. 12 (15.12.2007) (http://www.sehepunkte.de/2007/12/13537.html) .