BMCR 2009.03.04, Stefan Pfeiffer, Aegypten unter fremden Herrschern
Bryn Mawr Reviews <[email protected]> Sun, 1 Mar 2009 13:55:20 -0500 (EST)
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Stefan Pfeiffer (ed.), Aegypten unter fremden Herrschern zwischen persischer Satrapie und roemischer Provinz. Oikumene Studien zur antiken Weltgeschichte, Bd. 3. Frankfurt am Main: Verlag Antike, 2007. Pp. 224; 16 pl. ISBN 9783938032138. EUR 49.90. Reviewed by Jan Moje, Universitaet zu Koeln ([email protected]) Word count: 1643 words ------------------------------- To read a print-formatted version of this review, see http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/2009/2009-03-04.html To comment on this review, see http://www.bmcreview.org/2009/03/20090304.html ------------------------------- Das spaete Aegypten mit all seinen multikulturellen und multilingualen Aspekten ist schon oft Gegenstand detaillierter Untersuchungen gewesen. Auch die Tagung 2005 in Trier des Projektes Entstehung und Entwicklung einer multikulturellen Gesellschaft im griechisch-roemischen Aegypten im Rahmen des Trierer Sonderforschungsbereiches 600, die Anlass des vorliegenden Bandes war, ist diesem Thema gewidmet. Die Ergebnisse der Tagung wurden von Stefan Pfeiffer herausgegeben, der auch einen eigenen Artikel beigesteuert hat. Allerdings sind hier nicht von allen Teilnehmern Beitraege aufgenommen. Der erste Artikel von Marc Rottpeter Initiatoren und Traeger der 'Aufstaende' im persischen Aegypten (pp. 9-33) beschaeftigt sich mit den Widerstaenden, denen sich die persische Herrschaft in Aegypten ausgesetzt sah. Er analysiert sie hinsichtlich ihrer Ursachen und Ausloeser. In erster Linie sind hierbei griechische Quellen von Nutzen, namentlich Herodot, Thukydides und Diodor. Eingeleitet wird Rottpeters Aufsatz von einem historischen Ueberblick ueber die verschiedenen Unruhen waehrend der Perserzeit nach den erhaltenen antiken Quellen. Im Anschluss analysiert er jeden einzelnen Aufstand hinsichtlich der Initiatoren sowie der Ursachen. Zu den Traegern der Aufstaende kann Rottpeter feststellen, dass es offenbar nie die Aegypter selbst waren, die sich gegen die Fremdherrschaft im eigenen Lande erhoben, sondern dass sie ihr vielmehr "eher leidenschaftslos gegenueberstand(en)" (p. 28). Hierzu verweist der Verfasser auf Strabon, der die Aegypter in der Roemerzeit als militaerisch ungefaehrlich einstufte, und uebertraegt dies auf die Perserzeit. Die wahren Verantwortlichen kann Rottpeter anhand der Quellenlage sicher unter den libyschen Fuersten sowie beim Delisch-Attischen Seebund ausmachen. Die Ursachen fuer die Aufstaende sind hingegen weitaus unklarer. Der Verfasser ist der Ansicht, dass die Revolten stets im Zusammenhang mit einen Thronwechsel in Persien zu sehen sind, da zu diesen Anlaessen auch in den anderen Satrapien Unruhen ausbrachen. Die Aufstaende im perserzeitlichen Aegypten hatten also eigentlich nichts mit den Aegyptern selbst zu tun, sondern mit einer versuchten Sezession des Nillandes durch auslaendische Maechte, die Aegypten fuer ihre eigenen Interessen nutzen wollten. Rottpeter vermeidet weitestgehend den Begriff "Aufstand", da dieser seiner Meinung nach die Gefahr subjektiver Beeinflussung der Auswertung in sich birgt und verwendet daher den griechischen Begriff der Apostasis. Da aber dieser griechische Begriff auch vielschichtige Bedeutung besitzt, die heute vielleicht noch nicht alle klar erkannt sind, ist auch dieser Begriff meines Erachtens nicht voellig objektiv. Sowohl neue als auch in besonderem Masse die antiken Schriften sind immer Spiegelbild ihrer Zeit und der jeweiligen Interpretation. Man muss sich bewusst machen, dass Interpretationen historischer Ereignisse nicht voellig objektiv sein koennen. Auch der zweite Artikel des vorliegenden Buches, Hilmar Klinkott ueber Xerxes in Aegypten. Gedanken zum negativen Perserbild in der Satrapenstele (pp. 34-53), hat die Perserzeit als Schwerpunkt. Bei ihm geht es jedoch um die synchrone Sichtweise der sog. Satrapenstele Ptolemaios' I. auf die Perser, besonders Xerxes I. Die oft genannten Vorwuerfe, Xerxes I. habe sich frevelhaft gegen die Religionen der unterworfenen Voelker verhalten und damit eine Wende in der bisher recht toleranten persischen Religionspolitik eingeleitet, koennen nach den aussergriechischen Quellen nicht bestaetigt werden. Klinkott geht der Frage nach, weshalb in der Satrapenstele ein so negatives Bild des Grosskoenigs gezeichnet wurde, der auch als Herrscher der Satrapie Aegypten auftrat. Das Dokument wurde von Ptolemaios I. in Auftrag gegeben. Dieser, in den Augen der Aegypter ebenfalls ein Fremdherrscher, musste zu Beginn seiner Herrschaft Aegypten unter Kontrolle bringen. So diente die Satrapenstele nach den Ausfuehrungen von Klinkott sicher dazu, seine Akzeptanz durch die "betonte Abgrenzung gegen die Perser" (p. 48) zu staerken. Alexander der Grosse in seiner Doppelrolle als Pharao und Priester ist Thema des Beitrages von Donata Schaefer (p. 54-74). Sie analysiert die Bautaetigkeit des Makedonen in Aegypten mit Schwerpunkt auf den Tempeln der thebanischen Ostseite. Sie kann keine Hinweise feststellen, dass der Fremdherrscher Alexander in den von aegyptischen Priestern verfassten Inschriften negativ dargestellt wurde. Mit Recht weist Schaefer dabei auf die Schwierigkeiten einer zu modernen Sichtweise hin, andererseits war ein Pharao fuer den aegyptischen Kult unbedingt erforderlich.So ist der Autorin zuzustimmen, dass es fuer den aegyptischen Kult kontraproduktiv gewesen waere, haetten die Priester ein schlechtes Bild ihres religioesen Oberhauptes entworfen. Die Bautaetigkeit Alexanders besonders in Theben-Ost zeigt, dass er sich bemuehte, als legitimer Pharao anerkannt zu werden. Nur mithilfe der Priesterschaft und der Akzeptanz seiner Gottessohnschaft von Amun war Alexanders Herrschaft auf Dauer zu halten, zumal er selbst nicht plante, in Aegypten zu bleiben. Im folgenden Artikel Antiochos IV. Epiphanes. Basileus und Pharao Aegyptens? Porphyrios und die polybianische Ueberlieferung (pp. 75-107) untersucht Andreas Blasius, ob der Seleukidenherrscher Antiochos IV. tatsaechlich, wie von Porphyrios ueberliefert, in Aegypten zum Pharao gekroent wurde. Zunaechst bietet der Autor einen umfangreichen Ueberblick ueber die bisherige Forschungsdebatte, die noch zu keinem Ergebnis gelangen konnte, da keine schluessigen, verifizierbaren Beweise vorgelegt werden konnten. Unter den antiken Autoren wird ansonsten noch bei Polybios, Diodor und Livius ueber diesen Herrscher berichtet, jedoch ist hier nirgends ein Hinweis auf eine Kroenung zu finden. Blasius legt eine fundierte textkritische Analyse aller relevanten Passagen dieser Autoren vor. Danach kommt er zu dem Ergebnis, dass ein eindeutiger Beweis der Kroenung dabei nicht zu fuehren ist. Jedoch schliessen diese Textstellen aber auch nicht grundsaetzlich eine solche aus, zumal Antiochos IV. sich gesichert wie ein Koenig auffuehrte. Hier muessen nun weitere Quellen analysiert werden, was der Verfasser fuer eine Detailstudie ankuendigt, die mit Spannung erwartet werden darf. Mit Kultischen Loyalitaetsformen im hellenistischen Vergleich beschaeftigt sich Domagoj Gladic (pp. 108-139). Er untersucht speziell diejenigen Weihungen, die sich an einen Gott und zugleich einen Menschen -- den Koenig oder eine Privatperson -- richten. Dabei handelt es sich um die Formel <greek>U(PE/R</greek> mit Nennung des Beguenstigten im Genitiv und folgendem goettlichem Empfaenger im Dativ. Gladic bezeichnet die Phrase <greek>U(PE/R</greek> + Genitiv als Beguenstigungsformel. Diese ist typisch fuer Weihungen und fuehrt "jede Art von Beguenstigten" (p. 111) ein. Privatpersonen stehen dabei hinter den goettlichen Empfaengern, waehrend der Koenig am Anfang der Formel zu finden ist. Gladic analysiert detailliert die verschiedenen Auspraegungen dieser Formeln, dabei beruecksichtigt er auch die bilinguen Quellen speziell der Kaiserzeit.[[1]] Zum Schluss verweist der Autor noch auf interessante Parallelen dieser Formel in babylonischen Texten. Daniel von Recklinghausen liefert einen Beitrag ueber Anspruch und Wirklichkeit. Ptolemaeische Beschreibungen der Stadt Theben (pp. 140-164). Theben war eine der Regionen, in der waehrend der Ptolemaeerzeit immer wieder Unruhen und Aufstaende ausbrachen. Als eine der Ursachen wird oftmals der geistige Widerstand der thebanischen Priester angefuehrt. Diese Fragestellung ist dem vorliegenden Artikel zugrunde gelegt. Der Autor stellt zunaechst aeusserst detailliert die verschiedenen quellensprachlichen Texte vor, in denen Theben erwaehnt und beschrieben wurde. Dabei handelt es sich vornehmlich um sog. Monographien, die Charakteristika einzelner Orte beschreiben und in die lokalen Mythen eingliedern. Er kann dann feststellen, dass das in diesen Quellen auftretende, maechtige und "goettergesegnete" Theben relativ wenig mit der realen zeitgenoessischen Situation zu tun hatte. Die einstige Vormachtstellung dieser Metropole in politischer wie wirtschaftlicher Hinsicht war in der Ptolemaeerzeit verloren gegangen, lediglich der religioese Machtfaktor war nach wie vor praesent, wenn auch mit erheblich geringerer politischer Interaktion. Der Verfasser weist auf die konservative und "proaegyptische" Haltung der thebanischen Priesterschaft hin, stellt andererseits aber heraus, dass diese auch Interesse daran hatte, mit dem neuen Herrscherhaus einvernehmlich zusammenzuarbeiten. Daher ist keine Entscheidung moeglich, ob die Inhalte der Monographien die politischen Ambitionen der thebanischen Priester nachhaltig beeinflussten. Ich denke eher, dass das Verhalten der religioesen Amtstraeger von Ambivalenz und Pragmatismus gepraegt war, um die politisch wie kultisch doch recht schwierige Situation meistern zu koennen. Stefan Pfeiffer publiziert im Anschluss eine Studie Zur Einquartierung von Soldaten des ptolemaeischen Heeres. Rechtsgrundlagen, Konflikte und Loesungsstrategien (pp. 165-185). Die mit Land versehenen Soldaten der in Aegypten stationierten Besatzungsstreitkraefte und deren Familien bildeten die neue Oberschicht Aegyptens und genossen vielfaeltige Privilegien. Sofern keine anderen Wohnmoeglichkeiten zur Verfuegung standen, quartierte man die Soldaten bei den Einheimischen ein. Oftmals wurden diese Einquartierungen -- besonders zu Anfang der Ptolemaeerherrschaft -- gewaltsam und ohne Einwilligung der aegyptische Hauseigentuemer durchgefuehrt. Auch eine solche Praxis barg erhebliches Konfliktpotential, das sich auch in zahlreichen Prozessakten und ausfuehrlicher Korrespondenz niederschlaegt. Diese Situation wird von Pfeiffer anschaulich durch zahlreiche Textbelege illustriert. Der Autor analysiert hier erstmals die vorhandenen Quellen im groesseren Zusammenhang. Briefe einiger Herrscher belegen, dass auch von dieser Seite aus an einer friedlichen Einigung aller Beteiligten gelegen war, um sozialer Unzufriedenheit vorzubeugen. Papyrologisch belegt sind zahlreiche Gesetzesregelungen, jedoch auch Beschwerden sowohl von aegyptischen Hausbesitzern als auch von fremden Soeldnern. Es gab recht schnell genaue Verordnungen, an die sich alle als gemeinsame Untertanen desselben Koenigs zu halten hatte. Dieses verordnete Zusammenleben bot Konfliktstoff, aber auch die Chance zu einem naeheren Kennenlernen der neuen Nachbarn. Am Schluss findet sich ein Beitrag von Heinz Heinen ueber Aegypten im Roemischen Reich. Beobachtungen zum Thema Akkulturation und Identitaet (pp. 186-207). Er bietet einen knappen Ueberblick ueber die Geschichte Aegyptens zur Roemerzeit. Mehrere, teilweise erstmals ins Deutsche uebersetzte griechischsprachige Quellen erlauben einen sehr guten Einblick in die Bestrebungen der fremden Herrscher und Wuerdentraeger, die aegyptischen Traditionen zu respektieren. Dies fuehrte dazu, dass das kaiserzeitliche Aegypten von einen Durchmischung aegyptischer und griechischer Elemente und Traditionen gepraegt war, von einer "graekoaegyptischen Identitaet der Gesamtbevoelkerung" (p. 202), die aber weiterhin auf den Traditionen der pharaonischen Kultur basierte. Die nachhaltigste Stoerung dieser Kultur wurde durch das immer staerker ausgepraegte Christentum verursacht, das sich waehrend des 4. Jahrhunderts n. Chr. durchsetzen konnte. Erst der Sieg dieser Religion bedeutete die endguetige Vernichtung der alten Kultur Aegyptens. Abgeschlossen wird der Sammelband von einem ausfuehrlichen Register und einem Textstellenverzeichnis. Am Ende sind 16 Tafeln mit Photographien der Reliefs des Alexandersanktuars in Luxor sowie des Pylons des Chonstempels von Karnak beigegeben, leider nicht immer in bester Qualitaet. Es handelt sich bei vorliegendem Werk um einen lesenswerten Sammelband mit Beitraegen von durchweg sehr guter Qualitaet, die hochinteressante neue Ergebnisse, bemerkenswerte Denkanstoesse oder umfangreiche Ueberblicke zu einem Thema liefern. Der zeitliche Rahmen und die inhaltlichen Schwerpunkte der einzelnen Artikel sind demgegenueber sehr weit gefasst, als gemeinsames Element haben sie lediglich die Thematik des Bandes ueber "fremde Herrscher in Aegypten". Wie das Buch zeigt, ist dieses weite Gebiet aeusserst komplex und weist vielschichtigste Facetten und Forschungsmoeglichkeiten auf, die hier nur partiell aufgezeigt werden konnten. ------------------ Notes: 1. Zu diesen "Doppeldedikationen" habe ich mich auch kurz in meiner Studie zur bilinguen Epigraphik geaeussert: Sprachgebrauch und Sprachwahl in den bilinguen epigraphischen Zeugnissen der griechischen und roemischen Zeit Aegyptens, unter besonderer Beruecksichtigung des Demotischen, Kap. 3.1.5, erscheint im Rahmen der Endpublikation des Koelner Projektes Multilingualism and Multiculturalism in Graeco-Roman Egypt.