BMCR 2009.04.27: Moje on Polz, Der Beginn des Neuen Reiches. Zur Vorgeschichte einer Zeitenwende. Sonderschriften des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo, 31
Bryn Mawr Classical Review <[email protected]> Fri, 10 Apr 2009 14:41:17 -0400 (EDT)
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Daniel Polz, Der Beginn des Neuen Reiches. Zur Vorgeschichte einer Zeitenwende. Sonderschriften des Deutschen Archaeologischen Instituts, Abteilung Kairo, 31. Berlin/New York: Walter de Gruyter, 2007. Pp. xvi, 446; ills. 111, pls. 35, CD-ROM. ISBN 978-3-11-019347. [euro ]110.28. Reviewed by Jan Moje, Universitaet zu Koeln ([email protected]) Word count: 1179 words ------------------------------- To read a print-formatted version of this review, see http://bmcr.brynmawr.edu/2009/2009-04-27.html To comment on this review, see http://www.bmcreview.org/2009/04/20090427.html ------------------------------- Der Anfang des Neuen Reiches Ende der 17. Dynastie ist eine der wichtigsten und doch bislang nur wenig erforschten Epochen der altaegyptischen Geschichte. Dieses Desideratum fuellt nun die umfangreiche Habilitation von Daniel Polz, die 2007 publiziert wurde. Eine Einleitung (pp. 1- 4) bietet einen geschichtlichen Ueberblick mit Schwerpunkt auf der Zweiten Zwischenzeit sowie einen Abriss der Forschungsliteratur zum Beginn des Neuen Reiches. Im 1. Kapitel, Grundlagen (pp. 5-59), wird zunaechst der chronologische Rahmen definiert und mit gesicherten Eckdaten versehen. Des Weiteren gelingt es Polz, eine neue Reihenfolge der Herrscher der 17. Dynastie festzulegen. Diese war bislang umstritten, aber auch nach den Untersuchungen des Verfassers bleiben Unklarheiten, welche er selbst thematisiert und die derzeit auch noch nicht beseitigt werden koennen. Die hier vorgestellte Herrscherreihe dient konsequenterweise als Grundlage des gesamten vorliegenden Buches: - Sechemre Wah-Chau Rahotep - Sechemre Wadj-Chau Sobekemsaf - Sechemre Sched-Taui Sobekemsaf - Sechemre Wep-Maat Intef - Nub-Cheper-Re Intef - Sechemre Heru-Her-Maat Intef - Senachtenre - Seqenenre Ta-aa - Wadj-Cheper-Re Kamose - Neb-Pehti-Re Ahmose - Amenhotep I. Das 2. Kapitel, Koenigliche Bautaetigkeit am Ende der Zweiten Zwischenzeit (pp. 61-114), beinhaltet eine topographisch sortierte Auflistung aller bekannten Bauwerke von Herrschern der 17. Dynastie, von Ahmose in Abydos-Sued sowie von Tempelbauten Amenhotep's I. in Abydos und Theben-West. Jedes Bauwerk wird dabei sehr ausfuehrlich beschrieben und ausgewertet. Das 3. Kapitel, Funeraere Konzeptionen I: Koenigliche Grabanlagen der ausgehenden Zweiten Zwischenzeit (pp. 115-229), ist der Hauptteil des vorliegenden Werkes. Die Architektur jedes der wenigen heute schon oder wieder bekannten Graeber wird systematisch beschrieben und archaeologisch ausgewertet. Dazu kommen Rekonstruktionsvorschlaege sowie weitere Beobachtungen. Zuerst wird das Grab von Nub-Cheper-Re Intef beschrieben, dessen Ausgrabung der Verfasser fuer das DAI seit laengerem leitet. Es folgt die Analyse eines Pyramidengrabes eines unbekannten Herrschers, das bereits durch Herbert Winlock 1913 ausgegraben, aber nie publiziert wurde. Die damaligen Grabungsplaene sind heute von unschaetzbarem Wert und werden hier erstmalig in Farbe auf der beigefuegten DVD veroeffentlicht. Als naechstes folgt das bereits bekannte, aber nicht systematisch erforschte Grab K94.1, das Polz vorsichtig und nicht mit letztendlicher Sicherheit dem letzten Koenig der 17. Dynastie Kamose zuschreibt. Seine Ausfuehrungen sind zwar noch vorlaeufiger Natur, meines Erachtens jedoch recht plausibel, zumal Polz alle anderen Herrscher, deren Graeber noch unbekannt sind, ausschliessen kann. Eine voellig sicherere Zuweisung wird aber vielleicht erst nach weiteren Arbeiten moeglich sein. Danach behandelt der Verfasser das Grab K93.11, das er nach gruendlichen Recherchen wohl mit Recht als Bestattungsanlage Amenhoteps I. interpretiert. Im Anschluss findet sich eine archaeologisch gestuetzte Untersuchungen der Bezeichnung p3 mr, fuer die Polz die Bedeutung "Pyramidengrab" nahelegen kann. Das 4. Kapitel, Funeraere Konzeptionen II: Private Grabanlagen der Zweiten Zwischenzeit in Theben (pp. 231-250), ist eine Fortsetzung des 3. Kapitels, jetzt mit einem Schwerpunkt auf den Privatgraebern dieser Zeit, Schachtgrabanlagen, freistehenden Bauten sowie Felsgraebern. Die Beleglage ist aufgrund von Datierungsproblemen und mangelnden Publikationen recht beschraenkt, trotzdem kann Polz nachweisen, dass sich waehrend der Zweiten Zwischenzeit die Gebraeuche bei privaten Bestattungen in Theben grundlegend veraendert haben. Dies betrifft sowohl die Grabarchitektur als auch die Beigaben. Das 5. Kapitel, Saff-Grab und Grabkegel: die Genese der thebanischen Monumentalgrab-Architektur (pp. 251-302), beschaeftigt sich mit der Entwicklung der funeraeren Architektur in Theben. Polz versucht, die Urspruenge der monumentalen Felsgraeber der 18.-20. Dynastie in dieser Region zu ergruenden. Die Vorlaeufer sind dabei in den Saff-Graebern des Mittleren Reiches zu suchen, eine Architekturform, die danach erst wieder ab dem Ende der Zweiten Zwischenzeit Verwendung findet. Darueber hinaus beschaeftigt sich der Verfasser mit den sog. Grabkegeln. Dabei handelt es sich um Elemente der Saff-Graeber des Mittleren Reiches, die zu Beginn des Neuen Reiches wieder aufgenommen wurden. Dabei erfuhren sowohl die Grabform als auch die Kegel einen Wandel ihrer urspruenglichen Bedeutung. Das 6. Kapitel, Der Beginn des Neuen Reiches: Versuch einer zusammenfassenden Darstellung (pp. 303-311), ist eine gelungene Synthese der diesbezueglichen und hier publizierten Untersuchungen von Daniel Polz. Kapitel 7 (pp. 313-357) bietet einen Annotierten Katalog der Monumente und Objekte der 17. Dynastie. Alle aussagekraeftigen Objekte sind chronologisch und topographisch sortiert sowie mit ihren technischen Daten und einer Bibliographie versehen. Eine hieroglyphische Wiedergabe bzw. Uebersetzung erfolgt aber nur partiell, hier ist in den jeweiligen Publikationen nachzuschlagen. Bei saemtlichen Objekten, die in Polz' Werk nicht anderswo abgebildet sind, wird dies hier nachgeholt, soweit Abbildungen bekannt sind. Von wissenschaftsgeschichtlicher Seite ist das 8. Kapitel, Bibliographische Dokumente (pp. 359-371), besonders interessant. Es enthaelt im Wortlaut Auszuege aus Briefen, Berichten und alter, schwer zugaenglicher Literatur des 19. Jahrhunderts, die auf die Auffindung und Beschreibung der Grabanlage des Nub-cheper-Re Intef Bezug nehmen. Zur besseren Handhabung haette man hier noch jeweils die relevante Katalognummer in Kap. 7 angeben koennen, auf der anderen Seite waere auch bei Kapitel 7 ein Verweis auf die Dokumente in Kap. 8 wuenschenswert gewesen. Im Anschluss finden sich eine englische (pp. 373-380) und eine arabische (pp. 392-381) Zusammenfassung des 6. Kapitels (der Synthese), Angaben zum Inhalt der beigelegten DVD sowie eine aeusserst umfangreiche Bibliographie, Verzeichnisse und Indices. Ein umfangreicher Tafelteil mit sehr qualitaetvollen Aufnahmen von Objekten und Grabungsbefunden sowie einige Falttafeln von den Grabungsaktivitaeten des Verfassers in Dra Abu el-Naga beschliessen den vorliegenden voluminoesen Band. Beigegeben ist noch eine DVD mit zwei verschiedenen Inhalten. Zum einen enthaelt sie eine sehr anschauliche virtuelle 3D-Rekonstruktion des Grabes des Nub-Cheper-Re Intef und seiner naeheren Umgebung. Es ist beeindruckend, wie der Einsatz moderner Technik das Verstaendnis von archaeologischen Befunden und zweidimensionalen Grabungsplaenen erweitern kann. Zum anderen findet der Benutzer Scans der bislang voellig unpublizierten, farbigen Grabungsplaene von Herbert Winlock aus dessen Grabung im oestlichen Asasif, die in Kap. 3.2 ausfuehrlich aufgearbeitet wird. Das Werk ist auf aeusserst qualitaetvollem Papier gedruckt, hingegen ist die Bindung -- zumindest des Rezensionsexemplars -- nach laengerer Benutzung etwas anfaellig. Da sich das Buch auf die Region von Theben, speziell Dra Abu el-Naga beschraenkt, haette auch noch die Gruppe der stoeckchenfoermigen Uschebtis, die alle ungefaehr in die 17. Dynastie datieren, erwaehnt werden koennen. Die erste, ganz aktuelle Bearbeitung dieser Objektgruppe von Paul Whelan, Mere scraps of rough wood? 17th - 18th Dynasty stick shabtis in the Petrie Museum and other collections, Golden House Publications: London 2007 (GHP Egyptology 6),[[1]] duerfte dem Verfasser noch nicht vorgelegen haben. Insgesamt praesentiert sich dieses Buch von Daniel Polz aber als wertvollste Fundgrube sowohl fuer Aegyptologen, Archaeologen, Historiker als auch Philologen. Die Themenvielfalt ist aeusserst breit angelegt, nahezu alle Aspekte, die sich mit dem Beginn des Neuen Reiches verbinden lassen, seien sie archaeologisch/materieller oder historischer Natur, werden hier angesprochen. Die Ausfuehrungen gewinnen an Anschaulichkeit durch die vielen Zeichnungen, Grabungsplaene und Objektabbildungen, die sich allenthalben finden. Man koennte einwenden, dass die ganze Untersuchung fundamental auf den thebanischen Befunden basiert. Jedoch ist die 17. Dynastie fast nur auf diese Region beschraenkt. Alle massgeblichen Entwicklungen, die in der Etablierung des Neuen Reiches muendeten, hatten Ursprung und mittelbare Auswirkungen im thebanischen Gebiet. Dies erkennt man auch daran, dass speziellen Eigenheiten dieser Zeit wie die oben angesprochenen Stoeckchen-Uschebtis, die ebenfalls einen Wandel des Grabgedankens in dieser Epoche illustrieren, nur in Theben auftreten. Das hier zu besprechende Werk duerfte massgeblichen Einfluss auf zukuenftige Forschungen ueber die Zweite Zwischenzeit und die Entwicklung der thebanischen Nekropole ausueben, zumal durch die englische und arabische Zusammenfassung der Kreis der potentiellen Rezipienten ausgedehnt werden kann. ------------------ Notes: 1. Rev. Moje in Bibliotheca Orientalis 65 (2008) 410-413.