BMCR 2009.04.29: Witten on Harders, Suavissima Soror: Untersuchungen zu den Bruder-Schwester-Beziehungen in der römischen Republik. Vestigia; Bd. 60

Bryn Mawr Classical Review <[email protected]> Fri, 10 Apr 2009 14:42:04 -0400 (EDT)
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Ann-Cathrin Harders, Suavissima Soror: Untersuchungen zu den
Bruder-Schwester-Beziehungen in der roemischen Republik. Vestigia; Bd.
60.  Muenchen:  C. H. Beck, 2008.  Pp. viii, 344.  ISBN 9783406577772.
[euro  ]70.00.

Reviewed by Michael Hesse Witten ([email protected])
Word count:  862 words
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Der vorliegende Band stellt die ueberarbeitete Fassung der im
Wintersemester 2005/6 von der Philosophischen Fakultaet der
Universitaet Freiburg zur Promotion angenommenen Dissertation der
Verfasserin (H.) dar.

In ihrer ueberzeugenden[[1]] Arbeit entwickelt H. zwei zentrale Thesen:

1.  Bruederliche und schwesterliche Interaktion unterliegt normativen
Erwartungen an die "Rolle"[[2]]  Bruder-Schwester. Normgerechtes und
der fides entsprechendes Verhalten wird in der stadtroemischen
Oeffentlichkeit als Zeichen familialer pietas gewertet.[[3]]

2. Agieren in geschwisterlichen Rollen hatte die wesentliche soziale
Funktion, durch den Aufbau kognatischer Verwandtschaft Familien zu
vernetzen und damit zur Kohaesion und Handlungsfaehigkeit der
roemischen Aristokratie entscheidend beizutragen. Geschwister sind
nicht nur Teil der agnatisch strukturierten familia, sondern handeln in
einer bestimmten, mit Erwartbarkeit behafteten Rolle, die das
Verwandtschaftssystem stuetzt.

Nach theoretischen Eroerterungen zum Aufbau von Verwandtschaft (hierbei
bildet das Theorem des Verwandtschafts-Atoms von Claude Levi-Strauss
die Folie) im ersten Teil der Arbeit wendet sich H. im zweiten Teil der
familialen Einzelbeziehung zu. Zunaechst werden neben Etymologien der
Verwandtschaftsbeziehungen bei Verrius Flaccus literarische Aussagen
ueber Brueder und Schwestern vor allem aus der plautinischen Komoedie
und den Gerichtsreden Ciceros analysiert und kontrastierend dazu die
Position von Bruder und Schwester im roemischen Rechtssystem
behandelt.[[4]]

Im dritten Teil, dem Hauptteil der Arbeit, untersucht H. diese
Bruder-Schwester-Beziehung systematisch anhand von Fallstudien.  Der
Untersuchungszeitraum erstreckt sich vom 3.Jh. v.  bis ins 1.Jh.
n.Chr.; schon aufgrund der Quellenlage liegt der Focus auf der
stadtroemischen Aristokratie.

Dem mythischen exemplum von Horatius und Horatia, in dem sich ein
Katalog von Verhaltensnormen sowie Sanktionen bei Fehlverhalten fassen
laesst,[[5]] folgen historische Geschwisterpaare.[[6]]

Untersucht werden zunaechst die Geschwisterbeziehungen in den gentes
Cornelia, Aemilia und Sempronia. Bei den Scipionen zeigt sich, wie
personale Moeglichkeiten der kognatischen Verwandtschaft ausgenutzt
wurden, um die Kontinuitaet einer agnatischen Linie zu sichern.
Aemilius Paullus, der ein durchdachtes familiales Netzwerk zu anderen
aristokratischen domus aufbaute, wurde in "interfamilialer Kooperation"
zum erfolgreichen Rollenvorbild auch fuer die in Adoption gegebenen
aelteren Soehne.  Besonders interessant ist die gesellschaftliche
Profilierung des Scipio Aemilianus als "guter Bruder", die das Image
einer vorbildhaften, dabei agnatische Grenzen ueberschreitenden
liberalitas, fides, pietas verkoerpernden Persoenlichkeit fuer die
naechsten Jahrhunderte festschrieb. Sempronia wird in ihrer Doppelrolle
als Ehefrau und Schwester zwischen Scipio und den Gracchen analysiert.

Weiterhin werden behandelt: M. Livius Drusus und Livia, M. Porcius Cato
als Bruder und Schwager, Servilia und ihre Brueder, M. Iunius Brutus
und seine Schwestern, P. Clodius Pulcher und seine Schwestern, T.
Pomponius Atticus und Pomponia und abschliessend Octavian und Octavia.

Die familiale Interaktion zwischen den Tullii und den Pomponii laesst
sich durch die Briefcorpora Ciceros besonders gut und durchaus auch auf
einer alltaeglichen Ebene rekonstruieren. Auch hier bewirkte die
Adoption des Atticus durch seinen Onkel keine Veraenderung der
interfamilialen Interaktion. Deutlich wird, dass die Ehe zwischen Q.
Cicero und Pomponia von den aelteren Bruedern arrangiert wurde, die
dadurch ihr adfines Netz staerken wollten (adfinitas sollte neben
amicitia treten) und deswegen auch die misslungene Beziehung
jahrzehntelang "coachten" und dabei durch die deutliche  concordia
zwischen den Geschwistern[[7]] und die Erfuellung der pietas sicherlich
den Idealvorstellungen der roemischen Oberschicht bezueglich familialen
Verhaltens entsprachen.

Octavia stellt als soror principis[[8]] zwar bereits einen Sonderfall
dar, der jedoch in vielerlei Hinsicht die tradierten Rollenerwartungen
der roemischen Oberschicht erfuellte. Octavian seinerseits erfuellt als
Bruder, der honor  und Ehe der Schwester verteidigte und als sorgender
avunculus von Octavias Kindern mit M. Antonius ebenfalls traditionelle
Rollenerwartungen und stellt insofern ein exemplum familialer pietas
dar. Zudem stellte Octavia, die versuchte, die Rolle von Ehefrau und
Schwester als mediatrix gleichwertig auszufuellen[[9]] (selbst nach der
Zurueckweisung durch Antonius) die ideale Projektionsflaeche fuer
traditionelle Wertvorstellungen der augusteischen Propaganda dar. Als
Stifterin der Porticus Octaviae fuegte sie dem traditionellen Bild der
vorbildlichen Mutter noch die Zeichen ihrer Bildung und ihrer
liberalitas hinzu.

H. schliesst noch am Beispiel der Schwestern Caligulas einen Ausblick
auf die problematische Situation kaiserlicher Schwestern an, die durch
ihr dynastisches Prestige sowohl dem Kaiser selbst als auch der
Opposition eine dynastische Alternative boten.
Ein synthetisch angelegtes Schlusskapitel fasst die Ergebnisse der
Einzeluntersuchungen zusammen. Es
laesst sich konstatieren, dass die Bruder-Schwester-Beziehung keine
grundsaetzliche Veraenderung durchlaufen hat und als Rollenverhalten in
den Bahnen von Kooperation, Repraesentation und geschwisterlicher
Solidaritaet festzuhalten ist. Ihre primaere Funktion lag darin, die
kognatische Vernetzung zu gewaehrleisten und damit die Voraussetzung
fuer ueberhaeusliche Kooperation zu liefern. (318)


Beigegebene instruktive Familienstemmata erleichtern den Ueberblick bei
doch zum Teil recht komplizierten Familienverhaeltnissen.[[10]]

Es zeigt sich, dass die Ergebnisse der modernen psychologischen
Geschwisterforschung (persoenliche Naehe und Affektivitaet; gleiche
fruehkindliche Erfahrungen) der Bruder-Schwester-Beziehung in der
roemischen Republik nicht gerecht werden.

Gerade nach der Heirat ist besonders ausgepraegte Kooperation und
Loyalitaet nachzuweisen; dabei ist das Verhaeltnis von Bruder und
Schwester nicht von individueller Naehe abhaengig.

Geschwister wirken daran mit, die Familie in einem Netz von adfinen
Bindungen zu positionieren; die agnatische und die kognatische
Abstammungslinie kombiniert war auch immer eine eigene soziale
Standortbestimmung.

Gegen die seit Muenzers Faktionentheorie immer wieder in der Forschung
auftauchenden politischen Buendnisehen setzt H. die integrative
Funktion, die "Vernetzung", die Sicherung des Status "Adelsfamilie".
Die dignitas der agnatischen und der kognatischen Abstammungslinie war
auch immer eine eigene soziale Standortbestimmung; eine entsprechende
Partnerwahl sicherte den exklusiven Status, den die Familie erreicht
hatte; zugleich wirkte sie sozial integrierend.

Den auch in Detailbeobachtungen trefflichen Band, der einen bedeutenden
Beitrag zur roemischen Familienforschung darstellt,  schliessen die
Bibliographie und ein Personen- und Sachregister ab.


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Notes:


1.   Die Dissertation wurde 2006 mit dem Guenter-Woehrle-Preis der
Stiftung "Humanismus heute" ausgezeichnet.

2.   H. weist darauf hin, dass der Begriff der sozialen Rolle durchaus
auch schon im Bedeutungsspektrum des roemischen Begriffs persona
enthalten ist; auch von daher ist eine Analyse der Rolle im System der
roemischen Familien wertvoll; der Roemer handelte in der Regel nicht
individuell, sondern in einer -- auch familialen --Rolle.

3.   Die Problematik der Frauen im Loyalitaetskonflikt zwischen
Herkunfts- und eingeheirateter Familie schwingt dabei durchaus mit.
Durch ihre Doppelrolle als Schwester und Ehefrau ist die Frau zur
Vermittlung zwischen zwei Familienverbaenden faehig, wenn sie sich
dieser Doppelrolle bewusst ist und die Maenner Willen zum Konsens
zeigen.

4.   Die rechtliche Systematik, familiale Verbindungen nach agnatischer
und kognatischer Verwandtschaft zu kategorisieren, verdeckt durch den
Primat des agnatischen Verbandes hierbei die soziale Praxis, dass
soziale Bande zur Herkunftsfamilie bleiben und u.a. ueber die
Geschwisterbeziehungen die adfine Vernetzung der Familienverbaende
getragen wird.

5.   Horatias Tod erklaert sich bei lateinischen Autoren mit ihrer
Verweigerung, der in der roemischen Familie erwarteten Rolle als
Schwester zu folgen; ein positives Gegenbeispiel ist im Mythos um die
Sabinerinnen zu finden.

6.   Durch die Diversitaet des Personals und die Moeglichkeit, Handeln
von Geschwistern ueber einen laengeren Zeitraum in verschiedenen
Zusammenhaengen zu beleuchten, ermoeglicht die Konzentration auf
Fallstudien, ein repraesentatives Bild der Bruder-Schwester-Beziehung
und ihrer Bedeutung fuer die roemische Aristokratie zu gewinnen.

7.   Wie sonst auch ist dadurch allerdings keine zuverlaessige Aussage
ueber tatsaechlich affektive Zuwendung moeglich.

8.   So sogar ihre Grabinschrift.

9.   In der Muenzpropaganda des Antonius wird Octavia als erste Frau in
der roemischen Reichspraegung in persona dargestellt. Durch die starke
Akzentuierung der Aehnlichkeit mit Octavian verweist sie hierbei auf
den nicht abgebildeten Bruder. Fuer den Betrachter wird dadurch ihre
Doppelrolle als Schwester des Octavian und Ehefrau des Antonius
nochmals akzentuiert. Die Stiftung von adfinitas war die bereits in den
Verhandlungen geforderte und von der Oeffentlichkeit erwartete Chiffre
fuer Eintracht und Kooperation zwischen den Triumvirn.

10.   Leider haben sich hier Fehler eingeschlichen; so heisst M.
Ciceros Bruder Q. Cicero (und nicht L. Cicero), und  Octavia Minor und
Octavian sind natuerlich nicht die Kinder aus der Verbindung Atias mit
L. Marcius Philippus, sondern mit C. Octavius Thurinus.