BMCR 2009.04.52: Gruber on Offermann, Lebendige Kommunikation. Die Verwandlung des Odysseus in Homers Odyssee als kognitiv-emotives Horerkonzept
Bryn Mawr Classical Review <[email protected]> Thu, 16 Apr 2009 22:41:51 -0400 (EDT)
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Ursula Offermann, Lebendige Kommunikation. Die Verwandlung des Odysseus in Homers Odyssee als kognitiv-emotives Hoererkonzept. Muenchen: Iudicium, 2006. Pp. xx, 303. ISBN 9783891295922. [euro ]35.00 (pb). Reviewed by Markus A. Gruber, University of Regensburg ([email protected]) Word count: 1733 words ------------------------------- To read a print-formatted version of this review, see http://bmcr.brynmawr.edu/2009/2009-04-52.html To comment on this review, see http://www.bmcreview.org/2009/04/20090452.html ------------------------------- Untersuchungsgegenstand dieses Buches ist die sogenannte Verwandlung des Odysseus im 13. Buch der Odyssee, die neu bewertet werden soll: naemlich nicht mehr rein werkimmanent als Bestandteil des Plots und Ausgangspunkt der Taeuschung der Freier, sondern in Bezug auf den Rezipienten, der, so die Hauptthese, in einem "Text-Geflecht" eine Vielzahl von Signalen zur Entschluesselung der eigentlichen Bedeutung der Verwandlung bekomme. Die Verwandlung fuehre zu einem Erkenntiszuwachs bei Odysseus und koenne darueber hinaus vom Hoerer mit der Rache des Poseidon verknuepft werden (p. 13), welche also im zweiten Teil der Odyssee fortwirke. Damit ist diese Arbeit, ohne dass dies freilich explizit ausgesagt wuerde, der Schule der Unitarier zuzuordnen. Die dem Buch zugrunde liegende Dissertation ist als interdisziplinaere Studie angelegt und am Institut fuer Deutsch als Fremdsprache der Universitaet Muenchen entstanden. Im ersten Kapitel mit dem Titel Die Verwandlung -- das Problem (pp. 1-24) zieht O., nach einem knappen Forschungsueberblick (pp. 5-9) ueber die in der Tat teils unzureichende bisherige Interpretation der Verwandlung, unter anderem folgende Konsequenzen: Der Text wird fuer die eigene Interpretation einfach so akzeptiert, wie er ueberliefert ist; es werden ausschliesslich eigene 'Ueber-Tragungen' aus dem Griechischen ins Deutsche vorgenommen, um den Text hoerbar zu machen und korrekt zu erschliessen (was hingegen den "Homerkritikern" und "Translatologen" nicht so recht gelinge, pp.13-19); und es soll aus der Perspektive des antiken Homer-Hoerers (an Stelle des modernen Lesers) heraus interpretiert werden (p. 19f.). Auf diesem Weg -- und durch die Praesentation von 20 sogenannten zeitgenoessischen ikonographischen Abbildungen, die indes fast alle aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. stammen -- glaubt O., die tatsaechliche Bedeutung von Verwandlung und Rueckverwandlung des Odysseus entschluesseln zu koennen: Ein von Homer bewusst im Text angelegtes Konzept koenne durch sprachliche Signale (wieder) decodiert werden. Zunaechst expliziert O. im zweiten Kapitel Der Horizont des antiken Hoerers im Spiegel der fruehgriechischen Dichtkunst (pp. 25-76) die fuer Produktion und Rezeption auch der Odyssee zweifellos wichtigen Merkmale der gesamten archaischen Periode, naemlich die Muendlichkeit und den 'Sitz im Leben' der Dichtung qua kultureller Institution. Ohne auf die ueberreiche einschlaegige Forschungsliteratur der letzten Jahre einzugehen (eine Grundtendenz der Arbeit), macht O. vermittels des Schlagwortes "Lebendige Kommunikation", zugleich Untertitel des Buches, folgende Funktionen der fruehgriechischen Dichtkunst aus: Eine preisende, eine emotive, eine therapeutische, eine belehrende, eine machtausuebende, eine gemeinschaftserhaltende und eine memoriale Funktion. Vieles ist hier richtig gesehen und in systematischer Zusammenstellung gut durchleuchtet; wichtig ist insbesondere die Feststellung einer therapeutischen Funktion, dass also Vortrag und auch Produktion von Dichtung von negativen Emotionen 'heilen' koennen. Jedoch ist hinsichtlich des Gesamtpanoramas Skepsis angebracht, wenn als Exempel Autoren und Textzeugnisse ganz verschiedener Provenienz mit einer je eigenen Rezeptionssituation dienen: Neben Homer sind dies Hesiod, Solon, Pindar, "die Hymnen" (p. 52, gemeint sind die Homerischen Hymnen) und Sappho; andererseits fehlt zum Beispiel die Chorlyrik. Und die Tragoedientheorie der von O. als "Metadiskurs ueber die Dichtkunst" (p. 62) eingefuehrten aristotelischen Poetik sollte nicht so einfach auf das Epos angewendet werden, wie dies p. 65f. vorgenommen wird. In diesem, die Einzelinterpretationen der Odyssee vorbereitenden Kapitel, haette man sich eher eine problemorientierte Darstellung der Rezeptionssituation der homerischen Epen gewuenscht, etwa anhand folgender Fragestellungen und unter Zuhilfenahme von Erkenntnissen der Rezeptionsaesthetik: Wie koennte man den Hoerer -- falls es 'den' Hoerer ueberhaupt gibt -- Homers naeher definieren (impliziter versus empirischer Rezipient)? Welche Spannung ergibt sich zwischen Zuhoeren und (gegebenenfalls) Lesen bezueglich Muendlichkeit und Schriftlichkeit des Epos? Wie fuegt sich die anvisierte neue Interpretationsmethode in die Theorien zur Formelhaftigkeit und zu den Wiederholungsstrukturen im Epos? Das dritte Kapitel Die Kommunikation des Dichters mit seinem Hoerer (pp.77-258) bildet den Hauptteil des Buches. Alle 24 Gesaenge werden der Reihe nach dahingehend interpretiert, dass vermittels genauer Textbeobachtung nach Schluesselwoertern gesucht wird, die aufgrund ihrer konstanten Wiederholung und morphologischen Verwandtschaft fuer den von O. vorausgesetzten "aufmerksamen Hoerer" eine Reihe von Themen und Motiven erkennbar machten. Diese Signalwoerter koenne man, so O., bereits nach den ersten 78 Versen der Odyssee zu insgesamt sechs Gruppen vereinen, aus denen sich dann die entsprechenden thematischen Schwerpunkte dieses Epos eruieren liessen: Heimkehr, Frevel, Verderben, Leid, Rache und Zorn. Fuer die weitere Untersuchung, wie die entsprechenden Schluesselwoerter im weiteren Erzaehlen die "mentale Hoererebene" (p. 102) konstituieren, bedient sich O. einer metaphorischen Sprache: Allenthalben finden sich interpretatorische Termini wie "Knoten", "Faeden", "Zwiebelschalen-Kontext" (diese drei werden eingefuehrt p. 93). Eine Vielzahl von Graphiken, Tabellen und Uebersichten soll dazu dienen, die sich im kontinuierlichen Nacheinander des Plots entwickelnden wechselseitigen Beziehungen der sechs Themen zu visualisieren und ein vom Dichter systematisch angelegtes Geflecht sichtbar zu machen. Sicherlich dient diese Vorgehensweise, gerade im Verbund mit textnahen Interpretationen und eigenen Uebersetzungen, dazu, die einzelnen thematischen Bausteine und deren jeweilige Relation zu einzelnen Personen und Personengruppen (Odysseus, Agamemnon, die Gefaehrten, die Freier, Goetter) aus dem Text herauszufiltern. Auch betont O. zu Recht die Differenz zwischen der mentalen Hoererebene und der Protagonistenebene bezueglich des jeweiligen Wissensstandes (zusammenfassend p. 150). Doch fragt man sich bei alldem, wie sich zu dieser Methode der Textinterpretation die Annahme der Muendlichkeit des Epos und das Konzept des Hoerers fuegt (letzteres ist ja, wie bemerkt, unscharf bestimmt -- es ist einfach "der Hoerer"), beziehungweise, worin sich im gesteckten Rahmen der Arbeit die Voraussetzung einer muendlichen Rezeptionssituation eigentlich unterscheidet von einer schriftlichen, wenn naemlich jemand das Epos (oder auch nur Teile davon) liest: Denn letztlich 'liest' ja auch diese Interpretation in gut philologischer Manier und einem im Grunde durch und durch konservativen, werkaesthetischen Verfahren (Signalwoerter, Wortschatz, Motive, Verknuepfungen, logisch nachvollziehbare Entwicklung von Ereignissen und Charakteren) den tradierten Text. Allerdings steht die Klassische Philologie auch bei der Untersuchung anderer, primaer auf Muendlichkeit beruhender Gattungen vor aehnlichen Problemen. Gleichwohl wird bei O. die Odyssee zu einem bis ins letzte Detail durchkomponierten Ganzen, zu einem Roman, in dem von Anfang bis Ende alles genau geplant ist und jedes Wort seine spezifische Bedeutung im Sinnganzen hat. Ehe O. zu ihrem Hauptgegenstand, der neu zu bewertenden Verwandlung des Odysseus im 13. Gesang, kommt, betont sie die "Unzerreissbarkeit der Kausalkette Frevel-Verderben" (p. 151), die sich fuer den Hoerer in der ersten Haelfte des Epos am Schicksal Agamemnons und an dem der Gefaehrten des Odysseus bereits deutlich manifestiert habe. Entscheidend fuer den "Odysseus-Faden" sei nun, dass sich der Zorn Poseidons auch nach der Rueckkehr weiterhin gegen den Frevler Odysseus richte, ja noch vielmehr: dass die Rache fuer den geblendeten Polyphem jetzt erst so richtig vollzogen werde. Dabei fungiere nun Athene als Vertreterin Poseidons, ihres Onkels: Sie versetze Odysseus in voellige Passivitaet, beraube ihn seiner <greek>mh=tis</greek> und vollstrecke schliesslich gar die Rache durch die Verwandlung ihres Schuetzlings. Athene spiele also nur mit Odysseus, wenn dieser zum "O/B" (= "Odysseus-Bettler", p. 178) mutiere und weiteres Leid zu erfahren habe: Erniedrigung, koerperliche und verbale Angriffe, soziale Isolation. Dies sei die eigentliche Bedeutung der Verwandlung. Nach seiner Rueckverwandlung habe Odysseus dann am Ende "eine Erkenntnis gewonnen" (p. 256). Doch koenne -- dies ist nun ein zentraler Punkt -- nur der Hoerer diese Erkenntnis mit der Rache des Poseidon verknuepfen, die ihr Ende schliesslich erst jenseits der Odyssee mit dem einst von Teiresias vorgeschlagenen Reinigungsritual finde. Dieser Interpretationsvorschlag hat seinen entscheidenden Aufhaenger am Gespraech zwischen Poseidon und Zeus in 13,128-158, in dem Zeus seinem Bruder in Vers 13,144 im Falle einer Nicht-Ehrung seitens eines Menschen "Vergeltung hinterher, immer" erlaubt: <greek>e)copi/sw ti/sis ai)ei/</greek>. Sogleich raecht sich Poseidon an den Phaeaken durch die Versteinerung des Schiffes (eine Verwandlung), doch sei damit die Rache an Odysseus eben noch nicht zu Ende: Der Gott koenne sich weiterhin, "immer" raechen; O. sieht also in diesen Worten eine weite Zukunftsperspektive angelegt. Es ist nun sehr problematisch, aus diesem Gespraech, ja aus diesem einen Vers heraus die referierte Interpretation vorzunehmen, die Goettin Athene umzupolen und auf diesem Umweg Poseidon und seinen Zorn wieder in die Handlung eintreten zu lassen -- dies alles freilich gaenzlich implizit und nur auf der "mentalen Hoererebene". Denn von Zorn und Rache Poseidons ist in der zweiten Haelfte der Odyssee nicht weiter die Rede. Mit O.s Interpretation aber soll sich allein auf der Hoererebene etwas abspielen, was im Bereich des tatsaechlichen, erzaehlten Geschehens ueberhaupt nicht zum Ausdruck gebracht wird, weder in den Reden der Personen noch in den erzaehlten Partien. Dies ist eine recht kuehne Herangehensweise, die den Zuhoerer schon fast zum Co-Autor Homers macht. Soll der Zuhoerer, waehrend ihm Homer oder ein Rhapsode die Gesaenge 13 bis 24 vortraegt, fortwaehrend zusaetzlich an diese zweite Ebene denken (das heisst auch, rein praktisch gedacht: denken koennen)? Soll er -- zum Beispiel -- in 20,53 <greek>kakw=n d' u(podu/seai h)/dh</greek> und in 20,286 <greek>du/h a)/xos</greek> einschlaegige Hoerersignale erkennen (die Verwendung des Verbs 'tauchen' sei jeweils ein Hinweis auf die Rache Poseidons, des Meeresgottes)? So wichtig die Beachtung von Schluesselwoertern ist und so wertvoll viele einzelne weitere Beobachtungen O.s auch zum zweiten Teil der Odyssee sind: Die Grundthese vermag nicht zu ueberzeugen (gerade angesichts des so sehr beschworenen Hoererkonzeptes), die Durchfuehrung (unausgesprochen einem inter- bzw. intratextuellen Ansatz folgend) fuehrt manchmal zu Ueberinterpretationen. Im vierten Kapitel Die Odyssee und das Verwandlungskonzept im Spiegel der fruehgriechischen Dichtkunst (pp. 259-294) unternimmt O. einige weiterfuehrende Interpretationen anhand zum Teil gaengiger Forschungsschwerpunkte, vor allem dem der Performanz (unter Anwendung der Sprechakttheorie, besonders pp. 260-265). Gut herausgearbeitet wird hier, wie die Emotionen des Hoerers durch die spezifische Gestaltung mancher Szenen der Odyssee, in denen eine Art interner Zuhoererschaft vorhanden ist, erzeugt und gelenkt werden (pp. 270-272, mit graphischer Visualisierung der "Kognition-Emotion-Kette"). Erhellend ist auch die Folgerung, dass es in der Odyssee verschiedene Funktionsebenen gebe: Ueber die Protagonistenebene hinaus eine "Art von Lehr-Lern-Diskurs" (p. 279) fuer den Rezipienten. Weiterhin versucht O. eine Einbettung ihrer Odyssee-Interpretation in die Ritualforschung: Hinter der Rueckkehr des Odysseus sei ein Initiationsritus zu sehen. Zudem fungiere Odysseus als exemplum fuer sterbliche und goettliche Frevler (p. 293). Etwas zu weit ausgreifend erscheinen die abschliessenden Ueberlegungen zur Verbildlichung der Technik eines fuer sein Werk planvoll vorgehenden Dichters als "Gewebe", "Geflecht" und "Baukunst" (pp. 280-291). Das Fazit muss zwiespaeltig ausfallen: Lesenswert ist das Buch wegen seiner textnahen Vorgehensweise und wegen der Herausarbeitung von thematischen Linien und Bausteinen (gerade auch durch Visualisierungen, Graphiken und Uebersichten); es erscheint so fast als eine Art Kommentar zur Odyssee, der durchaus zu einem tieferen Verstaendnis beitragen kann, weil die Themen und Motive dieses Epos fortwaehrend strukturiert werden: Auch der Student und der nicht-deutschsprachige Leser koennen davon profitieren. Indes fehlt ein Begriffs-Index, der die Verwendung der vielen neuen interpretatorischen Termini systematisch durchschaubar machen koennte; so naemlich sind die Lektuere und das Nachvollziehen mancher Folgerungen manchmal ein hartes Brot. Am problematischsten aber ist die eigenwillige Auffassung O.s von der wahren Bedeutung der Verwandlung des Odysseus.[[1]] ------------------ Notes: 1. Einige Aeusserlichkeiten: Fuer den Graezisten ist es nicht unbedingt von Vorteil, dass fast alle Zitate aus dem Griechischen nur in Umschrift geboten werden; dies zielt wohl auf einen breiteren Leserkreis ab. Durchgehend vermisst man weiterfuehrende Hinweise auf einschlaegige Forschungsliteratur; im Literaturverzeichnis ist weniger als ein Drittel der verwendeten Sekundaerliteratur spezifisch der Homer-Forschung zuzuordnen (auf p. 298 ist statt "Liddle" "Liddell" zu schreiben).