BMCR 2009.04.53: Kuhr on Masciadri, Eine Insel im Meer der Geschichten: Untersuchungen zu Mythen aus Lemnos. Potsdamer altertumswissenschaftliche Beitrage; Bd. 18
Bryn Mawr Classical Review <[email protected]> Thu, 16 Apr 2009 22:42:10 -0400 (EDT)
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Virgilio Masciadri, Eine Insel im Meer der Geschichten: Untersuchungen zu Mythen aus Lemnos. Potsdamer altertumswissenschaftliche Beitraege; Bd. 18. Stuttgart: Steiner, 2008. Pp. 412. ISBN 9783515088183. [euro ]68.00 (pb). Reviewed by Angela Kuehr, Johann Wolfgang Goethe-Universitaet Frankfurt am Main ([email protected]) Word count: 1608 words ------------------------------- To read a print-formatted version of this review, see http://bmcr.brynmawr.edu/2009/2009-04-53.html To comment on this review, see http://www.bmcreview.org/2009/04/20090453.html ------------------------------- [Table of contents at the end of the review] Wie werden Mythen zum Gegenstand von Wissenschaft? Diese Frage ist nicht neu, doch immer wieder aktuell. Masciadri unternimmt in seiner Habilitationsschrift den Versuch, ausgehend von Le/vi-Strauss strukturalistische Lesarten wiederzubeleben und weiterzuentwickeln (S. 17), um den Gegensatz zwischen vergleichender und historischer Mythenanalyse zu ueberwinden. Im Zentrum der Untersuchungen stehen drei mit der nordaegaeischen Insel Lemnos verbundene Mythen: erstens derjenige von Philoktet, wie er von einem Schlangenbiss verwundet wird, zweitens derjenige von Hypsipyle und den lemnischen Frauen, die ihre Maenner toeten, sowie drittens derjenige vom Himmelssturz des Hephaistos. Waehrend das erste Kapitel am Beispiel der mit Melampus verbundenen Geschichten die methodische Herangehensweise erlaeutert ("Statt einer Einfuehrung: Melampus und die Sprache der Tiere", S. 17-37), widmen sich die Hauptkapitel jeweils einem der drei Mythenkreise ("Der verwundete Philoktet", S. 38-111; "Die Stadt der Frauen", S. 112-258; "Der hinkende Gott", S. 259-353). Ein Methodenkapitel beschliesst die Ausfuehrungen ("Statt eines Nachworts: Prolegomena zu einer wissenschaftlichen Mythologie", S. 354-377). Im kleinen wie im grossen erweist sich Masciadri als Aesthet, der seinen Stoff gestaltet. Dies zeigt sich nicht nur in seiner schon an den epischen Ueberschriften ablesbaren, dem Gegenstand kongenialen und seinem Vornamen ,Virgilio' Ehre machenden Ausdrucksweise, sondern auch im Aufbau des Buches bzw. der Kapitel: So wie ein Methodenkapitel, das keines sein will (S. 354), erst am Ende des Buches zu finden ist, geht er bei der Entwicklung seines Ansatzes induktiv vor, indem er am Beispiel des Melampus vorfuehrt, was er zu Beginn des Philoktet-Kapitels konzeptionell erlaeutert: Nach allgemeinen Betrachtungen zur Bedeutung von Schlangen in der altgriechischen Kultur wendet er sich Melampus zu, der seine Sehergabe von Schlangen erhalten haben soll, nachdem er eine getoetete Schlange begraben und deren Junge aufgezogen hatte. Letztere sollen ihm die Ohren ausgeleckt und damit die Seherkunst eingehaucht haben (Hes. F 261): von diesem Zeitpunkt an habe Melampus die Sprache der Tiere, z.B. den Vogelgesang, verstanden. Indem Masciadri von dieser, in verschiedenen Versionen praesentierten Geschichte ausgeht, zieht er Parallelen zu anderen Mythen, in denen Schlangen eine Rolle spielen, z.B. demjenigen des Laokoon. Anschliessend kennzeichnet er die Motive des Mythos mit Buchstaben, nummeriert sie durch und markiert Varianten durch ergaenzende Zeichen, bis er das allen Geschichten gemeinsame Motiv herausdestilliert, den "Wechsel von einer schlechteren zu einer besseren Sprache" (S. 31), und es deutet: In diesem Mythos gehe es um Sprachentstehung, wobei die Schlange das "kontinuierliche Wesen schlechthin" (S. 32) verkoerpere, fuer das "ungegliederte Lautkontinuum" (S. 33) stehe, der Vogelgesang dagegen fuer artikulierte, verstaendliche Sprache. Als Kreuzpunkt zwischen beiden Welten gelte das Ohr als Hoerorgan bzw. die Zunge als dasjenige des Sprechens. Letztlich liege hier ein Bild vor, wie es die Linguistik aehnlich konzipiere, "wo auf der untersten Ebene der Sprache der Uebergang vom phonetischen Kontinuum zur distinkten Reihe der Phoneme ueberhaupt als der Punkt betrachtet wird, an dem die Sprache als solche sichtbar wird." (S. 33) Schon hier ergibt sich die Frage, ob die anthropologische Dimension der Deutungen mit einer historischen Betrachtungsweise in Konflikt geraten koennte, dann naemlich, wenn Parallelen zu einem der Gegenwart verpflichteten Verstaendnishorizont eine Einbettung in den historischen Kontext vermissen lassen. Dabei spricht sich Masciadri dezidiert dagegen aus, z.B. die Schlange als universal gueltiges Symbol zu betrachten, pocht vielmehr auf den Ausgang einzelner Geschichten, die mit aehnlichen Sagen verglichen werden muessten (S. 22). Unter Kontextualisierung versteht er jedoch weniger eine Einbettung in die lebensweltlichen Umstaende, unter denen Mythen erzaehlt und variiert wurden, als die Herausarbeitung latenter Bezuege zwischen verschiedenen mythischen Erzaehlungen: "Ein einzelnes Fragment genuegt offensichtlich, um auch unter voellig veraenderten aeusseren Umstaenden den ganzen Zusammenhang wieder hervorzubringen, dem es einst angehoerte. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint der Mythos weniger als Inventar von ueberlieferten Erzaehlungen denn als eine Verkettung von Begriffskategorien, so dass es genuegt, eine einzelne von ihnen aufzurufen, um das ganze System in Aktion treten zu lassen." (S. 36-37) Diesem Mythenverstaendnis entspricht seine Analysemethode, die sich -- zurecht -- von aelteren Herangehensweisen absetzt, naemlich entweder aus verschiedenen Versionen eine alle Elemente enthaltende Erzaehlung zu konstruieren oder nach einer Urfassung zu fahnden. Stattdessen muessten die Zeugnisse zunaechst fuer sich sprechen, ohne bereits synthetisierend bzw. rekonstruierend einzugreifen (S. 44). Folglich beginnen seine Untersuchungen zu jedem Mythenkreis mit einer (chronologischen) Ausbreitung der Quellen, die ausfuehrlich zitiert und paraphrasiert werden, bevor in einem zweiten Schritt Mythenelemente beziffert, seriell in Tabellen erfasst und miteinander verglichen werden, bis ein gemeinsamer Kern der Varianten destilliert und ein Ueberlieferungsstemma der Versionen erstellt werden kann (vgl. S. 65-71). Masciadri moechte "Ueberlieferungshistoriker" (S. 71) sein, der Entwicklung nicht faelschlich aus einer chronologischen Anordnung des Ueberlieferungsbefundes ableitet, sondern aus einer Ordnung, die sich am Erzaehlverlauf orientiert, um zu erkennen, dass die Verwandlungen einer Sage einer "inneren Logik" (S. 65) folgen. Der Variantenstammbaum soll als Hilfskonstruktion in einem dritten Schritt zum Verstaendnis beitragen, wie sich Erzaehlungen im wechselseitigen Gebrauch durch Schoepfer und Benutzer auspraegten (S. 71), also eine historisch-anthropologische Deutung ermoeglichen. Ist ihm die Einloesung seines Anspruchs, einen "historischen Strukturalismus" als Neuansatz zu etablieren (S. 369-377), der sich wissenschaftsgeschichtlich sowohl von einer rein historischen als auch einer rein vergleichenden Mythologie absetzt und ihren Gegensatz auf einer hoeheren Ebene aufhebt, gelungen? Einerseits moechte er einen Kontrapunkt zur "postmodernen, wohligen Schlamperei" (S. 354) setzen, indem er der ob der Vielzahl an Moeglichkeiten verlockenden Beliebigkeit bei Mythosdefinitionen einen aus der Wissenschaftsgeschichte begruendeten Neuansatz gegenueberstellt. Andererseits versteht er seine Ausfuehrungen lediglich als Vorarbeiten zu einer wissenschaftlichen Mythologie und verweigert sich aus diesem Grunde definitorischer Klarheit (S. 363), obwohl seinen Ausfuehrungen ein dezidiertes Mythenverstaendnis zugrunde liegt. Seine als Offenheit deklarierte Scheu, sich begrifflich und interpretatorisch festzulegen, ist wissenschaftlich insofern ehrenhaft, als man jenseits ,exakter' Wissenschaften keine eindeutigen Ergebnisse zeitigen wird. Die Kehrseite besteht in einem ueber weite Strecken positivistischen Zugriff, der Zeugnisse in einem ersten Schritt aus sich selbst heraus sprechen lassen moechte, sie also seitenlang zitiert. Auch die von philologischer Akribie und grosser Belesenheit zeugenden Kontrastierungen der Mythenvarianten und -versionen koennen, zumindest aus der Sicht eines Historikers, lediglich als Vorarbeit angesehen werden. Der Gegensatz von "Struktur" und "Geschichte" wird erst dann aufgehoben, wenn die scharfsinnig, linguistisch kunstvoll analysierten Mythen-Morpheme in ihren Zusammenhaengen gedeutet werden. Das weiss Masciadri, aber sein Erkenntisideal ist der Sprachwissenschaft verhaftet, der die ,Willkuer' historischer Deutungen gegenuebergestellt wird (S. 376). Die alte These, dass Lemnos ein Ort von Mythen sei, die der griechischen Sagen- und Vorstellungswelt fremd sei (S. 18), widerlegt Masciadri durch die Aufdeckung vielfaeltiger Bezuege zu verwandten griechischen und vorderorientalischen Sagenkreisen. Einem sozialhistorisch Interessierten duerfte diese Erkenntnis als Ergebnis der ausfuehrlichen Studien jedoch nicht genuegen: Auch wenn die Bedeutung der Orte, lemnischer Geschichte, archaeologischer Befunde und der problematische Zusammenhang von Mythos und Ritual erlaeutert werden, stehen die Ausfuehrungen gleichsam exkursartig neben Masciadris Kerngeschaeft, der mythengrammatischen Ueberlieferungshistorie. Sein Analysevokabular entlehnt er der Musiktheorie, spricht von "Umkehrungen" und "Krebsen" und trifft damit einmal mehr sprachlich ins Schwarze, erlebte die serielle Musik als Weiterentwicklung der Zwoelftonmusik doch nicht zufaellig ihre Bluete, als sich die Ansaetze von Le/vi-Strauss und Saussure auf den Gebieten der Anthropologie bzw. Linguistik durchsetzten. Mit Anton Webern, einem der Protagonisten der Zwoelftonmusik, sollte man jedoch bedenken, dass alle Kompositions- und Analysemethoden lediglich Hilfsmittel sind, dass es letztlich darauf ankommt, was im Ohr des Hoerers erklingt. So schwer dies in Bezug auf antike Rezeptionsphaenomene, wenn ueberhaupt, zu bewerkstelligen ist, zumindest Historiker verlangen nach einer lebensweltlichen Kontextualisierung von Mythen, die ueber das hier vorgestellte Modell hinausreicht. Solche Leser laesst Masciadri im Meer der Geschichten ein wenig ratlos zurueck. Table of contents Vorwort Inhaltsverzeichnis Abkuerzungen Karten 1. Statt einer Einfuehrung: Melampus und die Sprache der Tiere (S. 17-37) 1.1. Auszuege aus einem Logbuch 1.2. Melampus und die Sprache der Tiere 1.2.1. Das sinnreiche Reptil 1.2.2. Le de/nicheur de serpents 1.2.3. Plus ultra 2. Der verwundete Philoktet (S. 38-111) 2.1.1. Iphilklos' Neffe 2.2. Ein zerbrochener Spiegel - Die Ueberlieferung 2.2.1. Dreimal Tragoedie 2.2.2. Spuren im Unterholz 2.2.3. Mythographischer Nachsommer 2.2.4. Die Letzten und die Ersten 2.2.5. Gemalter Schmerz 2.3. Elfmal Philoktet 2.3.1. Handschriften 2.3.2. Von Schlangen und Maeusen a) Philoktet auf Tenedos b) Apollon Smintheus c) Dareios und die Skythen 2.3.3. Ein Literat 2.3.4. Rueckkehr der Tragiker a) Euripides b) Und Aischylos? c) Sophokles d) Theodektes 2.3.5. Hereinbrechende Raender 2.3.6. Philoktets italienische Reise 3. Die Stadt der Frauen (S. 112-258) 3.1. Von fremden Laendern und Menschen 3.1.1. The isles of Greece, the isles of Greece! 3.1.2. Der Erdtaucher a) De Chryse insula b) <greek>Peri\ tw=n New=n</greek> c) De generatione et corruptione insularum 3.1.3. La segnano le carte antiche dei corsari 3.1.4. Schatten von gestern 3.1.5. An heiliger Staette a) Artemis, Athene, Hephaistos und Hermes, Herakles und Philoktet b) Die Grosse Goettin Lemnos 3.2. Kuriose Geschichten 3.2.1. Eine Mythologie 3.3. Lemnisches Unheil 3.3.1. Der Klassiker 3.3.2. Spuren und Bruchstuecke a) Epos und Lyrik b) Das attische Theater c) Euripides d) Geschichtsschreiber und Verwandtes 3.3.3. Echoraeume a) Familienbande b) Das Parfum c) Roemische Erzaehler 3.4. Hypsipyle und ihre Schwestern 3.4.1. Zweimal Hypsipyle 3.4.2. La belle dame sans merci 3.4.3. Goetter, Helden und Kisten 3.4.4. Von Muettern und Sprachen 3.4.5. Die Toechter des Danaos 3.4.6. Vor Sonnenaufgang 3.5. Frauenliebe und Leben 3.5.1. Lesarten 3.5.2. Folgerungen 3.5.3. Querlesen 4. Der hinkende Gott (S. 259-353) 4.1. Wer den wucht'gen Hammer schwingt 4.1.1. Ein Fremder im eigenen Haus 4.1.2. Zwischen Himmel und Amboss 4.1.3. Alle Raeder stehen still 4.2. Der heilende Gott 4.2.1. Lemnische Erde a) Aus dunklem Altertum b) Licht aus der Neuzeit? 4.2.2. Der geheilte Philoktet 4.3. Die kleinen Leute 4.3.1. Thrakisches Eisen 4.3.2. Vom boesen Blick 4.3.3. Die Naechte des Kabirions 4.3.4. Die ungleichen Schwestern a) Samothrake b) Imbros 5. Statt eines Nachworts: Prolegomena zu einer wissenschaftlichen Mythologie (S. 354-377) 5.1.1. Imagines maiorum 5.1.2. Das mythologische Feld 5.1.3. Etwas ueber das Vergleichen 6. Anhang (S. 378-412) 6.1. Register 6.1.1. Textnachweise der Mythenvarianten 6.1.2. Philologica 6.2. Bibliographie