BMCR 2009.07.61: Deoudi on Bartels, Staedtische Eliten im roemischen Makedonien. Untersuchungen zur Formierung und Struktur. Beitraege zur Altertumskunde, Bd. 242

Bryn Mawr Classical Review <[email protected]> Thu, 23 Jul 2009 09:02:15 -0400 (EDT)
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Jens Bartels, Staedtische Eliten im roemischen Makedonien.
Untersuchungen zur Formierung und Struktur. Beitraege zur
Altertumskunde, Bd. 242.  Berlin/New York:  Walter de Gruyter, 2008.
Pp. x, 258.  ISBN 9783110195002.  $137.00.

Reviewed by Maria Deoudi, Universitaet Erlangen ([email protected])
Word count:  1512 words
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Die Frage, wie roemische Eliten im kaiserzeitlichen Makedonien
strukturiert waren, und vor allem, wie man sich dieser sozialhistorisch
anhand der lueckenhaften schriftlichen Ueberlieferung zu dieser
Landschaft naehern kann, ist das zentrale Anliegen der Dissertation von
Bartels. Dabei ist diese Frage keineswegs grundlegend neu,
nichtsdestotrotz immer noch aktuell. So reiht sich die Arbeit in eine
fortdauernde Diskussion zu diesem sozialgeschichtlichen Themenkomplex
ein und schliesst, besonders durch die Focusierung auf die Provinz
Macedonia, die bislang wenig Beachtung fand fuer weitergehende
synthetische Arbeiten, erfreulicherweise eine Luecke in der
altertumswissenschaftlichen Diskussion.

Das Buch von Bartels ist in vier Kapitel gegliedert. Zunaechst stellt
Bartels in dem knappen Kapitel 1, das er als 'Einleitung' bezeichnet,
die zentralen Punkte vor, denen er im Folgenden nachgehen wird. Sein
Hauptanliegen ist es, die roemischen Eliten der Provinz Macedonia
anhand ihrer eigenen konstituierenden Merkmale zu definieren. Als
Materialgrundlage dienen ihm die Schriftquellen wie auch die
Inschriften aus dieser Region. Gerade diese sind fuer ihn
Informationstraeger, anhand derer er vor allem ein qualitatives und
differenziertes Raster herausarbeiten will, um zu formulieren, welche
Kriterien zur Definition von Eliten genutzt wurden und wie die
Zugehoerigkeit zu diesen in der Antike selbst definiert wurde. Folglich
geht es um eine Annaeherung an zeitgemaesse Definitionen und darueber
hinaus auch um die Bestimmung der Funktion von Eliten in der antiken
Gesellschaft im antiken Makedonien.

Des Weiteren versucht Bartels das Roemische wie das spezifisch
Regional-griechische zu fassen, um somit zu einem differenzierteren
Bild der roemerzeitlichen Gesellschaft zu gelangen. Das ist ein
wichtiges Anliegen, da man immer noch dazu neigt, die Provinz einzig
durch den Vergleich mit Rom zu bewerten Ausgehend von dieser
allgemeinen Verortung des Themas innerhalb der
alterumswissenschaftlichen und sozialhistorischen Forschung, ergeben
sich fuer die angestrebte Untersuchung folgende Einzelabschnitte:

Vorangestellt ist der eigentlichen Auswertung das Kapitel 2, das er mit
'Forschungsstand und Fragestellung' ueberschreibt. Er gibt einen kurzen
Ueberblick ueber den Forschungsstand und stellt die wichtigsten
Analysen und Modelle vor, die Anwendung finden zur Umschreibung der
roemisch-kaiserzeitlichen Gesellschaft. Aber vor allem zeigt er
deutlich auf, welche Schwierigkeiten auftauchen, uebertraegt man
moderne Gesellschaftstheorien auf die Verhaeltnisse in der antiken
Gesellschaft.

Ausfuehrlich legt er dar, wie gross die Schwierigkeiten und eng die
Grenzen sind, projiziert man z.B. die Modelle der Klassenstae nde, die
in einer langen Wissenschaftstradition bis auf Max Weber
zurueckreichen, auf antike Verhaeltnisse. Da Gesellschaft, und dies
gilt in besonderem Masse fuer die roemische Gesellschaft, fuer Bartels
nach zeitgemaessen und auch aktuellen Vorstellungen innerhalb der
Geschichtswissenschaft nicht durch horizontale Schichtung sondern durch
lineare Hierarchien bestimmt wird, bedarf es auch fuer die Beschreibung
gesellschaftlicher Strukturierung neuer Termini und in dieser Hinsicht
uebernimmt er die Begrifflichkeiten von Pierre Bourdieu. Er wird an
Beispielen immer wieder darauf hinweisen, dass man mit den
traditionellen Begriffen die innere gesellschaftliche Struktur und auch
die von aussen so wahrgenommene nicht zu beschreiben vermag.

Gerade die Uebernahme der soziologischen Bourdieuschen Begriffe ist in
den Altertumswissenschaften keineswegs neu, wenn auch nicht
unumstritten.[[1]] Das Werk auf das er sich beruft ist die zentrale.
Schrift des Soziologen "Die feinen Unterschiede",[[2]] Dort wird der
Begriff des Distinktionsgewinns eingefuehrt, der die erfolgreiche
Durchsetzung eines neuen vorherrschenden Geschmacks und neuen
Lebensstils als Mittel im Kampf um gesellschaftliche Positionen
umschreibt. Voraussetzung dafuer ist, dass, ungeachtet des Standes wie
Herkunft und soziale Klasse, theoretisch alle Mitglieder einer
Gesellschaft denselben Zugang zu Informationen - also Bildung-haben und
mit diesem Instrument ihre Klasse endgueltig ueberwinden koennen.

In Kapitel 3, das den Titel fuehrt: "Wer zaehlte im griechischen Osten
zur Elite? Das Bild der literarischen Quellen" wertet Bartels hierzu
die Aussagen der antiken Schriftquellen aus. Er bezeichnet diese als
Quellen, die Auskunft zum ueberregionalen Verhalten geben. An diesen
laesst sich ermessen, welche Faktoren nach dem Bild der literarischen
Quellen in kaiserzeitlichen Osten die gesellschaftliche Position des
Individuums bestimmen und wie sich diese wechselseitig bedingen. Er
bezieht sich auf die Schriften von Artemidor von Daldis, Dion von
Prusa, Lukian von Samosata und Plutarch von Chaironeia, die dem Autor
aufgrund ihrer Herkunft aus dem oestlichen Teil des roemischen Reiches
als besonders geeignet erscheinen. Die antiken Autoren umfassen mit
ihren Schriften den Zeitraum vom fruehen 1. Jh. n. Chr. bis zum Ende
des 2. Jhs. n. Chr. und so ergibt sich daraus zugleich ein relativ
grosses Zeitfenster fuer die vorgenommene Untersuchung.

Die Auswertung der antiken Quellen fuehrt vor allem zu dem Ergebnis,
dass in Macedonia in roemischer Zeit ebenfalls traditionelle Begriffe
als Indikatoren fuer die Zugehoerigkeit zu Eliten galten.

Es handelt sich um:

Reichtum/Wohlstand
und
Gute Herkunft/sozialer Stand

Allerdings wurden die Angehoerigen gesellschaftlicher Oberschichten
nicht per se wegen ihrer Herkunft oder ihres Reichtums mit Aemtern
versehen. Wie Reichtum wird auch eine Herkunft als relativer Begriff
gesehen, dessen Bedeutungsgehalt auch durch weitere Faktoren
beeinflusst wurde. Ausdruecklich wird darauf hingewiesen, dass im
antiken Makedonien keine Staendegesellschaft vorzufinden war. Dennoch
bildet Herkunft im Sinne des freien Vollbuergers eine notwaendige
Voraussetzung fuer einen gesellschaftlichen Aufstieg und damit die
Uebernahme von Aemtern.

So sind diese beiden Begriffe (Reichtum und Herkunft) vor allem
Merkmale, gleichzusetzen mit dem bei Bourdieu genannten sozialen und
oekonomischen Kapital. Sie bilden lediglich eine hinreichende aber
nicht absolut notwaendige Voraussetzung fuer den Einzelnen, innerhalb
der Gruppe aufzusteigen und in der Folge gesellschaftliche
Schluesselpositionen einzunehmen.

Anders als in der Staendegesellschaft, und staerker auch als in der
modernen Gesellschaft, ergibt sich eine positive Bewertung des
Einzelnen und damit seine Zugehoerigkeit zur jeweiligen staedtischen
Elite erst durch die Eingliederung bzw. Einbringung der persoenlichen
Merkmale zum Wohl der Gesellschaft. <greek>eu)ergesi/a</greek> ist
deshalb ein Schluesselbegriff zum Verstaendnis der Formierung und
Struktur roemischer Eliten in Griechenland, der im Zentrum der weiteren
Ausfuehrungen von Bartels steht. Dies ergibt sich auch eindeutig durch
die Auswertung der griechischen Literatur der Kaiserzeit.
Sozialprestige aus Leistung hatte schon deshalb einen so hohen
Stellenwert, da sich damit auch die Selbstwahrnehmung der Buerger als
Solidargemeinschaft verbunden war.

In Kapitel 4, das die Ueberschrift: "Wer zaehlte im roemischen
Makedonien zur Elite?" (95-193) traegt, ueberprueft Bartels die
Resultate seiner Auswertung der literarischen Quellen anhand der
inschriftlichen Ueberlieferung aus der Provinz Macedonia, die er im
Gegensatz zu den literarischen Quellen grundsaetzlich als regionale
Informationstraeger bezeichnet. Dabei beruecksichtigt er fuer die
Provinz Macedonia sowohl die Gruppe der oeffentlichen Ehreninschriften
als auch die privaten Inschriften wie Grab-, Stifter- und
Weihinschriften.

Es geht auch hier um die Frage ob Reichtum, der greifbar ist im
Grundbesitz, teilweise im Wohnluxus, im Grabaufwand und in Euergetismus
sowie Herkunft, und auch die Uebernahme eines Amtes in der Summe, also
der sog. "Klassenhabitus" zur sozialen Differenzierung diente und
notwaendige Voraussetzung ist fuer den Aufstieg in die
gesellschaftlichen Eliten in Makedonien.

Die Auswertung der zuvor genannten Denkmaeler zeigt, dass man anhand
des Reichtums oder der Herkunft in Makedonien keine Bestimmung der
gesellschaftlichen Stellung vornehmen kann, bzw. dass Reichtum und/oder
Herkunft allein nicht ausreicht, um eine oeffentliche Laufbahn
einzuschlagen und ein Amt zu erhalten. Auch hier ist es vor allem der
Euergetismus, der eine bestimmte gesellschaftliche Signifikanz besass.
Sozialprestige war vor allem eine Frage von Leistungen zum Wohl der
Buergergemeinschaft. Reichtum um Herkunft konnten den Aufstieg somit
bestenfalls beguenstigen, jedoch nicht begruenden. So findet Bartels
eine prinzipielle Bestaetigung seiner Ergebnisse aus dem vorherigen
Kapitel. Die trifft zumindest auf die griechischen Staedte zu, die
roemischen Kolonien zeigen andere gesellschaftliche Strukturen und
entsprechend eine andere soziale Wertigkeitsskala.

So gelangt Bartels zu der Schlussfolgerung, dass zumindest fuer die
focusierten Staedte geburtsstaendischen Vorstellungen nicht von
Bedeutung waren und auch in Makedonien nicht fuer die Zugehoerigkeit
zur gesellschaftlichen Elite herangezogen wurden. Da die Uebernahme von
Aemtern und damit der gesellschaftliche Aufstieg vor allem durch das
eigene Verdienst begruendet war und die Faehigkeit auch durch die
Bereitschaft gepraegt sein musste, wohltaetig zu sein, ergibt sich
notwendigerweise der Schluss, dass man in der Antike und auch in der
Provinz Makedonien eine funktionale Differenzierung der staedtischen
Gesellschaft vorliegen hat[[3]] und, der Habitus eine
Herrschaftsstrategie impliziert, so dass die Terminologie von Bourdieu
hier berechtigerweise angewandt wird. Der hohe Stellenwert, den
erbrachte Leistungen fuer die Gemeinschaft innerhalb der Gesellschaft
hatte, spiegelt sich wieder in der grossen Anzahl an Ehreninschriften
fuer Euergeten, die in ihren Poleis grosse Ehren genossen.

In Kapitel 5, das die Ueberschrift "Ergebnis und Ausblick" (195-205)
traegt, stellt er seine wichtigsten Ergebnisse noch einmal zusammen. So
kommt er zum Schluss, dass die Gesellschaft in Makedonien
gekennzeichnet war durch ein Engagement fuer die Buergerschaft. Eben
diese Euergesien werden in allen offiziellen aber auch privaten
Inschriften ausdruecklich erwaehnt und stets hervorgehoben. Direkte
Parallelen hierzu sind vor allem im Osten zu finden. Auch dort stieg
die Wertschaetzung des Einzelnen durch die Gemeinschaft je nach Anzahl
der dargebrachten Wohltaetigkeiten.

Anders als im westlichen Kleinasien wird in Makedonien der Herkunft
insgesamt eine geringere Bedeutung beigemessen. Das belegen die
Inschriften, die diesen Aspekt kaum erwaehnen.

So bleibt als Definition durch Bartels die Aussage, dass in Makedonien
als staedtische Funktionseliten diejenigen Buerger zu verstehen sind,
die durch gemeinnuetzige Leistungen im politischen Funktionssystem
besonderes Ansehen erwarben. Ausserdem ist es wichtig, dass Bartels
hervorhebt, dass auch der Osten keine standardisierte Gesellschaft mit
ueberall gleichen Wertvorstellungen war.

Vervollstaendigt wird die Untersuchung durch Kapitel 6: Appendices
(207-218). Aufgefuehrt wird eine invitatio-Inschrift, und zugleich ein
Vergleich mit Philippi hinsichtlich der Karrierestruktur.

Den wegen seiner vielen Detailbeobachtungen sehr guten Band, der einen
wichtigen Beitrag zur roemischen Sozialgeschichte Makedoniens
darstellt, schliessen die Bibliographie (219-252), ein Orts- (253-254)
sowie ein Begriffsregister (254-258) ab.

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Notes:


1.   Eine Uebersicht zur kontrovers gefuehrten Debatte findet sich bei:
Sven, Reichardt, Bourdieu fuer Historiker? Ein kultursoziologisches
Angebot an die Sozialgeschichte, in: Geschichte zwischen Kultur und
Gesellschaft. Beitraege zur Theoriedebatte, Muenchen 1997, 71-94.
Kritik an Bourdieu: Martin, Dinges, "Historische Anthropologie" und
"Gesellschafts-Geschichte", in: Zeitschrift fuer historische Forschung
24, 1997, 179-214.

2.   Pierre Bourdieu Die feinen Unterschiede. Kritik der
gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt 1987.

3.   Der Begriff geht zurueck auf: Niclas Luhmann,
Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der
modernen Gesellschaft Bd. 1 (Frankfurt 1993).