[ffii] "Offene Standards": Umdefinition am Mittwoch
PILCH Hartmut <[email protected]> Mon, 18 Jun 2007 16:26:21 +0200 (CEST)
| Newsgroups | gmane.org.ffii.neues |
|---|---|
| Message-ID | <[email protected]> |
Am Mittwoch vormittag diskutiert der Ausschuss f=FCr Wirtschaft und Technol=
ogie
des Bundestages einen
Antrag der Koalitionsfraktionen f=FCr Offene IT-Standards im Bundestag =
http://eupat.ffii.org/07/06/bundestag13/bundestag_orig070613.de.pdf
=FCber den Heise letzte Woche berichtete:
Koalition bringt Antrag f=FCr Offene IT-Standards in Bundestag ein =
http://www.heise.de/newsticker/meldung/91096
Leider hat die Sache einen Haken: der Antrag definiert "Offene Standards"
derart weit, dass damit auch geb=FChrenpflichtige patentierte Standards gem=
eint
sein k=F6nnen, durch die etwa freie/quelloffene Software ausgeschlossen wir=
d.
Mit dieser Definition widerspricht der Koalitionsantrag der in der EU
etablierten Definition.
Gem=E4=DF Empfehlungen der Europ=E4ischen Kommission f=FCr den =F6ffentlich=
en
Beh=F6rdenverkehr
European Interoperability Framework for panEuropean eGovernment Services
http://europa.eu.int/idabc/en/document/3761
kann von einem "offenen Standard" nur gesprochen werden, wenn folgende
Bedingungen erf=FCllt sind:
1. Der Standard wird von einer gemeinn=FCtzigen Organisation beschlossen
und gepflegt und in einer offenen (konsens- oder
mehrheitsbasierten) Weise entwickelt, die allen interessierten
Parteien eine Einflussnahme erm=F6glicht.
2. Der Standard ist ver=F6ffentlicht. Die Spezifikation ist entweder
frei oder gegen eine genannte Schutzgeb=FChr verf=FCgbar und darf fr=
ei
oder gegen Geb=FChr kopiert und weitergegeben werden.
3. Soweit der Standard oder Teile davon gewerblichen Schutzrechten
(Patenten) unterliegt, sind diese unwiderruflich geb=FChrenfrei
nutzbar.
4. Die Wiederverwendung des Standards unterliegt keinen
Einschr=E4nkungen.
Der Antrag der Koalitionsfraktionen beinhaltet eine Umdefinition von "offen=
er
Standard", die der EU-Definition widerspricht und genau das tut, wof=FCr
Microsoft-Lobbyisten (wie z.B. BSA und CompTIA) seit Jahren mit Schwerpunkt
arbeiten:
Standards sollen dann als "offen" betrachtet werden, wenn sie den
Austausch zwischen verschiedenen Plattformen und Applikationen
erm=F6glichen und ausreichend dokumentiert sind. Die Schnittstellen m=
=FCssen
offengelegt, die technischen Spezifikationen auch umsetzbar sein, und
ihre Nutzung muss zu fairen und diskriminierungsfreien Konditionen
lizenziert sein.
Sinnvoll korrigieren k=F6nnte man den Abschnitt im Koalitionspapier etwa wie
folgt:
ALT:
ihre Nutzung muss zu fairen und diskriminierungsfreien Konditionen
lizenziert sein
NEU:
ihre Nutzung muss f=FCr jedermann ohne Geb=FChren oder sonstige belast=
ende
Lizenzbedingungen erlaubt sein
Mit "fair und diskriminierungsfrei"
Reasonable And Non-Discriminatory (RAND)
http://en.wikipedia.org/wiki/Reasonable_and_non-discriminatory
werden n=E4mlich =FCblicherweise Bedingungen bezeichnet, bei denen Benutzer=
Geld
bezahlen oder sonstige Leistungen erbringen m=FCssen. Der Gegenbegriff hie=
rzu
ist "royalty-free" (RF).
Beim W3C wurde k=FCrzlich schon einmal ein Versuch abgewehrt, "zu fairen und
diskriminierungsfreien Konditionen lizenzierte Standards" im Web hoff=E4hig=
zu
machen. =
http://www.w3.org/Consortium/Patent-Policy-20040205/
http://news.com.com/2100-1001-965863.html
"Zu fairen und diskriminierungsfreien Konditionen lizenzierte Standards", w=
ie
die Koalitionsfraktionen sie bef=FCrworten, sind mit freier Software, wie s=
ie
der Bundestag f=FCr seine Server einsetzt, nicht vereinbar. Letztlich sind=
sie
also weder fair noch diskriminierungsfrei.
Der Bundestagsantrag verpflichtet die Regierung nicht wirklich zu irgend
etwas. Er wird wahrscheinlich schnell in den Akten verschwinden, und danach
werden die Microsoft-treuen Lobby-Verb=E4nde die "Bundestags-Definition" von
"Offene Standards" zitieren, um ihren Feldzug zur Aussperrung von freier
Software aus dem =F6ffentlichen Bereich besser f=FChren zu k=F6nnen. Dabei=
erhalten
sie jetzt bizarrerweise, in Umkehrung der =FCblichen Regeln des "Spiels mit
Banden", Sch=FCtzenhilfe von nationalen Volksvertretern. Was ihnen bei der
Europ=E4ischen Exekutive nicht gelang, wird nur =FCber die deutsche Legisla=
tive
versucht. Bisherigen Versuche von FFII-Seite, die Koalitionsabgeordneten zu
warnen, waren nicht von erkennbaren Erfolgen gekr=F6nt. Aber vielleicht is=
t es
ja noch nicht zu sp=E4t, mit den Abgeordneten des =
Ausschusses f=FCr Wirtschaft und Technologie
http://webarchiv.bundestag.de/archive/2006/0606/ausschuesse/a09/index.h=
tml
in Kontakt zu treten.
--
Hartmut Pilch =
Vorsitzender FFII Deutschland http://www.ffii.de/
_______________________________________________
Nachrichtenverteiler neues =
(un)subscribe via http://petition.ffii.org/
[email protected]
https://lists.ffii.org/mailman/listinfo/neues