Re: [ox-de] Oekonux Kritik auf http://marx101.blogspot.com/
Stefan Merten <[email protected]> Wed, 04 Nov 2009 21:45:36 +0100
| Newsgroups | gmane.politics.oekonux.german |
|---|---|
| Message-ID | <[email protected]> |
Hi Franz!
4 days ago Franz Nahrada wrote:
> Folgendes fand ich im Weblog einer Seite von der man 30 Jahre lang
> verleichsweise wenig gehört hat, der Konstanzer Wertformanalyse. Obs auch
> wirklich von dort ist weià ich allerdings nicht. Interessant zu lesen ist
> es jedenfalls. Der Autor greift die Unterscheidung zwischen einfach und
> doppelt freier Software zunächst *an*, um sie im nächsten Schritt selber
> positiv *auf*zugreifen. Dabei zeigt er tatsächlich ein paar theoretische
> Leerstellen auf.
>
> (Die unsägliche Formatierung im Weblog http://marx101.blogspot.com/ mit
> den reinvermantschten Fussnoten macht das Lesen des Aufsatzes allerdings
> nicht gerade leicht, aber hier sind mal zentrale Zitate:)
Danke für das Forwarding. Ich geb' gerne meinen Senf dazu.
> "Bislang galt: Freie Software wird ausschlieÃlich in 'Nischen'
> kapitalistischer Vergesellschaftung geschaffen (Uni, private
> Selbstausbeutung), die ohne die kapitalistische Lohnarbeit nicht
> existieren würden. Zu Beginn der Entstehung von Freier Software war dies
> tatsächlich so. Inzwischen gibt es jedoch eine Reihe von sog. Global
> Players (IBM, Sun Microsystems, Intel, etc.) welche EntwicklerInnen
> hauptberuflich für die Produktion Freier Software beschäftigen. Neben den
> bereits erwähnten Vorteilen bedeutet es für diese Firmen auch, dass wenn
> sie sich an der Entwicklung eines selbständigen freien Softwareprojekts
> beteiligen, sie einen Fuà in der Tür dieses Projekts haben und sowohl die
> Entwicklungsrichtung mitbestimmen als auch von der Arbeit der Community
> profitieren können.
Das Profitding ist ja nur das klassische "der Kaptialismus darf von
der Keimform nicht profitieren oder es ist keine Keimform". Das
widerspricht nicht nur dem Inhalt des Expansionsschritts_ im
Fünfschritt sondern heiÃt letzlich, dass sich das Neue nur im
Outer-Space entwickeln kann - was m.E. top-unrealistisch ist.
.. _Expansionsschritts: http://www.oekonux.org/texts/GermFormTheory.html#expansion-step-the-germ-form-becomes-an-important-dimension
> Die Beteiligung groÃer Software-Konzerne an Freier
> Software hat einen vergleichbaren strategischen Stellenwert wie die
> Mitarbeit derselben Konzerne in Standardisierungsgremien." (13)
Hier kann ich glaube ich ein paar Wahrnehmungen beitragen.
Fakt ist, dass nicht nur groÃe, klassische Firmen OpenSource auch mit
Manpower unterstützen. Das tun auch kleinere. Ob sie davon wirklich
immer profitieren ist dabei m.E. durchaus eine offene Frage.
Jedenfalls hat es z.B. Sun nicht geholfen eigentständig zu bleiben...
Freie-Software-Entwickler berichten umgekehrt, dass die Logik Freier
Software und die Community in solchen Modellen tendenziell Einzug in
die Unternehmen hält. Ich denke, dass das stimmen kann - entscheidend
ist, welche Rolle die Firma und welche die Community spielt.
Der Punkt mit den Standardisierungsgremien ist nicht schlecht.
Allerdings gibt es in Standardisierungsgremien durchaus auch die
Notwendigkeit, z.B. mit Patentansprüchen umgehen zu müssen - so
geschehen vor nicht allzu langer Zeit im W3C zum Thema M$-Patente.
*Das* ist allerdings etwas, was bei einem Freie-Software-Projekt kein
Thema sein dürfte...
> "Gerade in ihren entwickeltesten Bereichen werden die Potenziale immer
> wieder durch Produktionsverhältnisse begrenzt, die teilweise
> anachronistisch wirken. Im Bereich der Informationstechnologien scheint
> selbst das Kapital zu der Einsicht zu gelangen, dass neue Formen der
> dezentral vernetzten Zusammenarbeit wie sie durch Informationstechnologien
> ermöglicht werden, profitabler sind als traditionelle Formen entfremdeter
> Arbeit unter den Prämissen des Ausschlusses und der Arbeitsteilung, selbst
> wenn damit Teilautonomie und Selbstorganisation Einzug in die
> Arbeitsorganisation halten. Die Modelle zur Arbeitsorganisation in
> Softwareprojekten wie bspw. SCRUM, Extreme Programming oder Agile
> Softwareentwicklung füllen die Seiten der Managementliteratur zumindest
> für den Sektor der Informationswirtschaft und lösen hinsichtlich ihres
> Hypes ältere toyotistische Managementmodelle, die zuerst in der
> Automobilproduktion Verwendung fanden, wie Lean Production,
> Just-in-time-Produktion, etc. ab bzw. entwickeln sie weiter. " (14)
Es ist zwar richtig, dass bspw. Scrum weniger toyotistisch ist als das
klassische Wasserfallmodell. Aber als Insider kann ich nur sagen, dass
der agile Ansatz letzlich nur das Eingeständnis ist, dass Software
nicht wie ein Haus gebaut werden kann [#]_. Und mit den richtigen
Methoden lassen sich auch besser und zuverlässiger Profite machen und
- wie ich aus eigener Erfahrung weià - das Arbeitsverhältnis als
solches wird dadurch keineswegs in Frage gestellt. SchlieÃlich
arbeitet man auch in einem Scrum-basierten Projekt für Geld - auch
wenn's vielleicht mehr Spaà macht.
.. [#] Und bei Licht betrachtet können höchstens absolute
Standardhäuser wie ein Haus gebaut werden...
Ich lese diese Entwicklung aber eher dahingehend, dass die Entwicklung
der Produktivkräfte auf einer gewissen Ebene eben neue Methoden
erfordert, die der Selbstentfaltung halt schon mehr Raum lassen
müssen.
> "Teile dieser periodisierenden Abfolge von fünf qualitativen
> Entwicklungschritten erinnern entfernt an das gramscianische
> Hegemoniekonzept, mit dem Machtgewinnungs- und -ausübungsformen zwischen
> Staaten, Gruppen von Staaten und Gruppen innerhalb von Staaten (z.B.
> zwischen herrschenden und subalternen Klassen) analysiert werden,
Nun habe ich Gramci nur mal in einem Vortrag kennen gelernt, aber mein
Verständnis war, dass es bei Gramci vor allem um eine kulturelle
Hegemonie ging, die es innerhalb des Kapitalismus zu erringen gilt.
Bei Peer Production wird aber die Axt an die Wurzeln gelegt: Es geht
um ein neues System von Produktivkraft! Das finde ich doch deutlich
fundamentaler. Und es bezieht sich auch zunächst mal nicht auf
Kapitalismus. Peer Production könnte auch ein anderes System von
Produktivkraft ablösen.
> ohne
> jedoch die Flexibilität des Hegemoniebegriffs zu erreichen oder die
> Menschen und ihre Handlungsfähigkeit im gleichen Ausmaà in den Mittelpunkt
> zu stellen. Immerhin kann mit der Keimformthese aber ein dialektisches
> Nebeneinander unterschiedlicher und widersprüchlicher Produktionsweisen
> innerhalb einer Gesellschaft beschrieben werden und somit das Problem
> vermieden werden, das Kurz wie folgt beschreibt: Die angebliche Blindheit
> des Marxismus für die 'Frage des Ãbergangs, der praktischen
> Transformationsbewegung, des berühmten 'Herankommens' an eine
> nicht-wertförmige Reproduktion' (Kurz 1997).
Yep.
> Während Kurz es in seinem Artikel von 1997 noch nicht gelingt, zu
> entwickeln, wie die 'Mikroelektronik als universelle Rationalisierungs-
> und Kommunikationstechnologie' (ebda.) die Transformation zu einer neuen
> Gesellschaft befördern kann, meinen Meretz und Merten beinahe ein
> Jahrzehnt später in dem Entwicklungsmodell für Freie Software eine
> gesellschaftliche Form gefunden zu haben, die die kapitalistische
> Produktionsweise in Frage stellt, sich in ihr zur Reife entwickelt und
> darüberhinaus das Potenzial besitzt, das Zeitalter einer kommunistischen
> Produktionsweise einzuläuten. Mit Hintergrundwissen aus der Informatik,
> Erfahrungen aus der Praxis der Freien Softwareentwicklung und einem Schuss
> utopischen Voluntarismus gelingt es ihnen, die bei Kurz noch vorhandene
> Lücke zu schlieÃen und mit einem konkreten Fallbeispiel einer Keimform auf
> dem letzten Stand der Produktivkraftentwickung im hochtechnologischen
> Kapitalismus zu argumentieren. " (20(21)
Yep! Da kennt sich jemand wirklich gut aus!
> "Fazit Die These der nicht Warenförmigkeit Freier Software und die These
> der Keimform einer nichtkapitalistischen Produktionsweise, lässt sich bei
> näherem Hinschauen nur mit diversen Kunstgriffen aufrecht erhalten. Die
> mannigfaltigen, von den Vertretern dieser These erkannten
> Erscheinungsformen der Verwertbarkeit von Freier Software im Rahmen der
> kapitalistischen Produktionsweise werden von ihnen oft als
> Ausnahmeerscheinungen abgetan. So werden die meisten (GPL-artigen) Open
> Source Varianten von vorneherein aus der These ausgeklammert und selbst
> bei der Freien Software, bei der alle Voraussetzungen wie freie
> Verfügbarkeit, freie Quellen, freie Ãnderbarkeit und freie Verteilbarkeit
> erfüllt sind, müssen sie noch unterscheiden zwischen 'einfach freier
> Software' (Software, die unter Lohnarbeitsverhältnissen entwickelt wird)
> und 'doppelt freier Software' (die in der Freizeit und unter Bedingungen
> freier Selbstentfaltung zustande kommt) um die These aufrecht zu erhalten.
Das verstehe ich nicht so richtig. Ob für ein Produkt Lohnarbeit
aufgebracht wird oder nicht heiÃt ja zunächst mal nichts über seine
Warenförmigkeit - oder?
> Nicht abgestritten aber vernachlässigt wird die Unsitte der
> Doppellizensierung, also der bemerkenswerten Ausbeutung der
> unentgeltlichen Arbeit der Open Source Community durch die
> Privatwirtschaft und deren Verwertungsinteressen.
"Vernachlässigt" bedeutet ja, dass es eine andere, richtigere
Sichtweise gäbe. AuÃer dem oben schon erwähnten "der Kaptialismus darf
von der Keimform nicht profitieren oder es ist keine Keimform" wüsste
ich nicht was - und dazu hatte ich mich schon geäuÃert.
> Das emanzipatorische
> Potenzial des Ideals der Freien Softwareentwicklung soll hier nicht in
> Frage gestellt werden sondern kritisch die vielfältigen Wege aufgezeigt
> werden, wie Freie Software immer besser in die kapitalistische
> Produktionsweise integriert wird und keine reale Gefahr für das System des
> Kapitalismus mehr darstellt. Man könnte auch, um im Bild der Keimformthese
> (Mertez/Merten 2005: 303ff.) zu bleiben, sagen, dass wenn die Keimform
> theoretisch zwei Richtungen einschlagen kann, so liegt die 'Integration in
> das Alte' sprich in die kapitalistische Produktionsweise immer näher und
> unterstreicht die These von Marx, dass für den Kapitalismus 'sämtliche
> gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren' geradezu
> eine Existenzbedingung ist (MEW 4: 465). Dass es noch möglich ist, den Weg
> aus der Restauration des Alten herauszugehen, soll dabei jedoch nicht
> ausgeschlossen werden." (24)
Das ist natürlich die Kernfrage. Aber ich muss zugeben, dass ich seit
1999 hier wenig dazu gelernt habe: Als *radikale* und *erfolgreiche*
Infragestellung von Kernelementen kapitalistischer *Produktion* sehe
ich nach wie vor ein Riesenpotential in Peer Production, das hin zu
einer wünschbaren Gesellschaft führen kann.
GrüÃe
Stefan
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