Re: [ox-de] Ökonux und Politix

Hans-Gert Gräbe <hgg-/a/s/[email protected]> Fri, 30 Apr 2010 19:43:55 +0200
Newsgroups gmane.politics.oekonux.german
Message-ID <[email protected]>
Lieber Ludger,

ich entschuldige mich vorab für den scharfen Ton meiner Antwort, aber 
mich regt das schlicht auf. Und sage mit Luther: Hier stehe ich und kann 
nicht anders.

Am 04/28/10 21:17, schrieb [email protected]:
> Auf Franz' Dorf-Wiki habe ich einen Kommentar von Frithjof gesehen,
> ganz enthusiastisch über die Dorf-Community im allgemeinen, und dass
> es möglicherweise bald möglich sei, etwa 80% des gewöhnlichen Bedarfs
> eines solchen Dorfes da lokal und intern auch herzustellen.
>
> Ich glaube das ist es genau worum es geht: es wird gelingen müssen,
> solche kommunalen oder auch politischen oder sozialen,
> organisatorischen Einheiten zu finden oder zu entdecken, die genau
> dazu in der Lage sind: sich mit Hilfe all dieser technischen Helfer so
> weit wie möglich selbst zu erhalten und zu versorgen, ...

Hierfür müsste man endlich mal klären, auf welchen *Voraussetzungen* das 
überhaupt möglich ist. Irgendwie ist da ja die gesamte 
Industriegesellschaft (die Computer, das Internet, Basismaterialien der 
veschiedensten Art, aus denen dann, "lokal und intern" die vielen Dinge 
des persönlichen Bedarfs hergestellt werden) vorausgesetzt. Dass bei 
letzterem heute eine ganz entscheidende Flexibilisierung möglich ist, 
das steht auch für mich außer Frage. Aber das berühmte "Druckerproblem", 
das für Stallman am Anfang der GNU-Story stand, ist ja gerade *keines* 
der Autarkie, sondern allein eine Frage der sinnvoll ausbalancierten 
Handlungsoptionen auf verschiedenen (gesellschaftlichen) Handlungsebenen.

Der Blick auf die "technischen Helfer" verliert aus dem Auge, dass diese 
nicht voraussetzungslos vorhanden sind, sondern hier ebenfalls 
Reproduktionskreisläufe zu stabilisieren sind.

Es kann gut sein, dass man auf kommunaler Ebene *anfangen* muss, die 
Ökonomie den Ökononem und die Politik den Politikern zu entreißen und 
zur eigenen Sache zu machen, aber bitteschön dann auch mit dem 
erforderlichen Sachverstand.

Wir hatten dazu hier vor vielen Jahren eine - heute gut vergessene - 
Diskussion über Kooperenz http://www.opentheory.org/ko-kurrenz/text.phtml

Leider ist die Diskussion über Peer-Ökonomie aus meiner Sicht in einer 
massiven Sackgasse, so lange sie sich als Allheilmittel gegen alle Übel 
der heutigen Zeit präsentiert - wie noch einmal von Christian Siefkes 
letzte Woche hier in Leipzig vorgetragen. Einen Fork kann ich eben zur 
Not in einem Software-Projekt machen, nicht aber in der Realität, wenn 
es darum geht, ein Haus zu bauen. Nach dem Fork stünde nämlich dann 
(wenigstens) eine Investruine rum. Du kannst dem natürlich 
entgegenhalten "Nu schto?" - aber das ist nicht wirklich seriös. Um 
diese Fragen machen die PÖ-Leute seit Jahren einen weiten Bogen.

> mit allem was man zu einem komfortablen Leben so als notwendig und
> wünschenswert erachten mag, inklusive der wichtigen, und vollkommen
> unverzichtbaren Dinge. Und solche Einheiten werden sich
> möglicherweise wieder mit anderen verbinden oder vernetzen, und auf
> einer anderen, höheren Ebene in diesem Sinne kooperieren.

Ein konfliktfreies privates Leben, wie es der MWW (als Instanz der 
Kurzschen Warenmonade) täglich vor seinem Computer er- und auslebt, der 
aufs Wort hört - besser als jeder Hund - und auch im intersubjektiven 
Bereich lösen sich die Konflikte auf wundersame Weise auf - "solche 
Einheiten werden sich möglicherweise wieder mit anderen verbinden oder 
vernetzen, und auf einer anderen, höheren Ebene in diesem Sinne 
kooperieren" - allein die Passivform dieser Aussage spricht Bände.

Nein, ich denke, die Quelle der Denkfigur ist mehr als deutlich 
auszumachen, und dann träumt der MWW weiter:

> Was möglicherweise bald viel wichtiger werden könnte: die Grundzüge
> der Ökonux-Ideen zu Politix werden zu lassen. Und zwar meine ich damit
> ein richtiges politisches Programm, das möglicherweise auch zu einem
> Parteiprogramm werden könnte, einer Partei, die man wählen, und die
> Mehrheiten erringen könnte. (oder gibts sowas vielleicht schon?)

Die Piraten? Wenigstens hier in Leipzig gehen die auch gerade den Weg 
alles Irdischen und zerfetzen sich in internen Rangeleien, weil es mit 
den Konflikten und der Konfliktfähigkeit eben doch nicht so weit her ist 
... Dieser Politisierungsprozess ist gleichwohl spannend, aber nicht 
wegen der Partei, sondern wegen der Leute. Alter Streitpunkt hier mit 
mir - sollen Ideen oder Leute im Mittelpunkt der Theorie stehen.

> Denn: möglicherweise gibts wirklich demnächst mal Krisen eines
> Ausmasses, das den schlimmsten apokalyptischen Vorstellungen Norbert
> Wieners dann auch tatsächlich nahe kommt, die er mal sich ausgemalt
> hat für den weiteren Entwicklungsgang des ökonomischen
> Wertäquivalents, ...

Da gibts gelegentlich Leute bei uns in der Straße, die eine Zeitschrift 
kostenlos anpreisen, in der stehen ähnliche Schreckensszenarien, und die 
haben ähnlich lachende Menschen auf den Seiten, auf denen sie ihre 
bessere Welt beschreiben.

Warum meinst du, dass deine Argumentation qualitativ anders ist als 
deren Argumentation?

> Also die aktuellen Krisenherde (Griechenland, Spanien und Portugal)
> sowie eine auch schon seit längerem sich anbahnende neue US-
> Immobilienkrise lassen einem doch ein wenig den Schaum vom Bier
> zittern, muss ich sagen.

MWW halt. Bei anderen (den Betroffenen) zittert nicht nur der Schaum vom 
Bier. Ich denke, präziser kannst du den Kleinbürger nicht raushängen 
lassen.

> Und ich habe so das Gefühl, dass es nicht schlecht sein könnte, wenn
> man dann wenigstens in ganz groben Zügen mal die Architektur, den
> groben Plan eines "Systems" in der Tasche hätte, wie der Laden denn
> auf Dauer, mit auch noch so viel und noch so smarter und potenter
> Automation laufen kann; die Züge einer ökonomischen Ordnung also, die
> - wie der Aachener Ökonom Karl Georg Zinn das genannt hat -
> Stagnationsstabilität besitzt, also Stabilität auch bei denkbar
> vollständiger Automation, auch bei denkbar kompletter
> "Arbeitslosigkeit" (im Rahmen des automatentheoretisch möglichen
> natürlich!)

Fein. Die Defekte der heutigen Industriemaschine bekommen wir in den 
Griff, indem wir sie in eine noch mächtigere einbauen (oder wie darf ich 
das mit dem Plan verstehen?). Und du und deinesgleichen sind die 
Architekten? Sorry, vielleicht geht da der Ossi mit mir durch, zumal ich 
gerade in der LINKEN erlebe, wie sich die alte Garde reproduziert hat 
und die Kommandohöhen der "Architektur" fest in den Händen hält.

> Ich glaube es muss auch mehr Aufmerksamkeit für diese Ideen geschaffen
> werden, auch für die Ausweglosigkeit des "Kapitalismus", um das
> Interesse zu schärfen für Alternativen;

Was ist "der Kapitalismus" und "Alternativen" angesichts der Marxschen 
Aussage, dass sich diese Gesellschaft mit all ihren Institutionen 
dauernd transformiert? Sind wir derzeit Zeuge allein einer solchen 
Transformation oder gibt es wirklich Elemente, die darüber hinausweisen? 
Ich habe oft genug aufgezeigt, dass sich auch die 
Peer-Ökonomie-Ansaätze durchaus *innerhalb* einer sich wandelnden 
Wertform bewegen. Gerade die Stellen, wo Siefkes dann doch mal aus den 
Nebelschwaden seiner Höhenflüge in die Gefilde der realen Fragen 
abtaucht (passierte in Leipzig leider nicht) oder gar zwei, drei Formeln 
bemüht, zeigen das sehr deutlich auf.

Wenn Altvater vom "Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen" schreibt, 
dann bedeutet das ja noch nicht, dass der Kapitalismus damit wirklich am 
Ende ist. Meine weitergehenden Thesen ("pubertäre Form ...") will ich 
hier gar nicht erst ins Spiel bringen.

> und die Erkenntnis durchzusetzen dass es tatsächlich keine anderen
> tragfähigen Alternativen gibt, die einen echten Fortschritt
> darstellen.

Was ist Fortschritt, gar "echter Fortschritt"? Wer legt da das Maß an 
und warum ist dieses das korrekte? Mit welcher Berechtigung? Siehe 
meinen Aufsatz "Wie geht Fortschritt?", der in vielem auch eine Replik 
auf Cromes kurzes Kapitel (8 Seiten) gleichen Namens in dessen Pamphlet 
"Sozialismus im 21. Jahrhundert" (über 200 Seiten) ist.

> Es müsste mehr Aufwand in Forschungen gesteckt werden, wie so etwas
> wie eine sich selbst versorgende kommunale Einheit realisiert werden
> könnte, da müsste m. E. richtig Power hineinwandern, damit das alles
> schnell genug voran geht, bevor rundherum das "Alte" eben seinen
> Geist aufgibt, und dann möglicherweise gar nichts mehr geht. Also
> bischen mehr Dampf kann bestimmt nicht schaden.

Ah ja, allein die Umstände sind andere. Dumm gelaufen?

Siehe auch meine Kritik von Fleissners Thesen, 
http://www.dorfwiki.org/wiki.cgi?HansGertGraebe/RohrbacherKreis/Dahlen-09/Fleissner-Thesen-09, 
in meinem Aufsatz "Wie geht Fortschritt?", die ähnlich 
kategorisch-imperativ daherkommen wie deine Thesen.

> Ich denke das müsste u. a. an Universitäten passieren, in all diesen
> öffentlichen Foren die es so gibt, Frithjof hatte ja mal recht viel
> Aufmerksamkeit, aber das ist wohl wieder abgeflacht, ja warum
> eigentlich?

Ah ja, an denselben Orten, die eh schon durch massive Defizite glänzen? 
Die aktuellen Kürzungen in diesem Jahr um 20% (bei Hilfskraftmitteln an 
der Uni Leipzig sogar 50%) zeigen, welche Beben die Finanzkrise gerade 
in diesem infrastrukturellen Bereich auslöst.

> Also - ich finde es muss mehr passieren, grössere theoretische
> Geschlossenheit, Schärfe und Brillianz, und grössere pragmatische
> Entschlossenheit und Kraft, um Kräfte binden und bündeln zu können.

Ah ja, "Geschlossenheit", "Entschlossenheit" - offensichtlich kennst du 
den einzig richtigen Weg. Vielleicht brauchen wir in einer Zeit der 
großen Suche eher das Gegenteil davon?

Viele Grüße,
Hans-Gert
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