Re: [ox-de] Re: [ox-de] Ökonux und Politi x

Hans-Gert Gräbe <hgg-/a/s/[email protected]> Thu, 13 May 2010 18:33:21 +0200
Newsgroups gmane.politics.oekonux.german
Message-ID <[email protected]>
Hallo Ludger,

Am 05/12/10 00:07, schrieb [email protected]:
> hab mich gerade durch diesen Text gekämpft (von Kurz, Unwert des
> Unwissens), und muss mich gerade wundern dass ich mich da
> gewissermassen selbst zur Ordnung rufen muss, um in aller Schlichtheit
> und naiven Wissbegier ganz einfach zu fragen was er denn mit
> diesen enorm vielen Worten eigentlich sagen will - will sich mir
> jedenfalls nicht erschliessen. Was will er denn. Aber ich schätze mal
> zu der Einsicht sind auch schon einige Zeitgenossen vor mir gekommen,
> insofern ist das nichts neues, ich muss nur an der Stelle leider
> bekennen dass mir diese Auseinandersetzung bzw. -debatte bisher
> entgangen war.

Nun, wie du dem Ende von Abschnitt 1 des Textes entnehmen kannst, geht 
es Kurz um eine Kritik der (u.a.) im Oekonux-Kontext vorgelegten 
Entwicklung der Wertkategorie:
> Indem so einige Wertkritiker zu veritablen „Szene“-Ideologen einer
> digitalen Alternativ-Ökonomie herabsinken, machen sie sich mit großem
> Gestus anheischig, „das werttheoretische Fundament einer Kritik der
> Politischen Informationsökonomie freizulegen“ (Ernst Lohoff, Krisis
> 31, S. 51) und „aneignungstheoretisch“ (Stefan Meretz, Krisis 31, S.
> 52) zu wenden. Dieser Anspruch soll nun einer Kritik unterzogen
> werden.

Das scheint ihm so fundamental wichtig zu sein, dass er immerhin 45 
Seiten zusammenbringt und von etwas abweicht, das er sich nach dem 
Krisis-Fork zur Regel gemacht hat: > Aus demselben Grund steht dieser 
Text ausnahmsweise auch ohne
> Rückfrage zur allgemeinen Verfügung; er darf also (in unveränderter
> Fassung mit Autoren- und Quellenangabe) frei weiterverbreitet und
> elektronisch veröffentlicht werden.

Schließlich scheint das Thema im Kern des gesamten Krisis-EXIT-Forks zu 
liegen. Wie weit es Kurz hier gelingt, eine stringente *Gegenposition* 
aufzubauen, sei dahingestellt (das war auch nie seine Stärke). Aber die 
*Kritik* der werttheoretischen Grundlagen der Oekonux-Debatte teile ich 
weitgehend.  Allerdings ist dabei zu beachten, dass mit der Kritik auch 
gewisse traditionsmarxistische Setzungen ("Mantras" in meiner letzten 
Mail) zu hinterfragen sind. Da bin ich aber in guter Gesellschaft der 
ganzen Tradition einer "neuen Marxlektüre", wobei für mich insbesondere 
Peter Ruben eine wichtige Rolle gespielt hat.

Grund genug also, sich der Grundlagen der (ökonomischen) Wertkategorie 
neu zu versichern, zumal Marx in der Frage selbst nicht sehr weit 
vorgedrungen ist. Sein Fokus war allerdings auch "Kritik", nicht 
eigenständige "Theorie", wie Kurz ja auch noch einmal betont. Marx' 
Überlegungen zu technisch-industriell geprägten 
Produktionsorganisationen in den "Grundrissen" zeigen, dass er seine im 
"Kapital" entwickelten theoretischen Grundlagen (von dem er ja überdies 
nur Band 1 selbst noch ediert hat) allenfalls als intermediäres Ergebnis 
verstanden hat.

An einer solchen Neufassung habe ich mich auf der Basis eines 
Leontieffschen Input-Output-Ansatzes unter drei Prämissen versucht:

(1) Berücksichtigung der fraktal-granularen Struktur der Wertkategorie, 
die sich aus der fraktal-granularen Struktur des gesellschaftlichen 
Prozessierens von Widersprüchen selbst ergibt.

(2) Aufgabe der Fassung des begriffs "Wertform" im Singular, um neben 
zeitförmigen auch nicht-zeitförmige Wertformen erfassen zu können.

(3) Klare semantische Interpretation der ökonomischen Funktion des 
"Mehrwerts", der sich bei Marx ja letztlich als "Restgröße" m=p-c-v 
ergibt, als infrastrukturelle reproduktionslogische Wertgröße.

Das Ergebnis kannst du in meinem Aufsatz "Dezentrale Arbeitswerttheorie" 
nachlesen. Auf alle Fälle ergeben sich aus einem solchen Blickwinkel 
zwei Perspektiven.

(A) Zahlenspielereien in verschiedenen Ökonomie-Utopien, ob nun 
Peer-Ökonomie, Parecon, C/C, Arno Peters' "Computersozialismus" oder 
dein Ansatz

> Es wird möglicherweise ein "Beitrag", ein Input des einen von einer
> bestimmten Qualität gegen "Leistungen" oder "Bezugsrechte" oder
> Ansprüche einer bestimmten Quantität (auch Qualität oder beides)
> tauschbar sein - aber das unterscheidet sich von der gewöhnlichen, in
> einer Gesellschaft die basale Produktion bestimmenden Transaktion
> Tausch, so sehr, dass eine Gesellschaft von den Prinzipien des
> Warentausches, des Wachstums, des Kapital- und Geldverkehrs eben
> nicht mehr völlig beherrscht sein muss.

lassen sich leicht als Spielarten einer Ausprägung der Wertkategorie 
darstellen (wie das Kurz ja auch macht). Aus dieser Perspektive heraus 
lassen sich Fragen stellen, die dann meist unbeantwortet im Raum stehen 
bleiben - wie etwa in der Diskussion zur Peer-Ökonomie auf dieser Liste 
im Herbst 2007. Eine Zusammenfassung der damaligen Argumente findest du 
unter http://www.hg-graebe.de/Texte/Kommentare/peer-economy.pdf

Insofern ist die Bemerkung von SMz
> Auch das ist umstritten. Ich bin der Meinung, dass jede Tauschform, also
> Leistung gegen Leistung, am Ende die Warenlogik hervorbringt. Deswegen
> bieten alle Tausch- oder Geldmodifikationen (Kurz: "Geldpfuscher")
> grundsätzlich keine Alternative. Das sieht auch HGG anders, der gerne am
> Wert als Regulator festhalten möchte.

nur die halbe Wahrheit. Mein Punkt ist auf der einen Seite Kritik, dass 
nämlich auch in den hier angeblich jenseits der "Tausch- oder 
Geldmodifikationen" entwickelten ökonomischen Utopien die Wertkategorie 
präsent ist, sobald auch nur ein Mindestmaß an Verbindlichkeit von 
Interaktionen hergestellt werden soll, ohne die eine arbeitsteilige 
Gesellschaft nicht auskommt. Die Marxsche und auch meine Werttheorie ist 
eine *Arbeitswerttheorie*, d.h. wenn Arbeit explizit (etwa vertraglich) 
für andere - auch jenseits unmittelbarer Tauschformen - ausgeführt wird, 
dann ist die Wertkategorie mit im Spiel. Spannend dazu eine Reihe von 
Live-Diskussionen, zuletzt am 20.4. mit Christian Siefkes und am 11.5. 
mit Uwe Flurschütz, wo diese Form der Skepsis in den Fragen aus dem 
Auditorium mit Händen zu greifen war.

Auf der anderen Seite gehe ich in der Tat davon aus, dass das kulturelle 
Potenzial der Wertkategorie nicht ausgeschöpft ist und gerade im 
Zusammenspiel mit anarcho-syndikalistischen Ansätzen noch einiges zu 
bieten hat. Das war auch die (positive) Essenz der Debatte am 11.5., die 
sich dann allerdings negativ an C/C-artigen "Planungsstrukturen" stößt, 
die offensichtlich auch bei Parecon in der Vermittlung größerer 
Zusammenhänge eine zentrale Rolle spielen.

Siehe
http://www.leipzig-netz.de/index.php5/WAK.2010-04-20
http://www.leipzig-netz.de/index.php5/WAK.2010-05-11

(B) Unter den oben genannten Prämissen (1) bis (3) ist (1) für mich 
unhintergehbar für eine Theorie einer über die kapitalistische 
ökonomische Ordnung (was das bei einer sich immer wieder häutenden 
Schlange auch immer sei - Verweis auf Altvater und sein Bild von 
"Kapitalismus, _wie wir ihn kennen_") hinausweisenden ökonomischen 
Ordnung - eine ökonomische Ordnung *basiert* auf den Strukturen, in 
denen gesellschaftliche Widersprüche prozessiert werden, die ja mit 
Blick auf ihren dialektischen Charakter nicht zu "lösen" sind, sondern 
zu "Waffenstillstandslinien" zwischen divergierenden Interessen führen.

Die Dynamik der (Menschen-)Welt entspringt der Dynamik dieser sehr lokal 
wirkenden Widersprüche, woraus sich ein organismisches Ganzes ergibt, in 
dem das zentrale Prinzip das der vereinbarten Regeln, nicht das der 
erteilten Befehle ist. Womit wir auch schon bei der Potsdamer 
Denkschrift sind, in deren Kern es heißt

> Die ontische Grundstruktur der Welt, basierend auf primär
> existierender Substanz wird ungültig. Sie muss ersetzt werden durch
> einen ‚Komos’, in dem nicht mehr Fragen: „Was ist? Was existiert?“ am
> Anfang stehen, sondern nur Fragen der Art: „Was passiert? Was
> bindet?“ Genauer: Anstelle der bisher angenommenen Welt, einer
> mechanistischen, dinglichen (objektivierbaren), zeitlich
> determinierten ‚Realität’ (lat. res = Ding) entpuppt sich die
> eigentliche Wirklichkeit (eine Welt, die wirkt!) im Grunde als
> ‚Potenzialität’, ein nicht-auftrennbares, immaterielles, zeitlich
> wesentlich indeterminiertes Beziehungsgefüge, das nur gewichtete
> Kann-Möglichkeiten, differenziertes Vermögen (Potenz) für eine
> materiell-energetische Realisierung festlegt. Die klassische Realität
> des materiell-objekthaft Getrenntem ergibt sich erst durch eine
> vergröbernde Ausmittelung aus der potentiellen, ganzheitlichen,
> zeitlich wesentlich offenen, immateriellen Allverbundenheit.

Ein solcher (Theorie!-)Ansatz ist mit deinen Überlegungen
> Und das Argument lässt sich noch weiter ausbauen, es geht auch um
> die Steuerungsprinzipien die dann möglich sind, und die viel
> grössere Planungsgenauigkeit und -sicherheit und Steuerbarkeit
> gewährleisten als sie heute mit den mehr oder weniger rein
> fiskalischen Steuerungsmassnahmen erreichbar sind.
weitgehend inkompatibel.

> Zu den Kondratiewwellen sag ich jetzt nichts mehr. Ich hab nicht
> gedacht dass es so schwer ist den Unterschied zwischen Produkt- und
> Prozessinnovationen zu verstehen.

Das verstehe ich wiederum nicht. Jede Kondratjew-Welle zeichnet sich 
doch gerade durch ein Bündel von spezifischen Produkt- *und* 
Prozessinnovationen aus, oder?

> gehört zu dieser Technologie dazu dass sie nicht nur kaputt gehn,
> sondern sich dann möglicherweise selbst reparieren und sogar gleich
> von vornherein selbst herstellen kann - gehört jedenfalls im gleichen
> Sinne dazu wie etwa der fussballspielende Roboter oder der
> weltmeisterlich Schach spielende Computer zu Turings auf Zettel
> gekritzelter Paper Machine. Das ist wohl alles doch nicht so leicht
> zu verstehen.

Das ist *sehr* leicht zu verstehen, denn die Natur macht diese Form von 
Fehlertoleranz und Eigenreparatur ja seit Jahrmillionen vor, und jeder 
Landwirt geht damit täglich auch produktiv um.  Allein die "Ingenieure" 
kommen aus einer anderen Denktradition und verstehen nicht, dass jedes 
"Spielzeug", das sie heute nach dem biologischen Muster des Metabolismus 
bauen, neben den intendierten Wirkungen auch nicht intendierte 
"Nebenwirkungen" hat, die auf Grund der Fähigkeit zur Selbstreplikation 
(mit ihrem inhärent exponentiellen Wachstum) leicht zur Hauptwirkung 
werden. Aber wie gesagt, das sowie die Konsequenzen der Einbettung 
dieser Dynamiken in eine "Kultur der Machbarkeit" hat Bulgakow in der 
genannten Novelle schon vor 80 Jahren beschrieben. Du solltest dich da 
durch den Kontext der "Mangelwirtschaft" nicht blenden lassen. Aber wir 
können natürlich auch die Gentechnik-Debatte nehmen, wo dieselben Fragen 
debattiert werden.

> Hans-Gert: rede nicht so viel mit deinem Geld, auch nicht in
> Gesellschaft mittelständischer Unternehmer. Du scheinst übrigens nur
> mittelständische Einzelfertiger zu kennen, was machen die denn, Schuhe
> für Millionäre? oder Schiffsschrauben für Containerriesen? also ein
> mittelständischer Automobilzulieferer oder ein mittelständischer
> Küchenhersteller ist mit Sicherheit kein Einzelfertiger, ...

Ich kenne (persönlich) Vertreter von zwei Sorten - kleine weltweit 
agierende High-Tech-Unternehmer und Unternehmer, deren Fokus auf 
verschiedenen lokalen Dienstleistungen (vor allem Handwerker, aber auch 
stärker ingenieur-technisch orientierte Unternehmen wie z.B. solifer) 
liegt.

> sondern muss eben - aus Kostengründen - in Stückzahlen fertigen, die
> den Produktentwicklungsaufwand inkl. Marketing, Lagerhaltung etc etc
> rechtfertigen

Keineswegs, die meisten "Güter", die hergestellt werden, sind Unikate - 
z.B. wenn mein Dach gedeckt wird oder die Umfriedung des Hauses erneuert 
usw. Auch die kleinen weltweit aufgestellten High-Tech-Unternehmer 
produzieren meist Unikate, die speziell auf die Bedürfnisse des 
jeweiligen Kunden abgestimmt sind. Der klassische Unterschied zwischen 
Werkzeugmaschinenbau (größere Stückzahlen) und Industrieanlagenbau 
(Unikate). Wertrechnung bei letzterem ist übrigens besonders spannend!

> - es sei denn, er besitzt eben genau die Technologien die wir hier
> diskutieren, denn genau die sind ja der Schlüssel, die Produktion
> mehr und mehr zu individualisieren, und damit dann in Lösgrösse 1 (im
> extrem) produzieren zu können, aber hochmaschinell und damit eben zu
> den niedrigen Kosten der Massenproduktion.

Keineswegs, Industrieanlagenbau gibt es so lange, wie es 
Industrieanlagen gibt, also wenigstens 100 Jahre. Und ich denke, auch 
heute ist es ein Unterschied, ob du dir eine Solaranlage aus 
Baumarkt-Bauteilen selbst zusammenschraubst (oder einen "Krauter" damit 
beauftragst, der es nicht anders macht) oder das durch eine 
ingenieurtechnisch aufgestellte Fachfirma realisieren lässt. Die Kosten 
sind bei letzterer vielleicht höher, aber die (aus Kompetenz 
resultierende) Wirkung auf deine private Umwelt (wenn es eine 
Solarthermie-Anlage war, die primär dir und nicht den E-Konzernen dient) 
ist nachhaltiger.

Viele Grüße,
Hans-Gert
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