[ox-de] Re: Schlaraffenland?

Hans-Gert Gräbe <hgg-/a/s/[email protected]> Sat, 03 Jul 2010 20:54:16 +0200
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Message-ID <[email protected]>
Hallo Stefan,

leider konnte ich mich nicht zeitnah an der Debatte beteiligen. Hier 
dennoch ein paar Bemerkungen.

Am 05/27/10 09:31, schrieb Stefan Merten:
> Ich jedenfalls denke nicht, dass es keine Konflikte mehr geben wird.

Ich gehe da sogar noch viel weiter - Konflikte sind nach meinem 
Verständnis das zentrale Strukturierungselement der Welt, alle 
sichtbaren Strukturen sind "Waffenstillstandslinien" in dem einen oder 
anderen Sinn. Die wirklich wichtigen (und interessanten) Konflikte 
lassen sich auch nicht "lösen", sondern sind dauernde Gratwanderungen. 
Viele dieser Konflikte treten auf als Zielkonflikte zwischen kürzer- und 
längerfristigen Perspektiven und damit zwischen verschiedenen 
Zeitebenen. Zeit ist - in dem Sinn - fraktal strukturiert.

Sowohl die Metapher "Schlaraffenland" als auch "Selbstentfaltung" 
blenden diese Konfliktebene aus bzw. betrachten sie als sekundär. 
Selbstentfaltung müsste dazu wenigstens im Plural, und zwar jenseits 
eines "je ich", entwickelt werden. Bist du mit anarchistischen Ansätzen 
nicht zufrieden, weil sie über die "je ich" Ebene nicht hinauskommen?

> Ich denke aber sehr wohl, dass die Konflikte
>
> * andere Gründe haben werden,
>
>    Ganz platt deswegen, weil die Profitinteressen weg sind. Das
>    ermöglicht, dass endlich sachlogische Gründe im Vordergrund stehen.

Hinter den Profitinteressen steckt /auch/ der Spagat zwischen 
kurzfristigen operativen Interessen und langfristigen 
investiv-reproduktiven. Da kommen dann, wenigstens im produktiven 
Anlagekapital, auch die sachlogische Gründe zum Tragen. Das mit den 
"anderen Gründen" verstehe ich deshalb nicht, wenn man nicht auf die 
Formen, sondern auf die Inhalte der Konflikte abstellt.

In der Peer-Ökonomie (PÖ) wird dieser Konflikt zwischen operativen und 
strategischen Interessen durch unmittelbare Kommunikation aufgelöst. Das 
geht aber nur bis zu einer gewissen Größe  - einer (nicht nur) meiner 
zentralen Einwürfe bei der Frage, in welchen Dimensionen PÖ überhaupt 
funktionieren kann. In der PÖ-Theorie nicht beantwortet, so weit ich sehe.

> * andere Verlaufsformen haben werden,
>
>    Weil der gesellschaftliche Rahmen, in dem diese Konflikte ablaufen
>    werden, anders sein wird.

Das ist, denke ich, so wie es da steht eine Tautologie. Allerdings ist 
bei einem solchen Herangehen - Verlaufsformen _innerhalb_ von Rahmen - 
die Frage, was ist Rahmen (also wohl, innerhalb des betrachteten 
Ansatzes, eher statisch) und was ist Verlaufsform.  Auch hier schlägt 
die Granularität und Fraktalität von Welt zu.  Der (selbstredend 
gesellschaftliche) sachlogische Rahmen des o.g. Konflikts zwischen 
operativen und strategischen Dimensionen ändert sich mitnichten.  Aus 
dieser Perspektive ist es spannennd, nach _anderen_ Verlaufsformen im 
_selben_ gesellschaftlichen Rahmen nachzudenken.

Mehr zu solchen gegensätzlichen Perspektiven aus verschiedenen 
Zeitrastern siehe mein Aufsatz "Wie geht Fortschritt?"
http://www.hg-graebe.de/EigeneTexte/fortschritt-10.pdf

> * andere Akteure haben werden.
>
>    Die realen ProduzentInnen werden hier eine sehr viel größere Rolle
>    spielen - einfach weil es keine Verwerter mehr gibt, die sich in den
>    Vordergrund schieben. Und die NutzerInnen werden auch eine größere
>    Rolle spielen, da es ja deren Nutzen ist, der gesteigert werden
>    soll.

> und sie werden da *ganz anders* ausgetragen als in der
> Tauschgesellschaft. Was für mich immer der wichtigste Aspekt ist: Die
> Governance in Peer Production bezieht sich stets auf das Ziel des
> jeweiligen Projekts - und das ist bei Peer Production stets die
> Maximierung des Nutzens.

Nach meinem Verständnis verschiebt sich "schlicht" die Bedeutungslinie 
zwischen (operativ) produktiven und (strategisch) reproduktiven 
Aspekten. Die klassische (kapitalistische) Tauschwirtschaft verbannt die 
reproduktiven Aspekte in die Privatsphäre der Unternehmer (bzw. - 
Wertabspaltung - in die Privatsphäre familiärer Zusammenhänge). Das 
ändert sich - die Reproduktion der Produktionsbedingungen in 
kooperativen bzw. kollaborativen Strukturen gewinnt an Bedeutung und 
damit auch Formfragen derselben.

Damit verlassen wir vielleicht die "Tauschgesellschaft" im engeren 
Sinne, dass damit auch der Kapitalismus automatisch am Ende ist, kann 
ich nicht erkennen.

>> HGG: Was ist "der Kapitalismus" und "Alternativen" angesichts der
>> Marxschen Aussage, dass sich diese Gesellschaft mit all ihren
>> Institutionen dauernd transformiert?

> SMn: Die Frage stellst du nicht ernsthaft - oder? Der Kapitalismus
> ist durch abstrakte Arbeit und durch eine Vergesellschaftung über
> den Äquivalententausch gekennzeichnet. Und das hat bisher keine
> Transformation auch nur entfernt angetastet.

Doch, das meine ich sehr ernst. Die kapitalistische Gesellschaft hat 
sich etwa alle 50 Jahre sehr grundlegend transformiert und 
offensichtlich sind wir Zeuge eines weiteren solchen 
Transformationsprozesses. Ob Kapitalismus bzw. die Wertkategorie 
wirklich allein und dauerhaft auf "abstrakte Arbeit und 
Äquivalententausch" zu reduzieren ist oder nicht doch der 
Machtförmigkeit von Herrschaftsstrukturen und Ausbeutung als 
strukturellem (nicht-personalem) Phänomen eine (wenigstens) 
komplementäre Bedeutung zukommt, und ob mit "abstrakter Arbeit und 
Äquivalententausch" nicht doch in allgemeinerem Sinne eine 
Auseinandersetzung um ein gesellschaftliches Aufwandsmaß (im Sinne der 
oben entwickelten "Konfliktlinien") stattfindet, die mit jeder neuen 
kapitalistischen Welle auch neue Formen annehmen, das wäre genauer zu 
untersuchen. Ich sehe bisher nur, dass bei allen Detaildebatten um PÖ 
die Wertkategorie aus allen Knopflöchern hervorlugt.

> In der Frage eines Übergangs bin ich relativ agnostisch. Der wird
> irgendwie ablaufen. Wichtiger ist für mich, ob die historischen Ziele
> da klar genug sind und die historischen Kräfte stark genug. Das steht
> für mich außer Frage.

Zustimmung. Im Sinne des Obigen bleibt zu fragen "welcher Übergang". 
Auch in *der* Frage bin ich relativ agnostisch.

Viele Grüße,
Hans-Gert
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