Freiwilligkeit und Verbindlichkeit (was: Re: [ox-de] keimform.de: Sackgassen)
Christian Siefkes <[email protected]> Sat, 10 Jul 2010 16:29:20 +0200
| Newsgroups | gmane.politics.oekonux.german |
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| Message-ID | <[email protected]> |
This is an OpenPGP/MIME signed message (RFC 2440 and 3156) --------------enigF0F1BB916B7F74F8A919AB59 Content-Type: text/plain; charset=ISO-8859-1 Content-Transfer-Encoding: quoted-printable Hallo Ludger, On 06/28/2010 11:49 AM, [email protected] wrote: > ich stimme Dir in fast allem vollkommen zu, und finde das sehr wichtig > dass Du das alles so klar zum Ausdruck gebracht hast.=20 >=20 > Ich glaube allerdings nicht so sehr an die Freiwilligkeit als > wesentliches Medium oder Moment einer Forw=E4rtsbewegung in eine andere= > Gesellschaft.=20 >=20 > Eine Freiwilligkeit als bestimmendes Konstituens der Conditio Humana > sozusagen, also nicht als je individuelle motivbildende Disposition > des einzelnen Akteurs, ist wohl erst erreicht wenn die Lebensnot, die > Notwendigkeit der vorausschauenden Vorsorge, in dem Sinne auch > Knappheit von lebensnotwendigen G=FCtern und Dienstleistungen, dauerhaf= t > und verl=E4sslich =FCberwunden ist, f=FCr ganze Volkswirtschaften, > m=F6glicherweise auch auf der ganzen Welt. [...] > Aber: ein Gesundheitssystem z B > aus lauter Freiwilligen, ohne geregelte bindende Zeiten der > Verf=FCgbarkeit und Leistungbereitschaft wird es wohl nie geben.=20 Man sollte "Freiwilligkeit" nicht mit "Unverbindlichkeit" verwechseln. "Freiwillig" ist ja erstmal nur das Gegenteil von "erzwungen", wobei der Zwang entweder direkt (durch eine erzwingende Instanz) oder indirekt (dur= ch die gesellschaftlichen Verh=E4ltnisse) hervorgerufen sein kann. Werde ich= zum Milit=E4rdienst eingerufen, ist das ein direkter Zwang, der bei Verweigerung mit Verschleppung und Haft geahndet werden kann [http://www.kampagne.de/Wehrpflichtinfos/Totalverweigerung.php]. Zum Verk= auf meine Arbeitskraft werde ich dagegen durch niemand direkt gezwungen, sond= ern nur durch den "stummen Zwang der Verh=E4ltnisse" -- sofern ich nicht reic= h genug bis, ihn zu entgehen, bleiben i.A. nur Betteln oder Verhungern als wenig angenehme Alternativen (auch staatliche Leistungen wie Hartz IV gib= t es ja nur, wenn man die Bereitschaft zum Verkauf seiner Arbeitskraft zumindest erfolgreich simuliert -- da wird der indirekte Zwang dann wiede= r zum direkten). Wenn sich Leute freiwillig f=FCr eine bestimmte T=E4tigkeit entscheiden, bedeutet dass, kein solcher direkter oder indirekter Zwang vorhanden ist.= Allerdings kann der *individuellen* Freiwilligkeit dabei durchaus eine *gesellschaftliche* Notwendigkeit entsprechen. Z.B. das Kinder-Kriegen un= d -Aufziehen: dazu ist in unserer Gesellschaft niemand *gezwungen,* aber we= nn sich nicht Leute freiwillig f=FCrs Kinderkriegen entscheiden w=FCrden, w=FC= rde die Menschheit aussterben. =C4hnliches gilt f=FCr viele andere Bereiche -- Nahrungsmittelproduktion,= Hausbau, Gesundheitspflege, Verkehrssysteme etc.: es gibt eine *gesellschaftliche* Notwendigkeit, dass sie gemacht werden, der aber i.A.= keine *individuelle* Notwendigkeit, sich direkt um jeden dieser Bereiche = zu k=FCmmern, entspricht (tats=E4chlich w=E4re jede/r einzelne hoffnungslos =FCberfordert, wenn sie/er all diese Dinge selber =FCbernehmen m=FCsste).= Andere Dinge sind zwar keine absolute gesellschaftliche Notwendigkeit (die Menschheit konnte auch ohne Linux und Wikipedia =FCberleben), aber zweife= llos eine Bereicherung f=FCr eine Gesellschaft, die =FCber sie verf=FCgt. In all diesen Bereich ist es denkbar (und tats=E4chlich in vielen F=E4lle= n ja auch schon der Fall), dass sich Leute freiwillig in ihnen engagieren, d.h= =2E ohne durch einen Zwang (z.B. den Zwang zum Geldverdienen) dazu gen=F6tigt= zu sein. Solange sich jeweils genug Leute finden, die sich einbringen wollen= und k=F6nnen, reicht das -- die gesellschaftliche Notwendigkeit wird erf=FC= llt, ohne dass es individuellen Zwangs bedarf. Die Freiwilligkeit der Beteiligten ist dabei aber keine Unverbindlichkeit= -- auch bei Freier Software oder bei freiwilligen Aktivit=E4ten z.B. im Bekanntenkreis ist es ja normalerweise selbstverst=E4ndlich, dass man =FCbernommene Aufgaben auch tats=E4chlich ausf=FChrt und nicht einfach oh= ne Vorwarnung hinschmei=DFt. Man legt eine Aufgabe vielleicht nieder, wenn m= an sie nicht mehr wahrnehmen kann oder will, das aber im Allgemeinen nicht o= hne eine gewisse Vorlaufzeit, die es den anderen erm=F6glicht, sich um Ersatz= zu bem=FChen. Auch bspw. gemeinschaftliche organisierte Feste oder Parties w=FCrden ja =FCberhaupt nicht funktionieren, wenn die Beteiligten die einmal eingegan= genen Vereinbarungen reihenweise nicht erf=FCllen w=FCrden -- das ist aber im Allgemeinen nicht der Fall, denn wenn man sich nicht f=FCr das, was da passiert, bzw. f=FCr die anderen, die sich daran beteiligen, interessiere= n w=FCrde (und daher auch am Erfolg interessiert w=E4re), h=E4tte man sich = ja erst gar nicht beteiligt -- abgesehen davon, dass nat=FCrlich auch der eigene = Ruf, die eigene Reputation auf dem Spiel steht. Herzliche Gr=FC=DFe Christian --=20 |------- Dr. Christian Siefkes ------- [email protected] ------- | Homepage: http://www.siefkes.net/ | Blog: http://www.keimform.de/ | Peer Production Everywhere: http://peerconomy.org/wiki/ |---------------------------------- OpenPGP Key ID: 0x346452D8 -- Du willst mir sagen, dass Religion, dass Theologie vern=FCnftig ist? Eine= "Wissenschaft", die etwas untersucht, das es gar nicht gibt?! -- Thomas Gil --------------enigF0F1BB916B7F74F8A919AB59 Content-Type: application/pgp-signature; name="signature.asc" Content-Description: OpenPGP digital signature Content-Disposition: attachment; filename="signature.asc" -----BEGIN PGP SIGNATURE----- Version: GnuPG v1.4.10 (GNU/Linux) Comment: Using GnuPG with Mozilla - http://enigmail.mozdev.org/ iEYEARECAAYFAkw4g8AACgkQ301HxjRkUtgWoACdFIT6jCvXTvIUUWFPtWJT3B4t 26EAoMFDi58emzhWjUwKVALuUkKW3Dwh =gwmf -----END PGP SIGNATURE----- --------------enigF0F1BB916B7F74F8A919AB59-- ________________________________ Web-Site: http://www.oekonux.de/ Organisation: http://www.oekonux.de/projekt/ Kontakt: [email protected]