Re: [ox-de] keimform.de: Vom Strike Bike zum Free Bike?

Christian Siefkes <[email protected]> Wed, 29 Dec 2010 19:19:43 +0100
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Content-Transfer-Encoding: quoted-printable

Hallo HGG & alle,

On 12/28/2010 09:19 PM, Hans-Gert Gr=E4be wrote:
> es ist die alte unbeantwortete Frage, wie weit f=FCr die Peer Productio=
n nicht
> nur
>=20
>> die vorhandenen, im und f=FCr den Kapitalismus entwickelten
>> Produktionsmittel einfach =FCbernommen werden k=F6nnen
>=20
> sondern wie weit sie die industrielle Produktionsweise, die dort
> erforderliche hochgradige Pr=E4zision und Verbindlichkeit von Absprache=
n (Wolf
> G=F6rings "Tasse Kaffee") insgesamt voraussetzt.=20

mir scheint, du hast gro=DFen Respekt vor der dichten und hochkomplexen
Vernetzheit der modernen kapitalistischen Gesellschaft -- mit
Just-in-Time-Produktion und verwickelten weltweiten Produktionsketten. Ni=
cht
zu unrecht, aber man sollte nicht vergessen, dass diese hohe Komplexit=E4=
t
auch eine hohe Fragilit=E4t bedeutet -- einzelne Ausf=E4lle, ob bei Produ=
ktion
oder Transport k=F6nnen einen Domino-Effekt hinter sich herziehen, wo imm=
er
mehr ausf=E4llt.

Diese hohe Komplexit=E4t und Fragilit=E4t ist bei der heutigen
Gesellschaftlichen Organiation zweifellos notwendig, aber ob sie dauerhaf=
t
tragf=E4hig ist, ist eine andere Frage. Es gibt diverse Autor/innen, die
argumentieren, dass Gesellschaften dann kollabieren, wenn sie zu komplex
geworden sind. (Ein Literaturtipp, den ich gerade ergoogelt habe, ist "Th=
e
Collapse of Complex Societies" von Joseph A. Tainter:
http://www.amazon.com/Collapse-Complex-Societies-Studies-Archaeology/dp/0=
52138673X
; es gibt andere.)

Im Kontext der Peer-Produktion ist dagegen oft von "resilience"
(Belastbarkeit, Unverw=FCstlichkeit) die Rede. Statt der langwierigen
Abh=E4ngigkeitsketten, wo der Ausfall eines einzelnen Glieds die komplett=
e
Kette zum Stillstand bringt, werden modulare Architekturen mit
austauschbaren Bausteinen favorisiert. Wenn ein Element ausf=E4llt, gibt =
es
dann genug kompatible Alternativen, die man einfach stattdessen verwenden=
 kann.

Ein Beispiel f=FCr solche resilience ist das "Open Source"-Prinzip: bei
propriet=E4rer Software haben die Nutzer/innen Pech gehabt, wenn der
Hersteller die Weiterentwicklung der Software einstellt, bei Freier Softw=
are
k=F6nnen sie -- oder jede/r andere -- die Sache dagegen selbst in die Han=
d
nehmen. Das Ausfallrisiko wird dadurch stark reduziert, und das ist ja au=
ch
einer der Gr=FCnde, warum viele Firmen Freie Software bevorzugen -- man
reduziert seine Abh=E4ngigkeit. Ein anderes Beispiel sind Offene Standard=
s,
die jeder implementieren kann -- wenn ihr Schraubenlieferant Pleite geht,=

wird das keiner Firma viel Kopfzerbrechen bereiten, weil genug andere Fir=
men
die gleichen Schrauben herstellen. Bei komplexeren Komponenten ist das he=
ute
oft noch nicht der Fall, aber ich denke, dass sich das mit der Ausbreitun=
g
der Peer-Produktion =E4ndern wird, so dass auch da das Ausfallrisiko star=
k
reduziert wird.

> Der Traum vom Schlaraffenland - wenigstens in der vor 300 Jahren auf ei=
ner
> klaren produktionsorganisatorischen Basis getr=E4umten Form - ist heute=
 mit
> der Konsumgesellschaft, mal von der Frage nach der n=F6tigen Knete abge=
sehen,
> weitgehend realisiert.

"Mal von der Frage nach der n=F6tigen Knete abgesehen" ist ja eine wunder=
bare
Einschr=E4nkung! Dem obigen Satz entspricht ungef=E4hr die Aussage: "Im
absolutistischen Staat ist die Machtfrage perfekt gel=F6st, sobald man se=
lbst
der Monarch ist" -- nicht falsch, aber f=FCr die Lebensrealit=E4t der mei=
sten
Menschen absolut irrelevant.

Deine "Konsumgesellschaft als Schlaraffenland" ist dar=FCber hinaus aber =
auch
falsch, selbst wenn die "n=F6tige Knete" f=FCr alle wunderbarer Weise vor=
handen
w=E4re. Wenn alle Menschen weltweit so leben und konsumieren w=FCrden, wi=
e wir
in Deutschland das tun (von den Reichen in Deutschland ganz abgesehen),
w=FCrde das die Ressourcen unseres Planeten so weit =FCbernutzen, dass
wahrscheinlich innerhalb weniger Generationen gar nichts mehr zu konsumie=
ren
da w=E4re -- siehe http://www.keimform.de/2010/selbstorganisierte-fuelle-=
3/.
Also selbst wenn wunderbarerweise f=FCr genug Geld f=FCr alle gesorgt wer=
den
k=F6nnten (was eine genauso unrealistische Annahme ist wie dass alle
absolutistische Diktatoren werden k=F6nnten), kommt man mit dem
"Konsumgesellschaft als Schlaraffenland"-Modell nicht weit.

> Allerdings erlaubt uns die dabei geschaffene
> kulturell-technische Infrastruktur keineswegs - wie im Traum vom
> Schlaraffenland - ein Leben in der Hollywood-Schaukel, weil sich
> herausgestellt hat, dass diese Infrastruktur "kollateralschadensf=E4hig=
" ist
> und wir alle unsere koordinierten Bem=FChungen, die wir vor 300 Jahren =
f=FCr die
> Organisation unseres Alltags aufbringen mussten, nun f=FCr die Begrenzu=
ng
> dieser Kollateralschadensf=E4higkeit - unseren neuen Alltag - aufbringe=
n
> m=FCssen. Woran uns eine Perversion des eigenen Denkens ("Entfremdung")=

> zus=E4tzlich hindert.

Nein, nicht unser Denken, sondern die gesellschaftlichen Strukturen hinde=
rn
uns daran. Deshalb kommt man nicht darum herum, um andere Strukturen
nachzudenken, wie ich und andere hier auf der Liste und anderswo es tun.

Herzliche Gr=FC=DFe
	Christian

--=20
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Der Kopf ist rund, damit sich das Denken immer im Kreis drehen kann.


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