Re: [ox-de] Re: [ox-de] keimform.de: Vom Strike Bike zum Free Bike?
Niko <[email protected]> Thu, 30 Dec 2010 12:10:37 +0100
| Newsgroups | gmane.politics.oekonux.german |
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| Message-ID | <[email protected]> |
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Hallo Ludger, hallo alle,
Ich bin erst seit 10. 12. in der Liste und gleich diese Diskussion trifft
einen Kernpunkt meiner momentanen Gedankenwelt.
Das paper ueber universal desktop fabrication - ich muss es erst lesen, aber
das abstract reicht mal - addressiert die technischen aspekte, die eine
voellige Umstellung der Produktion
"die notwendige und folgerichtige evolutionäre Fortschreibung der
industriellen Güterproduktion, das Resultat einer historischen
technisch-ökonomischen Evolution"
hin zur peer Produktion ermoeglicht.
Du, Ludger, stellst dann die Frage nach dem soziooekonomischen Rahmen in dem
ein solcher Wandel passieren koennte. Und du unterscheidest zwischen einem
Modell einerseits und der tatsaechlichen Umsetzung andrerseits.
Ich bin sicher, dass beides in diesem Kreis hier bekannt ist - aber ich
moechte gerne auf vorhandene Ideen verweisen, die sich mit diesen Aspekten
beschaeftigen.
Modell: Die Ressourcenbasierte Wirtschaft (ein outline dazu als PDF im
Anhang)
ich moechte sie hier als sozio-oekonomisches Gesamtkonzept zur Diskussion
stellen.
Kernpunkte sind:
- ein globales Wirtschaftssystem, in dem der Ausgangspunkt fuer jede
Produktion die tatsaechliche Verfuegbarkeit von Ressourcen und das
Gleichwertigkeitsprinzip aller Menschen (d.h. prinzipiell gleicher Anspruch
auf die Ressourcen) sowie die Nachhaltigkeit aller getroffener
Entscheidungen ist.
- Produktion und Verteilung sowie Koordination dieser Prozesse nach
maximaler Fairness (d.h. basierend auf Fakten, nicht auf politischer oder
ideologischer Meinung oder aufgrund der sozialen Stellung)
- das macht ein Geldsystem letztlich ueberfluessig.
Es ist ein radikaler Denkansatz ueber alle moeglichen Gedankenkaefige hinweg
(nicht nur die wirtschaftlichen, die Du, Ludger, aufzaehlst: "Wachstum,
Nachfrage, Vollbeschaeftigung, Koordination ueber Maekte und Preise,
Ordnungsbildung", sondern auch die von politischer und/oder
gesellschaftlicher Entscheidungsfindung bis hin zum Lebensstil an sich), der
m.E. diskussionswuerdig ist. Das waeren Strukturen, die die gesamte
Menschheit vielleicht endlich von der "Perversion des eigenen Denkens ('
Entfremdung')" , die uns am kreativen Handeln und der Selbstentwicklung und
-optimierung hindern, befreien koennten - das ist meine Meinung.
Zu der zweiten Frage, der praktischen Entwicklung, hat die
Ressourcenbasierte Wirtschaft nicht viel zu bieten. Dort beschreibt sie das
Ideal - aber wie wir hinkommen, muessen wir selbst herausfinden.
Aber dafuer gibt es ja z.B. Frithjof
Bergmann<http://en.wikipedia.org/wiki/Frithjof_Bergmann>mit seinem
Konzept von "New
Work <http://www.neuearbeit-neuekultur.de/>" (siehe auch sein Buch: *Neue
Arbeit, Neue Kultur*. Arbor, Freiamt 2004 ISBN
978-3-924195-96-0<http://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783924195960>
oder
PDF <http://www.neuearbeit-neuekultur.de/archiv/index.htm> ueber konkrete
Projekte in Europa 2010) - einer Idee der kleinstrukturierten high-tech
selbstversorgenden Gesellschaft. Es gibt Initiativen basierend auf seinem
Konzept in Detroit, in Deutschland und Oesterreich, und in Suedafrika.
Oder es gibt weltweit die Fab-Labs, z.B. hier in Wien das
Happylab<http://www.happylab.at/> ,
die eher spielerisch und ohne "missionarische" Strebungen einfach die
Moeglichkeit der kreativen hightech-Gestaltung fuer jedermann mit
niederschwelligem Zugang ermoeglichen.
Und sicher gibt es da noch viel mehr.
... Laesst sich das nicht zusammenfuehren?
Viele Gruesse,
Nikola Winter
Am 28. Dezember 2010 10:57 schrieb Dr. Ludger Eversmann <
[email protected]>:
> [Converted from text/html]
>
> Hallo Christian und Hans-Gert,
>
> ist hier der folgende Aufsatz über "Universal Desktop Fabrication"
> eigentlich schon diskutiert worden? Ich fürchte ich verliere da
> möglicherweise den Überblick, stelle aber - auf die Gefahr mich zu
> wiederholen - das Abstract hier rein:
>
> Titel: Universal Desktop Fabrication
>
> Abstract. Advances in digital design and fabrication technologies are
> leading
> toward single fabrication systems capable of producing almost any
> complete
> functional object. We are proposing a new paradigm for manufacturing,
> which
> we call Universal Desktop Fabrication (UDF), and a framework for its
> development.
> UDF will be a coherent system of volumetric digital design software
> able to handle infinite complexity at any spatial resolution and
> compact, automated,
> multi-material digital fabrication hardware. This system aims to be
> inexpensive,
> simple, safe and intuitive to operate, open to user modification and
> experimentation, and capable of rapidly manufacturing almost any
> arbitrary,
> complete, high-quality, functional object. Through the broad
> accessibility and
> generality of digital technology, UDF will enable vastly more
> individuals to become
> innovators of technology, and will catalyze a shift from specialized
> mass
> production and global transportation of products to personal
> customization and
> point-of-use manufacturing. Likewise, the inherent accuracy and speed
> of digital
> computation will allow processes that significantly surpass the
> practical
> complexity of the current design and manufacturing systems. This
> transformation
> of manufacturing will allow for entirely new classes of human-made,
> peerproduced,
> micro-engineered objects, resulting in more dynamic and natural
> interactions
> with the world. We describe and illustrate our current results in UDF
> hardware and software, and describe future development directions.
>
> Autoren sind die folgenden:
>
> T. Vilbrandt1, E. Malone2, H. Lipson2, and A. Pasko3
> 1 Digital Materialization Group, Japan, and MIT-FabLab, Norway
> [email protected]
> 2 Cornell University, USA
> {em224, Hod.Lipson}@cornell.edu <Hod.Lipson%[email protected]>
> 3 Bournemouth University, United Kingdom
> apasko-TlTST82AdmQOpSFC+208YVpr/1R2p/[email protected]
>
> http://ccsl.mae.cornell.edu/papers/HOMA08_Vilbrandt.pdf
>
> Hod Lipson von der Cornell University ist ja auf diesem Gebiet kein
> Unbekannter, wie Gershenfeld vom MIT oder Adrian Bowyer von der Baath
> University.
>
> Es wird in der Zusammenfassung also explizit auf Peer-Produktion Bezug
> genommen.
>
> Ich würde in dem Zusammenhang gerne folgenden Gedanken hervorheben: es
> handelt sich bei der Fabbing-Technologie, oder dem Fabber oder
> Fabricator, oder - wie hier als Konzept vorgestellt - bei der
> Universal Desktop Fabrication nicht um eine Erfindung oder Innovation,
> die neben anderen wie etwa Handy oder Flachbildfernseher oder
> vielleicht irgendwelchen Assistenzsystemen von Autos nun auf dem Markt
> der Möglichkeiten auftaucht, und wo man dann schaut, was denn damit
> anzufangen sein könnte. Es ist nicht ein Apparat oder eine
> Wundermaschine, die ihre Existenz dem Erfindungsgeist einiger
> verbissener Tüftler und Bastler zu verdanken hat, sondern: so etwas
> wie oben beschrieben, also universal verwendbare vollmaschinelle
> Produktion in kleinen und billigen Produktionsmaschinen ist sozusagen
> die notwendige und folgerichtige evolutionäre Fortschreibung der
> industriellen Güterproduktion, das Resultat einer historischen
> technisch-ökonomischen Evolution, von der z B bei Marx nur die Facette
> der Maschinisierung als Kapitalbildung, aber nicht die der
> Flexibilisierung, Universalisierung und Miniaturisierung in den
> systematischen Blick geraten ist. Aber erst diese technische
> Ausgestaltung der evolutionären Tendenz zur Maschinisierung, die auch
> gleichzeitig eine historische Tendenz zur Entlastung des Menschen aus
> erniedrigender körperlicher und geistiger Fronarbeit ist (oder
> jedenfalls dies sein kann), erlaubt die Umgestaltung der sozialen und
> ökonomisch-organisatorischen Verhältnisse in einem wirklich
> emanzipatorischen und kulturschöpfenden und -erweiternden Sinn.
>
> Anknüpfend an Eure Diskussion möchte ich ferner folgendes anregen: es
> ist vielleicht heuristisch lohnend zu unterscheiden zwischen der
> gedanklichen Entwicklung eines ökonomischen Modells, das die Existenz
> einer entwickelten Produktionstechnik wie oben beschrieben
> voraussetzt, und der Frage, wie ganz praktisch die Entwicklung
> ausgehend vom hier und jetzt ihren Weg nehmen könnte und wie sie
> möglicherweise befördert und vorangetrieben werden könnte, um eben die
> gewünschte Richtung auch nicht zu verfehlen.
>
> Zu ersterer Frage: wie so eine Ökonomie aussehen könnte ist ja auch
> davon abhängig welches Niveau von technischer Entwicklung man denn
> voraussetzen kann bzw will: es ist von "almost any complete functional
> object" die Rede, von inexpensive, simple, and intuitive to operate:
> also wie inexpensive denn tatsächlich, in Euros oder Chinesischen
> Dollars, wie simple zu bedienen, wo sind die Grenzen von "almost any
> complete functional object"? Ich würde an der Stelle vorschlagen sich
> einmal in explizit spekulativer Einstellung zu fragen, wie eine
> ökonomische Ordnung beschaffen sein müsste, in der der sekundäre
> Sektor, also die materielle Produktion komplett und vollständig von
> derlei universalen und komplett kostenlosen Fabrikationsmaschinen
> erledigt werden könnte, und in der es dann "nur" noch um die Dinge
> bzw. Güter und Dienstleistungen oder einfach Leistungen geht, die von
> Maschinen eben niemals und unter keinen Umständen geleistet werden
> können. Ich würde denken dass diese Fragestellung ökonomietheoretisch
> durchaus herausfordernd ist, da die bisher gut erforschten und
> eingeführten Prinzipien wie Wachstum, Nachfrage, Vollbeschäftigung und
> Koordination über Märkte und Preise das Problem der Ordnungsbildung
> dann offenbar nicht befriedigend lösen können.
>
> Eine andere Frage ist eben die nach den ökonomischen Prinzipien unter
> der Annahme, dass diese Technik zwar prinzipiell vorhanden, aber
> weiter vorangetrieben und entwickelt werden muss, dann - damit
> zusammenhängend - die, wie der "Kapitalismus" sich denn nun
> weiterentwickeln wird, wie neue Technik und neue Ökonomie im Schosse
> des Alten gewissermassen wachsen und gedeihen und nebeneinander her
> sich entwickeln, und in diesem Sinne halte ich ja die Ansätze die hier
> diskutiert werden für sehr erfolgversprechend und lohnend, wie ich
> schon mehrfach deutlich gemacht habe.
>
> Hierzu:
>
> "Das ist im Kern die alte Frage, ob die vorhandenen, im und für den
> Kapitalismus
> entwickelten Produktionsmittel einfach übernommen werden können
> (gekauft
> oder in der revolutionären Variante angeeignet) oder ob eine neue
> Produktionsweise nicht auch neue Produktionsmittel braucht --
> Produktionsmittel, die selbst Ergebnis dieser Produktionsweise sind.
> Meine
> These wäre eher letzteres."
>
> Die neuen Produktionsmittel entstehen offenbar ganz unabhängig von der
> Produktionsweise - zum Teil innerhalb ganz urkapitalistischer
> Strukturen, zum Teil innerhalb von Universitäten, und zum Teil in
> Communities und tatsächlich peer-production. Wenn sie aber denn da
> sind, ist die Frage innerhalb welcher ökonomischen Ordnung diese
> sinnvollerweise zu nutzen sind, und da sind eben peer-prinzipien schon
> auf den ersten Blick wesentlich sinnvoller als Markt und Kapitalismus.
> Das Neue wird offenbar - schön langsam - aus dem Alten wachsen!
>
> Viele Grüsse allerseits,
> Ludger
>
>
> ________________________________
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> Organisation: http://www.oekonux.de/projekt/
> Kontakt: [email protected]
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