[ox-de] keimform.de: Fünfschritt — methodische Quelle des Keimform-Ansatzes
Stefan Meretz <stefan-/[email protected]> Mon, 11 Jul 2011 23:26:30 +0200
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http://www.keimform.de/2011/fuenfschritt-methodische-quelle-des-keimform-ansatzes/
**Fünfschritt — methodische Quelle des Keimform-Ansatzes**
Von StefanMz
Schon lange wollte ich über den »Fünfschritt« schreiben, der aus meiner
Sicht eine wichtige methodische Quelle des Keimform-Ansatzes darstellt,
aber keineswegs der einzige ist. Der Fünfschritt stammt aus der
Kritischen Psychologie
<http://de.wikipedia.org/wiki/Kritische_Psychologie> und wurde dort bei
der begrifflichen Rekonstruktion des Entstehungsprozesses des Psychischen
entwickelt. Eine Beschreibung des Fünfschritts gibt es bei
grundlegung.de
<http://grundlegung.de/artikel/1-3-der-methodische-fuenfschritt/>.
Ich werde mich im folgenden an diesen Text anlehnen (und Teile
übernehmen), ihn aber auf die hier bei keimform.de diskutierten Fragen
zuspitzen. In einem weiteren Artikel diskutiere ich häufige Fragen rund
um den Keinform-Ansatz bzw. den Fünfschritt.
Der methodische Fünfschritt befasst sich mit der Frage, wie in einem
betrachteten System qualitativ Neues aus einem vorherrschenden Alten
entstehen und sich schließlich durchsetzen kann. Es handelt sich um ein
retrospektives Verfahren, bei dem das »Ergebnis« des
Entwicklungsprozesses bekannt ist und den Ausgangspunkt bildet, um den
Werdens- und Durchsetzungsprozess zu rekonstruieren. Folgende fünf
Analyseschritte sind zu gehen:
1. Schritt: Aufweis der Entwicklungsdimension und der Keimformen, die
die qualitative Entwicklung vollziehen.
2. Schritt: Aufweis der krisenhaften Veränderungen des gegebenen
Systems, die einen Druck in Richtung auf die untersuchte qualitative
Entwicklung erzeugen.
3. Schritt: Aufweis des Funktionswechsels als erstem qualitativem
Sprung im Entwicklungsprozess, bei dem die Keimform zur bedeutenden,
aber noch untergeordneten Funktion wird, die noch im Dienste der
besseren Systemerhaltung auf dieser Stufe steht.
4. Schritt: Aufweis des Dominanzwechsels als zweitem qualitativem
Sprung im Entwicklungsprozess, bei dem die früher zentrale Funktion
durch die neue, nun den gesamten Prozess der Systemerhaltung
bestimmende Funktion abgelöst wird.
5. Schritt: Aufweis der Umstrukturierung und neuen Entwicklungsrichtung
des Gesamtsystems.
Klaus Holzkamp <http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Holzkamp> hat den
Fünfschritt aus der Analyse der Entwicklung des Psychischen gewonnen.
Da der Fünfschritt allgemein den Umschlag von Quantität in Qualität
konkretisiert, ist er — aus meiner Sicht — bei allen dialektischen
Entwicklungsprozessen anwendbar, in denen es um die Herausbildung
von qualitativ Neuem geht. Zu den fünf Schritten (vgl. auch die Abb.
<http://www.keimform.de/wp-content/uploads/2011/06/methodischer-fuenfschritt.gif>
) nun einige Erläuterungen.
Zunächst geht es darum, sich klar zu machen, was analysiert werden soll
— hier gilt es drei Begriffe zu unterscheiden, die den untersuchten
Gegenstand abstecken:
* System: Was gucke ich mir an? — In unserem Fall ist das die
Gesellschaft.
* Dimension: Was innerhalb des Systems entwickelt sich qualitativ? —
Hier ist es die Form der Gesellschaft.
* Funktion: Welcher Aspekt der betrachteten Dimension bestimmt die
Entwicklung? — Die Gesellschaftsform ändert sich qualitativ, wenn
sich eine neue Art der gesellschaftlichen Vermittlung durchsetzt.
Nun geht’s los mit den fünf Schritten. Wir nehmen an, dass die
commons-basierte Peer-Produktion (kurze Begriffsdefinition hier und
längerer Artikel hier) die Keimform repräsentiert. Hier nutzen wir das
retrospektive Verfahren, um eine mögliche Entwicklung in der Zukunft zu
untersuchen. Wir versetzen uns gedanklich an die Stelle des
abgeschlossenen Transformationsprozesses, um die fünf Schritte dorthin
zu rekonstruieren. Die Probleme, die möglicherweise damit verbunden
sind, werden in einem folgenden separaten Artikel diskutiert.
**1. Keimform**
Im Unterschied zur Vorstellung eines Keims, der alle Anlagen bereits
enthält und sie nur noch entfalten muss, weist der Begriff der Keimform
darauf hin, dass die identifizierte neue Funktion nur der Form nach eine
neue Qualität repräsentiert, nicht aber selbst schon diese neue Qualität
ist. Erst im weiteren Entwicklungsprozess, in dem die Keimform selbst
qualitativ verändert wird, kann sie schließlich ihre spezifische
Funktionalität entfalten, mit der sie sich als neue bestimmende Funktion
durchsetzt.
*Konkret heißt das:* Die commons-basierte Peer-Produktion ist nicht
schon selbst das Neue, sondern das Neue an ihr ist die
bedürfnisorientierte, personal-konkrete Vermittlung zwischen Peers (auch
kurz Selbstentfaltung genannt). Diese neue Form der Vermittlung — hier
noch projektbezogen — geht als neue Funktion in die Entwicklung ein.
**2. Krise**
Nur wenn die betrachtete Dimension im analysierten System mit ihrer
alten Funktionslogik nicht mehr dauerhaft für die Aufrechterhaltung der
Systemintegrität sorgen kann, das System also in eine Krise gerät, kann
die Keimform aus ihrer Nischenrolle heraustreten. Ursachen für solche
Krisen können sowohl von außen wie auch von innen kommen. Veränderungen
der Außenbedingungen des Systems und auch die eigene Entwicklung des
Systems können zu einem inneren Entwicklungswiderspruch führen. Ein
innerer Widerspruch zwischen den Kapazitäten des Systems und veränderten
Bedingungen kann durch Entwicklung aufgehoben werden. Überschreitet das
Ausmaß der Veränderung der Bedingungen die Kapazitäten des Systems mit
»Entwicklung« zu reagieren, kann es zum Kollaps des Systems kommen. Das
andere Extrem ist die Stagnation als Fall der Abwesenheit von
Widersprüchen. Für den hier betrachteten Entwicklungsschritt ist jene
Widerspruchskonstellation bedeutsam, in der der Keimform eine neue
Bedeutung zur Lösung der Widersprüche zukommt.
*Konkret heißt das:* Die globale gesellschaftliche Vermittlung im
Kapitalismus über Ware, Markt und Geld hat die Menschheit in eine
krisenhafte Situation geführt. Die multiplen Krisen — von
Peak-Everything bis zur Verwertungskrise — lassen sich nicht mehr
innerhalb der alten Vermittlungsformen lösen, und auch ein qualitativ
neuer Krisenaufschub durch Etablierung eines neuen Verwertungsregimes
ist nicht in Sicht (auch nicht als »Green New Deal«). Gleichzeitig ist
das alte System mit seiner Logik nicht am Ende in dem Sinne, dass es
einfach aufhört sich zu reproduzieren oder schlagartig zusammenbricht,
sondern es ist eine Phase des schrittweisen Zerfalls und Aufbrauchens
der bislang akkumulierten Systemressourcen eingetreten.
**3. Funktionswechsel**
Die Keimform tritt aus ihrer untergeordneten und randständigen Bedeutung
heraus und gewinnt eine qualitativ neue Funktion für den gesamten
Systemprozess. Holzkamp betont die Bedeutung des Funktionswechsels
(Zitate aus: Klaus Holzkamp, Grundlegeung der Psychologie, Fankfurt/M.
1983):
»Von größter Wichtigkeit ist dabei, daß bei dem qualitativen Sprung
durch Funktionswechsel die dialektische Negation nur im Bereich einer
— der bestimmenden Funktion der früheren Stufe noch untergeordneten
— Partialfunktion erfolgt, quasi im Dienste der besseren
Systemerhaltung auf dieser Stufe steht, daß also die qualitativ
spezifische Funktion hier noch nicht für den Gesamtprozeß bestimmend
geworden ist« (79).
Dies geschieht erst im nächsten Schritt. Zur Betonung der positiven
Funktion für den noch nach alter Logik ablaufenden Systemprozess ist die
gleichzeitige Inkompatibiltät der nun qualitativ spezifischen Funktion
mit der bestehenden bestimmenden Funktion hinzuzufügen. Nur wenn die
neue Funktion nicht nur als bloße Erweiterung der Systemkapazität
innerhalb der alten Logik in Anspruch genommen und damit absorbiert
werden kann, sondern ihre Eigenständigkeit und Spezifik behauptet, die
sie im dritten Schritt erlangt hat, kann es zum zweiten qualitativen
Sprung kommen.
*Konkret heißt das:* Die commons-basierte Peer-Produktion hat eine
positive Funktion für den Kapitalismus und bleibt gleichzeitig gegenüber
der dominanten Vermittlungsform inkompatibel. Die positive Funktion
besteht in der faktischen Kostenentlastung aufgrund der partiellen
Entwertung, die durch Peer-Projekte geschieht. Unternehmen können die
partielle Entwertung ausnutzen und z.B. Softwarekosten sparen,
Kreativtät ausnutzen, Service mit freiem Gut verbunden verkaufen etc.
Gleichzeitig bleibt die Peer-Produktion inkompatibel zur alten
Systemlogik, weil sie im Kern eine neue Produktionsweise darstellt.
Statt getrennt und privat ist die Produktion a priori gemeinschaftlich
organisiert, statt Verwertung und Profit sind die Bedürfnisse der
Antrieb zur Produktion. Notwendige Tätigkeiten werden nicht verrechnet
und getauscht, sondern nach individuellen Möglichkeiten beigetragen.
Etc. Noch allerdings sind die schwach vernetzten Projekte auf
funktionierende Außenbeziehungen zur dominanten Markt- und
Geldvermittlung angewiesen. Commons-basierte Peer-Produktion
funktioniert nicht ohne Geld.
**4. Dominanzwechsel**
Die neue Funktion setzt sich durch und löst die alte Weise die
Systemintegrität aufrecht zu erhalten ab. Damit verschwindet die alte
Funktion (zunächst) nicht, sondern im Verhältnis zur neuen dominanten
Funktion tritt die alte als vormals bestimmende Funktion zurück. Der
Dominanzwechsel setzt notwendig den Funktionswechsel voraus. Es ist
niemals so, dass neue Funktionen
»schon bei ihrem ersten Vorkommen für die Systemerhaltung bestimmend
sein können, sondern [sie sind] zunächst nur zusätzliche
›spezialisierte‹ Leistungsmöglichkeiten eines in ›konservativer‹
Weise auf der alten Stufe sich erhaltenden Systems… Wenn es hier
dennoch zum Qualitätsumschlag der Gesamtentwicklung kommen kann, dann
deswegen, weil der Übergang zur neuen Entwicklungsstufe sich nicht
auf einer einzelnen Dimension vollzieht, sondern die Umkehrung des
Verhältnisses zweier für sich kontinuierlich veränderter Dimensionen
darstellt. Eine solche Umkehrung des Verhältnisses zwischen
bestimmender und nachgeordneter Funktion als Dominanzwechsel ist,
obwohl sich beide Funktionen in der Entwicklung kontinuierlich darauf
zu bewegen, selbst nicht kontinuierlich, sondern ein punktuelles
Umkippen.« (80)
Der Dominanzwechsel ist also ein Verhältnisumkehrung: Das, was früher
die alte Funktion geleistet hat, übernimmt nun die neue Funktion. Das
System wird nun auf neue Weise erhalten. Damit verändert es sich auch.
*Konkret heißt das:* Der Kapitalismus ist nicht mehr in der Lage, die
(Welt-)Gesellschaft zu erhalten. In allen Bereichen werden alte
Funktionen, die über Markt und Geld vermittelt waren, zunehmend durch
die commons-basierte Peer-Produktion abgelöst. Diese hat ein Niveau an
Vernetzungsdichte erreicht, das zu einer eigenständigen, wechselseitigen
Input-Versorgung und bedürfnisorientierten Output-Nutzung führt.
Getrennte Privatproduktion mit anschließender Marktvermittlung über Geld
ist nun auch praktisch nicht mehr erforderlich. Nur in Randbereichen
spielen die alten Formen noch eine gewisse Rolle.
**5. Umstrukturierung**
Die Entwicklungsrichtung, Struktur und Funktionslogik des neuen
Gesamtsystems ändern sich. Dabei geht es nun darum zu zeigen,
»welche älteren Dimensionen im neuen Zusammenhang funktionslos
werden, als auch, wie sich die Funktion früherer Dimensionen neu
bestimmt, und wie sich unter der neuen Leitfunktion spezifische
strukturelle und funktionale Differenzierungen in der weiteren
Entwicklung ergeben« (80).
Das wiederum kann ein neuer Ausgangspunkt eines weiteren qualitativen
Entwicklungszyklus werden, womit sich das erreichte neue
Entwicklungsniveau zur ersten Stufe im neuen Zyklus wird.
*Konkret heißt das:* Da die neue Produktionsweise bedürfnisgetrieben
ist, die alte jedoch verwertungsorientiert war, werden nun auch
inhaltlich schrittweise alle Bereiche der Gesellschaft von einem Umbau
durchdrungen. Was nicht mehr gewollt wird, wird zurückgebaut, was
gewünscht wird, wird aufgebaut. Neue Institutionen entstehen, die die
notwendige kommunikative Vermittlung konfligierender Bedürfnisse
vermitteln. Im Unterschied zur alten Produktionsweise geschieht die
Vermittlung jedoch nicht im nachhinein, sondern sind der Produktion
vorgelagert. Objektive Grenzen (Rohstoffe etc.) können in diesen
Vermittlungsprozess a priori mit einbezogen werden. Die individuelle
Entfaltung aller ist nicht mehr nur potenziell, sondern auch tatsächlich
Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Geschichte der Entwicklung,
bei der die Menschen ihre Lebensbedingungen bewusst selbst herstellen,
beginnt, die Vorgeschichte, bei der dies »hinter dem Rücken« der
Menschen geschah, endet. Neue Widersprüche entstehen — ein möglicher
neuer qualitativer Entwicklungszyklus beginnt.
(Fortsetzung als FAQ folgt)
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