[ox-de] keimform.de: FAQ zum Fünfschritt und zum Keimform-Ansatz

Stefan Meretz <stefan-/[email protected]> Thu, 14 Jul 2011 14:53:20 +0200
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http://www.keimform.de/2011/faq-zum-fuenfschritt-und-zum-keimform-ansatz/

*FAQ zum Fünfschritt und zum Keimform-Ansatz*

Von StefanMz

Nach der Darstellung des Fünfschritts als methodisch-analytisches 
Denkwerkzeug
<http://www.keimform.de/2011/fuenfschritt-methodische-quelle-des-keimform-ansatzes/>, 
sollen nun häufig gestellte Fragen (FAQ) diskutiert werden. Also bitte 
erst den vorhergehenden Artikel lesen, sonst werden die Fragen und 
Antworten nicht unbedingt verständlich.

Ich halte eine Diskussion um diese Fragen für sehr wichtig. Ich habe 
selbst auf viele Fragen keine oder nur vorläufige Antworten. Und mir 
fallen oft auch jeweils zig Gegenargumente ein, die gegen meine eigenen 
Pro-Argumente sprechen. Ich hoffe, dass ich dadurch die Komplexität nicht 
zu hoch schraube, wenn ich das »mit mir« diskutiere. Lest den Text als 
eine Form individueller Selbstverständigung. Wenn wir daraus eine 
kollektive machen könnten, wäre das gut.

Weitere Fragen oder Kritiken an Fragen und Antworten bitte als Kommentar 
notieren. Ich nummeriere die Fragen durch, damit der Bezug einfacher 
ist. Außerdem bilde ich thematische Abschnitte in der Hoffnung die 
Übersicht zu vergrößern.

*A. Zum Fünfschritt selbst*

1. Wie kann man Keimformen erkennen?

Da der Fünfschritt ein retrospektives Verfahren der Analyse ist, kann 
man streng genommen die Keimform, die schließlich zu einer qualitativ 
neuen Entwicklung führte, erst im Nachhinein bestimmen. Befindet man sich 
selbst als Forschende_r mitten in der Entwicklung, kann man die 
Eigenschaft für Realprozesse vermuten und dafür Hinweise sammeln. Solche 
Hinweise zeigen sich vor allem im dritten Schritt: Dehnt sich die 
Keimform aus? Ist sie gleichzeitig inkompatibel zum Alten und nützlich 
für das Alte? Etc.

2. Wie kann man eine Nicht-Keimform erkennen?

Im Prinzip gilt das vorher gesagte. Während man bei der Keimform im 
dritten Schritt nie sicher sein kann, ob sie nicht doch in der alten 
Logik aufgeht und damit verschwindet (also doch kompatibel ist), ist 
eben jenes Aufgehen in der alten Logik ein deutlicher Beleg dafür, dass 
man sich im Keimform-Charakter der untersuchten Sache geirrt hat.

3. Handelt es sich um genau eine Keimform oder können es auch mehrere 
sein?

Im Fokus der Analyse steht nicht eine konkrete »Sache«, etwa dies oder 
jenes Projekt, sondern die Funktion, die die untersuchte »Sache« 
erfüllt. Insofern handelt es sich um eine Keimform, die bei vielen 
unterschiedlichen Realsachverhalten sichtbar werden kann. Oder um es 
philosophisch zu formulieren: Handelt es sich um ein neues Wesen, so 
erscheint dies in vielfältiger Form. Ist der Unterschied zur alten Logik 
unwesentlich, so zeigen auch irgendwann die damit verbundenen 
Erscheinungen ihre Kompatiblität mit dem Alten.

Alltagssprachlich verschwimmt der Unterschied zwischen Sache und 
Funktion. Dann ist es auch kein Problem, von Keimformen in der Mehrzahl 
zu reden, auch wenn es um eine Funktion geht. Dazu siehe unten im 
Abschnitt B.

4. Was genau ist mit »Funktion« gemeint?

Ein früherer Streit drehte sich um die Frage, ob nur die Freie Software 
Keimform-Charakter habe oder auch anderes. An diesem Beispiel kann man 
den Unterschied von Sache (Gegenstand) und Funktion erklären. Nicht die 
Freie Software als solche ist die Keimform, sondern die neue Funktion 
der gesellschaftlichen Vermittlung jenseits der Waren- und Wertform, die 
sie erstmals in die Welt gesetzt hat, macht ihren Keimform-Charakter 
aus. Heute sehen wir, dass diese Funktion auch in anderen Bereichen 
(Wissen, Kultur, Design, Hardware, allg. stoffliche Güter) entstand und 
entsteht, weshalb es auch sinnvoll war, den neuen übergreifenden Begriff 
der commons-basierten Peer-Produktion zu finden.

Wenn man sich diesen Unterschied von der Sache selbst und der Funktion, 
die sie realisiert, klar macht, dann wird auch deutlich, das sich mit 
großer Wahrscheinlichkeit die Sache im Zuge der Entwicklung durch die 
fünf Schritte hindurch verändern wird. Es ist ein bedeutender 
Unterschied, ob sich eine neue Funktion auf alter Grundlage herausbildet 
oder sich auf ihrer eigenen Grundlage entfaltet. Als Beispiel kann man 
sich die Herausbildung des Kapitalismus anschauen. Die Manufaktur war 
die frühkapitalitische Produktion auf feudaler Grundlage 
(Funktionswechsel), während die industrielle Produktion der 
durchgesetzte Kapitalismus (Dominanzwechsel) auf seiner eigenen 
Grundlage ist.

5. Was ist mit doppelter Funktionalität gemeint?

Der Begriff der doppelten Funktionalität taucht gelegentlich beim 
Funktionswechsel auf. Damit ist angesprochen, dass die neue Funktion 
sich noch nicht auf ihrer eigenen Grundlage, sondern noch auf alter 
Grundlage entwickelt und daher zwei Kriterien gleichzeitig erfüllen 
muss. Erstens muss sie funktional, also nützlich für die alte Logik 
sein. Sie kann nur von den Ressourcen des Alten leben, da sie ja noch 
nicht in der Lage ist, ihre eigenen Ressourcen (einschließlich der 
Mittel) herzustellen. Gleichzeitig muss sie zweitens — sofern es 
tatsächlich eine Keimform eines Neuen sein soll — inkompatibel zur 
Reproduktionslogik des Alten sein, sich also im Kern anders entwickeln. 
Geht sie im Alten auf, war die Differenz zur alten Logik nur eine 
quantitative oder graduelle und keine qualitative. Es handelte sich dann 
doch nicht um eine Keimform, sondern nur um eine bezüglich der alten 
Logik immanente Innovation.

Kritiken, die beklagen, dass eine Keimform vom Alten verwendet werde, 
haben den Aspekt der notwendigen doppelten Funktionalität nicht 
verstanden. Eine Forderung nach dem »ganz anderen«, das »sofort« zu 
realisieren sei, ist insofern abstrakt, als sie nicht erklären kann, 
woher denn das »ganz andere« kommen soll.

6. Handelt es sich bei den fünf Schritten um eine strikte zeitliche 
Reihenfolge?

Nein. Grundsätzlich ist der Fünfschritt ein logisches 
Entwicklungsmodell, kein zeitliches. Allerdings ist auch kein beliebiges 
Vertauschen von Schritten möglich, da es — eben: logische — 
Abhängigkeiten gibt. So kann der Dominanzwechsel logisch nicht vor dem 
Funktionswechsel stattfinden etc. Die ersten drei Schritte Keimform, 
Krise und Funktionswechsel können sich hingegen zeitlich durchdringen, 
insbesondere wenn man sich klar macht, dass sich eine neue Funktion an 
vielen verschiedenen Gegenständen (Sachen) zeigt, die unterschiedliche 
Stände der Herausbildung der neuen Funktion haben können (vgl. Frage 4).

*B. Zur commons-basierten Peer-Produktion in der Übergangsphase*

7. Unternehmen verdienen Geld mit commons-basierter Peer-Produktion, 
spricht das nicht gegen ihren Keimform-Charakter?

Nein. Unternehmen nutzen Ergebnisse der commons-basierten Peer-
Produktion aus, um Geld zu verdienen. Da gibt’s vielfältige Methoden, um 
das zu erreichen. Beliebt ist die Kombination von einem »freien Gut« mit 
einem knappen Add-on, das dann im Bundle verkauft wird. Entscheidend ist 
die Frage: Handelt es sich um ein Ausnutzungsverhältnis, bei dem die 
Peer-Produktion im Kern erhalten und damit vom Unternehmen getrennt 
bleibt oder nicht. Vgl. dazu auch Frage 5 zur doppelten Funktionalität.

8. Was ist, wenn Peer-Projekte selbst ihre Produkte verkaufen?

Dann betreten sie den Übergangsbereich zu einem normalen Unternehmen. 
Wird aus dem Peer-Projekt ein am Markt tätiges Unternehmen, dann löst 
sich der Peer-Charakter schrittweise in dem Maße auf, wie das Projekt am 
Markt erfolgreich ist und nach dessen Imperativen arbeitet. Denn dann 
steht der Markterfolg und nicht mehr die Bedürfnisbefriedigung im 
Mittelpunkt. Das kann passieren, muss aber nicht. Es ist eine 
Entscheidung der Beteiligten.

9. Peer-Projekte oder mindestens die Beteiligten brauchen Geld. Spricht 
das nicht gegen ihren Keimform-Charakter?

Nein. Die abstrakte Frage »Ist Geld im Spiel« taugt nicht als 
Entscheidungskriterium. Es ist klar, dass wir (direkt oder indirekt) 
alle unter den gegebenen dominanten Bedingungen Geld brauchen, um uns 
selbst und die Projekte zu finanzieren. Die Frage ist, auf welche Art und 
Weise dieser Geldbedarf gedeckt wird. Wenn der Geldbedarf mit den 
Ergebnissen der Peer-Produktion selbst erreicht werden soll, besteht die 
Gefahr, dass die Bedürfnisorientierung in eine Geldorientierung 
umschlägt. Dafür gibt es unzählige Beispiele, insbesondere im Bereich 
der traditionellen Alternativ-Ökonomie. Siehe auch die vorhergehende 
Frage.

Gleichwohl ist eine Orientierung auf Demonetarisierung 
<http://demonetize.it/> eine hilfreiche und sinnvolle, weil sie dafür 
sensibilisiert, wo monetäre Logiken eindringen können oder wo wir sie 
bewusst heraushalten wollen.

10. Viele Projekte haben gar kein Bewusstsein von den hier aufgeworfenen 
Fragen.

Das stimmt, aber die Orientierung an den eigenen Bedürfnissen bietet 
einen ganz guten Kompass. Wenn dann noch mindestens intuitiv erfasst 
wird, dass die eigene Bedürfnisbefriedigung von der der anderen abhängt 
(und umgekehrt), dann bekommt so ein Projekt schon eine gute Grundlage. 
Erstaunlicher Weise geschieht dies relativ häufig. Einen Automatismus 
kann man daraus dennoch nicht ableiten.

Das vorgestellte Fünfschritt-Modell mag dazu betragen, ein größeres 
Bewusstsein über das eigene Handeln und seine Widersprüche zu bekommen.

11. Unternehmen haben schon immer die Commons ausgebeutet, daran ist 
nichts neues.

Das stimmt. Man kann die Geschichte des Kapitalismus als eine 
fortwährende Einhegung der Commons beschreiben. Das Neue kann man aus 
der Perspektive der Ausnutzung jedoch nicht erkennen. Dazu muss man die 
Perspektive der handelnden Menschen einnehmen.

*C. Zur Freien Gesellschaft und ihren Entfaltungsbedingungen*

12. Handelt es sich denn nur um eine Funktion? Müssen sich nicht 
eigentlich viele gesellschaftliche Funktionen verändern?

Zweimal ja, ohne Widerspruch. Wie das? Für eine Antwort muss ich etwas 
ausholen.

Menschen stellen ihre Lebensbedingungen gesellschaftlich her. Dabei 
gehen sie historisch verschiedene Formen der sozialen Vermittlung ein. 
Mit »Vermittlung« ist gemeint, wie die Gesellschaft organisiert ist, 
damit das, was die einen produzieren und die anderen brauchen, zusammen 
kommt. Plus die Meta-Tätigkeiten und Strukturen, die notwendig sind, 
damit die Vermittlung als solche funktioniert. Das waren historisch z.B. 
Herrscher und Subherrscher mit ihren Exekutoren (Tributeintreibern 
etc.). Dazu kamen die Ideologie-Produzenten, die die personale 
Herrschaft als einzig realistische Vermittlungsform legitimierten (v.a. 
Kirche). Heute bei getrennter Privatproduktion sind es Tausch, Markt und 
Geld, über die die Vermittlung läuft, sowie der Staat, der Meta-Aufgaben 
absichert und rechtfertigt. Dazu kommen auch hier wieder die Ideologie-
Lieferanten, die das alles als einzig realistische Vermittlungsform 
legitimieren.

Die gesellschaftliche Vermittlung, also die Art und Weise wie produziert 
und verteilt wird, ist die zentrale Funktion jeder Gesellschaft. Wenn 
sich diese qualitativ ändert, ändert sich nahzu alles in der 
Gesellschaft. Deswegen die Rede von einer Funktion. Diese Funktion ist 
jedoch so allgemein gefasst, dass auch tatsächlich sehr viele andere 
gesellschaftliche Teilfunktionen von dieser bestimmt werden bzw. diese 
(mit) bestimmen.

13. Wird mit der Zentralität der gesellschaftlichen Vermittlung nicht 
der alte Haupt-Neben-Widerspruch wiederholt?

Nein. Die alte Haupt-Neben-Debatte entstand, weil ein partieller 
gesellschaftlicher Widerspruch (der zwischen Arbeit und Kapital) in den 
Mittelpunkt gestellt wurde. Dem mussten dann, nach teilweise aufwändigen 
Interventionen unberücksichtigter Gruppen, weitere partielle 
Widersprüche hinzugefügt werden. Die immer länger werdende Kette der 
Addtionen litt darunter, dass das Gemeinsame im Unterschiedenen nicht 
gefunden werden konnte (außer in einer abstrakt-allgemeinen Fassung als 
»Herrschaft«).

Die implizite These ist also, dass die Art der gesellschaftlichen 
Vermittlung das übergreifende Allgemeine ist. Die Einzel-Widersprüche 
zeigen sich dann als Momente des Übergreifenden, nicht bloß als Teile 
eines unzusammenhängenden Ganzen. Dass die gesellschaftliche 
(Meta-)Vermittlung nicht nur über die Ökonomie, sondern auch über 
Sexismus, Rassismus, Homophobie, Antiseminismus etc. organisiert wird 
und sich organisiert, ist — so finde ich — auch anschaulich gut 
nachvollziehbar. Das bedeutet implizit auch, erstens, dass sich auf all 
diesen Widerspruchsfeldern Keimformen (als divergente Erscheinungen der 
neuen gesellschaftlichen Vermittlungsfunktion) zeigen sollten. Und 
zweitens bedeutet es, dass beim Aufbau einer neuen Form der 
gesellschaftlichen Vermittlung all jene früher als Nebensache 
abgetrennten Widersprüche unmittelbar zur Geltung kommen und nach 
Lösung/Berücksichtigung verlangen. Das wäre zu überprüfen.

14. Nebenfrage: Was war nochmal gleich der Unterschied der Begriffskombis 
Moment/Ganzes und Teile/Ganzes?

Das Ganze ist das additive Verhältnis seiner Teile, bei dem die Teile 
als getrennte Einzelne bestehen bleiben. Die Teile haben keinen 
notwendigen inhaltlichen Bezug zum Ganzen. Ich kann zum Beispiel neue 
Gruppen von Teilen bilden und zu neuen Ganzen addieren, die 
Zusammengehörigkeit definiere ich mehr oder weniger willkürlich.

Das Übergreifende (auch Ganzes genannt) besteht dergestalt aus seinen 
Momenten, dass die Momente jedes für sich auch das Ganze sind. Ganzes 
und Momente enthalten sich wechselseitig. Am Ganzen erscheinen immer 
auch seine Momente, und die Momente zeigen auch immer das Ganze. Da 
Ganzes und Momente sich hier wechselseitig inhaltlich bestimmen, kann 
ich keine willkürliche Neugruppierung vornehmen und neue 
Zusammengehörigkeiten definieren, sondern nur die inhaltlich bestehenden, 
objektiven Zusammengehörigkeiten erkennen.

15. Was ist mit der Machtfrage?

Welche Machtfrage? Es gibt nicht nur eine Machtfrage, sondern entlang 
der oben diskutierten Widerspruchsfelder sehr viele Machtfragen. 
Implizit ist aber auch hier wieder gesagt, dass der Fokus aller 
Machtfragen der des Aufbaus von Handlungsmacht bei der praktischen 
Durchsetzung einer neuen Form der gesellschaftlichen Vermittlung ist, 
also einer neuen Art und Weise die gesellschaftlichen Lebensbedingungen 
herzustellen. Auf diese Weise werden faktisch alte Machtstrukturen außer 
Kraft gesetzt, die ihre Legitimität daher bezogen, dass sie die 
Lebensbedingungen auf alte Weise herstellten (mit allen Verwerfungen, 
die schließlich zur Krise führten).

Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass alte Eliten aus alter Logik 
resultierende Macht mobilisieren, um die neue Handlungsmacht zu bedrohen 
oder zu (zer-)stören. Dies kann partiell auch erfolgreich sein, doch 
wenn die alte Systemlogik tatsächlich nicht mehr in der Lage ist, für 
den Systemerhalt zu sorgen, so schwinden auch Legitimität und 
Machtmittel des Alten. Und wenn dann die neue Systemlogik tatsächlich in 
der Lage ist, eine neue Art und Weise der Produktion der 
gesellschaftlichen Lebensbedingungen durchzusetzen (im Dominanzwechsel), 
dann ist der neue Prozess auch nicht mehr aufzuhalten (etwa durch 
Gewalt). Als Analogie kann man etwa die Überwindung des Mubarak-Regimes 
in Ägypten nehmen (nur dass es hier nicht um eine neue Produktionsweise 
ging).

Entscheidender Punkt ist hierbei: Das Verhältnis von Machtfrage und 
neuer gesellschaftlicher Produktionsweise kann nicht umgedreht werden!

16. Aber ist nicht der Staat entscheidendes Zentrum der Macht? Was 
passiert damit?

Wenn die Funktion, die der Staat so wie wir ihn kennen, nicht mehr 
gebraucht wird — nämlich die gesellschaftlichen Widersprüche zu 
vermitteln, die aus der Produktionsweise selbst als unvermittelbar 
ausgestoßen werden –, dann wird diese Form von Staat verschwinden und 
mit ihm die Zentralität von (exekutiven) Machtmitteln.

Andere Aspekte des Staats wie etwa organisatorische, planerische und 
infrastrukturelle Funktionen werden entsprechend der durchgesetzten 
neuen Imperative (Bedürfnisbefriedigung statt Verwertung) entweder als 
unbrauchbar ersetzt oder als halbwegs brauchbar umgewandelt. Dabei gehen 
solche Instanzen zurück in die gesellschaftliche Vermittlung, weil in 
einer Freien Gesellschaft organisatorische, planerische, 
infrastrukturbezogene Prozesse Momente der gesellschaftlichen 
Vermittlung sind und nicht von ihr getrennt in einer eigenen Sphäre und 
Logik laufen. Sich dabei herausbildende Instanzen sind also genau wie 
alle anderen produktiven Prozesse commons-basierte Peer-Produktion, nur 
das hier die Produkte dann Konzepte, Pläne oder sonstige Meta-
Konzeptionen sind, die gesellschaftlich gebraucht werden.

Wenn manche die neuen Institutionen dann auch wieder »Staat« nennen 
wollen, so ist das nurmehr eine terminologische Frage und keine 
inhaltliche mehr. Ein Streit um das Wort ist müßig, um die inhaltlichen 
gesellschaftlichen Funktionen sollte es gehen.

17. Hängt das Erkennen einer Keimform nicht davon ab, welche Vorstellung 
man von einer zukünftigen Gesellschaft hat?

Ja. Der Keimform-Ansatz funktioniert ja fiktiv-retrospektiv. Gedanklich 
setzen wir uns in die zukünftige Gesellschaft und fragen uns, wie diese 
entstehen konnte und was früher einmal die Keimform war. Damit ist es 
notwendig, einige Rahmenbestimmungen der neuen Gesellschaft zu 
entwickeln.

Ausgehend von der Identifizierung der zentralen Funktionalität der 
gesellschaftlichen Vermittlung kann man im Ausschlussverfahren vorgehen 
und überlegen, was es alles nicht sein kann, das die neue Funktion 
ausmacht. Wenn man das tut, dann kommt man — ich kürze jetzt ab — auf 
die menschlichen Bedürfnisse und damit auf die Menschen selbst als 
zentraler Vermittlungsinstanz. Die Menschen stellen selbst die Formen 
der Vermittlung her, und der Maßstab dafür sind ihre Bedürfnisse (siehe 
dazu auch Frage 18 zur Produktivkraftenwicklung).

Was den ersten Teil dieser Aussage betrifft, so war das genau besehen 
schon immer so, dass die Menschen die Vermittlung »machen«, doch was den 
Maßstab betrifft, so waren es (bis heute) immer dritte Personen, 
Instanzen oder Logiken, die den Maßstab setzten und setzen. Also 
entweder der personale Herrscher (»Es gilt, was ich sage«) oder die 
unpersonale Verwertungslogik (»Es gilt, was sich rechnet«). Die eigenen 
Bedürfnisse waren immer erst in zweiter Linie dran: Erst den Zehnten 
abliefern, dann das eigene Produkt verzehren; erst Geld verdienen, dann 
konsumieren.

In einer Freien Gesellschaft gibt es diese Indirektionen (Umwege) nicht 
mehr. Das wiederum setzt voraus, dass die Menschen frei sind, und zwar 
alle. Diese Freiheit kann folglich keine partielle sein, sondern nur 
eine allgemeine. Es ist also nicht mehr möglich, dass die 
Bedürfnisbefriedigung der einen die Nicht-Befriedigung der anderen 
bedeutet. Im Gegenteil: Die Bedürfnisbefriedigung der Individuen sind 
reziprok voneinander dergestalt abhängig, dass niemand ausgeschlossen 
wird. — Soweit die Kurzfassung zu dieser Frage (siehe auch vorherige 
Frage zum Staat).

18. Wie geht die Produktivkraftentwicklung in die Überlegungen ein?

Sie ist in die Überlegungen eingegangen, allerdings vielleicht nicht so 
sichtbar. Dazu muss man sich den Begriff der Produktivkraftentwicklung 
klar machen. Hierbei handelt es sich nicht, wie oft verkürzend 
angenommen, nur um eine Technikentwicklung, sondern der Begriff 
Produktivkraftentwicklung fasst das Verhältnis von tätigen Menschen, den 
äußeren Naturbedingungen und den eingesetzten Mitteln. Man kann nun 
zeigen, dass die großen Epochen der Menschheit jeweils durch einen 
Aspekt die Produktivkraftentwicklung bestimmt waren bzw. sind. In den 
agrarischen Gesellschaften war es zunächst der Naturaspekt 
(Bodenbearbeitung), im Kapitalismus der Mittelaspekt (Industrie), und in 
der Freien Gesellschaft — so die Annahme — kommt dann der dritte Aspekt 
zum tragen: die Entfaltung des Menschen als Selbstzweck. Diese Übergänge 
kann man jeweils mit dem Fünfschritt begreifen (das machen wir ja gerade 
hier für den Übergang zur Freien Gesellschaft).

Die jeweils vorher entfalteten Aspekte verschwinden nicht, sondern 
(siehe den fünften Schritt der Umstrukturierung) werden zu einem 
untergeordneten Moment der Gesamtentwicklung. Zum Beispiel ist die 
kapitalistische Industriegesellschaft nicht mehr durch ihre 
Agrarproduktion bestimmt, sondern umgekehrt: Die frühere Form der 
Agrarproduktion hat sich auf die industrielle Produktionsweise hin 
umstrukturiert. Entsprechend wird auch die industrielle Produktionsweise 
mit der Freien Gesellschaft nicht verschwinden, aber zum untergeordneten 
Moment der Gesamtentwicklung herabsinken und entsprechend der neuen 
Produktionsweise umstrukturiert (dito dann ebenfalls und nochmals die 
Agrarproduktion). Da das bestimmende Moment der Freien Gesellschaft die 
Selbstentfaltung des Menschen ist und die gesellschaftliche Vermittlung 
grundsätzlich bedürfnisorientiert erfolgt, stehen nicht mehr die 
»Mittel«, sondern das »Soziale« im Fokus der Entwicklung.

Heute sich auf die »Mittel« zu fokussieren und zu erwarten, dass »von 
dort« die Befreiungsimpulse kommen, geht demnach fehl. Die 
entscheidenden qualitativen Entwicklungsschritte entstehen im 
»Sozialen«, dies allerdings nicht getrennt von den Mitteln. Es ist also 
umgekehrt auch nicht sinnvoll, sich bloß auf das »Soziale« zu 
beschränken und allein dort die Veränderung voranzutreiben (wie das etwa 
esoterische Ansätze versuchen). Dies ist auch deswegen wichtig zu 
verstehen, weil es die »Mittel« selbst sind, die Gegenstand und damit 
Mittel der gesellschaftlichen Vermittlung sind. Gesellschaftliche 
Vermittlung ist also nicht bloß auf »Kommunikation« zu reduzieren, 
sondern es geht immer darum, wie wir unsere Lebensbedingungen und die 
dafür benötigten Dinge herstellen. Darüber, über die Mittel, wird 
kommuniziert und gehandelt.

Zum Vergleich: Heute liegt der Primat der gesellschaftlichen 
Kommunikation beim Wert (in Gestalt der Ware), also der Frage, ob sich 
das, was gemacht wird, auch rechnet. Im Kapitalismus bestimmt damit ein 
Drittes die gesellschaftliche Vermittlung, während es in einer Freien 
Gesellschaft die Bedürfnisse der Menschen (kurz: die Menschen selbst) 
sind, die die Vermittlung bestimmen. Diese Bedürfnisse erscheinen in den 
Mitteln, die wir für unsere Bedürfnisbefriedigung herstellen. Daher sind 
die Mittel für die gesellschaftliche Vermittlung so bedeutsam.

Es sollte deutlich geworden sein, dass »Mittel« hier umfassend 
verstanden werden. Es geht also nicht nur um Mittel zur Produktion von 
neuen Mitteln, den Produktionsmitteln, sondern allgemein um jegliche 
Mittel, also auch nichtstoffliche (etwa: soziale), die wir entsprechend 
unserer Bedürfnisse in die Welt setzen wollen. Anders gesagt: Die 
gewohnte Trennung unterschiedlicher Mittelarten — etwa Produktionsmttel 
und Konsumtionsmittel — wird schrittweise verschwinden und das Soziale 
wird selbst zum Mittel, da in der Freien Gesellschaft die Menschen die 
Hauptproduktivkraft sind und sich ihre Mittel (im umfassenden Sinne) 
nach ihrem Maßstab (und keinem anderen, fremden) gestalten. Sie 
erschaffen sich selbst als gesellschaftlichen Menschen in der 
menschlichen Gesellschaft.

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