[ffii] Web-Radio durch EPA-Patent bedroht
PILCH Hartmut <[email protected]> Fri, 21 Feb 2003 23:40:50 +0100 (CET)
| Newsgroups | gmane.org.ffii.neues |
|---|---|
| Message-ID | <[email protected]> |
Das Patent, mit dem die amerikanische Firma Acacia derzeit in den USA
die Betreiber von Web-Radio abmahnt, wurde 1999 auch vom EPA erteilt.
Falls die Vorhaben des BMJ durchgesetzt werden, ist damit zu rechnen,
dass das patentierte Verfahren in Europa zumindest als technische
Erfindung anerkannt wird und dann allenfalls noch wegen mangelnder
Neuheit angegriffen werden kann, wobei das Stichdatum 1991 ist.
Unter
http://swpat.ffii.org/patents/txt/ep/0566/662/
findet sich der Hauptanspruch in erteilter Fassung:
A transmission system for providing information to be transmitted to
remote locations, comprising library means for storing items
containing audio and/or video information;
identification encoding means for retrieving the information in the
items from the library means and for assigning a unique identifier to
the retrieved information,
conversion means, coupled to the identification encoding means,
comprising audio information conversion means for placing retrieved
audio information into a predetermined digital format as formatted
data, and
video information conversion means for placing retrieved video
information into a predetermined digital format as formatted data,
ordering means, coupled to the conversion means, for placing the
formatted data into data blocks, each data block comprising portions
of the information that may be accessed by a user at the remote
location, and each block having an assigned address whereby the
assigned address is used to access the portion of information;
compression means, comprising audio compression means and video
compression means, coupled to the ordering means, for compressing the
formatted and sequenced data blocks;
converting compressed data storing means, coupled to the data
compression means, for storing as files the compress sequenced data
blocks received from the data compression means with the unique
identification code assigned by the identification encoding means; and
transmitter means, coupled to the compressed data storing means, for
sending at least a portion of one of the files to a selected one of
the remote locations.
Streng genommen müsste jede Datenverarbeitungsanlage dieses Patent
verletzen, denn sie beinhaltet ("comprises") die genannten Mittel
("means"), und von einer bestimmten Anwendung dieser Mittel ist in dem
Anspruch nicht die Rede.
Sicherlich ist das nicht so gemeint, aber man sieht, wie extrem
schlampig das EPA auch in formaljuristischer Hinsicht arbeitet.
Eigentlich gibt es am EPA bändelanges Fallrecht zu dem Begriffspaar
"comprise" vs "consist".
Wenn der von der Bundesregierung unterstützte Richtlinienvorschlag
umgesetzt wird, werden Richter in Deutschland im Gesetz keinerlei
Stütze mehr finden, um obigem Anspruchsgegenstand die Qualität einer
technischen Erfindung abzusprechen. Derzeit ist es genau umgekehrt:
Art 52 EPÜ und §1 PatG bieten keinerlei Stütze für diejenigen, die,
wie die Bundesregierung, Gegenstände obiger Art, als technische
Erfindungen betrachtet wissen wollen. Der 17. Senat des BPatG hat
bekanntlich IBMs Fehlersuche-Patent mit der Begründung abgelegt, das
"Einsparen von Rechenzeit" etc sei Bestandteil jeder Programmierung
und somit enthalte die behauptete "Erfindung" nichts, was über
ein "Programm für Datenverarbeitungsanlagen" hinausgehe.
http://swpat.ffii.org/papiere/bpatg17-suche02/
Nach dem Vorschlag der Bundesregierung wird es kaum möglich sein, die
Einsparung von Rechenzeit o.ä., die sich auch in dem
Acacia-Hauptanspruch findet.
Am ehesten ein Stütze für eine Zurückweisung bietet folgende Passage
aus dem Rats-Gegenvorschlag:
A computer-implemented invention shall not be regarded as making a
technical contribution merely because it involves the use of a
computer, network or other programmable apparatus. Accordingly,
computer programs which implement business, mathematical or other
methods having no technical character, and which do not produce any
technical effects beyond the normal physical interactions between the
program and the computer, network, or other apparatus in which it is
run, shall not be patentable.
Hiermit ist aber immer noch gesagt, dass
-- der Acacia-Anspruch sich auf eine Erfindung bezieht und somit
auf einem Gebiet der Technik liegt
-- Datenverarbeitung ein Gebiet der Technik ist
-- Methoden wie die in obigem Patentanspruch, die auf dem Gebiet
der EDV eine Verbesserung bringen (eine bessere Verwendung von
EDV-Ressourcen erlauben), "einen weiteren technischen Effekt
produzieren".
Somit erweist sich obige Formulierung der Bundesregierung als
Augenwischerei. Verstärkt wird dies noch durch die Befürwortung von
Ansprüchen auf "Programm, dadurch gekennzeichnet dass ... [ ein
weiterer technischer Effekt produziert wird ] ... ".
Nach Verabschiedung dieses Vorschlags hätte die BPatG-Argumentation
keine Grundlage mehr, denn bei Konkurrenz mehrer Gesetze (Art 52 vs
EU-Softwarepatent-Richtlinie) greift das neuere.
--
Hartmut Pilch, FFII e.V. und Eurolinux-Allianz +49-89-12789608
135000 Stimmen 400 Firmen gegen Logikpatente http://www.noepatents.org/
Bundesregierung Treiber der Textpatente in EU http://swpat.ffii.org/
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