[ffii] Niederlande dulden kein "Durchwinken" der Softwarepatent-Richtlinie
FFII <[email protected]> Fri, 11 Feb 2005 04:38:14 +0100
| Newsgroups | gmane.org.ffii.neues |
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| Message-ID | <20050211033814.GA9758@tosh> |
======================================================================== Niederlande dulden kein "Durchwinken" der Softwarepatent-Richtlinie ======================================================================== Den Haag, 10. Februar 2005 -- Das Parlament der Niederlande will keine diskussionslose Verabschiedung (A-Punkt) der Softwarepatent-Richtlinie im Rat der EU. Erst soll die EU-Kommission den Antrag des Europäischen Parlaments auf einen Neustart des Gesetzgebungsverfahrens beantworten. Zu diesem Zweck hat das niederländische Parlament von seiner Regierung eine Verzögerung im Rat gefordert. Die Staatssekretärin für Außenhandel Van Gennip hat zugesagt, im Geiste dieser Parlamentsentschließung zu handeln. Nun muss die Kommission über den Fortgang des Gesetzgebungsverfahrens entscheiden. Im Laufe der vorangehenden parlamentarischen Aussprache gestand Van Gennip zu, daß sie es "unklug" finde, wenn die luxemburgische Ratspräsidentschaft die Verabschiedung auf die Tagesordnung der nächsten Woche setzen sollte. Die Nachfrage des Parlamentes, warum sie einer Verschiebung nicht zustimme, brachte sie in Erklärungsnöte. Sie brachte vor, dass sie nicht die Ratspräsidentschaft blockieren wolle. Der von der Abgeordneten Arda Gerkens (SP) eingebrachte Entschließungsantrag wurde später mit einer knappen Mehrheit von 71 Ja- und 69 Nein-Stimmen angenommen. Unterstützung kam von PvdA, von SP, von GroenLinks, von D66, von ChristenUnie und von LPF, während CDA, VVD und SGP dagegen stimmten. Van Gennip war über das Abstimmungsergebnis nicht erfreut, versicherte jedoch, ihm zu folgen. Dieser Entschluss ist von besonderer Bedeutung. Acht Tage zuvor hatte der Rechtsausschuss (JURI) des Europäischen Parlaments nahezu einstimmig eine Empfehlung an den Parlamentspräsidenten beschlossen, von der Kommission die Unterbreitung eines neuen Softwarepatent-Richtlinienentwurfs zu verlangen. Für einem solchen Neustart hätte die Verabschiedung einer Richtlinie, die auf dem alten Kommissionsvorschlag von 2002 basiert, keine Bedeutung mehr. Dessen ungeachtet kündigten der zuständige Binnenmarktskommissar Charlie McCreevy und einen Tag später auch der derzeitige Ratspräsident Nicholas Schmit an, dass der umstrittene Richtlinienentwurf des Rates demnächst verabschiedet werde. Während der folgenden Tage hatten alle Anzeichen darauf hin gedeutet, dass die Richtlinie als "A-Punkt", d.h. als formale Absegnung ohne Diskussion, in die Tagesordnung der Ratssitzung der Wirtschafts- und Finanzminister am 17. Februar, 10 Uhr aufgenommen werde. Am Mittag desselben Tages findet allerdings auch die Konferenz der Präsidenten des Europaparlaments statt, welche den JURI-Antrag für einen Neustart formal annehmen und an die Kommission leiten dürfte. "Der Rat wollte der Entscheidung der Konferenz der Präsidenten und der Antwort von der Kommission vorgreifen und Fakten schaffen, als sei nichts geschehen.", bemerkt Jonas Maebe vom FFII-Vorstand. "Das holländische Parlament legt nun vorübergehend die Ratsmühle lahm, damit die anderen EU-Institutionen Zeit gewinnen, alles hin zu bekommen. Ich hoffe, die Regierung der Niederlande hält sich diesmal an den Entschluss ihres Parlaments." Im Juli 2004 bereits hatte das niederländische Parlament einen Entschluss verabschiedet, mit dem es die Regierung ersucht, dem Ratstext die Unterstützung zu entziehen. Die niederländische Regierung hat abgelehnt, eine solche Erklärung abzugeben, und verkündet, dass sie im Rat ihre Position nur dann ändern werde, wenn Diskussionen wieder geöffnet würden (ein Tagesordnungspunkt mit Aussprache wird dann als "B-Punkt" bezeichnet). FFII e.V. organisiert eine Kundgebung zur Unterstützung des niederländischen Parlaments und der Konferenz der Präsidenten des Europaparlaments am 17. Februar in Brüssel, wenn der Rat seinen umstrittenen Entwurf als A-Punkt zu verabschieden versuchen könnte. Von 13:30-14:30 wird eine Pressekonferenz im Marriott Renaissance in der Rue du Parnasse 19 abgehalten. Am Abend des 17. Februar will außerdem der Deutsche Bundestag in Berlin einen Entschließungsantrag aller Fraktionen (Drucksache 15/4403) verabschieden, welcher ebenfalls die Ratsversion der Richtlinie kritisiert und das zuständige Bundesjustizministerium anmahnt, Änderungen vorzunehmen. Um seine Unterstützung für den Bundestag zu demonstrieren, will der FFII am 15. Februar ab 17:00 vor dem Bundesjustizministerium eine Kundgebung veranstalten. ======================================================================== Kommentare beteiligter Politiker ======================================================================== Arda Gerkens (Niederländische Abgeordnete, SP, Antragstellerin) Angesichts der Neuzusammensetzung des Europäischen Parlamentes dürfen wir einen positiven Ausgang erwarten, d.h. eine Ablehnung der umstrittenen Software-Patente. Software-Patente sind vollkommen ungerecht. Sie würden unter anderem vor allem Großunternehmen begünstigen zu Lasten kleiner Softwareentwickler. Das ist ein großer Sieg für KMU im Informations- und Telekommu- nikationssektor und die demokratische Arbeitsweise in Europa. Es ist ein guter Grund zum Feiern! Kees Vendrik (Niederländischer Abgeordneter, GroenLinks) Ich bin hochzufrieden, dass die Strategie des hartnäckigen Drängens, also das wiederholte Einbestellen der Ministerin vor das Plenum nun zu einem fruchtbaren Ergebnis geführt hat. Das Signal an den Rat ist deutlich: Lasst das Europäische Parlament seine Forderungen an die Kommission übermitteln und lasst die Kommission sich für eine neue Erste Lesung entscheiden. ==================================================================== Kommentar André Rebentisch, FFII Medien ==================================================================== Verschiebung statt Verabschiedung im Ministerrat fordert nun die Tweede Kamer. Der Ministerrat hätte sich das Eingreifen durch den Rechtsausschuß des Europaparlaments ersparen können, wenn es den Entwurf vom Mai als B-Punkt diskutiert hätte. Eine Neuverhandlung hatte die Tweede Kamer schon einmal von ihrer Regierung in aller Schärfe gefordert. Die niederländische Regierung mogelte sich daran vorbei. Die Möglichkeit zur Diskussion als B-Punkt besteht für den Rat noch immer. Diesen Weg sieht die Geschäftsordnung vor. Die jetzigen Probleme des Rates sind deshalb hausgemacht. Diplomatischer Konservatismus im Rat beschwört selbst eine institutionelle Krise herauf, für die demokratische Pragmatiker in den Parlamenten wenig Verständnis aufbringen. Die nationalen Parlamente "verabschieden sich" (MdEP Lichtenberger) vom umstrittenen Mai-2004-Entwurf ihrer Regierungsdelegationen, einem Entwurf, der als B-Punkt selbst im Rat keine Mehrheit mehr hinter sich hätte. Zu einfach machten es sich die Ratsdiplomaten, als sie die couragierten Polen zum Sündenbock ihrer Unbeweglichkeit erklärten. Das hat diese Entscheidung des niederländischen Parlamentes nochmals eindrucksvoll unterstrichen. ==================================================================== Zusatzinformationen ==================================================================== - Wortlaut der Erklärung (Englisch) http://wiki.ffii.org/NlMot050210En - Demonstrationen und Pressekonferenz in Brüssel / Berlin http://demo.ffii.org/demo0502/ - Dauerhafter Link dieser Presseerklärung http://wiki.ffii.org/NlVot050210De - Kommentar der Abgeordneten Arda Gerkens auf Holländisch http://www.sp.nl/db/nieuws/kamernieuwspage.html/2993 ======================================================================== Kontakt ======================================================================== Hartmut Pilch, FFII München [email protected] tel. +49 (0)89 18979927 tel. +49 (0)174 7313590 Dieter Van Uytvanck, FFII Belgien [email protected] tel. +31 (0)6 275 879 10 Ir. 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