Re: [ox-de] Text zu Keimformen bzw. der Entwicklung sozialer Vermittlungsmechanismen
Hans-Gert Gräbe <hgg-/a/s/[email protected]> Sat, 01 Oct 2011 16:01:56 +0200
| Newsgroups | gmane.politics.oekonux.german |
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| Message-ID | <[email protected]> |
Hallo Stefan Nagy, Am 24.09.2011 16:25, schrieb Stefan Nagy: > Um diesem Satz als reine Aussage – nicht als Kritik, dazu weiter unten – > zustimmen zu können, muss ich hier von zwei unterschiedlichen > Wir-Begriffen ausgehen: Wenn uns etwas als fremd gegenüber tritt, dann > heißt das, mir, dir, ihr, ihm und ihnen tritt etwas als fremd gegenüber; > "wir" meint hier nicht mehr als eine Summe von Individuen. Dieselbe > Bedeutung findet sich in der Aussage, dass wir von etwas beherrscht > werden. > > Davon zu unterscheiden wäre das Wir in der Feststellung, dass dieses > Etwas von uns gemacht ist/wurde: Ich widerspräche der Annahme, dass > "wir" als Summe von Individuen dieses Etwas geschaffen haben; dass diese > Individuen hier als Subjekte betrachtet werden können. "Wir" muss hier > als soziale Entität begriffen werden, als mehr als die Summe der > Individuen. Das Subjekt (wenn man überhaupt von einem sprechen will) ist > hier das Kollektiv als solches. > > Allgemein betrachtet ist ja sehr fraglich inwieweit es überhaupt > sinnvoll ist, nach dem Subjekt von Selbstorganisation oder Emergenz zu > fragen. Ich würde es jedenfalls strikt ablehnen, diesen Status ganz > grundsätzlich den Teilen von sich selbstorganisierenden Gesamtheiten > zuzusprechen – es klingt vielleicht etwas metaphysisch, aber ich würde > in Bezug auf den Prozess am ehesten diesen selbst als Subjekt fassen… > Das ist auch der Grund, warum ich oben gemeint habe "wenn man überhaupt > von einem Subjekt sprechen will" – denn hier löst sich der > Subjektbegriff ja eigentlich auf. Das sind natürlich uralte philosophische Fragen, wo man nicht hinter Kant zurückfallen sollte. Das Subjekt, selbst als Kollektiv (was das auch immer sein soll), ist nur insoweit gestaltungsmächtig, inwsoweit es beschreibungsmächtig ist. Gestaltungsfähigkeit - wenigstens in dem von dir gebrauchten Verständnis - setzt Beschreibungsfähigkeit voraus. Technik - im Sinne eines solchen durch Beschreibung konstruierten Artefakts, das auf Realität losgelassen wird, ist aber grundsätzlich "kollateralschadensfähig", entwickelt also Dynamiken jenseits der beschriebenen - übrigens durchaus auch bei "bestimmungsgemäßem Gebrauch". Emergente Phänomene eines Ameisenstaats auf dessen Umwelt - ich komme auf dieses Beispiel zurück - sind sicher auch Ergebnisse "kollektiven" Wirkens. Was ist hier bei Menschen anders, bzw. ist überhaupt was anders? Auch das "Ameisensystem" hat keinen globalen Speicher, sondern speichert Zustände lokal in den "Köpfen" der Ameisen selbst. Globale Zustände werden kommunikativ hergestellt, sind also nicht dinglicher Art, sondern Phänomene einer metabolischen Art wie die Benard-Zellen im Kochtopf. Emergente gesellschaftliche Phänomene entstehen auf dieselbe Weise, allein der "lokale Speicher" der Menschen ist leistungsfähiger. Die Genese unseres Technikverständnisses haben wir hier in Leipzig gerade genauer diskutiert - vielleicht interessieren dich unsere Materialien dazu. Siehe http://www.dorfwiki.org/wiki.cgi?HansGertGraebe/LeipzigerGespraeche/2011-09-22, insbesondere der Reader und Kens Beitrag. Ich hatte übrigens in Hütten http://hg-graebe.de/Texte/Huetten-06.html vor einigen Jahren meinen Beitrag "Das Prinzip Hoffnung in der Wissensgesellschaft" vorgestellt, in dem ich der Frage nachgehe, was es bedeutet, dass es "hinterm Horizont weitergeht". Mir scheint, dass dies auch der Kern deiner Problematik ist. Siehe auch meinen Aufsatz "Wie geht Fortschritt?" Viele Grüße, hgg ________________________________ Web-Site: http://www.oekonux.de/ Organisation: http://www.oekonux.de/projekt/ Kontakt: [email protected]